Der postoperative Frühinfekt
Drngt die Zeit?
M.Glombitza Sektion fr Septische und Rekonstruktive Chirurgie, Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Duisburg Trauma und Berufskrankheit Supplement 4 2014 | 435
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Die Erkennung eines Frhinfekts ist und
bleibt in absehbarer Zeit eine klinische
Diagnose. Sie ist vielfach von einer sehr
differenten Einschtzung der Behandler
und der Verdrngung mglicher
Komplikationen, speziell infektiser Art, im
eigenen Krankengut geprgt. Oft fehlen
ein Behandlungskonzept oder gar
-algorithmus fr das Krankheitsbild des
Frhinfekts. Entscheidungen zum
Revisionszeitpunkt, zur Ausdehnung des Eingriffs,
einem Implantaterhalt, -wechsel oder
-entfernung mit Verwendung eines
externen Fixationsverfahrens erfolgen vielfach
wie unter Verwendung eines Wrfels mit
den Seiten: yes, no oder maybe.
Die Ausbildung einer akuten und
spter daraus resultierenden chronischen
Osteomyelitis, infektbedingter
Arthrosen und weiterer septischer
Komplikationen sind gefrchtete und schwer zu
behandelnde Komplikationen, aus welchen
funktionelle Einschrnkungen mit einer
Minderung der Erwerbsfhigkeit
resultieren knnen. Die frhzeitige Erkennung
und konsequente, notfallmige
Umsetzung von Behandlungsmanahmen sind
der Schlssel zur Minimierung bzw.
Vermeidung dauerhafter Folgen.
Die Grnde fr die Ausbildung einer
postoperativen Frhinfektion sind
mannigfaltig. Primre, traumabedingte
Ursachen wie Frakturtyp und -lokalisation,
und hier v. a. offene Verletzungsformen,
begnstigen eine Erregerinokulation mit
Gewebekontamination und letztlich
Infektion. Die Schwere des stets
begleitenden Weichteilschadens und daraus
resultierende Perfusionsstrungen der
betroffenen Knochen- und Weichteilregion sind
in der Initialphase gleichfalls von
herausragender Bedeutung fr das
Zustandekommen einer Infektion.
Systemische Faktoren wie
Diabetes mellitus, Nikotin- und
Alkoholabusus, Adipositas, aber auch Malnutrition,
Durchblutungsstrungen,
Hauterkrankungen, wie z. B. Psoriasis, Immundefizite
und immunsuppressive Therapien
erhhen das Risiko eines postoperativen
Frhinfekts deutlich.
Bei Elektivoperationen frdern v. a.
eine Operationstechnik mit der Wahl
eines ungnstigen Zugangs,
ausgedehnter Freilegung und Deperiostrierung des
Knochens sowie eine iatrogene
Weichteilkompromittierung postoperative
Frhinfektionen. Begnstigt werden diese
gleichfalls durch eine inadquate
Implantatauswahl und v. a. eine mangelhafte
Rekonstruktion der Gewebeschichten,
verbunden mit einer insuffizienten
Weichteilbedeckung des Implantats.
Letztlich sind auch eine unkritische
Indikationsstellung bei
Elektivoperationen, ein zunehmende Personal- und
Ressourcenknappheit sowie gelegentlich eine
Nichtbeachtung von Hygienestandards
fr einen Teil der postoperativen
Frhinfektionen verantwortlich. Ferner trgt ein
rasanter Wandel von
Resistenzentwicklungen, ausgeklgelten
Abwehrmechanismen mit einer steigenden
Erregervirulenz und dem Versagen perioperativer
antibiotischer Therapien zur Problematik
der Frhinfekte bei.
Die Hufigkeit eines postoperativen
Frhinfekts nach Elektiveingriffen wird in der
Literatur mit 12% angegeben [1, 3, 4].
Bei geschlossenen Frakturen betrgt
sie 15%, bei offenen Frakturen wird ihre
Entwicklung in 2,743% der Flle
angegeben [1, 3, 4, 10]. Eine Differenzierung
fr unterschiedliche Implantatarten wie
Schrauben, Platten und deren
Dimensionierung bzw. fr intramedullre
Implantate wird hier vielfach nicht getroffen.
Unbestritten ist die Hufigkeit eines
Frhinfekts an Krperregionen mit einer
geringeren Weichteildeckung:
Sprunggelenk, Ellenbogen, Pilon tibiale und
Kalkaneus sind hufiger als Humerus oder
Femur betroffen.
