Off-Label-Use von Arzneimitteln — weiterhin ein schwieriger Spagat

Info Onkologie, Sep 2017

Springer Medizin

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Off-Label-Use von Arzneimitteln — weiterhin ein schwieriger Spagat

Off-Label-Use von Arzneimitteln - weiterhin ein schwieriger Spagat Zwischen Arzneimittel- 0 Sozial- 0 Haftungs- und Berufsrecht 0 0 Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft , Berlin - m ceo . b t/skca77ood . ann m n © Unter O -Label-Use versteht man die zulassungsüberschreitende Anwendung eines Arzneimittels: Das heißt, ein Arzneimittel wird außerhalb der Anwendungsgebiete eingesetzt, für die es von den nationalen Zulassungsbehörden bzw. von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) genehmigt worden ist; ein O -Label-Use liegt auch vor, wenn bei der Gabe eines Arzneimittels von anderen in der Zulassung de…nierten Parametern abgewichen wird (z. B. Altersgruppe, Dosierung, Darreichungsform). Wie häufig ist Off-Label-Use? Die Angaben zur Häu…gkeit des O -Label-Use in den verschiedenen Fachgebieten der Medizin variieren sehr stark. Nur für die Pädiatrie liegen in Deutschland repräsentative Untersuchungen vor, die beispielsweise in der Neonatologie und auf pädiatrischen Intensivstationen einen O -Label-Use bei fast 90 % der Patienten ergaben. Auch in der Onkologie und Palliativmedizin ist der O -label-Use häu…g. Der O -Label-Use hat erhebliche sozioökonomische Auswirkungen und ist mit rechtlicher Unsicherheit verbunden – vor allem für Ärzte. Einem möglichen Nutzen für den einzelnen Patienten stehen häu…g unvorhersehbare, schwer einzuschätzende Nebenwirkungen gegenüber. Insgesamt kann der O -Label-Use deshalb zu einem vielschichtigen Problem werden. Sozialrechtliche Rahmenbedingungen Zahlreichen Initiativen auf europäischer Ebene ist es bis heute nicht gelungen, einheitliche Regelungen für den Umgang mit O -Label-Use und dessen Finanzierung durch die KrankenkasÄ t/kadA Laop © Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig sen zu erreichen. In Deutschland hat der Gesetzgeber mit § 35c Abs. 1 im Sozialgesetzbuch V einen Weg erö net, der in engen, klar de…nierten Grenzen einen O -Label-Use als Leistung der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ermöglicht. Für diesen Zweck wurden vom Bundesministerium für Gesundheit Expertengruppen eingesetzt, die im Au¡rag des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) prüfen, in welchen Fällen ein zugelassenes Arzneimittel bei der Behandlung von Krankheiten o label eingesetzt werden kann. Die Empfehlungen dieser Expertengruppen werden in Anlage VI der Arzneimittel-Richtlinie verö entlicht und gelten somit als verbindliche Regelung für den O -Label-Einsatz der bewerteten Arzneimittel im Rahmen der GKV. Die aktuelle Liste in der Anlage VI (Stand Juni 2016) umfasst 23 Arzneimittel – vorwiegend Wirksto e zur Behandlung onkologischer, neurologischer und infektiologischer Erkrankungen –, die unter Beachtung der dazu gegebenen Hinweise in nicht zugelassenen Anwendungsgebieten verordnungsfähig sind. Gelistet sind zudem 14 Arzneimittel, die nicht verordnungsfähig sind. Medizinische Aspekte Die medizinischen Gründe für einen O -Label-Use von Arzneimitteln sind vielfältig. So werden beispielweise bei Kindern und Jugendlichen auch heute noch – zehn Jahre nach Inkra¡ treten der EU-Verordnung über Kinderarzneimittel im Jahr 2007 – Arzneimittel angewendet, die nie in dieser Altersgruppe geprü¡ und zugelassen wurden. Dabei darf aber nicht verschwiegen werden, dass die Zahl der Arzneimittelzulassungen für Kinder seit 2007 deutlich gestiegen ist und Fortschritte vor allem bei neuen Arzneimitteln erzielt wurden. Verschiedene Gründe werden für den häu…gen O -Label-Use in der Onkologie angeführt. Hierzu zählen insbesondere ▶ die Dynamik des medizinischen Fortschritts, ▶ die im Rahmen der Präzisionsmedizin meist eng de…nierten Anwendungsgebiete neu zugelassener Arzneimittel, ▶ aber auch ein persönliches „Forschungsinteresse“ von Ärzten, neue, als innovativ angepriesene Arzneimittel – mitunter ohne ausreichende Kenntnisse zu geeigneten Dosierungsbereichen und Kontraindikationen – frühzeitig zu verordnen. Dies geschieht meist, bevor der pharmazeutische Unternehmer den Nutzen und die Sicherheit derartiger Indikationsausweitungen durch geeignete klinische Studien belegt hat. Die heute zur Verfügung stehenden und in den letzten Jahren von phar mazeutischen Unternehmern intensiv genutzten Gestaltungsräume und Anreizsysteme bei der Entwicklung und Zulassung neuer Arzneimittel für onkologische Indikationen, wie beispielsweise beschleunigte Zulassungsverfahren und die Zulassung einer Vielzahl an Orphan-Drugs, werden sicher zu einer weiteren Zunahme des O -Label-Use in Zukun¡ führen. Ausblick Der O -Label-Use wird in verschiedenen medizinischen Fachgebieten, insbesondere bei seltenen und schweren Erkrankungen, auch kün¡ig unvermeidbar sein, da der Zulassungsstatus eines Arzneimittels nicht immer dem aktuellen Stand des medizinischen Wissens entspricht oder medikamentöse Standardbzw. Alternativbehandlungen fehlen bzw. beim individuellen Patienten erfolglos waren. Eine generelle und sogar auf europäischer Ebene harmonisierte Lösung des Problems O -Label-Use durch gesetzliche Vorgaben wird in absehbarer Zeit nicht erreicht werden. Ziel weiterer Maßnahmen muss es deshalb sein, die Grauzone des O -Label-Use zu beseitigen. Diese Grauzone liegt zwischen der Verbesserung einer qualitätsgesicherten Versorgung entsprechend dem aktuellen Stand des medizinischen Wissens einerseits und der individuellen ¬erapieentscheidung ohne gesicherte Erkenntnisse zu Wirksamkeit und Sicherheit andererseits. Für eine an den Bedürfnissen der Patienten orientierte Lösung des Problems ist es wichtig, die bereits heute existierenden Instrumente zum systematischen Gewinn medizinischer Erkenntnisse (kontrollierte klinische Studien bzw. bei seltenen Krankheiten prospektive Kohortenstudien oder Register) besser zu nutzen und Ärzte, aber auch Patienten, über die Ergebnisse dieser Studien zeitnah zu informieren. Bei Vorliegen positiver, wissenscha¡lich gesicherter Ergebnisse ist es P®icht der pharmazeutischen Unternehmer, eine Zulassungserweiterung zu beantragen. Last but not least sollten Marketingstrategien der pharmazeutischen Unternehmer mit dem Ziel der Ausweitung des O -Label-Use noch wirksamer unterbunden werden.


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Springer Medizin. Off-Label-Use von Arzneimitteln — weiterhin ein schwieriger Spagat, Info Onkologie, 2017, 3-5, DOI: 10.1007/s15004-017-5733-5