Marcuses Asche. Ein Essay

Leviathan, Jun 2010

Prof. em. Helmut Dubiel

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Marcuses Asche. Ein Essay

Helmut Dubiel em. H. Dubiel Institut fr s oziologie der Universitt Gieen Gieen Deutschland E-Mail: 1. Prolog: Die hier erzhlten, wenige Tage umfassenden Ereignisse Ende der 70er Jahre im vergangenen Jahrhundert, als der Philosoph Herbert Marcuse in Deutschland starb und spter dann zu Beginn des 21. Jahrhunderts, als seine asche in Berlin zu Grabe getragen wurde, erscheinen in der historischen Distanz wie splitter eines zerborstenen spiegels, die das Bild der Vergangenheit nur verschwommen und bruchstckhaft reflektieren. Obwohl ich, der Verfasser, zum groen Teil Zeuge der geschilderten Ereignisse war, ist die vorliegende Erzhlung kein wirklichkeitsgetreuer Bericht. Die mir selbst gestellte aufgabe, die s plitter des spiegels wieder so zusammen zu fgen, dass ein kohrentes Bild daraus entsteht, erforderte eher poetische Kompetenzen denn die eines Chronisten.1 Mein Bericht ist keine Biographie ber Marcuses Leben und keine Monographie ber aspekte seiner Philosophie. Mehr als von seinem Leben wird von seinem sterben, seinem Tod und von seiner Beerdigung die Rede sein sowie von den fast 25 Jahren, die dazwischen lagen. Erzhlt wird die Geschichte, wie die Urne mit der asche des verstorbenen Philosophen, die fr fast ein Vierteljahrhundert als verschollen galt, unversehens im Lagerraum einer s ynagoge in New Haven, Connecticut, auftauchte, als ein niederlndischer student nach einem Ort suchte, wo man des Toten gedenken konnte. Herbert Marcuse starb am 29. Juli 1979 in starnberg. Der schlaganfall, der ihn das Leben kostete, kam nicht vllig berraschend. auf fast jeder station seiner langen EuropaReise hatte er einen arzt aufsuchen mssen. In Mnchen, der letzten Etappe vor seinem Tod in starnberg, lag er gar mehrere Tage in der Universittsklinik. seine Verwandten - Helmut Dubiel ist Herausgeber der Werke von Leo Lwenthal. sein Buch mit dem Titel Tief im Hirn ist 2006 im antje Kunstmann Verlag, Mnchen, erschienen. und Freunde waren angesichts seines alters und seiner ohnehin fragilen Gesundheit sehr besorgt. sie htten es am liebsten gehabt, wenn er die Reise einfach abgebrochen htte. Nur scheiterte dieses ansinnen von vorneherein an seiner so stoischen wie strrischen Weigerung, sein Leben nur noch unter der Prmisse der schonung zu leben. Rainer Werner Fassbinder zitierend sagte er oft, sich schonen knne er noch ausgiebig, wenn er tot sei. Er meinte, wenn er schon sterben msse, sei es am besten auf einer Vortragsreise, vielleicht gar in einem Luxushotel am starnberger see oder im Grand-Hotel in Pontresina in der schweiz. als Folge des schlaganfalls litt Marcuse unter linksseitigen Bewegungseinschrnkungen. aber er war bei Bewusstsein, konnte klar sprechen und organisiert denken. In den ersten Tagen wollten die rzte nicht ausschlieen, dass er mit kleineren schlaganfalltypischen Defiziten wie sie sich ausdrckten berleben werde. Doch nach einer Woche im Krankenhaus verschlechterte sich sein Zustand dramatisch. Es war klar, dass er bald sterben wrde. 2. Besuche von und bei Marcuses: In dem Jahr, in dem Marcuse in starnberg starb, lebte ich in einem Holzhaus nahe dem starnberger see, das den Eltern meiner Freundin angelika gehrte. Dass starnberg zum schauplatz der hier erzhlten Geschichte wurde, ist nicht vllig zufllig. Jrgen Habermas hatte Herbert Marcuse, wie schon im Jahr zuvor, zu einem Colloquium am starnberger Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt eingeladen. Ich bereitete seinerzeit die Edition der schriften von Leo Lwenthal vor. Lwenthal war wie Marcuse ein betagter deutsch-jdischer Gelehrter, der wie Marcuse der Frankfurter schule zugerechnet wurde. Beide waren seit ihrer Flucht vor den Nazis enge Freunde und besuchten sich regelmig. s chon bevor Marcuse auf seiner Europareise im Juli 1979 erkrankte, hatte Lwenthal mich diskret auf die Mglichkeit aufmerksam gemacht, dass die Familie unsere Untersttzung in s tarnberg brauchen knnte. Fr angelika war es selbstverstndlich, dass sie dem Wunsch der Mitglieder der Marcuse-Familie entsprechen wrde, bei ihr zu wohnen. Diese Grofamilie umfasste zunchst Marcuses (dritte) Frau Ricky, sodann seinen sohn Peter, dessen sohn Harold (also den Enkel Herbert Marcuses) sowie seine beiden stiefshne Thomas und Michael Neumann. Es war kaum abzusehen, wie lange der prekre Zustand zwischen Leben und Tod dauern wrde. Klar war indes, dass es der Familie finanziell nicht zuzumuten war, in einem teuren Luxushotel fr ungewisse Zeit zu logieren. Entsprechend gern zog die Marcuse-Familie in das Holzhaus ein. Zwei Jahre zuvor hatten angelika und ich Herbert Marcuse bei einem Dinner, das Leo Lwenthal in Berkeley ausrichtete, kennen gelernt. Wir waren anschlieend auf seine Einladung hin mit dem auto von san Francisco nach La Jolla gefahren, wo Marcuse wohnte. Es ist ein Ort zwischen san Diego und der mexikanischen Grenze. Erschpft von der langen Fahrt auf dem Highway Number one, der sich von Oregon bis nach Mexiko schlngelt, geblendet von einem sonnenlicht, dem keine europische sonnenbrille gewachsen war, betraten wir Marcuses schattiges Bro. Hinter einem wohl aufgerumten schreibtisch erhob sich eine von schlohweien Haaren gekrnte Gestalt. Er war gro und schlank, berragt von hohen Bcherregalen, die die gesamte Wand des kleinen Bros bedeckten. Trotz seiner vom alter gebeugten Gestalt bewegte er sich mit einer gewissen schlaksigen Eleganz. Noch ehe wir etwas sagen konnten, konfrontierte er uns mit der Frage, die wir erst nach einer Wiederholung verstanden. Wie geht es sartre? sartre lag damals im sterben. Wir hatten Tage zuvor zwar eine Notiz ber sartres sterben in der New York Times gelesen, waren aber ber seine gegenwrtige Befindlichkeit nicht informiert. Es gab weitere Fragen, die wir nicht sofort zu seiner Zufriedenheit beantworten konnten; zum Beispiel nach der akademischen Reprsentanz der Psychoanalyse an den deutschen Universitten; oder nach dem Verhltnis von Habermas Theorie des kommunikativen Handelns zur klassischen kritischen Theorie. Ich war von der Unmittelbarkeit von Marcuses Interesse an den fhrenden Figuren des europischen Geisteslebens beeindruckt und leicht eingeschchtert. Marcuses Leben fgt sich nicht in das schema einer akademischen Biographie. Gewiss, er war ein Intellektueller und ein Gelehrter von hohem Rang, jedoch mit einer gnzlich unakademischen Physiognomie. Die abwesenheit von Dnkel und Eitelkeit, seine ihm ins Gesicht geschriebene Unbestechlichkeit, seine Wachheit und Offenheit all diese Merkmale sind bei einem durchschnittlichen akademischen Charakter eher die ausnahme als die Regel. aber ebenso wenig lsst sich Marcuses Lebensgeschichte auf den Wechselrahmen einer politischen Biographie spannen. seine frhen episodischen aktivitten beim arbeiter- und soldatenrat in den revolutionren Wirren der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, die Erfahrung des Untergangs der Weimarer Republik, die Erfahrung als Jude und Marxist aus Deutschland vertrieben zu werden, dessen Kultur er Zeit seines Lebens tief verbunden blieb und schlielich die Rolle als weltweit beachteter Theoretiker der studentenbewegung waren die wichtigsten Bestimmungskrfte seines Lebens. 3. Im Supermarkt: Obwohl wir uns kaum kannten, lud uns Marcuse spontan zu einem spten lunch zu sich nach Hause in La Jolla ein. Zuvor machten wir Besorgungen in einem safeway-supermarkt. Er machte einen zerstreuten Eindruck, als er den Einkaufskorb mit etwas Obst fllte, mit einer Dose mexikanischer Bohnen, Fertigreis, drei steaks sowie eine Flasche Ballantines-Whisky. angelika und ich waren bis dahin noch nicht oft in den Usa gewesen; und wir hatten uns an die Warenpracht und monstrse Gre der supermrkte und ihres Warenangebots noch nicht gewhnt. Pampelmusen in der Gre von Kindskpfen, Milch nicht literweise, sondern in Gallonen, d. i. die vierfache Menge, alle Waren wie Butter, Kaffee und Brot in unzhligen sorten, Preisvarianten und Mengenkontingenten Ich fragte Marcuse, ob es diese Konsumpracht gewesen sei, die ihn zu der Unterscheidung von wahren und falschen Bedrfnissen inspiriert habe. Er schwieg, bis wir wieder im a uto sassen. Ehe er den Motor startete, begann er zu sprechen. Er sagte, die Formulierung eines Unterschieds zwischen wahren und falschen Bedrfnissen wrde er heute in seinen Vortrgen und schriften nicht mehr verwenden, weil sie ihm viel zu schwach erscheine. Im modernen Kapitalismus habe die Differenziertheit des Konsumangebots ein absurdes ausma erreicht, und es sei ein komplettes Missverstndnis, dass dieser Differenziertheit im angebot eine Qualittssteigerung entsprche. Die glitzernde Warenflle in den shopping malls sei kein anzeichen fr gesellschaftlichen Reichtum, eher fr kulturelles Elend. Bei automobilen oder Khlschrnken habe es seit Jahrzehnenten keine nennenswerte technische Innovation mehr gegeben, sehr wohl aber viele kosmetische Vernderungen in der usseren Form und stndig steigende Preise in Folge der hohen Werbeetats. In einer utopischen Gesellschaft, wie sie ihm vorschwebe, gbe es nur wenige Warentypen. sie seien billig, praktisch und robust. 