Opfer der Ärzte-Wegwerfgesellschaft

MMW - Fortschritte der Medizin, Dec 2017

Michaela Rieke

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Opfer der Ärzte-Wegwerfgesellschaft

MMW Fortschritte der Medizin Opfer der Ärzte-Wegwerfgesellschaft 0 Michaela Rieke , Düsseldorf Bei meinem Anblick wird der Patient spontan gesund „Frau Doktor; Sie sind gefeuert!“ - _ Aufgelöst und au—rausend kam unser 72-jähriger Patient Herr S. in unsere Praxis gehumpelt: Er hätte eben die ambulante Meniskusoperation bekommen sollen, aber in dem Zentrum habe Es war einer meiner ersten KV-Dienste als junge Landärztin. Einsatzgrund war ein seit 36 Stunden bestehender Schluckauf bei einem über 70-jährigen Patienten. Noch während der Fahrt versuchte ich, im Internet einige Behandlungsmöglichkeiten zu recherchieren – leider ohne Ergebnis. Doch das war auch gar nicht nötig. Als der Patient mich mit meinen 1,65 m Größe und 53 kg Gewicht in der Tür stehen sah und erfuhr, dass ich der diensthabende Arzt und nicht seine kleine Krankenschwester war, erschrak er sich so sehr, dass sein Singultus schlagartig und vollständig verschwand. Er konnte es kaum fassen, und ich war erleichtert. Ist doch schmeichelhaft, wenn man schon mit seiner bloßen Anwesenheit heilen kann, ganz ohne Rezepte auszustellen oder Spritzen zu verabreichen! ■ Dr. Magdalena Thomas, Großschönau man ihm nun nicht sagen können, wie lange er noch warten müsse. Das sei ihm irgendwann zu dumm geworden! Er gehe jetzt für den Eingriž ins Krankenhaus – und dafür solle ich ihm bitte sofort eine Einweisung ausstellen. Dort könne er dann zumindest gemütlich im Bett liegen, während er auf die Operation warte. Ich verstand seine Frustration ja. Daher erläuterte ich dem Patienten mit Geduld und Engelszungen, dass wir für ambulant durchführbare Operationen aus Kostengründen keine Krankenhauseinweisung ausstellen dürfen. Ich drang jedoch gar nicht zu ihm durch. Erbost verließ er die Praxis. Eine Woche später erhielt ich dann Post von ihm: Er sei ja immer sehr zufrieden gewesen mit meiner Betreuung, aber nach diesem Vorfall müsse er sich nun doch einen anderen Hausarzt suchen. Ich solle ihm bitte seine Unterlagen zukommen lassen. Der andere habe ihm nämlich die Einweisung ohne jede Diskussion ausgestellt. 15 Jahre geduldige, empathische, fachgerechte Hausarztbetreuung einschließlich Diabetes-Schulung und Marcumarisierung, dazu regelmäßige Check-ups und immer eine nette kleine Plauderei am Empfang – alles mit einem Federstrich zunichte gemacht. Ich könnte die Schultern zucken und sagen: „Was soll‘s?“ Aber mir tut so etwas menschlich weh. Ex und hopp? Gehen wir etwa so miteinander um? Der liebe alte Kollege ist als Patient eine Plage _ Zu meinen Patienten gehörte in den ersten Jahren meiner hausärztlichen Tätigkeit auch ein pensionierter Kollege, der an einem metastasierten Prostatakarzinom litt. Leider gestaltete sich die Schmerztherapie schwierig, weil er sich ständig in die erapie einmischte . Dabei wollte er sich nicht von seinen antiquierten Ansichten zur Morphingabe lösen, die längst nicht mehr dem Stand des aktuellen medizinischen Wissens entsprachen. Erschwerend kam hinzu, dass es sich auch noch um einen Freund meines Vaters handelte. Mit Rücksicht auf die Beziehung der beiden Männer habe ich manches Wort heruntergeschluckt, das mir auf der Zunge lag. Einmal zum Beispiel wurde ich aus der Sprechstunde heraus zu ihm gerufen. Mir wurde gesagt, dass er so starke Schmerzen habe, dass ich einfach kommen müsse. Als ich in seinem Haus eintraf, fand ich ihn im Wohnzimmer sitzend vor. „Nein, Schmerzen habe ich nicht direkt, aber ich wollte mit dir mal über meine Medikamente sprechen.“ Und dafür hatte ich die Sprechstunde verlassen! Heute würde ich in so einem Fall deutliche Worte “nden. Tatsächlich habe ich mich in einem ähnlichen Fall von einem anderen Freund meiner Eltern getrennt. Da war ich aber schon ein paar Jahre im Geschä•. ■ Dr. Henrich Malz, Vlotho


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Michaela Rieke. Opfer der Ärzte-Wegwerfgesellschaft, MMW - Fortschritte der Medizin, 2017, 34-34, DOI: 10.1007/s15006-017-0372-1