Parapodrilus psammophilus nov. gen. nov. spec., eine neue Polychaeten-Gattung aus dem Mesopsammal der Nordsee

Helgoland Marine Research, May 2019

1. Ein neuer Polychaet,Parapodrilus psammophilus nov. gen. nov. spec., wurde im Eulitoral der Nordsseinsel Sylt entdeckt. 2. Körperform, Größe und Gliederung dieses Interstitialbewohners zeigen gewisse Beziehungen zur Familie Dinophilidae der Archiannelida. 3. Die Existenz einästiger, mit Borsten und Aciculae versehener Parapodien unterscheidet die neue Art jedoch scharf von allen Genera der Dinophilidae. Der Mangel eines für die Archianneliden typischen muskulösen Schlundsackes macht darüber hinaus die Einreihung in diese Gruppe problematisch. 4. Der Verfasser beschränkt sich daher vorläufig auf eine Beschreibung des neuen Polychaeten und auf eine kurze Diagnose der neuen Gattung. Die Einordnung in das System der Polychaeta bleibt einer eingehenderen anatomischen Untersuchung vorbehalten.

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Parapodrilus psammophilus nov. gen. nov. spec., eine neue Polychaeten-Gattung aus dem Mesopsammal der Nordsee

Parapodriluspsammophilusnov. gen. nov. spec., a new polychaete genus from the mesopsammal of the N o r t h Sea. A new polychaete genus, Parapodrilus psarnrnophilus, is described on the basis of individuals caught in the sandy interstitial zone on the island Sylt (North Sea, German Bight). The main features of the new polychaete are: length up to 650 ?~m; body divided into a prostomium (without any appendages), 7 segments and pygidium; segments 3 to 6 carry simple parapods as well as setae and aciculae. - M e s o p s a m m a l O R G A N I S A T I O N Die K/5 r p e r 1 ~in g e ausgewachsener lebender Objekte liegt bei 650 l~m, die Breite betr~igt etwa 90 /zm. Der K6rperquerschnitt ist ann~ihernd rund, die Ventralseite etwas abgeflacht. Die Tiere erscheinen im Auflicht farblos, milchig-weig; einige Exemplare erhalten durch ihren Darminhalt einen grfinlichen Farbton. Rundliche, stark W. WEST~EIDE lichtbrechende Hauteinschliisse sind tiber die gesamte Oberfl~iche verteilt. Der K ~ r p e r besteht aus dem P r o s t o m i u m , 7 in GrSf~e und Ausdehnung mehr oder weniger gleichm~if~ig ausgebildeten R u m p f s e g m e n t e n und dem P y g i d i urn. Das P r o s t o m i u m tr~igt weder Palpen noch Tentakel. Der stumpfabgerundete Kegel mit Cirren (Tastborsten) und Wimperringen erinnert stark an die K o p f f o r m der Gattungen Trilobodrilus REMAN~ und Diurodrilus REMANE aus der Familie Dinophilidae. Die beiden ersten R u m p f s e g m e n t e sind einfach, tonnenf~Srmig. D a r a n schlieBen sich bei ausgewachsenen Individuen vier parapodientragende Metamere an, die l~inger als breit sind. Den Abschluf~ des Rumples bildet ein l~inglicher, r/Shren- oder tonnenf/Srmiger KSrperabschnitt, der oflt nur undeutlich gegen das Pygidium abgesetzt ist. Die P a r a p o d i e n der Segmente 3 bis 6 sind sehr einfach gebaute, schlanke ~ste, schwa& gegliedert in eine breite Basis und ein slch nach aut~en verjiingendes Ende. Cirren und andere Anhangsgebilde, wie sie bei den meisten Polychaeten auftreten, sind nicht vorhanden. Im allgemeinen ist eine Unterteilung in einen dorsalen und einen ventralen Teil nicht zu erkennen. Bei zwei Exemplaren wurde an den ersten Podiensegmenten tiber dem ventral befestigten Parapodast ein keilf6rmiger Lappen beobachtet (Abb. lc). Dieser Lappen tr~igt keine Borsten, ist aber mit einer starken Bewimperung versehen. Er kann als ein rudimen6ires, nur gelegentlich auftretendes N o t o p o d i u m gedeutet werden. Die ventralen Parapod~iste entsprechen dann Neuropodien. Sie werden durch eine gerade, sich nach aut~en verschm~ilernde Acicula y o n 60 lma L~nge gesttitzt. Die weitere Borstenbewaffnung besteht aus drei einfachen, leicht geschwungenen Borsten, die in ihrem distalen Tell