4. Zu Hause: Wir waren sehr neugierig auf Marcuses Haus. Wir hatten uns vorgestellt, dass Marcuse dank der weltweiten Verbreitung seiner Bcher ein wohlhabender Mann sein msse. a uf der anderen seite war demonstrativer Luxus seine sache nicht. Nun, das Haus fgte sich auf wundersame Weise unseren widersprchlichen Erwartungen. Von auen wirkte es bescheiden, mit einem kleinen, gepflegten Grtchen zur Strasse hin und Ziergittern vor den Fenstern zum schutz vor Einbrechern. Es war ein allerweltshaus in einer mittelstndisch-kleinbrgerlichen Nachbarschaft. Nichts deutete auf die Prominenz seines Bewohners hin. Aber das Interieur des Hauses gefiel uns sofort. Von innen wirkte es viel grer als von auen. Trotz der ppigen Mblierung, die ganz auf die Bequemlichkeit eines greisen Gelehrten zugeschnitten war, war das Haus nicht vollgestopft. allgegenwrtig lagerten suberlich Kante auf Kante geschichtete Bcherstapel. Kein Regal war gro genug, um die s tapel zu fassen. sie waren schon deshalb nicht gro genug, weil Platz ausgespart blieb fr allerlei Zierat, vor allem fr viele kleine Nilpferde in verschiedenen Formen, Farben und aggregatzustnden. Diese Liebe fr Nilpferde teilte Marcuse mit Leo Lwenthal. Bei jedem seiner Besuche in der Bay-Region besuchten die beiden alten Mnner den Zoo, ebenso wie Lwenthal es tat, wenn er seinen Freund in s an Diego traf. auffallend war die selbstverstndlichkeit, mit der Marcuse uns, seine Gste, in die Vorbereitung des nachmittglichen lunch einbezog. Daran wurde uns deutlich, in welchem ausma er den Umgang mit jungen Leuten gewohnt war. auf sein Gehei hin legte ich drei steaks in die Pfanne, ffnete die Konservendose mit den frijoles und wrmte sie in der Mikrowelle auf. schlielich kochte ich Reis. Whrendessen hatte angelika mit Marcuse den Tisch gedeckt. Bevor wir aen, hatte der Gastgeber die Flasche Ballantines geffnet und zwei Wasserglser mit Whisky halb gefllt. Nachdem ich das Glas geleert hatte, sprte ich wie die spannung sich lste, die mich seit unserer ankunft im Griff gehabt hatte. Ich erinnerte Marcuse daran, dass er uns noch eine Definition schulde fr die Problematik, die er zuvor mit der Unterscheidung von wahren und falschen Bedrfnissen umschrieben habe. Das habe er keineswegs vergessen, entgegnete er; seit wir den safeway-s upermarkt verlassen htten, ginge er mit einem Gedanken schwanger, vor dessen artikulation er noch zurckschrecke; doch mit dem Ballantines als Geburtshelfer werde es schon gehen. Und dann sagte er fast beilufig: Der Supermarkt sei eine dialektische Einheit von KZ und Paradies. Ein KZ sei er, da er die totalitre Unterwerfung des Menschen unter die Zwnge des Marktes exemplarisch verkrpere; ein Paradies, weil er die unbegrenzte Warenflle vorwegnehme, die Marx erst fr die reife Entwicklungsphase des Kommunismus verheien habe. spter berichtete ich Freunden von einem heimlich aufkeimenden Gefhl jhen Zorns. Paradoxerweise hat der alkohol mir geholfen, meine Ruhe zu bewahren. Ich stammelte ein wenig, um meine Fassung wieder zu finden, denn ich fand den Vergleich schlicht emprend und kitschig. Beide seiten von Marcuses argument machten mich aufsssig; sowohl die Gleichsetzung des sd-kalifornischen supermarktes mit Marx Konzeption des reifen Kommunismus als auch die Bagatellisierung des KZ durch den Vergleich mit safeway waren vllig daneben. angelika trat mir unterm Tisch auf den Fu und schaute mich beschwrend an. sie kannte mich gut genug und wusste, wie sehr mich diese sonderbare Konsumkritik und dann noch die anspielung aufs KZ irritierte. Doch ich konnte meinen rger nicht ganz herunterschlucken und erzhlte scheinbar ohne Zusammenhang eine Geschichte von andrzej szcypiorski. In dieser Geschichte versucht ein polnischer Lehrer und Kommunist den schlern die kommunistische Utopie mit dem argument schmackhaft zu machen, dass es dann Johannesbeerpudding fr alle gebe. Ein schler wendet ein, dass er Johannesbeerpudding gar nicht mag. Nach der Revolution wirst du ihn mgen, wird ihm beschieden. Marcuse schaute mich an, in einer eigentmlichen Mischung aus Erstaunen und spott. Gut gebrllt, Lwe, aber leider etwas daneben gesprungen, bemerkte er trocken. Johannesbeerpudding mge er brigens auch nicht, auch nicht nach einer Revolution. Ich zog es nun vor, assistiert von einem weiteren Glas Ballantines, in brtendes schweigen zu fallen und angelika die Konversation zu berlassen. angelika erzhlte beilufig von einer Edward-Hopper-Ausstellung, die sie im MOMA in New York gesehen hatte. Marcuse zeigte sich interessiert und informiert. sein berblick nicht nur ber sein Fach, sondern auch ber Malerei, Filme und Romane war umso imposanter, als er sich ebenso selbstverstndlich in der deutschen, der franzsischen und der angelschsischen Kultur bewegte. a ls er dann noch, vielleicht um der jungen Frau zu imponieren, Passagen aus der Ilias rezitierte, stand mir und angelika fr kurze Zeit der ungeheure Verlust vor augen, den die deutsche Kultur durch die Vertreibung und Vernichtung jdischer Gelehrter sich selbst zugefgt hatte. Denn es war nicht nur der Exodus einer Person, sondern das Ende eines intellektuellen Universums, das sich in ihm und seinen geistigen Weggefhrten verkrperte. Ich nahm mir fest vor, mit ihm darber zu reden. Doch bevor ich eine Form fand, Marcuse selbst danach zu befragen, drehte sich der schlssel im schloss und Marcuses Frau kam nach Haus. Erica sherover Ricky wurde sie von ihm und ihren Freunden genannt war etwa vierzig Jahre jnger als Herbert Marcuse. Ich hatte sie schon in den vorhergehenden Jahren sowohl in Kalifornien wie in Bayern getroffen und einige Worte mit ihr gewechselt. Zunchst schien sie mir eine schchterne und zurckhaltende studentin zu sein, die aus tiefer Verehrung und Respekt den schon sichtbar vom alter gezeichneten Philosophen auf Reisen in Europa begleitete. Erst spter bin ich auf die starke Bindung zwischen der jungen Frau und dem alten Philosophen aufmerksam geworden. Und erst nach ihrer Heirat wurde mir klar, eine wie starke, eigenwillige und intellektuell anspruchsvolle Frau sie war. sie hatte bei Marcuse eine Dissertation ber den frhen Marx begonnen, genauer ber dessen Debatte ber das Holzdiebstahlgesetz. Diese Dissertation hat sie nach dem Tod ihres Mannes bei Habermas zu Ende gefhrt. 5. Ideologie des Todes: Die s tadt Berkeley, Heimstatt der berhmten University of California, wurde nicht auf fnf Hgeln gebaut sondern auf einem einzigen. Wenn man vom Tilden Park in den Berkeley Hills auf die stadt herabschaut, erscheint sie wie eine schiefe Ebene, die im sden in die Bucht ausluft. Dieser Teil der stadt heit Marina. Zur Marina rechnet man in Berkeley nicht nur einen y achthafen, sondern ein komplexes Ensemble, das aus einem tristen Park mit aufgeschtteten Hgeln und vertrocknetem Rasen besteht, auf dem Vter und shne dank des immer wehenden Windes die Drachen steigen lassen. Das Zentrum der Marina bildet eine Pier, die etwa eine Meile in die Bucht hineinragt. seinerzeit gab es dort ein bekanntes Fischrestaurant. Das Restaurantgebude gibt es heute noch, aber sein Management hat so oft gewechselt wie die ethnische ausrichtung, die Zielgruppe und das Niveau. Heute beherbergt das achteckige, auf Pfhlen im Wasser ruhende, sichtbar von den Winterstrmen zerzauste Holzgebude ein Touristen-Restaurant. Den ursprnglichen Namen habe ich vergessen. Nicht vergessen kann ich, dass ich dort im Mai 1979 mit Leo Lwenthal und Herbert Marcuse, drei Monate vor seinem Tod, gegessen habe. Marcuse war allein nach Berkeley gekommen, um seinen alten Freund zu besuchen, den er Leochen nannte. Die beiden Mnner waren schon da, als ich etwas versptet eintraf. sie waren heftig ins Gesprch vertieft. Leo Lwenthal erzhlte ganz kurz, worber sie so angeregt sprachen. Das Thema sei nicht mehr und nicht weniger als