Vorwort

Protoplasma, Jul 1926

Josef Spek, Friedl Weber

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Vorwort

Die ersteu Forscher, die das Substrat des Lebens als solches er= kannten, haben auch mit intuitiver Klarheit die Bedeutung derjenigen Eigenschaften dieser ,,Substanz" erfaflt, die wir heute als physikalischchemische Eigenschaften bezeichnen. D u j a r d i n (1835) beschrieb die ,,lebende Gallerte" als ,,substance glutineuse, diaphane, insoluble dans l'eau, se contractant en masses globuleuses, s'attachant aux aiguilles de dissection et se ]aissant 5tirer comme du mucus". H u g o yon Mohl, der Schiipfer des Wortes und Begriffes Protoplasma in dem heute gebraucbten Sinne, bezeichnet es als eine trtibe, z~ihe, mit K(irnchen gemengte Fltissigkeit. W i l h e l m H o f m e i s t e r (1867) sagt tiber die alles neue Leben einleitende Substanz: ,Sie ist allerw~trts ein wesentlich gleichartiger K6rper yon z~h flfissiger Beschaffenheit, reichlich Wasser enthaltend, yon ]eichter Verschiebbarkeit seiner Teile, quellungsf~hig, yon der Konsistenz eines mehr oder weniger dicklichen Schleimes, in hervorragender Weise die Eigenschaften einer Kolloidsubstanz besitzend." Ja schon 186~, also kurz nach dem Erscheinen yon G r a h a m s die Welt der Kristalloide und Kolloide voneinander scheidenden Abhandlung, hat H o f m e i s t e r als erster die Wichtigkeit der Kolloidforschung ftir die Biologie betont; mit seinem Biographen G o e b e l kiinnen wir ihn daher ,einem der Konquistadoren vergleichen, die ktihn ein neues Gebiet zu erobern suchen, trotzdem die Mitte], die zur Verfiigung stehen, noch nicht zu einer dauernden Besitzergreifung ausreichen". Auch die Studien W. K t i h n e s (1864) tiber das Protoplasma muten in ihren Gedankeng~ngen, Fragestellungen und Versuchsanordnungen nicht selten verbliiffend ,,modern" an; man kann nur dann verstehen, dab sie sp~ter fast viillig in Vergessenheit geraten sind, wenn man bedenkt, wie unentwickelt die physikalische Chemie damals noch war und wie die mit Begeisterung aufgenommenen Erfolge der Fixations- und Farbetechnik bald eine Richtung in der Zell- und Plasmaforschung aufkommeu liei~en, welche die ersten Anf~nge physikalisch-chemischer Untersuchung des lebenden Protoplasmas so gut wie vSllig unterdrtickte. So kam es, daft die in verheiflungsvolles Neuland gewiesenen Wege lange Zeit niemand mehr beschritt, ja niemand ohne Wagnis, irre zu gehen, beschreiten konnte; noch war das Neuland, die physikalische Chemie, die Kolloidchemie nicht urbar gemacht. Doch das Bediirfnis der biologischen Forschung, die R~tsel des Protoplasmas mit neuen Methoden zu - erforschen, blieb immer bestehen und geniale Forscher schritten als Pioniere voran. H u g o de Vries gab in seinen plasmolytischen Studien den Ansto6 and Ausgangspunkt zur Begrtindung der physikalischen Chemie und zu ihrer Anwendung auf das Gebiet biologisch-medizinischer Problemstellnng. Nach wenigen Jahrzehnten raschester Entwickiung ist nunmehr die Zeit gekommen, daft der siegreiche Wissenszweig der physikalischen Chemie durch die grorie Ftille seiner neu gewonnenen Erkenntnisse der Protoplasmaforschung, yon der er den Ausgang nahm, in reichstem Marie Gegendienst erweist. Fast alle biologisch-medizinischen Disziplinen bedienen sich heute dieser Hilfe mit immer klarer zutage tretendem Erfolge. Die Physiologie der Pflanzen und Tiere, die allgemeine Zytologie, die verschiedenen medizinischen Wissenszweige (wie Physiologie, Pharmakologie, Patholo~e, Histologie, Embryologie, Strahlentherapie), sie alle erhoffen in der physiko-chemischen Erforschung des Protoplasmas die LOsung mancher bisher aussichtslos verworrener R~tsel. Diese Vielseitigkeit der an der