fein ges~gt sind. Mit etwa 50 # m sind sie ungef~.hr ebenso lang wie die Stiitzborste, ragen aber zur H~ili~e aus dem Parapodium nach aui~en. Das rundlich-kegelfSrmige P y g i d i u na besitzt drei charakteristische caudale Anh~inge: eine meist unregetmgi~ig zapfenfSrmige, unpaare Papille, die zuweilen etwas asymmetrisch am Hinterende befestigt ist und dorsal dariiber zwei weitaus kleinere knopfartige Papillen (Abb. l d ; Abb. 3d). Parapodrilus psammophilus besitzt 10 W i m p e r r i n g e, die den K~Srper vollst~indig oder teilweise umfassen. Jeder dieser Ringe besteht aus kleinen, dicht nebeneinander stehenden Btischeln yon Cilien. Zwei Wimperringe befinden sich auf dem Prostomium; der vordere uml~iuPc es ganz, der andere umgreifi die Basis der Kopfkapsel nur yon ventral und lateral. Jedem Rumpfmetamer k o m m t ein Ring zu; auf den Segmenten 3 bis 6 liegen sie in H 6 h e der Parapodien, auf den anhanglosen Segmenten 1, 2 und 7 im caudalen Teil. Am Pygidium, unmittelbar v o r den 3 Papillen befindet sich noch ein unvollst~indiger, auch nur ventral und seitlich vorhandener Wimperstreifen. Die caudalen Anh~nge des K~Srpers weisen ebenfalls starke CilienbtischeI auf. Ein dichtes Wimperfeld befindet sich v o r dem Mund und in der SchlundSffnung. Die gesamte Bauchseite der Tiere ist mit einem n u t undeutlich zu erkennenden Wimperstreifen versehen. Ein auff~illiges Merkmal y o n Parapodrilus ist schliei~lich der starke Besatz mit T a s t b o r s t e n oder W i m p e r c i r r e n. Es handelt sich um steife untereinander verklebte Btischel yon Cilien, wie sie innerhalb der Dinophilidae ftir die Ventralseite Abb. 1" Parapodriluspsammophilus.(a) Habitusbild yon dorsal, geschlechtsreifes Tier mit El; (b) normales Parapodium; yon dorsal (c) Parapodium mit einem nur gelegentlich auftretenden, dorsalen Lappen; yon dorsal (d) Pygidium mit Anh~ingen, yon lateroventral gesehen i ;i ? ? ?:[[??? : ?? Abb. 2: Mikroaufnahmen yon P. psammophilus. (a) Vorderende (Phasenkontrastaufnahme); (b) Habitus; (c) vordere, (d) hintere KgrperhS.lflce Parapodrilus psammopbilus nov. gen. nov. spec. Abb. 3: K~Srperabschnitte yon P. psammophilus (Phasenkontrastaufnahmen). (a) mittlere K{Srpersegmente mit Parapodien; (b) Borsten; (c) mittlere K~Srpersegmente mit Parapodien; (d) Pygidium mit Anh~ngen Zwei sehr lange Gebilde nehmen auf der Dorsalseite ihren Ursprung (Abb. la, fi), und je ein Btindel aus meist drei Cirren ist seitlich am unteren R a n d des Kopfes angebracht (Abb. la, d). Auch die Pygidium-Anh~inge und die Parapodien auf ihrer ffontalen Seite besitzen auff~illige Wimpercirren, welche die Borsten an L~inge und Breite noch iibertreffen k/Snnen. Weitere zum Teil we sentlich kleinere Cirren sind tiber den ganzen K~Srper verstreut zu finden. Die im ersten Rumpfsegment gelegene M u n d 6 f f n u n g l~if~t an Quetschpr~iparaten und an Schnittserien kein besonderes muskuliSses P h a r y n x o r g a n erkennen. Es handelt sich bier nut um einen stark bewimperten, senkrecht in den K 6 r p e r ftihrenden Schlund, der ohne weitere Differenzierungen in den D a r m k a n a l mtindet. An mehreren Pr~iparaten yon im Juli, N o v e m b e r 1964 und J a n u a r 1965 dngebrachten Tieren waren Spermiogenese- und Oogenesestadien zu sehen. I m Winter besitzen zahlreiche Individuen ein etwa 100 #m grol~es Ei in den hinteren Segmenten. Damit ist sichergestellt, dat3 das vorliegende Material adulte Tiere umfaf~t. BEWEGUNGSWEISE Parapodrilus schwimmt mit Hilfe der geschilderten Wimperringe frei in den Porenr~iumen des Sandlii&ensystems. Die Parapodien treten bei der normalen, geradtinigen Vorw~irtsbewegung nicht in Aktion, sondern liegen beim Schwimmen dem Rumpf flach an. Nur zum Wenden und Anhalten werden die Parapodien abgespreizt und iibernehmen so die Funktion yon Steuer- und Bremseinrichtungem Aus dem Zusammenwirken yon