Distale Radiusfraktur im Wachstumsalter

Trauma und Berufskrankheit, Feb 2014

Frakturen des distalen Radius sind im Wachstumsalter die häufigsten Bruchverletzungen der langen Röhrenknochen. Unfallursache sind oft Sport und Spiel. Einen eigentlichen Altersgipfel gibt es nicht. Es handelt sich fast ausschließlich um metaphysäre Verletzungen (einschließlich der Wachstumsfugenlösungen), Gelenk beteiligende, epiphysäre Frakturen sind die Ausnahme. Alle typischen Frakturformen des Wachstumsalters kommen vor. Das Potenzial wachstumsassoziierter Spontankorrekturen ist hoch und hält sogar noch nach dem 10. Lebensjahr an. Das Behandlungsspektrum reicht von der rein konservativen Behandlung über die Redression (Gipskeilung) und Reposition bis zur perkutanen Kirschner-Draht-Spickung. Eine offene Reposition metaphysärer Frakturen ist nur selten notwendig. Probleme kann die Stabilisierung weiter proximal gelegener Frakturen am metadiaphysären Übergang bereiten. Hemmende Wachstumsstörungen als Folge eines vorzeitigen Verschlusses der Wachstumsfuge mit nachhaltigen Folgen sind sehr selten, bedürfen dann aber eines differenzierten Therapiekonzepts.

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Distale Radiusfraktur im Wachstumsalter