der Tod. Wir saen drauen auf der Terrasse, was selten mglich ist, weil es hier in der Regel entweder zu kalt, zu hei oder zu strmisch ist. Der ausblick war atemberaubend. Direkt gegenber erkannte man, immer noch ein wenig im Dunst, die skyline von san Francisco, zur Linken die Bay Bridge und rechts, gerade vom Nebel befreit, die majesttische Golden Gate Bridge. Lwenthal erriet meine Gedanken. Er mutmate, dass das Panorama wohl nicht zum Thema passe, erleichterte mir aber dann mit einem scherz den Einstieg. Fast ausgelassen sagte er, dass der Tod des Menschen mit zunehmendem alter wahrscheinlicher werde, sei eine verbreitete Erfahrung. Nur er und Marcuse seien besessen nicht vom Tode, sondern von der Idee, dass es in ihrem Fall eine ausnahme von der Regel der sterblichkeit geben knnte. Marcuse lachte kurz auf und knpfte dann im Gesprch an der stelle an, wo ich sie unterbrochen hatte. Er bezog sich auf die vorgngige These von Lwenthal; letzterer, so erklrte er mir, hatte gesagt, der Umstand, dass der Mensch fr sich allein sterbe, lege die annahme nahe, dass das sterben eines Menschen ebenso wie seine Geburt ein privatintimer Vorgang sei. Eine materialistische Deutung mache indes deutlich, wie sehr Tod und sterben staatlich vermittelt seien. Das zeige sich nicht zuletzt im Kriege. Der dem Begriff Opfer eingeschriebene Doppelsinn, der in der englischen bersetzung deutlich werde, bezeichne als victim und sacrifice zwei Formen jenes staatlichen Managements des Todes seiner Brger. Vor hundert Jahren noch Marcuse und Lwenthal htten es selbst zu Beginn des Ersten Weltkriegs erlebt wurde von jedem soldaten die Bereitschaft erwartet, sein Leben fr sein staatsvolk zu opfern. Diese Erwartung sei ein skularisat christlicher Vorstellungen. Der s oldat opfert sich, damit sein Volk leben kann, hnlich wie Christus sich am Kreuz geopfert hat. Diese unbersehbar sakrale Dimension in der gesellschaftlichen Deutung des s terbens im Kriege sei heute fast restlos aus unserer politischen Kultur verschwunden. Heute spreche man von Opfern, meine damit aber Phnomene, die in der englischen sprache mit dem Begriff victim treffender wiedergegeben werden: Wer als victim stirbt, sterbe im Deutungshorizont einer staatlich kontrollierten Privatheit, in der der Tod seine soziale Relevanz nur noch habe als Material fr die Versicherungen und die statistik. Marcuse sagte, er fhle sich vollkommen verstanden. Vielleicht sei der Doppelsinn im Begriff des Opfers, so spekulierte er weiter, nur der moderne Widergnger einer alten, noch aus der antike stammenden Deutung. Im abendland habe es nmlich zwei dominante Todesbilder gegeben, die zur Basis zweier konkurrierender Moralsysteme wurden. Zum einen sei dies die Lehre und die Moral der stoa. Ihre anhnger predigten die Hinnahme des Unvermeidlichen. stoisch ertragen sie das Bewusstsein ihrer sterblichkeit. Leben und Tod sind zwei hier zwei vllig inkommensurable Zustnde. so wie aus der anschauung des Todes dem Leben kein sinn abzuringen ist, vermag auch das Leben dem Tode keinen sinn zu verleihen. als Virtuosen im Ertragen der Kontingenz wirkten die stoiker noch in der Moderne weiter. Die andere Moral zeige sich in einer Verherrlichung des Todes. In der christlichen Perspektive sei der Tod das eigentliche Ziel des Lebens. Die Verherrlichung des Todes schon zu Lebzeiten sei zugleich eine machtvolle Ideologie. Marcuse nannte sie pointiert Ideologie des Todes. Ideologisch sei sie, weil sie berflssiges Leid, existenzielle Angst und grundlosen physischen s chmerz verklre, den Herrschende den Beherrschten zufgen. Die dritte Position zwischen stoizismus und Idealismus sei die Verknpfung des Todes mit dem Begriff der Freiheit. Und dies sei die Position des Materialismus. Lwenthal nickte zustimmend. Bevor er den Kellner an unseren Tisch bat, um die Bestellung aufzugeben, fgte Marcuse noch den folgenden Gedanken hinzu: Den Tod besiegen zu wollen, msse so lange als anmaung verstanden werden, wie damit gemeint sei, Menschen mit menschlichen, d. h. mit den technischen Mitteln der Medizin zur Unsterblichkeit zu verhelfen. Den Tod besiegen knne indes auch bedeuten, dass der Mensch fhig wird, sein sterben als das selbst gewhlte Ende seines Lebens anzunehmen. Nur derjenige wird gut sterben knnen, der zuvor ein gutes Leben gelebt hat. Inzwischen hatte die Mittagssonne den Dunst weggebrannt, kein Wlkchen trbte mehr das Blau des kalifornischen Himmels. Jetzt konnte sich der Lrm voll entfalten, der zuvor von den Windgeruschen abgefangen wurde. Das Brllen der Motoren der im stau gefangenen Lastwagen bildete den Grundton, kontrapunktiert vom Geschrei der Mwen, dem Geknatter von Helikoptern und dem fernen Tuten der Schiffe, die vom Pazifik her in die Bucht einfuhren. 6. Wieder in Starnberg: Die Fortsetzung meiner Geschichte spielt nun wieder in starn berg. a ls die Zeichen sich verdichteten, dass Herbert Marcuse bald sterben wrde, wurde seiner Frau Ricky und seinem sohn Peter immer deutlicher, dass sie ein unausgesprochenes Versprechen kaum wrden halten knnen das Versprechen, dass er nicht auf deutschem Boden sterben und in deutscher Erde begraben werden sollte. Es blieb unklar, wer der a utor des Versprechens war. Es stand irgendwie im Raum. Es ergab sich aus der Tatsache, dass Marcuse als deutscher Jude aus Deutschland verjagt worden war und viele Mitglieder seiner Familie in den Todeslagern ermordet wurden. Ich erinnere mich an ein Gesprch mit Marcuse in den ersten Tagen im starnberger Krankenhaus. Darin spielte er auf ein Gesprch mit Lwenthal an mit dem Inhalt, dass letzterer nur deshalb jedes Jahr unbeschwert nach Europa fahre, weil er wisse, dass er jederzeit wieder zurckkehren knne. Neben Marcuse war Lwenthal das einzige Mitglied des Frankfurter Kreises, der bewusst die Entscheidung gefllt hatte, nie mehr dauerhaft in Deutschland zu leben. Die Mglichkeit eines pltzlichen Todes in diesem Deutschland empfand er, so drckte er sich aus, als ein tragbares Restrisiko. Nun war diese situation unvermutet rasch mglich, ja wahrscheinlich geworden. solange Marcuse noch ansprechbar und bei Bewusstsein war, wagte niemand, das Thema anzurhren. Doch als er nicht mehr in der Lage war, diese Entscheidung selbst zu fllen, fiel die Last jenen zu, die ihm am nchsten standen. Mir erschloss sich der stellenwert der Entscheidung erst allmhlich. Restlos durchsichtig wurde sie mir freilich nie. Denn sie war schon strittig im inneren Kreis der Familie, also bei den shnen, den Enkeln und bei seiner Frau. Ich htte damals nicht einmal sagen knnen, welche tieferen berzeugungen die Optionen der Familienmitglieder bestimmten. Denn zwischen ihnen sowie den jdischen Freunden und Verwandten der Marcuses und uns Deutschen gab es eine eigentmliche Befangenheit. sie lag nicht einfach in der Luft; sie war entstanden nach einem langen Gesprch bei dem ersten abendessen im Holzhaus. Neben einigen wenigen deutschen Freunden war die Mehrzahl der anwesenden amerikaner jdischer Herkunft. Weil in diesen ersten Tagen weder das Englisch der Gastgeber, noch das Deutsch unserer Gste gut genug war, um uns anspruchsvoll miteinander unterhalten zu knnen, unterhielt sich die Gruppe der amerikanischen Gste in ihrer Muttersprache. Ihre Unterhaltung nahm deshalb vermutlich die Richtung an, die sie auch in unserer abwesenheit angenommen htte. Ein Gast aus New y ork hatte angelika beilufig gefragt, wann denn das Haus erbaut worden sei, in dem wir saen. Nachdem angelika mit groer Unbefangenheit 1933 antwortete, gab es eine kleine Pause im Gesprch. Um die entstandene kleine Peinlichkeit zu vertuschen, wechselte der Gast aus New y ork sogleich das Thema. Mit einer gewissen Beliebigkeit fragte er die anwesenden Gste nach dem schicksal ihrer Familien. Es stellte sich erst allmhlich heraus, dass mit ausnahme der Gastgeber alle anwesenden Kinder jdischer Emigranten waren. Vielen ihrer Eltern, Verwandten und Geschwister war die Flucht aus Europa nicht gelungen. sie wurden in den Lagern ermordet. Es waren die spten 70er Jahre. In Westdeutschland war zum ersten Mal eine sozialdemokratische Regierung an der Macht. sie konnte sich sttzen auf den dramatischen Einstellungswandel einer neuen Generation. Es hatte zwar wie in jedem Jahrzehnt der bundesdeutschen Geschichte antisemitische skandale gegeben. Doch immer weniger gaben sie anla, am demokratischen Kern des neuen Deutschland ernsthaft zu zweifeln. Und dennoch. Wie tief muss die Entfremdung gewesen sein, wenn in der eigenen Wahrnehmung wie in der unserer Gste