Individualisierte Infektionsmedizin

Der Internist, Jun 2017

J. Debarry, D. Heinz, Prof. Dr. M. P. Manns

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Individualisierte Infektionsmedizin

Individualisierte Infektionsmedizin J. Debarry 1 2 4 D. Heinz 0 1 2 4 M. P. Manns 0 1 2 3 4 0 Standort Hannover-Braunschweig, Deutsches Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) , Hannover/Braunschweig , Deutschland 1 Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) , Braunschweig , Deutschland 2 Centre for Individualised Infection Medicine (CIIM) , Hannover , Deutschland 3 Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie, Medizinische Hochschule Hannover (MHH) , Hannover , Deutschland 4 Interessenkonflikt. J. Debarry , D. Heinz und M.P. Manns geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht Der Internist - Infektionskrankheiten stellen die behandelnden Ärzte trotz enormer medizinischer Fortschritte weiterhin vor große Herausforderungen. Hierfür müssen wir nicht in die unterentwickelten Regionen der Welt schauen, auch ein Blick ins nächste Krankenhaus reicht: Immer wieder treten neue oder veränderte Krankheitserreger auf, sind wir mit chronischen Infektionen konfrontiert, erleben wir eine Renaissance vermeintlich harmloser Infektionen bei Intensivpatienten und beobachten die fortschreitende Resistenzentwicklung gegen Medikamente. Nicht zuletzt stellt die sogenannte moderne Medizin mit dem breiten Einsatz verschiedenster Antibiotika sowie dem Einsatz immunsuppressiver Medikamente bei Autoimmunkrankheiten oder in der Transplantationsmedizin völlig neue Herausforderungen an die Infektionsmedizin. Forciert durch den demografischen Wandel und die zunehmende Globalisierung resultiert hieraus eine große Belastung der Gesellschaft, die sich nicht zuletzt in hohen sozioökonomischen Kosten widerspiegelt. Somit ist die Entwicklung und Anwendung von neuen und innovativen Präventions- und Behandlungstherapien ein entscheidender Fokus der Infektionsforschung. Dabei bleibt es eine fundamentale Herausforderung, Therapien mit maximaler Wirksamkeit und minimalen Nebenwirkungen zu entwickeln – gerade auch für besondere Patientengruppen wie Patienten mit angeborenen und erworbenen Immundefekten sowie Intensivpatienten. » Individualisierte Medizin zielt auf eine evidenzbasierte Stratifizierung zum Wohle des Patienten Seit einigen Jahren nimmt die individualisierte Medizin – oft auch personalisierte Medizin oder Präzisionsmedizin genannt – in Forschung, Klinik und Gesundheitspolitik einen immer größeren Raum ein. Dabei erfolgt auf der Basis präziser diagnostischer Tests eine Stratifizierung der Patienten, die eine passgenaue, also auf den individuellen Patienten und sein Krankheitsbild abgestimmte Therapie oder auch Prävention ermöglicht. Dieser Grundgedanke ist natürlich nicht neu. Seit jeher ist der behandelnde Arzt bestrebt, die Besonderheiten eines jeden Patienten zu erfassen und ihn bestmöglich und individuell zu behandeln. Die moderne individualisierte Medizin erhebt allerdings den Anspruch, dies anhand wissenschaftlich fundierter Kriterien zu leisten, also evidenzbasiert statt nur auf Basis von deutlich unsichereren Erfahrungswerten. Dies wird möglich durch die bahnbrechenden technologischen Entwicklungen in den vergangenen Jahren, vor allem auch im Bereich der Omics-Technologien. Deren Einsatz in der klinischen Medizin hebt die Diagnostik auf eine neue Ebene und ermöglicht die molekulare Analyse eines jeden Patienten sowie im Falle der Infektionsmedizin auch der entsprechenden Erreger. Für das gesamte Gebiet der individualisierten Medizin nimmt die Onkologie eine gewisse Vorreiterrolle ein. So erfolgt beispielsweise in der Krebsmedizin die Behandlung einiger Tumorformen bereits auf der Basis einer genetischen Analyse des Tumorgewebes. Der Schwerpunk dieser Ausgabe von Der Internist soll das Potenzial der