Protoplasmaforschung interessierteu Disziplinen, die r~umliche und geistige Trennung der Forschangsst~tten, bringen es mit sich, da~ vielfach allzu getrennt marschiert wird. Die nnbedingt erforderliche Harmonie der Zusammenarbeit droht zur Unm(iglichkeit zu werden; es steht zu beftirchten, dai~ die Flut tier zerstreuten wissenschaftlichen Publikationen zur Zersplitterang, zur Erschwerung des ~berblickes ftihrt und sich die Wissenschaft somit gerade durch ihren gewaltig an Boden gewinnenden Ausbreitungsdrang beinahe selbst das Grab gr~bt. Dieser Gefahr sol1 begegnet werden. Der Strom der wissenschaftlichen Arbeit muri gefal~t, muff in geeignete Bahnen geleitet werden, dann wird er nicht die Harmonie zerstiiren, sondern Kraft spenden und wahren Fortschritt bedeuten. Gerade die physikalische Chemie des Protoplasmas bedarf wegen ihrer ~nfierlichen Inhomogenit~t einer yon vielen Forschern l~ngst ersehnten Arbeitsorganisation so dringend wie kaum ein anderes Forschungsgebiet. Die Internationale ~)rotoplasma-Zeitschrift soll zu diesem geistigen Bande werden, das die iiurierlich getrennten, in innerer Interessen gemeinschaft sich suchenden Forscher vereint. Mit der Beseitigung der heute bestehenden trennenden Schranken wird sich yon selbst die Erreichung des wichtigsten Zieles der Internationalen Protoplasma-Zeitschrift ergeben: Dutch die gegenseitige Anregung der einzelnen Disziplinen neue Blickpunkte zu gewinnen, neue Arbeitsm6glichkeiten zu schaffen. -' Die Protoplasmaforschung mu~geformt, gepr~gt, organisiert werden. Das kann heute nicht mehr ein Einzelner, sondern nur eine Arbeitsgemeinschaft, an der alle kausal-biologischen Disziplinen sowie die physikalische Chemie beteiligt sind. Das Arbeitsgebiet der neuen Zeitschrift bedarf der Abgrenzung mit miiglichster Sch~rfe, well dadurch der nicht unbeschr~nkt zur Verfiigung stehende Raam der Zeitschrift ausschliel31ich fiir die spezifischen Probleme der physikalischen Chemie des Protoplasten zur Verftigung gestellt werden kann. Die eigensten Gebiete der Protoplasmaforschung, die zu pflegen die neue Zeitschrift sich in erster Linie zur Aufgabe machen wird, seien besonders namhaft gemacht: Kolloidchemie des Protoplasten. Physiko-chemische Eigenschaften des Protoplasten (wie Oberfl~tchenspannnng. Viskosit~t. Quellung. Elastizit~t. Adh~tsion. Adsorption. pH. rH. Et cetera). Mikrochemie des Protoplasten. Elektrometrie des Protoplasten. Vitale t)rotoplasmastruktur. 0smotische Zustandsgr61~en des 2rotoplasten. 1)ermeabilitiiL Plasmolyse. Narkose. Cytolyse. H~molyse. Vitalf~rbnng. Physikochemische Grundlagen der 1)rotoplasmabewegung. Microdissection. Ultra- nnd Polarisationsmikroskopie in Anwendung aaf die Protoplasmaforschung. Mechanismus der Zell- und Kernteilung. ProtoplasmaAktivierung. Physiko-chemische Grundlagen der pharmakologischen und Gift-Wirkungen, tier Resistenz und Empfindlichkeit sowie der Strahlenwirkung auf den Protoplasten. Pathologie des Protoplasten (Physikalische Chemie des Tnmorprotoplasten). Modellversuche an leblosen KoUoiden, insofern sie zur Kl~ruug der Protoplasteneigenschaften beitragen. Die groi3e Zahl der Protoplasma-Forscher aller Disziplinen und Nationen, die schon jetzt Mitarbeit und F6rdernng zugesagt haben, ist wohl Bin untrtiglicher Beweis ftir die Allgemeinheit des Bedtirfnisses nach einem der Physikalischen Cliemie des Protoplasmas gewidmeten internationalen Publikationsorgan. Die Protoplasma-Zeitschrift geht nun hinaus in die ganze an kausaler biologisch-medizinischer Forschung interessierte Welt; miige sie dazu beitragen, der Forschungsrichtung, ftir die sie eintritt, die schon gew0nnenen Freunde za bewahren und neue Freunde zu gewinnen. Im Juni 19~6 Josef Spek Friedl