schon bei kleinen anlssen wie der Nennung einer Jahreszahl sich zwischen ihnen und uns eine symbolische Mauer aufbaute, die uns von ihnen trennte. Ich erinnere mich, dass ich verstohlen in den Gesichtszgen der Gste nach jdischen Merkmalen fahndete. Und einer von ihnen gestand mir nach einigen Wochen, dass er in den Physiognomie der anwesenden Deutschen wie in einer Verbrecherkartei (so wrtlich!) gelesen habe. Obwohl das groe Morden dreiig Jahre zurck lag, war Unbefangenheit im Umgang mit dieser Geschichte noch immer unmglich. Und so wrde es lange bleiben. Die jeweilige Befangenheit hngt davon ab, auf welcher seite der Trennlinie man lebt. Wer auf der seite der Tter war, musste stndig gegen die Versuchung ankmpfen, die Vergangenheit zu bagatellisieren. Ich wei nicht, ob es auf jdischer seite die komplementre Neigung gibt, die Vergangenheit zu dramatisieren, wenn das berhaupt mglich ist. Ich hatte damals in den Tagen, als Marcuse im sterben lag, den Eindruck, dass Ricky, seine Frau, alles andere als gelassen war im Umgang mit deutschen rzten, mtern, Polizisten und Zllnern. sie sagte es nie explizit, aber hat mich deutlich spren lassen, dass ihre Ungeduld mit deutschen amtspersonen einem Generalverdacht entsprach. sie hat mich in den letzten Tagen als bersetzer mitgenommen, obwohl ihr Deutsch schon recht passabel war. Und sie gestand mir eines Tages, dass sie nicht meine sprachlichen Dienstleistungen so sehr schtze, als vielmehr mein Einfhlungsvermgen in die autoritren Neigungen der jeweiligen Kooperationspartner. so hat sie allen Ernstes unterstellt, dass die rzte im starnberger Krankenhaus nicht nur inkompetent, sondern auch bsen Willens seien, als sie ihr ankndigten, dass es mit Herbert zu Ende gehe. Vergeblich war auch ihr Versuch, Herbert Marcuse noch auer Landes zu schaffen. so wollte sie partout fr den sterbenden eine sitzreihe in der ersten Klasse einer LufthansaMaschine buchen. Doch weder die Lufthansa, noch irgendeine andere Fluggesellschaft war bereit, den s terbenden ohne rztliches attest zu transportieren. 7. Therapie und Theorie: In dem breiten spektrum von Ttigkeiten und Talenten, denen Ricky neben ihrer sorge fr Herbert Marcuse selbst die grte Bedeutung beima, war die einer Psychotherapeutin. Es war die Ttigkeit als Gruppentherapeutin, die ihr in Berkeley schon vor ihrer Ehe mit dem berhmten Philosophen eine gewisse Prominenz verschafft hatte. Freilich waren Theorie und politische Praxis, die dieser Psychotherapie zugrunde lagen, weit entfernt von dem, was ein Laie sich darunter vorstellt. angelika und ich haben erst spter, nachdem wir lngere Zeit in den Usa gelebt hatten, gelernt, diese Therapie als eine typisch kalifornische Kulturerscheinung zu deuten. angelika wurde mit dieser Therapie gleich in den ersten Tagen von Rickys Prsenz im Holzhaus konfrontiert. Ihr Bild von Ricky wird immer vom dem schock dieser Konfrontation bestimmt sein. sie kam am spten Nachmittag nach Hause und hrte, als sie aus dem Wagen stieg, gellende schreie. sie rannte durch den Garten ins Haus, die Treppe hinauf in das Zimmer, in das sie Ricky und eine Mnchener Freundin einquartiert hatte. Beide Frauen waren in einem Zustand groer Erregung. Gleichwohl entsprach das Ma der Erregung nicht dem Eindruck eines grauenvollen Ereignisses, den angelika vom bloen Hreindruck gehabt hatte. Die Frauen wischten sich mit groen Papiertchern die Trnen ab und putzten ihre Nasen. Ricky sagte mit einer stimme, die von weither kam und zugleich routiniert wirkte: Darf ich Dich bitten, uns nicht zu stren, wir machen gerade, co-counseling. Das war Angelikas erster Kontakt mit der beruflichen Seite Rickys, die, das sollten wir rasch lernen, ihre Identitt ausmachte, bevor sie Herbie kennenlernte. Co-Counseling ist fundamental unterschieden von dem auf die individuelle Person zugeschnittenen medikalistischen Modell der Psychoanalyse und der Verhaltenstherapie. Weil in den Therapiegruppen jeder und jede Therapeut und Patient zugleich ist, ist es eine Gruppentherapie im Wortsinn. Dahinter steckt eine Theorie, die sich bestimmte Motive der kalifornischen antipsychiatrie der 7oer Jahre sowohl auf der Ebene der therapeutischen Technik als auch der Metapsychologie zueigen gemacht hat. strker indes als spontane sympathie war auf meiner seite ein nachhaltiges Unbehagen, das ich gegen Rickys Lesart dieser Therapie und Theorie empfand. Ich konnte ihr folgen bei ihrer Prmisse, dass unsere psychischen Wundmale nicht ausdruck einer individuellen Leidensgeschichte seien; das, was uns psychisch bedrcke, seien auswirkungen von traumatischen Krnkungen, die wir als angehrige unterdrckter Minderheiten in Gestalt von rassistischen, sexistischen oder klassen-spezifischen Verletzungen erfahren haben. Mein Unbehagen richtete sich allerdings gegen Rickys anspruch, dass dieses Konzept eine Lcke im Werk ihres Gatten schliee. Ich wusste aus einem frheren Gesprch bei einem gemeinsamen abendessen bei den Lwenthals in Berkeley, dass Marcuse diesem anspruch seiner Frau mit milder Herablassung begegnete. s eine Theorie sei eine kritische, sagte er knapp. Jeglicher Versuch, den Riss, den der sptkapitalismus in der seele von Menschen hinterlsst, mit einer Therapie heilen zu wollen, sei ein gegen-revolutionres Projekt. Rickys Versuch, seiner Kritik der Freudschen Metapsychologie unmittelbar eine Therapie aufzupfropfen, sei ein Teil des Problems, nicht seine Lsung. Doch unabhngig von dem zwiespltigen Gefhl, das ich gegenber therapeutischer Praxis und Theorie des co-counseling empfand, wurde ich von Ricky in den letzten Tagen Herberts als ihr coach oder ihr therapeutischer Widerpart ausgeguckt. Dabei lernte ich, dass die therapeutische Technik von suggestiver Einfachheit ist. Menschen sind nach dem Bilde dieses ansatzes groe, unermdliche Lernmaschinen, die Freude daran empfinden, die Probleme dieser Welt zu lsen. Selbst belastende Erfahrungen werfen sie nicht aus der Bahn. aber fr jeden Menschen gibt es indes Grenzen des Zumutbaren. aus der Traumatherapie wissen wir, dass es Erfahrungen gibt, die das Reaktionspotential jedes Menschen bersteigen. Eine psychische strung, ein neurotisches symptom entsteht, wenn nach einer schmerzvollen Erfahrung keine Gelegenheit ist, die negative Erfahrung kommunikativ zu bearbeiten. Muster nannten Ricky und ihre Freunde die neurotisch verzerrten Charakterstrukturen, die hinterrcks dafr sorge tragen, dass auch in zuknftigen situationen Erfahrungen in diesem negativen sinne immer wieder reproduziert werden. Dabei wisse die soziologie ganz genau, entlang welcher Linien solche Muster sich bilden. Ein beschdigtes selbstbild treffe man vornehmlich in Gruppen, die wie etwa Frauen, schwarze oder angehrige unterer schichten systematisch diskriminiert wrden. s olche Praktiken wrden noch bis zur Undurchdringlichkeit verstrkt, wenn Institutionen wie Passmter, polizeiliche Verfolgungsbehrden und schulmter diesen Mustern den s chein einer sekundren angemessenheit verliehen. Die Therapie, so Ricky, knne von jedem Laien gehandhabt werden. sie besteht in der Ermutigung, das Leid auszusprechen, es expressiv aus sich herauszuschreien. Dem jeweiligen Therapeuten obliegt es, die Rckhaltlosigkeit dieser Expression zu berwachen. Entgegen der blichen Neigung, ein weinendes, schreiendes Individuum zu trsten und zu besnftigen, muss man darauf achten, dass es nichts bei sich behlt. Der Patient ist hier im strengen sinne nicht ein leidendes Individuum, das sich einem allwissenden und allmchtigen Therapeuten konfrontiert sieht. Vielmehr ist diese co-counseling genannte Therapie eher ein Rezept fr eine demokratische Willensbildung unterdrckter Gruppen. Im schreien, Weinen und Klagen, das die Teilnehmer der Therapie wechselseitig evozieren, melden sich nicht die Qualen einer individuellen Person, sondern die schmerzen der Gattung. Je authentischer ein Individuum seine Qualen aus sich herausschreit, desto mehr befrdert es die Emanzipation des Kollektivs, dem es zugehrt. Dieser therapeutische Imperativ, den leidenden Teil der therapeutischen Beziehung nicht im Wortsinn trsten zu wollen, fiel mir sehr schwer, als Ricky mich in den Tagen, da Marcuse im sterben lag, bat, ihr counterpart zu sein. Nicht nur, dass ich angehriger einer protestantischen Kultur peinlich berhrt war von der ungehemmten Expression von Trauer. Noch schwerer fiel mir, sie jeweils noch zu krasseren Formen der Kundgabe von Trauer zu provozieren. Ricky war ber alle Maen verrgert ber meine Unfhigkeit, mich den therapeutischen Regeln