Grenzen der Evidenz am Beispiel von Cannabis und Methadon

Schmerzmedizin, Nov 2017

Springer Medizin

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Grenzen der Evidenz am Beispiel von Cannabis und Methadon

Schmerzmedizin Grenzen der Evidenz am Beispiel von Cannabis und Methadon PD Dr. med. Michael A. Überall 0 Nürnberg 0 Algesiologie 0 Pädiatrie 0 0 Michael A. Überall - S scha mit einem konkreten Handlungsaufchmerzmedizin als angewandte Naturwissentrag und Ethik als Wissenscha der Moral gehören im Versorgungsalltag der praktischen Betreuung chronisch (schmerz-)kranker Menschen zum essenziellen Handwerkszeug eines jeden e rapeuten. Beide Disziplinen stehen im Dienste des (betro­enen) Menschen. Beide de€nieren sich durch die Fokussierung auf die individuellen Bedürfnisse und Besonderheiten des konkreten Einzelfalles und beide sind durch die Suche nach dem Besten für eben diesen individuellen Menschen und seine Beschwerden charakterisiert. Mit der Transformation der Medizin von einem vorwiegend erfahrungsgetriebenen praktischen Kunsthandwerk hin zur evidenzbasierten angewandten Naturwissenscha vollzog sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ein grundlegender Wandel, der das gemeinsame Ringen von Schmerzmedizin und Ethik um eine bestmögliche Versorgung des Einzelfalles zugunsten einer qualitätsgesicherten Grundversorgung Aller zunehmend infrage stellt. Außer Frage steht, dass die enormen Erfolge der Medizin in den vergangenen Jahrzehnten vor allem durch diese naturwissenscha liche Orientierung erzielt werden konnten, die völlig neue Einsichten und erapien für lange Zeit als unbehandelbar geltende Erkrankungen brachten. Ebenso unbezweifelbar ist jedoch, dass das reine Wissen um das Wie einer Erkrankung, also die Reduktion auf die wissenscha liche Kenntnis von Fakten gerade bei Ge sundheitsproblemen mit komplexer biopsychosozialer Genese oder mit infauster Prognose, in der Regel nicht ausreicht, um die Frage nach dem wirklich Sinnvollen adäquat zu beantworten. Bei der wünschenswerten Verknüpfung von solider Naturwissenscha und ethischer Einsicht in das, was für den Einzelfall sinnvoll und gut ist, ö­nen sich zwangsläu€g immer wieder Grenzbereiche. So wie aktuell zum Einsatz von Cannabis als Medizin für schwerkranke Menschen, für deren Behandlung keine wirksame oder keine verträgliche Alternative zu Verfügung steht. Oder wie beim Einsatz von Methadon für Menschen mit tumorbedingten Schmerzen, die aus Sicht der etablierten erapie standards als nicht mehr kurativ behandelbar gelten. Bei beiden erapien ist die Diskrepanz zwischen der ö­entlichen Meinung unter Laien und der wissenscha lichen Datenlage unter Experten enorm. Befürworter wie Gegner eines Einsatzes dieser erapieformen bei Betro­enen, denen mit den etablierten Behandlungsverfahren kein sinnvolles erapieangebot mehr unterbreitet werden kann, stehen sich unversöhnlich gegenüber. Aus Sicht der Naturwissenscha ist die Lage klar: Für beide erapien (mehr noch für Methadon als für Cannabis) gilt, dass die wissenscha liche Evidenz weder für ihre Wirksamkeit noch für ihre Sicherheit und Verträglichkeit den gängigen Standards und Anforderungen der Medizin im 21. Jahrhundert entspricht. Ihr Einsatz sollte damit auf kontrollierte Studien beschränkt werden. Aus ethischer Sicht ist die Lage aber ebenso klar: Bei chronisch oder schwer schmerzkranken Patienten mit schlechter sowie palliativ Kranken mit infauster Prognose haben die etablierten Standards der evidenzbasierten Medizin nachweislich versagt. Wer sollte diesen Menschen verwehren, mit Cannabis oder Methadon den einen – und möglicherweise letzten – Strohhalm zu ergreifen, wenn damit eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf seinen Krankheitsverlauf oder auf seine schwerwiegenden Symptome besteht? Wohl kaum einer, der tagtäglich entsprechend Betro­ene versorgt! Ihr


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Springer Medizin. Grenzen der Evidenz am Beispiel von Cannabis und Methadon, Schmerzmedizin, 2017, 3-3, DOI: 10.1007/s00940-017-0654-9