Weber Die ersten Forscher, die das Substrat des Lebens als solches erkannten, haben auch mit intuitiver Klarheit die Bedeutung derjenigen Eigenschaften dieser ,,Substanz" erfal~t, die wir heute als physikalischchemische Eigenschaften bezeichnen. D u j a r d i n (1835) beschrieb die ,,lebende Gallerte" als ,,substance glutineuse, diaphane, insoluble clans l'eau, se contractant en masses globuleuses, s'attachant anx aiguilles: de dissection et se laissant ~tirer comme du mucus". H u g o y o n Mohl, der Schiipfer des Wortes und Begriffes Protoplasma in dem heute gebrauchten Sinne, bezeichnet es als eine trtibe, z~ihe, mit K(irnchen gemengte Fliissigkeit. W i l h e l m H o f m e i s t e r (1867) sagt fiber die alles neue Leben einleitende Substanz: ,Sie ist allerwiirts ein wesentlich gleichartiger K6rper yon z~h flfissiger Beschaffenheit, reichlich Wasser enthaltend, yon leiehter Verschiebbarkeit seiner Teile, quellungsf~hig, yon der Konsistenz eines mehr oder Weniger dicklichen Schleimes, in hervorragender Weise die Eigenschaften einer Kolloidsubstanz besitzend." Ja schon 186~, also kurz nach dem Erscheinen yon G r a h a m s die Well der Kristalloide und Kolloide voneinander scheidenden Abhandlung, h a t g o f m e i s t e r als erster die Wichtigkeit der Kolloidforschung fiir die Biologie betont; mit seinem Biographen G o e b e l kiinnen wir ihn daher ,,einem tier Konquistadoren vergleichen, die kfihn ein neues Gebiet zu erobern suchen, trotzdem die. Mitte], die zur Verfiigung stehen, noch nicht zu einer dauernden Besitzergreifung ausreichen". Auch die Studien W. K f i h n e s (1864) fiber das Protoplasma tauten in ihren Gedankeng~ngen, Fragestellungen und Versuchsanordnungen nicht selten verbltiffend ,,modern" an; man kann nur dann verstehen, da~ sie sp~ter fast v61Iig in Vergessenheit geraten sind, wenn man bedenkt, wie unentwickelt die physikalische Chemie damals noch war und wie die mit Begeisterung aufgenommenen Erfolge tier Fixations- und F~rbetechnik bald eine Richtung ifi der Zell- und Plasmaforschung aufkommen ]iel~en, welche die ersten Anf~nge physikalisch-chemischer Untersuchung des lebenden Protoplasmas so gut wie v~llig unterdriickte. So kam es, daf die in verheifungsvolles Neuland gewiesenen Wege lange Zeit niemand mehr beschritt, ja niemand ohne Wagnis, irre zu gehen, beschreiten konnte; noch war das Nenland, die physikalische Chemie, die Kolloidchemie nicht urbar gemacht. Doch das Bediirfnis der biologischen Forschung, die Ri~tsel des Protoplasmas mit neuen Methoden zu erforschen, blieb immer bestehen nnd geniale Forscher schritten als Pioniere voran. H u g o de Vries gab in seinen plasmolytischen Studien den Ansto6 uad Ausgangspunkt zur Begrtindung der physikalischen Chemie und zu ihrer Anwendung auf das Gebiet biologisch-medizinischer Problemstellung. Nach wenigen Jahrzehnten raschester Entwicklung ist nunmehr die Zeit gekommen, daf der siegreiche Wissenszweig tier physikalischen Chemie durch die grofe Fillle seiner neu gewonnenen Erkenntnisse der Protoplasmaforschung, yon der er den Ausgang nahm, in reichstem Mafe Gegendienst erweist. Fast alle biologisch-medizinischen Disziplinen bedienen sich heute dieser Hilfe mit immer klarer zutage tretendem Erfolge. Die Physiologie der Pflanzen und Tiere, die allgemeine Zytologie, die verschiedenen medizinischen Wissenszweige (wie Physiologie, Pharmakologie, Pathologie, Histologie, Embryologie, Strahlentherapie), sie alle erhoffen in der physiko-chemischen Erforschung des Protoplasmas die L(isang mancher bisher aussichtslos verworrener R~tsel. Diese Vielseitigkeit der an der Protoplasmaforschung interessierten Disziplinen, die rliumliche und geistige Trennung tier Forschungsst~tten, bringen