zu fgen. sie hielt mir vor jeder Therapiesitzung einen eindringlichen Vortrag mit der Pointe, dass akte der Trstung und Beruhigung selbst einen Mechanismus darstellen, wie Muster durch repressive Eltern und Erzieher geschaffen und verfestigt werden. aber an dem abend des 29. Juli 1979, der abend des Tages, an dem Herbert Marcuse starb, war ich so sehr im Bann meiner eigenen Gefhle, dass ich trotz aller Ermahnungen alles falsch machte. auf dem Hhepunkt ihrer Trauerklimax angekommen, war ich pltzlich nicht mehr imstande, als ihr coach zu fungieren. Ich musste einfach sagen, was ich dachte. Keine Macht der Welt konnte mich in dieser situation davon abhalten, mir einen eigenen Begriff von Marcuses sterben und Tod zu machen, auch wenn meine uerungen nicht ins therapeutische Erwartungsschema seiner Witwe passten. Ich sagte, ich wisse, dass sie das, was ich zu sagen htte, nicht hren wolle. Ich redete schnell, weil ich a ngst hatte, dass sie mit ihrer messerscharfen Rhetorik zwischen meine stze springen und meinen Redeschwall unterbrechen wrde. Ich knne, so gestand ich ein, ihren Umgang mit Herberts sterben und Tod schwer ertragen. Er sei doch kein Mensch gewesen, der sein Leben nicht gelebt habe. Wirkliche, unertrgliche und existentielle Trauer sei nur legitim, wenn ein Mensch stirbt, der darin gehindert wurde oder nie die Chance hatte, das Potential, das er im Herzen und im Kopf habe, zu entfalten. Gewiss habe er mit vielen Widerstnden und Gegnern sich auseinandersetzen mssen. Doch in den Jahren vor seinem Tod sei er einer der wichtigsten Philosophen und Gesellschaftstheoretiker der Welt gewesen. Ich wrde bei aller Traurigkeit von ihr eine gewisse Dankbarkeit erwarten fr das Geschenk, dass das Leben ihr mit Herberts Liebe, seiner intellektuellen und physischen Prsenz gemacht habe. Mir fielen pltzlich die Stze ein, die Horkheimer in einem Kondolenzschreiben aus anlass des Todes von sophie Marcuse an ihren Witwer geschrieben hatte. Ricky war blass geworden, als ich die stze zitierte. sie entgegnete mir nicht ohne schrfe, dass Herbert ber die Philosophie der Trstung sehr aufgebracht gewesen sei. sichtlich um Fassung ringend, sagte sie, sie respektiere meine sichtweise. Und sie sei glcklich, wenn sie sich eines Tages ein Bild von Herbert zueigen machen knne, das meinem gleichkomme. a ber sie sei eben nicht primr seine wissenschaftliche assistentin oder Hilfskraft gewesen, sondern seine Frau. Ich knne mir wohl nicht ihre angst vorstellen vor der Einsamkeit der kommenden Nchte. sie fhle sich verlassen von dem Mann, der ihr Partner, ihr Geliebter, Vater und intellektueller Leuchtturm gewesen sei. sie wisse nicht, wie ihr Leben jetzt weiter gehen knnte. In den Tagen nach Herberts Tod wohnte Ricky noch im Haus. aber sie war zusammen mit Peter so sehr beschftigt mit der Regelung von Herberts Bestattung und der Rckreise, dass kaum noch Gelegenheit blieb, ber den streit zu reden, der zwischen uns ausgebrochen war. Wir hatten nie mehr die Gelegenheit, darber zu reden. 8. Jenseits der Sklavensprache: In der Nacht zum 29. Juni 1979, die Nacht, als Mar cuse starb, war ich frh ins Bett gegangen. In den Nchten zuvor hatte ich mich bis zum Morgengrauen mit den Gsten unterhalten. Weil ich mich als Gastgeber dazu verpflichtet fhlte, harrte ich als letzter aus und rumte dann die Kche auf, bevor ich todmde ins Bett fiel. Frh am Morgen klingelte im Wohnzimmer das Telefon. Es war Peter Marcuse. sein Vater war gestorben. Peter erklrte ernst und konzentriert, dass man nicht so tun knne, als sei der Tote Privateigentum der Familie. Die erste Pflicht, der die Mitglieder und Freunde der Familie jetzt nachkommen mssten, sei die Informierung der ffentlichkeit. Habermas habe den pragmatischen Vorschlag gemacht, die Presseabteilung des suhrkamp Verlages, in dem die wichtigsten Bcher von Herbert erschienen waren, mit der aufgabe zu betrauen. Peter hingegen wollte dies in Vorwegnahme des Willens von Ricky verhindern. aber die Zeit war knapp. Wenn wir nicht selbst die Initiative ergriffen, wrden es andere tun. schlielich umfasste das Netzwerk von Verwandten, Freunden und angehrigen auch etliche Medienvertreter, die ber Herberts Tod berichten wollten. Peter bat mich deshalb,sofort ein kleines Redaktionskollektiv zu bilden, um einen Text fr die abendnachrichten des Zweiten Deutschen Fernsehens vorzubereiten. Nun waren die meisten, derer ich in der kurzen Zeit nach Herberts Tod habhaft werden konnte, ebenso unerfahren und inkompetent wie ich selbst. berdies war knapp die Hlfte des Redaktionskollektivs nur des Englischen mchtig. Ich hingegen kannte groe Teile der Tradition, kannte Herbert Marcuse persnlich und sachlich und hatte schon Erfahrungen in der Welt der Verlage und der Redaktionsbros gesammelt. so kam es schlielich, dass ich mich mit Bleistift, Radiergummi und Konzeptpapier bewaffnet an der stirnseite des langen Wohnzimmertisches sitzen sah und ein Dutzend augenpaare mich so erwartungsvoll anstarrten, als htte ich den Vorsitz einer internationalen Fachkonferenz. Es stellte sich heraus: Die Idee, unser Kollektiv mit dem schreiben einer Erklrung zu betrauen, war keine gute. Nur die leicht Verrckten, die es zahlreich in Marcuses Gefolge gab, berwanden alsbald ihre scheu, fr die brgerlichen Medien eine Erklrung mitverantworten zu mssen. Verrckt waren diese anhnger Marcuses schon deshalb, weil sie sich aus dem komplexen Weltbezug des Philosophen nur jeweils das heraus pickten, wozu sie einer zuflligen biographischen Prgung zufolge ohnehin eine gewisse Affinitt hatten. In kurzer Zeit war der Wohnzimmertisch im Holzhaus Ort einer art babylonischer sprachverwirrung. Die einen sahen das Zentrum seiner Theorie im Marxismus, die anderen mochten ihn nur als Kritiker des sowjetischen Marxismus durchgehen lassen. Eine amerikanerin aus Cornell wollte Marcuse noch posthum die Ehrenmitgliedschaft in der feministischen Bewegung antragen. Ein Freund und Bewunderer Rickys wrdigte Herberts Beitrag zur Revision des Verhltnisses von sozialer Theorie und Psychoanalyse. Und ein Germanist aus New y ork wollte nur die neueren sthetischen arbeiten gelten lassen. Die praktische Konsequenz dieser art zu denken und zu schreiben war schlicht, dass der fr die abendnachrichten geplante Text in seiner Rohfassung ungefhr den fnffachen Umfang hatte, den Peter fr die Erklrung empfohlen hatte. Jeder Versuch, den Text um einzelne a spekte zu krzen, rief sofort den Protest dessen herbei, der ihn vorgeschlagen hatte. Der nicht ohne Hohn gemachte Vorschlag, meine generalistischen Passagen zu streichen, hatte zur Folge, dass der Text sofort in seine Teilaspekte zerfiel. Inzwischen war die Hlfte der Zeit, die wir zur Verfgung hatten, verstrichen. Bis zu den abendnachrichten blieben noch zwei s tunden. Nach dem Hinweis auf die knappe Zeit schwiegen alle fr einige sekunden. Das schweigen ging in ein Lauschen ber. Denn aus der Diele, nur durch die Kche vom Wohnzimmer getrennt, kam der Klang einer stimme, die alle kannten. Es war die leicht heisere, sirrende stimme von Rudi Dutschke. Dutschke war schon vor drei Tagen hier gewesen, musste aber wieder nach Berlin zurck. Jetzt war er auf einen anruf von Peter, der ihn vom Tod Herberts unterrichtete, zurck nach starnberg geeilt. Marcuse und Dutschke waren durch eine tiefe Freundschaft verbunden. Von auen besehen war es eine Freundschaft, die sich aus geradezu unwahrscheinlichen Affinitten ergab. s ie waren trotz ihres groen altersunterschieds gleichermaen charismatische sprecher der internationalen studentenbewegung. Wie andere Revolutionre auch waren sie im Lande ihres Ursprungs nicht wohl gelitten. Marcuse hatte zusammen mit anderen Mitgliedern der Frankfurter Schule 1933 vor den Nazis fliehen mssen. Dutschke wurde 1968 Opfer eines attentats, an dessen sptfolgen er dann 1979 starb. Dieses attentat war nur der Gipfel einer ganzen serie von Drohungen und Einschchterungen, die nicht nur von Privatpersonen kamen, sondern auch von Vertretern der Exekutive und der Boulevardpresse. Wahlverwandt waren Marcuse und Dutschke auch durch die hnlichkeiten ihrer theoretischen und politischen Position. Beide pldierten fr einen humanen und demokratisch geluterten s ozialismus. Beide waren aus unterschiedlichen biographischen Grnden schrfste Kritiker des institutionalisierten Marxismus, sei er sozialdemokratischer oder bolschewistischer Provenienz. Beide waren sich einig in der Kritik sektiererischer strmungen in der studentenbewegung. Beide waren von ihrer Herkunft her Brandenburger