Placeboeffekt nutzen, Noceboeffekt kennen!

Schmerzmedizin, Nov 2017

Philipp Grätzel von Grätz

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Placeboeffekt nutzen, Noceboeffekt kennen!

Schmerzmedizin Placeboe ekt nutzen, Noceboe ekt kennen! Die Untersuchung zeigte, dass es nicht „den einen“ Patiententypus gibt, der anfällig für über die pharmakologische Wirkung hinausgehende E ekte von Medikamenten ist. Auch die ­ese, wonach bestimmte Persönlichkeitsstrukturen eher eine Anfälligkeit für Placeboe ekte und andere eher eine Anfälligkeit für Noceboe ekte prädeterminieren, ließ sich nicht bestätigen. Entscheidend waren vielmehr die individuellen Erwartungen hinsichtlich der Intensität des Schmerzes [Corsi N et al. Front Psychol 2017;8:308]. - Abekannt, dass der Placeboe ekt us zahlreichen Migränestudien ist einen erheblichen Teil der Wirksamkeit jeder Arzneimitteltherapie ausmacht. Insbesondere in der Migräneprävention ist er zumindest bei Patienten, die zuvor noch nicht präventiv behandelt wurden, in der Regel für mehr als die Häl e des ­erapiee ekts verantwortlich. Dies mache die Entwicklung neuer Schmerzmittel zu einem relativ schwierigen Unterfangen, sagte die Placeboforscherin Professor Luana Colloca von der University of Maryland beim Internationalen Kopfschmerzkongress 2017 in Vancouver. So habe es in den letzten fünf Jahren über 4.000 registrierte Phase-I/ II-Studie zu Schmerzmitteln in der klinischen Studiendatenbank ClinicalTrials.gov gegeben. Trotz dieser Studienmenge seien aber nur fünf Medikamente neu in die klinische Praxis eingeführt worden – ausnahmslos neue Formulierungen bereits existierender Medikamente. Der Placeboe ekt kann also ein Problem sein. Er lasse sich aber auch zum Positiven wenden, wenn der Arzt ihn sich aktiv zunutze mache, sagte Colloca. So sollten Schmerzmittel aktiv als solche „angepriesen“ werden, statt sie unkommentiert zu verordnen. „Bei Patienten, die genau wissen, womit sie behandelt werden, ist der ­erapiee ekt größer“, betonte die Expertin. Das ist nicht bloß ­eorie: In einer bekannten Studie war ein Schmerzmedikament, das als Placebo gelabelt war, wesentlich weniger wirksam war als ein korrekt gelabeltes Schmerzmedikament. Und ein als Schmerzmedikament gelabeltes Placebo war genauso e ektiv wie ein als Placebo gelabeltes Schmerzmedikament [KamHansen S et al. Sci Transl Med 2014; 6:218ra5]. Dosis senken durch Placebo? Doch auch „verdeckte“ Placebos könnten ihre Berechtigung haben. Colloca brachte ein bisher noch nicht systematisch genutztes Einsatzszenario in die Diskussion, bei dem Placebos einzelne Tabletten in den Blistern von Schmerzmitteln ersetzen. Diese „dose-extending placebos“ könnten die Gesamtdosis von Schmerzmitteln reduzieren und Nebenwirkungen verringern, ohne dass die Effektivität leidet [Colloca L et al. Pain 2016;157:1590–8]. Wichtig ist die Erwartungshaltung Ärzte sollten sich darüber klar sein, dass Patienten, die einen ausgeprägten Noceboe ekt zeigen, nicht dieselben sind wie jene, bei denen der Placeboe ekt stark ausgeprägt ist. Das haben Colloca und Kollegen kürzlich in einer weiteren Untersuchung klar demonstriert. 46 Freiwillige wurden unterschiedlichen Schmerzintensitäten ausgesetzt und zuvor wurden jeweils unterschiedliche Erwartungen im Hinblick auf die Intensität des Schmerzes geschürt. Patienten angemessen aufklären Klinisch bedeute diese Erkenntnis im Hinblick auf eine Minimierung des Noceboe ekts, dass es auch bei den Nebenwirkungen darauf ankomme, sie in angemessener Art und Weise zu thematisieren. Wer seinen Patienten Angst macht, muss sich nicht wundern, wenn einige der erwähnten Nebenwirkungen dann auch in Form einer Noceboreakti on eintreten. Natürlich dürfen relevante Nebenwirkungen auch nicht verschwiegen werden. Sie sollten aber in dem richtigen „Rahmen“ präsentiert werden, so Colloca. Auch dazu gibt es eine Studie: Hier ging es um ein subkutan appliziertes Analgetikum vor einem Hauteingri . Der Häl e der Patienten wurde gesagt, dass die Injektion der schlimmste Teil der ganzen Prozedur sei und sich „wie der Stich einer großen Biene“ anfühle. Der anderen Gruppe wurde eher sachlich erläutert, dass ein lokales Anästhetikum appliziert werde, das die Haut taub mache, damit die Prozedur danach angenehm sei. Auf einer visuellen Analogskala gaben die Patienten in der zweiten Gruppe signi±kant weniger Schmerzen an [Varelmann D et al. Anesth Analg 2010;110:868–70]. Philipp Grätzel von Grätz Colloca L. Placebo and nocebo responses: implications for clilnical trials and clinical practice. Plenary Session Placebo in headache: mechanisms and use. 18. IHC-Kongress, Vancouver/Kanada, 9. September 2017


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Philipp Grätzel von Grätz. Placeboeffekt nutzen, Noceboeffekt kennen!, Schmerzmedizin, 2017, 14-14, DOI: 10.1007/s00940-017-0663-8