es mit sich, daf vielfach allzu getrennt marschiert wird. Die unbedingt erforderliche Harmonie der Zusammenarbeit droht zur UnmOglichkeit za werden; es steht zu beftirchten, daft die Flut der zerstreuten wissenschaftlichen Pub]ikationen zur Zersplitterung, zur Erschwerung des l~berblickes ftihrt and sich die Wissenschaft somit gerade durch ihren gewaltig an Boden gewinnenden Ausbreitungsdrang beinahe selbst das Grab gr~bt. Dieser Gefahr soll begegnet werden. Der Strom der wissenschaftlichen Arbeit muf gefal~t, mu~ ia geeignete Bahnen geleitet werden, dana wird er nicht die Harmonie zerst6ren, sondern Kraft spenden und wahren Fortschritt bedeuten. Gerade die physikalische Chemie des Protoplasmas bedarf wegea ihrer ~uferlichen Inhomogenit~tt einer yon vielen Forschern l~tngst ersehnten Arbeitsorganisation so dringend wie kaum ein anderes Forschungsgebiet. Die Internationale Protoptasma-Zeitschrift soll zu diesem geistigen Bande werden, das die ~u6erlich getrennten, in innerer Interessen-@emeinschaft sich suchenden Forscher vereint. M i t d e r Beseitigung der heute bestehenden trennenden Schranken wird sich yon selbst die Erreichung des wichtigsten Zieles der Internationalen Protoplasma- Zeitschrift ergeben: Durch die gegenseitige Anregung tier einzelnen Disziplinen neue Blickpunkte zu gewinnen, neue Arbeitsm6glichkeiten zu schaffen. Die Protoplasmaforschung mul~ geformt, gepr~tgt, organisiert werden, Das kann heute nicht mehr ein Einzelner, sondern nur eine Arbeitsgemeinschaft, an der alle kausal-biologischen Disziplinen sowie die physikalische Chemie beteiligt sind. Das Arbeitsgebiet tier neuen Zeitschrift bedarf der Abgrenzung mit m~glichster Sch~rfe, well dadurch der nicht unbeschr~nkt zur Vorfilgung stehende Ranm der Zeitschrift ausschliel~lich ft~r die spezifischen Probleme der physikalischen Chemie des Protoplasten zur Verft~gung gestellt werden kann. Die eigensten @ebiete tier Protoplasmaforschung, die zn pflegen die neue Zeitschrift sich in erster Linie zur Aufgabe machen wird, seien besonders namhaft gemacht: Kolloidchemie des Protoplasten. Physiko-chemische Eigenschaften des Protoplasten (wie Oberfl~chenspannung. Viskosit~t. Quellung. Elastizit~t. Adhesion. Adsorption. pit. rI-I. Et cetera). Mikrochemie des Protoplasten. Elektrometrie des Protoplasten. Vitale Protoplasmastruktur. 0smotische ZustandsgrSl~en des Protoplasten. Permeabilit~t. Plasmolyse. Narkose. Cytolyse. H~molyse. Vitalf~trbung. Physikochomische Grnndlagen der Protoplasmabewegung. lYlicrodissection. Ultra- und Polarisationsmikroskopie in Anwendung anf die Protoplasmaforschung. Mechanismus der Zell- nnd Kernteilnng. ProtoplasmaAktivierung. Physiko-chemische Grundlagen der pharmakologischen und Gift-Wirkungen, der Resistenz und Empfindlichkeit sowie der Strahlenwirkung anf den Protoplasten. Pathologie des Protoplasten (Physikalische Chemie des Tnmorprotoplasten). Modellversuche an leblosen Kolloiden, insofern sie zur Kl~rung der Protoplasteneigenschaften beitragen. Die gro~e Zahl tier Protoplasma-Forscher aller Disziplinen und Nationen, die schon jetzt Mitarbeit und FSrdernng zugesagt haben, ist wohl ein untrtiglicher Beweis fi~r die Allgemeinheit des Bedt~rfnisses nach einem der Physikalischen Chemie des Protoplasmas gewidmeten internationalen Publikationsorgan. Die Protoplasma-Zeitschrift geht nun hinaus in die ganze an kausaler biologisch-medizinischer Forschung interessierte Welt; mSge sie dazu beitragen, der Forschungsrichtung, ftir die sie eiatritt, die schon gewonnenen Freunde zu bewahren und neue Freunde zu gewinnen.


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Josef Spek, Friedl Weber. Vorwort, Protoplasma, 1926, I-VIII, DOI: 10.1007/BF01602972