und durch die politische Kultur der stadt Berlin unverkennbar geprgt. Und beide starben innerhalb der zweiten Hlfte des Jahres 1979. Ich unterbrach sogleich die sitzung, um Freunden und Bekannten Gelegenheit zu geben, Dutschke zu begren. Natrlich fragte er nach dem sinn und Zweck der eigentmlichen Versammlung. Die Bitte, uns doch mit seiner politischen und medialen Erfahrung zu untersttzen, mussten wir gar nicht ussern. Die Zeit, die Dutschke auf Ricky und Peter zu warten hatte, die offenkundig in Verhandlungen mit dem Beerdigungsinstitut standen, wolle er gern nutzen, um die Erklrung zu schreiben. Ich las ihm unsere Notizen vor, brigens mit stockender Stimme, weil mir erst im Akt des Vorlesens meine Hilflosigkeit so recht deutlich wurde. In einer Pause, die ich mir nahm, um einen Rest vom kalt gewordenen Tee zu trinken, unterbrach Dutschke mich rde. Er sagte zur Charakterisierung des Textes nur kurz sklavensprache. Das sei alles akademisches Eiapopeia, ausdruck des vorauseilenden Gehorsams gegenber den herrschaftlichen Instanzen der Gesellschaft. Er formulierte aus dem stand einen Gegenentwurf. Leider ist die Mitschrift der von ihm verfassten Erklrung nicht mehr auffindbar. Ich kann nur noch sinngem zitieren: Herbert Marcuse war ein deutsch-jdischer Philosoph, der zusammen mit seinen Weggefhrten von den Nazis 1933 aus Frankfurt verjagt wurde. Er sei ein radikaler Mensch gewesen, der sein ganzes theoretisches und politisches Leben der Realisierung der Freiheit und besonders den dafr erforderlichen materiellen Bedingungen gewidmet habe. Das Wort der Utopie habe bei ihm nie jenen denunziatorischen Beiklang gehabt, der ihm in der ffentlichen Rede neuerdings anhafte. Ein Leben in Wrde und materieller sicherheit fr jeden sei mglich. Herrschaft im sptkapitalismus bestnde eben darin, diese Wahrheit zu unterdrcken. Zum ersten Mal in der Geschichte der Gattung htten die technische und die konomische Entwicklung ein Niveau erreicht, das ein Leben in Wrde und Freiheit fr alle Mitglieder der menschlichen Gemeinschaft mglich mache. Zugleich sei die Politik in der ganzen Welt darauf konzentriert, die Menschen durch immer perfekter werdende autoritre Kontrollen davon abzuhalten, diese weltgeschichtliche Chance zu erkennen und praktisch zu ergreifen. alle standen auf und klatschten Beifall. Es war mehr eine Rede gewesen als ein redaktioneller Beitrag. Es war nicht nur die spontaneitt seines auftretens, sondern die eigentmliche aura des Beschdigten, die seinem Beitrag den nachhaltigsten Eindruck sicherte. Eine Freundin hat dann die Rede Dutschkes mit seiner Hilfe aufgeschrieben und an die Tagesschau-Redaktion telegraphiert. Um 20 Uhr saen wir dann alle voll spannung vor dem Fernsehgert. Die erste Nachricht, die zusammen mit einem Bild und einem kurzen Film von dem FU-Kongress kam, war dem Tode von Herbert Marcuse gewidmet. Es war eine faire und ausgewogene Berichterstattung. Der konservative standardvorwurf, Marcuse habe der RaF in die Hnde gespielt, wurde gar nicht erwhnt. Doch Dutschkes Redebeitrag war nicht dabei. Im Laufe des abends gab es dann die Wiederholung einer vor einem Jahr gesendeten Dokumentation ber das Leben, das Werk und die politische Wirkung von Herbert Marcuse. Ihr a utor war der damals noch jugendliche Ulrich Wickert, der spter fr lange Jahre Moderator der Tagesthemen werden sollte. Ulrich Wickert war und ist ein Exempel fr eine Generation von 68ern, deren Karriere Zeugnis dafr ist, dass es ein richtiges Leben im falschen geben kann. aber auch dieser kluge Redakteur konnte sich am Ende der sendung die Geste eines populistischen Realismus nicht verkneifen, indem er an Marcuse mit augenzwinkern, das an seine Zuschauer adressiert war, die Frage richtete, ob er, kritischer Geist, der er sei, denn tatschlich an die Existenz von Ideen glaube. Diese Sequenz des Dokumentarfilms war bei einem Spaziergang vor einem Jahr an der Kste Kaliforniens aufgenommen worden. Die sonne war gerade am Horizont verschwunden, der Wind hatte nachgelassen und die Brandung hatte sich etwas beruhigt. Erst jetzt fand das auge des Betrachters die Ruhe, um das schne spiel der Farben wahrzunehmen, das die sonne noch nach ihrem Untergang mit den Wolken trieb. Herbert Marcuse blieb stehen, wies irgendwie mde auf das spiel der Farben am Horizont und sagte dann so leise, dass Wickert das Mikrophon ihm ganz nah unter die Nase halten musste: Wie verblendet muss man eigentlich sein, wenn man angesichts solcher schnheit an der Existenz von Ideen zweifelt? 9. Die Sterbefeier: ber die sterbefeier fr Herbert Marcuse, die am nchsten Tag in der Nhe des Holzhauses in starnberg stattfand, ist die Quellenlage karg. Neben der leibhaften Erinnerung der Beteiligten gibt es eine Reihe von alten Fotos, die seit einigen Jahren auch im Netz einsehbar sind. Die Feier fand statt auf einer Lichtung im angrenzenden Wald. Zu dieser Lichtung gelangt man auf einem Trampelpfad, der ber einen vermoderten Zaun in den lichten Wald fhrt. Dort stellten sich die etwa zwanzig Trauernden unter der zwar freundlichen, aber bestimmten autoritt Rickys zu einem Kreis auf. Fr Nordeuropa vor der Klimakatastrophe war es ein durchschnittlich warmer sommertag. Der Lichteinfall in den Bumen, den man auf den Fotos erkennt, zeigt, dass die Feier am spten Nachmittag stattfand. Fr einen zuflligen Beobachter, der pltzlich in die szene im Wald geplatzt wre, wre kaum ersichtlich gewesen, um welch ein Ritual es sich handelte. Die Kleidung jedenfalls htte keinen Hinweis gegeben. Mit ausnahme von Jrgen Habermas, der ein Jackett mit weiem Hemd und schwarzer Krawatte trug, waren alle anderen leger gekleidet, so als wollten sie den sakralen anlass der denkwrdigen Veranstaltung dementieren. Mit einem gewissen Befremden registrierte ich, dass Ricky ein Kofferradio in stellung brachte. seinerzeit nannte man diese riesigen Kisten Ghetto-Blaster. Marcuse hatte sich in mehreren Interviews, ohne Rcksicht auf politische Korrektheit, oft mokiert ber die schwarzen, die in ihren Ghettos diese drhnenden Musikmaschinen auf ihren schultern spazieren fhrten. Doch Ricky hatte zur Erffnung und zum abschluss der sterbefeier geplant, den berhmten Kanon von Pachelbel in D-Dur fr streicher abzuspielen. Der Kanon, von dem ein gutes Dutzend an Bearbeitungen existiert, wird durchweg bei Beerdigungen gespielt. als die letzten Takte des Kanons verklungen waren, begannen die Reden. Dutschke kommentierte einen Text von Robert Kurz, Harold las aus Ingeborg Bachmanns sonnenschiff. Osha Neumann, der ltere stiefsohn von Marcuse, liess bis zuletzt offen, worber er sprechen wollte. auch Goethes Gedicht ber allen Gipfeln ist Ruh und Nietzsches alle Lust will Ewigkeit wurden vorgetragen. Moishe Postone und Ricky sprachen Kaddisch. Habermas beschlo die Zeremonie mit einem eindrucksvollen Kommentar ber das s chlukapitel von Marcuses Buch Triebstruktur und Gesellschaft. Michael Neumann ist der jngere stiefsohn von Herbert Marcuse (und der leibliche sohn von Franz Neumann, des berhmten politischen Wissenschaftlers, dem wir eines der besten Bcher ber die politische konomie des Nationalsozialismus verdanken). Michaels Thema auf der sterbefeier war die Permanenz der Kunst, Titel der letzten schrift von Herbert Marcuse. Michael erinnerte in seinem Kommentar an eine oft bersehene Wende im Denken seines stiefvaters. Dieser hatte angesichts der mit Blumen geschmckten Barrikaden des Pariser Mai, angesichts der politischen Grafitti auf den Mauern von West-Berlin und der murals genannten, an Diego Rivera geschulten Wandmalereien geglaubt, dass es kulturelle Formen von Kunst geben knne, die in die Lebenswelt der sptliberalen Gesellschaft eintreten, ohne an systemsprengender Kraft einzuben. Erst in seinem letzten Buch hat er diese ansicht zurckgenommen und das Emanzipationsversprechen der Kunst eng mit ihrer sthetischen Form verknpft. Obgleich Herbert Marcuse nur der stiefvater von Michael und von Thomas war, kann man sagen, dass beide Frchte nicht weit vom Stamm fielen. Beide hatten einen der Charakterzge, die beim stiefvater in harmonischer Ungeschiedenheit koexistierten, radikal ausgebildet. Michael war Philosophieprofessor an der Universitt geworden und reprsentierte somit die akademischen Interessen der beiden Vter. Osha hingegen war ein radical, eine art alternativer Berufspolitiker. Er praktizierte als Rechtsanwalt und vertrat ausschlielich politische Demonstranten, Opfer polizeilicher bergriffe und Obdachlose. Es passt in seinen Habitus, dass er zugleich