Was ist schon normal?

MMW - Fortschritte der Medizin, Nov 2017

Dr. Peter Stiefelhagen

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Was ist schon normal?

MMW Fortschritte der Medizin Was ist schon normal? 0 Jedem Pärchen sein Pläsierchen und unbewusste psychologische Prozesse zugrunde. Letztere erfordert deshalb eine Psy - chotherapie, während die ersten beiden Formen gut auf eine Medikation ansprechen. Das Medikament der Wahl ist Dapoxetin. Seine Wirkung beruht auf dem besonderen pharmakologischen Prošl der Substanz, d.h. sie wird rascher resorbiert und eliminiert als andere SSRI-Antidepressiva. - Störungen durch Psychopharmaka „Sowohl Antidepressiva als auch Neuroleptika können eine Sexualstörung auslösen“, erklärte Berner. Bei den Antide pressiva seien es vor allem solche mit einer serotonergen Wirkkomponente. Bevor man die Medikamente beschuldigt, sollte man allerdings einen zeitlichen Zusammenhang zwischen der Medikamenteneinnahme und der Änderung der sexuellen Funktion herstellen können. Dabei sollte man auch beachten, dass Patienten mit einer Depression eine veränderte Wahrnehmung zeigen. „Bei Verdacht auf eine Psychopharmaka-assoziiierte Störung kann man dann eine Umstellung der Medikation, eine Dosisreduktion oder auch einen Drug Holiday versuchen. Ob das aber etwas bringt, ist nicht belegt“, so Berner. Sinnvoller sei bei Männern die Gabe eines PDE-5-Inhibitors, dessen Wirksamkeit auch bei einer SSRI-assoziierten bzw. Neuroleptika-induzierten erektilen Dysfunktion belegt sei. Bei Frauen empšehlt sich ein vaginales Östrogenpräparat, zumal ein transdermales Testosteronpräparat nicht mehr zur Verfügung steht. Flibanserin, als Pink Viagra beworben, ist nur mäßig wirksam und hat deshalb bisher in Deutschland kaum Akzeptanz gefunden. Sinnvoll ist evtl. auch eine zusätzliche Sexualtherapie. ■ Dr. Peter Stiefelhagen ■ XVII. Weltkongress für Psychiatrie, 9.10.2017 in Berlin Glosse _ Die Psychiater haben es nicht leicht. Schon seit vielen Jahren werden sie immer wieder mit der lästigen Frage konfrontiert: Was ist eigentlich normal, was ist gerade noch normal und was ist beim bestem Willen nicht mehr normal? Dies ist sicherlich eine normative Herausforderung. Auf nationaler Ebene konnte man diese Fragen bisher nicht zufriedenstellend beantworten. Deshalb hatte man diesmal Kollegen aus der ganzen Welt nach Berlin zum Weltkongress für Psychiatrie eingeladen. Doch das hat die Sa che keinesfalls einfacher gemacht. Denn schon in Deutschland gibt es große regionale Unterschiede, geschweige dann weltweit: So ist die Depression im Rheinland ebenso wie in Italien aus Sicht der Schwaben und auch der Finnen schon eine Manie und umgekehrt wird der Rhein länder eine schwäbische Manie eher als depressive Verstimmung einordnen. Und was die wahnha‹ anmutende Verkennung der Realitäten betriŒ, so unterscheiden sich auch hier die Bewertungen in den verschiedenen Ländern doch wesentlich voneinander. So blieben die entscheidenden Fragen auch diesmal unbeantwortet, nämlich wie o‹ man nachts den Kühlschrank plündern darf, ohne mit der Diagnose „big eater“ belegt zu werden. Und wie viel ist beim Sex zu viel? Ab wann muss man von einer krankha‹en Hypersexualität als Folge einer gestörten Impulskontrolle sprechen? Bei diesem Punkt gingen die Vorstellungen zwischen Süd- und Nordeuropäern erwartungsgemäß stark auseinander. Auch bei der Frage, wie lange mindestens oder höchstens man dem abhanden gekommenen Partner nachtrauern sollte oder darf, bevor die Trauerreaktion als pathologisch eingestu‹ werden muss, gibt es kulturell und sozial begründet unterschiedliche Vorstellungen. tcko Wie sagte schon der Psychiater i/sS und Philosoph Karl Jaspers: Was e ag krank ist, hängt weniger vom Urteil m I tty des Arztes, sondern mehr vom Urteil e /nG des Patienten und den herrschenden a rFu Einstellungen in einer Kultur und i s reem Gesellscha‹ ab. Wie wahr! ■ rteH Dr. Peter Stiefelhagen e P ©


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Dr. Peter Stiefelhagen. Was ist schon normal?, MMW - Fortschritte der Medizin, 2017, 14-14, DOI: 10.1007/s15006-017-0300-4