Eine frhe postoperative Infektion ist
die Folge einer intra- bzw.
perioperativen oder verletzungsbedingten
Gewebeinvasion durch pathogene
Mikroorganismen unter Beteiligung der Weichteile [8],
des Implantats und dessen Lagers und der
Fraktur bzw. Osteotomie [1]. Rein
prinzipiell besteht auch die Mglichkeit einer
hmatogenen Keimaussaat ber einen
wundfernen Infektionsort,
beispielsweise bei einem Harnwegsinfekt, einem
gastrointestinalen Infekt oder einer
Zahnwurzelentzndung, wobei diese
Infektionswege beim Frhinfekt sehr selten sind.
Uneinigkeit besteht ber die
Definition der Zeit, die den Frhinfekt als
Behandlungsentitt beschreibt. Neben
multiplen Literaturangaben gnzlich ohne
zeitliche Angabe beschrieben Br et al. [2]
den Frhinfekt als ein Geschehen, das
innerhalb von 3 Monaten nach einer
operativen Erstversorgung auftritt. Abitzsch et
al. [1] ordneten ihm einen Zeitraum von
4 bis 8 Wochen nach einem Trauma oder
einer operativen Frakturversorgung zu.
Willenegger u. Roth [20] klassifizierten
1986 postoperative Infektionen aufgrund
klinischer Erfahrungen in frhe
(innerhalb der ersten 2 Wochen), verzgerte
(nach den ersten 2 Wochen) und spte
(nach den ersten 10 Wochen) Infekte.
Betrachtet man die Ergebnisse der
Grundlagenarbeiten von Riegels-Nielsen
et al. [11] zu akuten Gelenkinfektionen,
die im Grundmechanismus der
Infektentstehung partiell auch auf
Infektionsgeschehen im Bereich von Implantaten zu
bertragen sind, werden hier rasch
progrediente Vernderungen aufgezeigt, die
innerhalb von 7 Tagen ein Maximum
erreichen und anschlieend in einen
chronischen Infekt bergehen. Untersttzend
sind hier die Grundlagenarbeiten von
Wagner et al. [19] anzusehen, die etwa ab
30 min nach der Erregerinokulation eine
beginnende Adhsion und Bildung eines
Biofilms auf Implantaten aufzeigten.
Erreger Biofilme
Die Erreger eines frhpostoperativen
Infekts unterliegen lokalen und regionalen
Abb. 1 9
Plattenlagerinfekt an der
Klavikula mit ante
perforationem stehendem
Verhalt
Gegebenheiten. Zweifelsohne bedingt
Staphylococcus aureus nach wie vor gut die
Hlfte der Infektionsgeschehen, doch
finden sich regelrecht wellenfrmige
Infektionsepisoden, die zeitweise durch
weitere Staphylokokkenentitten,
Pseudomonaden oder Enterobacteriaceae als
Frhinfektionserreger verursacht sind.
Beim Vorhandensein eines Implantats
bedarf es einer nur geringen kritischen
Keimmasse von 102 Keimen oder auch
weniger, die in Abhngigkeit von den
lokalen Gegebenheiten, wie dem
Sauerstoffangebot, dem pH-Wert sowie den
physiologischen Reparaturmechanismen, zu
einem Frhinfekt fhren kann. Neben
der im Umkreis des Implantats gestrten
Leukozytenmigration [8, 18] findet sich
auf zellulrer Basis eine zustzliche
Gewebedestruktion durch hochaktivierte
polymorphkernige neutrophile
Granulozyten (PMN) sowie T-Effektor-Zellen, die
durch eine gegenseitige Aktivierung eine
weitere Gewebedestruktion bedingen [15,
16]. Andererseits wandern PMN aktiv auf
Biofilme zu, erkennen und binden an
diese, wobei im Frhstadium unter
entsprechender IgG-Beladung (IgG:
Immunglobulin G) sogar deren Zerstrung mglich
ist. Daraus folgerten Wagner et al. [16, 17],
dass gerade frhe Biofilmstadien
erfolgreich bekmpft werden knnen.
Der klinische Befund ist bei der
Diagnostik eines frhpostoperativen Infekts
fhrend. Da dieser selten offensichtlich mit
allen klassischen Zeichen und einem
Verhalt ante perforationem (. Abb.1 )
au (...truncated)