Warum ertrank der junge Mann im seichten Wasser?

CME, Sep 2017

Dr. Beate Schumacher

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Warum ertrank der junge Mann im seichten Wasser?

Warum ertrank der junge Mann im seichten Wasser? - Der 31-Jährige wurde im August bäuchlings und leblos in dem achen Bachlauf aufgefunden (Abb. 1). Der hinzugezogene Notarzt konnte nur noch den Tod feststellen und attestierte eine ungeklärte Todesursache. Der Eintritt des Todes wurde später aufgrund von Zeugenaussagen und der Totenbescheinigung, in der schon Totenecken und -starre dokumentiert waren, auf drei bis sechs Stunden vor dem Auƒnden datiert. Mit der Obduktion wurde etwa 70 Stunden nach dem Eintritt des Todes begonnen. Die damit betrauten Ärzte um Dr. Benjamin Ondruschka von der Universität Leipzig haben den Fall in „Rechtsmedizin“ vorgestellt. Der Verdacht des Ertrinkungstodes konnte durch die Sektionsbefunde mit hoher Sicherheit bestätigt werden: Mit Emphysema aquosum, Paltauf-Flecken, einem positiven Svechnikov-Zeichen, einer angedeuteten Dreischichtung des Mageninhalts und sich über dem Herzbeutel teilweise berührenden Lungenmittelrändern waren typische Befunde für das Ertrinken im Süßwasser vorhanden. Damit stellte sich die Frage nach der Ursache des atypischen Ertrinkens. Ausgeprägtes Larynxödem Die toxikologisch-chemische Untersuchung erbrachte keine Indizien, dass der Mann zum Zeitpunkt des Todes unter dem Ein uss von Drogen, Medikamenten oder Alkohol gestanden hatte. Die Leichenschau ergab einen feinblasigen Schaumpilz im Mund sowie ein labiales und periorbitales Ödem (Abb. 2). Wegweisend war ein ausgeprägtes Larynx- und Glottisödem mit umgebenden Schleimhauteinblutungen. Der Verdacht auf eine Anaphylaxie wurde durch die eingeleiteten Nachermittlungen bestärkt: Danach hatte der Mann ein Jahr zuvor einen Notarzt aufgesucht, weil er nach einem Wespenstich zu ersticken drohte. Zur Veri£zierung der anaphylaktischen Reaktion wurden Laboruntersu1 Auffindesituation der verstorbenen Person; Bach mit maximal 15 cm Wassertiefe (Aufnahme der Polizei). g a lr e V r e g n ir p S© 2 Labiales und mäßiges periorbitales Ödem; angedeuteter Schaumpilz in der spaltförmig geöffneten Mundhöhle (Aufnahme der Polizei). chungen vorgenommen. Serumkonzentrationen des über mehrere Tage weitgehend stabilen Mastzellmediators Tryptase oberhalb von 45 μg/l sprechen für eine letale Anaphylaxie. Bei dem 31-Jährigen wurde eine Konzentration von 231 μg/l gemessen. Eine atopische Disposition wurde auch durch das deutlich erhöhte Gesamt-IgE bestätigt. Spezi£sches IgE gegen Wespen- oder Bienengiª konnte dagegen nicht nachgewiesen werden. Die zur Diagnosesicherung notwendige Histologie £el ebenfalls positiv aus. Immunhistochemisch konnten mittels CD117-Antikörpern im Herzmuskel und in den Alveolarsepten zahlreiche degranulierte Mastzellen entdeckt werden. Die letzten Minuten Aus der Sicht der Mediziner stellen sich die letzten Minuten des jungen Mannes daher so dar: Nach einem Insektenstich und dem Einsetzen allergischer Symptome will der Mann sich an dem Bach Kühlung verscha¬en. Dort erfährt er durch die Anaphylaxie einen Kreislau®ollaps und fällt bäuchlings in den Bach, wo er trotz des niedrigen Wasserstandes ertrinkt. Anaphylaktische Todesfälle sind insgesamt sehr selten. Speziell die Inzidenz von Todesfällen nach Hymenopterenstichen liegt in Deutschland bei etwa zehn pro Jahr. Ohne Kenntnis von Todesumständen und Krankengeschichte lässt sich eine Anaphylaxie als Todesursache „schwer oder gar nicht feststellen“, so Ondruschka und Kollegen. Das gilt besonders, wenn die Anaphylaxie wie im beschriebenen Fall weitere Reaktionen auslöst, die die A-l lergie maskieren. Die Rechtsmediziner raten deswegen, bei Anaphylaxieverdacht lrag Ermittlungen zu bekannten Allergien und e reV Todesumständen einzuziehen. Zur Bestäirn tigung der Diagnose sollte möglichst bald g p S© nach dem Tod eine Sektion mit entsprechenden Labor- und histologischen Untersuchungen erfolgen. Dr. Beate Schumacher


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Dr. Beate Schumacher. Warum ertrank der junge Mann im seichten Wasser?, CME, 2017, 42-42, DOI: 10.1007/s11298-017-6331-4