ein in Berkeley stadtbekannter Knstler, ein Muralist war. Murals sind groflchige, sehr expressive Wandmalereien, in denen Episoden des Kampfes der verelendeten Landbevlkerung gegen Polizei und Militr dargestellt sind. Osha hatte sich spezialisiert auf die Darstellung des Kampfes der s tudenten gegen die kalifornischen Ordnungskrfte. Ricky hatte Osha frei gestellt, ob und worber er reden wollte. Er sprach lebhaft und ohne jede Interpretation von einem Baum in Oaxaca (Mexiko). Der Baum, arbol del tule genannt, steht mitten auf dem zentralen Platz der stadt. Ungewhnlich ist der Umstand, dass der Baum allen Vgeln der stadt Nacht fr Nacht ein Obdach bietet. Tglich exakt um 17 Uhr am Nachmittag (man kann die Uhr danach stellen) versammeln sich Tausende von Vgeln in seinem Gest. Die Bltter und Zweige bilden ein undurchdringliches Dickicht, so dass man die Zahl der versammelten Vgel nur an der Lautstrke ermessen kann. Um 17 Uhr beginnt das lebhafte Gezwitscher, das sich in Minutenrhythmen zu einer ohrenbetubenden Kakophonie entwickelt, die selbst an Markttagen den straenlrm noch bertnt. aber um 18 Uhr (wieder knnte man die Uhr danach stellen) bildet sich der Lrmpegel zurck. Fr einige sekunden schilpt hier und da noch ein einzelner Vogel; vielleicht trumt er schon, oder er kann nicht schlafen. Dann ist es still auf dem Zocalo. Osha verzichtete darauf, seine kleine Geschichte zu interpretieren. Er verlie sich wohl darauf, dass jeder von uns fr sich imstande sein werde, die Geschichte mit je eigenem s inn zu versehen. Peter Marcuse trug dann als letzten akt ein bewegendes langes Gedicht vor, das sein Vater whrend des sterbens seiner zweiten Frau (Inge) geschrieben hatte. Inge Marcuse war sieben Jahre zuvor gestorben. Warum fangen wir an, uns Gedichte zu schreiben? 10. Der Anfang vom Ende der Geschichte: Wer verwundert oder gar emprt die Frage stellt, wie es kommen konnte, dass fr bald zweieinhalb Jahrzehnte niemand den aufenthaltsort der Urne mit Marcuses asche kannte und es deshalb auch keinen Ort gab, wo man des Philosophen htte rituell gedenken knnen, wird keine befriedigende antwort bekommen. am anfang stand das Problem, dass als Ricky nur wenige Jahre nach ihrem Ehemann starb, sich Marcuses sohn Peter nicht hinreichend klar war, dass nun die Verantwortung fr die asche auf ihn bergegangen war. Was folgte, war eine Kette von Zufllen und auch Folge einer gewissen Nonchalance in Fragen der Piett, fr die der Tote sicher am meisten Verstndnis gehabt htte. Die Geschichte der Wiederentdeckung der Urne ist von hnlichen Zufllen begleitet wie ihr Verschwinden. Es war ein Philosophiedozent aus amsterdam namens Michel Meynen, der, angeregt von einem seiner studenten am 19. Dezember im Jahr 2003 an Harold Marcuse eine E-mail schrieb und unverblmt nach dem Ort fragte, wo Herbert Marcuse eigentlich begraben sei. Harold antwortete so prompt, als htte er auf die Gelegenheit gewartet: This is an interesting question. To the best of my knowledge, he was cremated in a ustria, and his ashes are in an urn in New Haven, Connecticut, Usa. They have not been buried. Ill check into this, and let you know if I find out more. In Kopie schickte er die mail auch an seinen Vater Peter. Die Geschwindigkeit, mit der Harold auf die Frage reagierte, war verblffend. Weist sie doch darauf hin, dass er durchaus eine ahnung hatte, dass es die Urne noch gab und es im Familiengedchtnis der Marcuses sogar konkrete Hinweise gab, wo man suchen msste. In seiner antwort besttigte Peter die Vermutung Harolds ber den aufenthaltsort und fragte, ob er ttig werden solle. Warum es gerade dieses anstoes eines namenlosen studenten aus Holland bedurfte, um die Geschichte der vagabundierenden asche zu vollenden, wissen wir nicht. Vielleicht hat es im Laufe der Jahre von 1979 bis zum Jahre 2003 viele solcher a nfragen gegeben, auf die es keine Reaktion gab? Und ebenso wenig wissen wir um den Ort der Urne im kollektiven Unbewussten der Marcuse-Familie. Doch von nun an nahm Harold, der Enkel von Herbert, das Heft in die Hand. Er setzte durch, dass die asche seines Grovaters an einem fr die ffentlichkeit zugnglichen Ort begraben werden und dass dieser Ort Berlin sein sollte. Nachdem die Urne wieder im unmittelbaren Besitz der Familie war, richtete Harold auf seiner website ein Gstebuch ein, um den Debatten der Familie ber die Zukunft der asche ein Forum zu geben. auch etwa 40 akademische und politische anhnger wurden aufgefordert, ihre ansichten und Vorschlge zu bekunden. Unklar ist, welchen stellenwert diese familienexternen Meinungsuerungen fr Harold hatten. Ein einmtiges und entschiedenes Votum der Familie in der einen oder anderen Richtung htte Harold gewiss respektiert. Und es ist zweifelhaft, ob er den gleichen Respekt fr Vorschlge von Freunden aufgebracht htte. Dennoch war ihm die Debatte wichtig. In verschiedenen Briefstellen betont er immer wieder, dass der tote Philosoph zumal nach so vielen Jahren kein exklusiver Besitz der Familie mehr war. Die stellungnahmen in dem Gstebuch sind alles andere als eindeutig. selbst die Frage eines durch die Zeit gelockerten privaten Verfgungsrechts der Familie ber die asche ist Gegenstand einer durchaus kontroversen Diskussion. Gerade ehemalige Kollegen und Weggefhrten Herbert Marcuses htten es lieber gesehen, wenn die Familie ihre Dispositionen nicht-ffentlich und in aller Diskretion getroffen htte. Davon abgesehen gab es eine groe Variationsbreite. Fast jede stellungnahme bezog sich auf den Umstand, dass Marcuse aus Deutschland von den Nazis verjagt worden war. aber die Konsequenzen daraus waren unterschiedlich. Die Meinung Harolds in diesem Punkt ist bekannt. Er betonte, dass es darauf ankme, auf der Welt einen Platz zu finden, wo die anhnger seines Grovaters seiner gedenken knnten: Well, how about we bury them (the ashes, H.D.) somewhere where people can visit them? I think Berlin would be appropiate, and I think there is something fitting in his remains returning there. He was, after all, quintessentially a German intellectual, even if he decided never to return permanently while he was alive. Why give the Nazis the satisfaction of having purged the country even of the remains of some of its finest intellectuals? Hasnt Germany finished its 40 years in the desert? In einem anderen Brief verweist Harold auf die Vernderungen in der politischen Mentalitt der Deutschen. Er vergleicht das zeitgenssische demokratische Bewusstsein mit dem vor 25 Jahren und bekundet die auffassung, dass Deutschland einen Proze politisch-moralischer Luterung hinter sich gebracht habe: The Germans have come a long way in a positive sense from when they drove Herbert and the rest of their unwanted citizens from their country in the 1930s and 40s. When Herbert died in 1979, they had not come nearly as far that is what my own research as a historian is about; so I think I can speak with authority on that Thus I would say it is a time for healing and making whole again. Herbert, angela Davis, and Erica sherover, all went back to study and teach. at that time no lasting bridges were built; Germany was not ready. But now I think the country is Den direkten Kontrapunkt zu dieser Position vertritt seine schwester Irene mit der in der Presseberichterstattung oft zitierten Begrndung: I have rather strong feelings that my grandfather, who was forced to leave his country, should not be returned there, and also that there are already the ashes of enough jews mixed with German soil In der Tat entwickelte sich in den 80er Jahren eine erstaunliche Dynamik in der ffentlichen Reflexion der NS-Vergangenheit in Deutschland. Vieles kam zusammen in dieser Zeit, vor allem ein unbersehbarer Generationswechsel sowohl in der politischen Elite wie im Wahlvolk. Die alterskohorten, die das Nazi-Regime verantwortlich getragen oder stumm ertragen hatten, wurden in der demographischen Zusammensetzung der deutschen Bevlkerung allmhlich zur Minderheit. Die 80er Jahre in der Bundesrepublik waren gespickt mit zeitgeschichtlichen Ereignissen, die der deutschen ffentlichkeit eine eine kollektive Reflexion ber jene zwlf Jahre immer wieder aufntigten. Den entscheidenden Lackmustest auf die stabilitt der westdeutschen Demokratie bildete indes die deutsche Wiedervereinigung. Die innerhalb der liberalen Intelligenz im In- und ausland verbreitete Befrchtung, dass die Vereingung Deutschlands zum auslser eines neuen deutschen Nationalismus wrde, erwies sich als falsch. 