0 R.Kraus Klinik fr Unfallchirurgie, Orthopdie, Wirbelsulen- und Kindertraumatologie, Asklepios Klinik Lich Die distale Radiusfraktur im Wachstumsalter darf zwar nicht als Bagatellverletzung angesehen werden. Sie erweist sich aber in den meisten Fllen als gutartig und trgt fr Kinder und Heranwachsende gewissermaen zur Lebenserfahrung bei. Fr den Kindertraumatologen bedeutet ein sicherer Umgang mit dieser Verletzung und ihrer Differenzialtherapie, dass er 40% der Frakturen der langen Rhrenknochen - damit 20% aller Frakturen im Wachstumsalter - und somit einen ganz erheblichen Teil seiner Patienten adquat zu behandeln in der Lage ist. - Frakturen des distalen, metaphysren Radius bzw. des distalen Unterarms sind die hufigsten knchernen Verletzungen bei Kindern und Jugendlichen. Sie machen etwa 40% der Frakturen der langen Rhrenknochen und damit etwa jede 5. Fraktur im Wachstumsalter, bezogen auf das gesamte Skelett, aus [3]. In einer eigenen, von Li-La (Licht und Lachen fr kranke Kinder e. V.) initiierten Studie lag der Anteil bei 41,6% der Frakturen der langen Rhrenknochen (681 Kinder) mit einem Altersgipfel um das 13.Lebensjahr [14]. In einer weiteren Studie machten unter 1399 berufsgenossenschaftlich versicherten Schulunfllen distale Radiusfrakturen 24,3% aller erlittenen Frakturen aus [17]. Als der einer distalen Radiusfraktur im Wachstumsalter zugrunde liegende Hauptunfallursache wird hufig sportliche Bettigung angegeben [1, 14, 15, 17]. Klassifikation Grundstzlich ist es wie bei Erwachsenen sinnvoll, distale Radiusfrakturen nach der Richtung der Gewalteinwirkung und damit der Richtung einer ggf. vorhandenen Dislokation zu klassifizieren. In diesem Sinne unterschieden werden knnen F Flexionsfrakturen und F Extensionsfrakturen, wobei auch in der im vorliegenden Beitrag besprochenen Altersklasse die Extensionsfrakturen bei Weitem berwiegen. Darber hinaus ist es natrlich nach wie vor angemessen und dem allgemeinen Sprachgebrauch angepasst, spezielle Frakturformen mit tradierten Klassifikationen zu beschreiben. Im Fall des wachsenden Knochens sind in diesem Zusammenhang v. a. die weit verbreiteten Unterteilungen fr Wachstumsfugen beteiligende Frakturen nach Aitken und Salter-Harris (nach [19]) zu nennen. Daneben etablierten sich jedoch allgemeingltige, zumindest fr alle langen Rhrenknochen anwendbare Klassifikationen fr Frakturen im Wachstumsalter, die, aus einem gemeinsamen Ursprung entstanden, unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Dabei handelt es sich um F das fracture and dislocation classification compendium for children der AO (Arbeitsgemeinschaft fr Osteosynthesefragen; [26]) und F die Li-La-Klassifikation fr Frakturen der langen Rhrenknochen im Wachstumsalter [13, 25]. Die Unterschiede dieser beiden Einteilungen beziehen sich v. a. auf enthaltene therapeutische Hinweise, die Zahl der Ausnahmeregelungen und die Zuordnung der Wachstumsfugenlsungen Salter-Harris I und II zur Metaphyse und damit dem Knochenschaft (Li-La) bzw. zur Epiphyse und damit dem Gelenk (AO). Die LiLa-Klassifikation erlaubt mit der derzeitig aufgrund fehlender Datenlage an vielen Stellen noch subjektiven Einschtzung einer tolerablen oder nichttolerablen Dislokation an der 5. Stelle des Kodes eine Plausibilittsprfung der eigenen Vorgehensweise. Eine vollstndig dislozierte Fraktur der distalen Radiusmetaphyse wird nach AO mit 23r-M/3.1, nach Li-La mit 2.3.S.3.2 klassifiziert. Eine geringfgig nach dorsal abgerutschte Wachstumsfugenlsung Salter-Harris II erhlt nach AO den Kode 23r-E/2.1, nach Li-La den Kode 2.3.S.1.1. Klassifikationsbungen finden sich in der weiterfhrenden Literatur [25, 26] und im Internet (www.li-la.org, www.aofoundation.org). Frakturformen und Stabilitt Im Bereich des distalen, metaphysren Radius finden sich alle fr das Wachstumsalter typischen stereotypen Frakturformen [19]. Wulstfrakturen (buckle fractures) des Vorschulalters. Sie manifestieren sich ohne Unterbrechung der Kontinuitt des Knochens. Es handelt sich um Stauchungsfrakturen, die auf dem Rntgenbild manchmal erst bei subtiler Betrachtung erkannt werden. Dieser Artikel erschien ursprnglich in Trauma und Berufskrankheit 4/2012 Stauchungsfrakturen lterer Kinder und Jugendlicher. Sie bieten meist das Bild der Infraktion einer Kortikalis (meist dorsal), whrend die gegenberliegende Kortikalis unverletzt oder allenfalls leicht gebogen erscheint. Beide Formen sind stabil und dislozieren nicht sekundr [24]. Biegungsbrche. Eigentliche Grnholzfrakturen sind metaphysr selten. Sie zeichnen sich durch eine klaffende Kortikalis (meist palmar) aus. Die typische Problematik der hohen Refrakturraten der eigentlichen Grnholzfraktur des Unterarmschafts findet sich distal, nicht jedoch metaphysr. Nicht selten aber kommt es whrend der Gipsbehandlung zu einer leichten Zunahme der Abkippung. Metaphysre vollstndige Frakturen des distalen Radius. Sie sind nicht selten vollstndig disloziert, d. h. um mehr als Schaftbreite verschoben, verkrzt und ohne Fragmentkontakt und fhren zum typischen klinischen Bild der Bajonettfehlstellung. Nach Reposition kommt es oft zu einer sekundren Abkippung, nie jedoch zu einer vollstndigen Redislokation. Wachstumsfugenlsung mit oder ohne metaphysren Keil. Sie ist die typische Frakturform der Pubertt, hier bildet die Fuge eine Sollbruchstelle zum Schutz der Epiphyse und damit des Gelenks selbst. Intraartikulre Frakturen. Sie sind im Gegensatz zum Erwachsenenalter bei Kindern und Jugendlichen extrem selten. Wenn sie vorkommen, dann als berAbb. 1 9 Sonographie des distalen Radius, radial, longitudinal, unschwer zu erkennende geringfgige Kortikalisverwerfung unmittelbar proximal der Wachstumsfuge (Pfeil). (mit freundl. Genehmigung von Dr. O. Ackermann, Duisburg) gangsfraktur in der Pubertt und zum Ende der Wachstumsperiode [10, 16]. Diagnostik Anamnese und Klinik Die Diagnose einer distalen Radiusfraktur kann in aller Regel klinisch gestellt werden. Die Anamnese und der Sturz auf das extendierte Handgelenk geben dabei den Hinweis. Der Aspekt der Bajonettfehlstellung bei komplett dislozierten Frakturen ist pathognomonisch. Im Falle undislozierter Frakturen kann die begleitende Weichteilschwellung gering ausgeprgt sein. Bei entsprechender Anamnese und Schmerzangabe verbietet sich die berprfung lokaler mehr oder weniger sicherer Frakturzeichen wie Druckschmerz und Krepitation. Die klinische und apparative Diagnostik darf nicht zustzliche Schmerzen erzeugen. In jedem Fall berprft werden mssen jedoch die periphere Durchblutung und Nervenfunktion. Bei dislozierten distalen Radiusfrakturen muss v. a. auch an eine Lsion des N. medianus in Form eines traumatischen Karpaltunnelsyndroms gedacht werden. Rntgen Basis der apparativen Diagnostik ist das konventionelle Rntgenbild in 2 Ebenen im lateralen sowie im dorsoventralen Strahlengang [19, 20]. Die Diagnose dislozierter Frakturen bereitet dabei keine Schwierigkeiten, lediglich die Detektion von gering ausgeprgten Stauchungs- oder Wulstbrchen bzw. kaum dislozi (...truncated)


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PD Dr. R. Kraus. Distale Radiusfraktur im Wachstumsalter, Trauma und Berufskrankheit, 2014, pp. 53-60, Volume 16, Issue 1 Supplement, DOI: 10.1007/s10039-013-1932-y