individualisierten Medizin für die Infektionsmedizin in den Vordergrund rücken. Mit den verfügbaren Therapien kann zwar in der Regel eine Heilung des Großteils der betroffenen Infektionspatienten erzielt werden, allerdings nimmt die Zahl schwerer klinischer Verläufe aufgrund von Resistenzentwicklung und suboptimalen Behandlungen wie Unter- oder auch Übertherapie zu. Auslöser ist nicht zuletzt die Hochleistungsmedizin selbst: Patienten werden durch ihre Behandlung zum Ziel potenziell pathogener Keime; erst durch den Einsatz potenter Antiinfektiva kommt es zur Resistenzentwicklung und zu assoziierten Behandlungsproblemen. Dies verdeutlicht den großen Einfluss individueller Merkmale auf den Krankheitsverlauf und den Therapieerfolg. Dabei gilt es, neben den individuellen Parametern des Patienten auch die Individualität des Krankheitserregers zu erfassen – ungeachtet dessen, ob es sich um Bakterien oder Viren handelt (. Abb. 1). Das Spektrum möglicher Anwendungen ist somit umfangreich. In diesem Schwerpunkt werden exemplarisch lediglich vier Felder beleuchtet, in denen der erste Schritt in Richtung einer individualisierten Behandlung bereits gemacht wurde: M. Pletz, E. Tacconelli u. T. Welte erläutern in ihrem Beitrag, inwieweit Antibiotic Stewardship zukünftig von einer schnelleren Erreger- und Resistenzdiagnostik profitieren kann und wie damit auch das individuelle Outcome des Patienten verbessert wird. Die Möglichkeiten einer maßgeschneiderten Therapie bei verschiedenen Therapieoptionen zeigen R. Bartenschlager, M. Cornberg u. T. Pietschmann für chronische Virushepatitiden und P. Solbach, P. Dersch u. O. Bachmann für Clostridium-difficile-Infektionen auf. T. Witte, D.H. Pieper u. B. Heidrich diskutieren in ihrem Beitrag den Einfluss des Mikrobioms auf verschiedene Krankheiten und die MögAbb. 1 9 Individualisierte Infektionsmedizin. Die molekulare Diagnostik erlaubt eine biomarkerbasierte Stratifizierung der Patienten sowie des Infektionserregers und ermöglicht somit die Auswahl einer passgenauen Therapie, die eine hohe Wirksamkeit, geringe Nebenwirkungen und eine Vermeidung von Resistenzen verspricht lichkeiten, dies als Ansatz für individuelle Therapiekonzepte zu nutzen. » Translationale und interdisziplinäre Strukturen werden eine individualisierte Medizin ermöglichen So eindrucksvoll die genannten Beispiele auch sind, so steckt die Forschung des gesamten Feldes derzeit sicherlich noch in den Kinderschuhen. Aber wir beobachten eine starke Zunahme vielversprechender Forschungsaktivitäten und -initiativen, die das Ziel der „richtigen Infektionsprävention oder -therapie zur richtigen Zeit für den richtigen Patienten“ greifbar erscheinen lassen. Hier wird es wichtig sein, entsprechende translationale Strukturen zu schaffen und relevante interdisziplinäre Expertise und Technologien zu bündeln. Das schließt sicherlich mit ein, die Digitalisierung der Medizin konsequent voranzutreiben (Stichworte „Big Data“ und „elektronische Patientenakte“), wobei man die notwendige Diskussion des „gläsernen Patienten“ nicht vergessen sollte und diese auch gesellschaftlich führen und ethisch begleiten muss. Einen detaillierteren Blick auf diese Herausforderungen wirft N. Malek in seinem Beitrag. Mit dem vorliegenden Schwerpunkt von Der Internist hoffen wir illustrieren zu können, welch beindruckendes Potenzial eine Individualisierung der Medizin im Allgemeinen und der Infektionsmedizin im Speziellen hat. So wollen wir das Interesse für die Bedeutung dieser Thematik wecken. Wir hoffen sehr, dass sich die vielversprechenden Ansätze und die in den kommenden Jahren zu erwartenden Fortschritte rasch in die tägliche Praxis überführen lassen. Korrespondenzadresse


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J. Debarry, D. Heinz, Prof. Dr. M. P. Manns. Individualisierte Infektionsmedizin, Der Internist, 2017, 647-649, DOI: 10.1007/s00108-017-0267-3