Wimperringen und Parapodien resultiert eine augerordentliche Beweglichkeit und Wendigkeit, mit welcher Parapodrilus zu einem schnellen, eleganten Schwimmer wird. Neben diesen charakteristischen Schwimmbewegungen ohne Kontakt mit dem Substrat - welche far den Lebenstyp vermoider Sandliickenbewohner eine ungew6hnliche Verhaltensweise darstellen - ist auch ein langsames Gleitkriechen mit Hilfe der schwach entwickelten Wimperkriechsohle m/Sglich. Im iibrigen vermag sich Parapodrilus- ~ihnlich wie viele typische Bewohner des Mesopsammals - bei StSrungen zusammenzurollen und mit Hilfe yon Hautsekreten zwischen den Sandk~irnern festzukleben. FUNDORT UND BEGLEITFAUNA Deutsche Bucht: Insel Sylt (Typlocat), Ostufer bei List (Januar, Juli, September, November 1964; Januar 1965). (1) Prallhang des Eulitorals; detrltusarmer Sand; Korngr/3ge: etwa 200 bis 400/~m; Fundtiefe etwa 18 cm im Substrat. (2) ArenicoIaSandwatt, an den Prallhang anschliet~end; KorngrSt~e: etwa 200 ,urn; Fundtiefe 2 bis 8 cm im Substrat. H~iufige Vertreter aus der Begleitfauna sind die Hydromeduse Halammohydra schulzei REMANE, die Turbellarien Parotoplana capitata MEIXN~I~, NematopIana coelogynoporoides MI~IXNER, Paromalostomum fusculum Ax, Gyratrix hermaphroditus (EHI~BG.);unter den Gastrotrichen Neodasys chaetonotoideusR~MAN~, Cephalodasys maximus R~MANE, Macrodasys affinis REMANE und Dactylopodalia bahica R~MANE sowie Yon Polychaeten ProtodriIus symbioticus GIARD und eine neue, noch unbeschriebene Art der Gattung Microphthalmus. GATTUNGS- UND ARTDIAGNOSE Parapodrilus nov. gen. Schlanker KSrper mit Prostomium, 7 Rumpfsegmenten und Pygidium. Kegel?6rmiges Prostomium und Segmente 1, 2 und 7 ohne Anh~inge; Segmente 3, 4, 5 und 6 mit ein~istigen Parapodien. Einfache Schlundfalte, kein muskuliiser Schlundsack vorhanden. Typus der Gattung (und bisher einzige Art): Parapodrilus psammophilus nov. spec. Parapodien mit drei einfachen, ges~igten Borsten und einer Acicula besetzt. Pygidium mit drei caudalen Papillen. Zwei Wimperringe auf dem Prostomium, je ein Wimperring pro Segment, ein Wimperring auf dem Pygidium. Tastborsten auf dem Prostomium und an den Parapodien sowie auf den Anh~.ngen des Pygidiums. Holotypus: eine Sagittalschnittserie. ZUSAMMENFASSUNG i. Ein neuer Polychaet, Parapodrilus psammophitus nov. gen. nov. spec., wurde im Eulitoral der Nordseeinsel Sylt entdeckt. 2. K~Srperform, Gr~Sf~e und Gliederung dieses Interstitialbewohners zeigen gewisse Beziehungen zur Famitie Dinophilidae der Archiannelida. 3. Die Existenz ein~istiger, mit Borsten und Aciculae versehener Parapodien unterscheidet die neue Art jedoch scharf yon allen Genera der Dinophilidae. Der Mangel eines ftir die Archianneliden typischen muskul~Ssen Schlundsackes macht dartiber hinaus die Einreihung in diese Gruppe problematisch. 4. Der Verfasser beschr~inkt sich daher vorl~iuiig auf eine Beschreibung des neuen Polychaeten und auf eine kurze Diagnose der neuen Gattung. Die Einordnung in das System der Polychaeta bleibt einer eingehenderen anatomischen Untersuchung vorbehatten. Z I T I E R T E LITERATUR Ax , P. , 1956 . Monographie der Otoplanidae (Turbellaria), MorphoIogie und Systematik . Abh. math.-naturw, KI. Akad. Wiss. Mainz, Jg. 1955 , Nr. 13 , 1 - 298 . DELAMAREDEBOUTTEVILLE , C. , 1960 . Biologie des eaux souterraines littorales et continentales . Hermann, Paris, 740 pp. FRrEDRICn ,H., 1938 . Polychaeta. In: Die Tierwelt der Nord- und Ostsee . T. 6b. Akad. Verl . Ges., Leipzig, 201 pp. REMANd , A. , 1932 . Archiannelida. In: Die Tierwelt der Nord- und Ostsee . T. 6a. Akad. Verl . Ges., Leipzig, 36 pp. - - 1955 . 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Wilfried Westheide. Parapodrilus psammophilus nov. gen. nov. spec., eine neue Polychaeten-Gattung aus dem Mesopsammal der Nordsee, Helgoland Marine Research, 207, DOI: 10.1007/BF01612099