11. Die Beerdigung der Asche: Es war ein heier, das ffentliche Leben lhmender sommertag, als im Berliner Osten die sterblichen berreste von Herbert Marcuse auf dem Dorotheenstdtischen Friedhof endgltig zu Grabe getragen wurden. Ein kalendarischer Zufall wollte es, dass Herbert Marcuse, fast auf den Tag genau, vierundzwanzig Jahre zuvor in Bayern gestorben war. Fast wiederum auf den Tag genau 36 Jahre zuvor war er die Zentralfigur auf dem legendren Kongress ber das Ende der Utopie in der Freien Universitt zu Berlin. Im Kontrast zum fast hermetischen schweigen ber den Verbleib seiner sterblichen berreste fanden die Tage vom 16. bis zum 19. Juli 2003 im grellen Licht der massenmedialen aufmerksamkeit statt. Nicht nur die Feuilletons der groen deutschen Tageszeitungen, sondern auch die New y ork Times, Le Monde, El Pais, La Republica berichteten ausfhrlich ber die Umstnde der Beerdigung. Besonders aber die Zeitungen in Berlin, der Tagesspiegel, die Berliner Zeitung, die taz und die WELT berboten sich in atmosphrisch dichten s childerungen. Die unkonventionellen, ja grotesken Umstnde von Marcuses Tod, der Einscherung, die Irrfahrt der Urne und schlielich ihre endgltige Beerdigung auf einem kleinen, zentral gelegenen stdtischen Friedhof, auf dem viele Knstler und Philosophen bestattet sind, waren ein sehr dankbares sujet fr die Kommentatoren der Hauptstadt-Zeitungen. Peter und Harold Marcuse, der sohn und der Enkel, hatten sich bei der suche nach einer wrdigen Grabsttte auf ein Netzwerk von Freunden und Untersttzern verlassen knnen, das sie beide seit der Wende geknpft hatten. Besonders der Kontakt zum Kultursenator Thomas Flierl (von der PDS) erwies sich als sinnvoll. Er hatte Einfluss genug, um dem Philosophen ein Ehrengrab zu verschaffen. Es ist zwar klein, nmlich nur ein Meter im Quadrat, aber der Platz auf dem Dorotheenstdtischen Friedhof ist hnlich knapp wie der Wohnraum im sden Manhattans. Gewhnlichen sterblichen bleibt eine solche Ruhesttte meist versagt. auf den Grabsteinen des kleinen Friedhofs sind hie und da grosse Namen zu lesen: Hegel, Fichte, Brecht, Helene Weigel, Heiner Mller, Rudolf Bahro. angesichts dieser illustren schar kam manchen Journalisten die Rede von einer Rckkehr ins alte sozialistische Europa in den sinn. Nur arno Widmann von der Berliner Zeitung stellte diese suggestive Deutung der letzten Ruhesttte des Philosophen behutsam in Frage. Mit intimer Ortskenntnis schrieb er: sein Grab liegt nicht neben denen von Fichte und Hegel. Er liegt nicht bei Bert Brecht, Rudolf Bahro oder Hans Mayer. Es liegt gegenber dem von Rudi strahl, dem erfolgreichsten Komdienautor der DDR. auf dem Grabstein des im Mai 2001 gestorbenen Rudi strahl steht: ,Lasst uns die nchste Revolution in einem august beginnen. Das htte Marcuse sicher auch gefallen. Peter Marcuse, der sohn des Philosophen, liess es sich nicht nehmen, die Urne mit der asche seines Vaters auf ihrem letzten Weg zu tragen. Das Packpapier, in das sie eingeschlagen war, trug noch die Frachtnummer und den sticker achtung aschenurne piettvoll behandeln. Das Urnenpaket hatte er im Rucksack als Handgepck aus Connecticut nach New y ork mitgebracht. Er berichtete, dass die sicherheitsbeamten am John F. Kennedy-Flughafen in New y ork keinerlei ansto an der Urne nahmen. Die ankunft in Deutschland hingegen gestaltete sich etwas schwieriger. Peter wurde von den Grenzbehrden ebenso behutsam wie streng darauf hingewiesen, dass er die Urne mit der asche nicht eigenhndig zum Friedhof bringen drfe. Weil der deutsche staat den Brgern die Fhigkeit zu einem piettvollen Umgang mit ihren Toten wohl nur begrenzt zutraut, neigt das deutsche Recht dazu, die anverwandten der asche ihrer Liebsten zu enteignen. So schiebt sich zwischen die Lebendigen und die Toten ein Wall von Auflagen, die den Hinterbliebenen deutlich machen, dass der teure Tote ihnen nicht mehr gehrt. brigens haben diese strengen Piettsregeln Geltung in allen Lndern, die im Mittelalter von der Pest gegeielt wurden. Ihren rationalen Kern hat die Piett somit im ansteckungspotential von Leichen. Peter durfte die Urne also sofort nach der ankunft einem autorisierten Bestattungsunternehmer bergeben, der sie dann am nchsten Tag mit dem Leichenwagen zum Friedhof in der Dorotheenstrae chauffierte. Keiner der zahlreichen Zeitungsberichte vergisst die Erwhnung des spektakulren Leichenwagens Marke Cadillac, Baujahr 1957. Mit seiner Fracht teilte der Wagen den eigentmlichen Charme eines Wiedergngers. Der Wagen war schon abgemeldet gewesen. Er wurde eigens fr die Fahrt der asche des Philosophen noch einmal aus dem Berliner Verkehrsmuseum requiriert und flott gemacht. Und auch der alte Cadillac hatte ein bewegtes Leben hinter sich. Er hatte die sterblichen berreste von Marlene Dietrich zu ihrer letzten Heimstatt gefahren. Diese Nachbarschaft htte Marcuse gewi auch gefallen. Freilich war diese letzte Prunkfahrt nicht die Idee der Marcuse-Familie selbst gewesen. Die anmietung des extravaganten Wagens war auf Initiative eines Kamerateams geschehen, das eine umfassende Dokumentation aller Vorgnge um die endgltige Bestattung vorbereitet hatte. Ursprnglich war die Beerdigung fr samstag, den 19. Juli 2003 vorgesehen. sie fand dann kurzfristig einen Tag frher statt, weil die Gewerkschaft der Totengrber ein Verbot der Beerdigung an samstagen durchgesetzt hatte. Es gab keinen Zeremonienmeister, keine absprache ber besondere Rituale und keine traditionsbewhrte Liturgie bei der Grablegung der Urne. Fr kurze Zeit bernahm einfach der Friedhofsangestellte die Initiative. Er klaubte die Urne aus dem Fond des Wagens und ging dann mit wrdigem und gemessenem schritt den kurzen Weg vom Parkplatz bis zum Grab. Ihm folgte planlos und etwas unentschlossen die bunte schar der Familienmitglieder, Politiker, Journalisten und der vielen frheren anhnger. angelika erinnert sich bis heute an ihr Erschrecken ber den Umstand, dass viele seiner schler und Gefolgsleute dank der inzwischen verstrichenen 24 Jahre selbst an der schwelle zum Greisenalter standen; und sie berichtete, dass sie sich die Vorstellung kaum abgewhnen knne, dass die 68er fr immer eine Jugendbewegung seien. Marcuses sohn Peter hielt eine kurze ansprache. Er leitete sie ein mit einem kleinen shakespeare-Zitat: We have come to bury my fathers ashes, we have not come to bury him. Die Wahl des Zitats war rhetorisch geschickt. Denn die Beerdigung der Urne htte leicht als endgltige Grablegung der kritischen Theorie gedeutet werden knnen. allzu leicht htte man sich eine argumentationslinie vorstellen knnen, die die Parallele zieht zwischen dem langen Vergessen der Urne und dem Verblassen des geistig-politischen Vermchtnisses des Philosophen. Das argument war auch nicht aus der Welt zu bringen mit Peters trotziger Versicherung, dass der Kampf gegen Unterdrckung und ausbeutung weitergeht. Manche der a nwesenden fhlten sich wohl an eine hnliche situation erinnert. Einige Jahre zuvor war das in stammheim einsitzende RaF-Mitglied Holger Meins an den Folgen eines Hungerstreiks gestorben. Dutschke, dem bis dahin niemand sympathie fr die strategie des bewaffneten Kampfes htte nachsagen knnen, hatte am Grab von Holger Meins die Faust gereckt und gerufen: Holger, der Kampf geht weiter. Peter Marcuse hatte in vermutlich unbewusster anlehnung an diese Geste gesagt, die Botschaft, die sein Vater den versammelten Weggenossen hinterliee, sei in einem Wort zusammenzufassen und laute weitermachen. Das war brigens das einzige deutsche Wort in seiner auf englisch gehaltenen Rede. Dass er gleichwohl etwas anderes im Blick hatte als Holger Meins und wohl auch Rudi Dutschke, erschlo sich aus der sprache des Krpers. Whrend der gesamten Zeit seiner ansprache hatte er die Hnde in den Hosentaschen. Und selbst als er die Botschaft seines Vaters weitermachen ausrief, ballte er vielleicht die Hnde zu Fusten aber in der Tasche. Mit der Rckkehr der asche Marcuses in die stadt seiner Geburt schloss sich ein Kreis in einem hnlichen sinne wie gem der Hegelschen Geschichtsphilosophie der Geist nach seiner Entusserung wieder zu sich selbst zurckkehrt. Mir fiel nachtrglich ein, bei welcher Gelegenheit ich diese Metapher im Zusammenhang mit Marcuse zum ersten Mal gehrt hatte. Das war in einem Gesprch mit Habermas, in dem er von seinem letzten Kontakt mit Herbert erzhlte. Marcuse konnte schon nicht mehr sprechen, aber er ver


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Prof. em. Helmut Dubiel. Marcuses Asche. Ein Essay, Leviathan, 2010, 269-290, DOI: 10.1007/s11578-010-0077-7