Infektionen der Hand und des Unterarms
Trauma und Berufskrankheit Supplement 3 2014 | 287
-
Infektionen der Weichteile von Hand und
Unterarm gehren zu den tglichen
Herausforderungen des Handchirurgen. Der
Schweregrad der Infektion kann
betrchtlich variieren, und eine beginnende und
lokal begrenzte Infektion im Sinne eines
Panaritiums oder einer Paronychie wird
hufig bagatellisiert. Innerhalb kurzer Zeit
kann sich der Infekt, begnstigt durch
die anatomischen Gegebenheiten an der
Hand, entlang der Palmarfaszie oder der
Beugesehnenscheiden ausbreiten und zu
ernsthaften Komplikationen wie
Gelenkempyemen oder Sepsis fhren.
Am hufigsten treten Infektionen an
Hand und Unterarm nach Verletzungen
mit nachfolgendem Eindringen von
Keimen auf, oft handelt es sich dabei um
Bagatellverletzungen. Jeder Verdacht auf
eine Infektion an der Hand sollte eine
genaue symptomorientierte Anamnese mit
klinischer Untersuchung und
weiterfhrender Labor- und ggf. auch
Rntgendiagnostik nach sich ziehen. Eine
wichtige Rolle spielen auch
Begleiterkrankungen, welche den Verlauf der Infektion
erschweren knnen, wie
Immunsuppression, z. B. durch Kortisondauertherapie,
Gicht, rheumatische
Grunderkrankungen sowie Diabetes mellitus.
Eine adquate operative
Behandlung beinhaltet die chirurgische
Entlastung mittels Inzision,
Weichgewebeexzision bzw. radikalem Dbridement,
Splung und Drainage. Im weiteren Verlauf
schlieen sich eine keimgerechte
Antibiotikatherapie sowie Ruhigstellung und
frhfunktionelle Bebung an. Trotz
adquater und zeitgerechter Therapie lassen
sich dauerhafte Folgeschden nicht
immer vermeiden. Komplikationen durch
Infektionen von Hand- und Unterarm
schlieen Gelenkinfekte (Empyeme) der
Fingergelenke bzw. des Handgelenks ein,
ebenso generalisierte Infektzeichen bis
hin zur Sepsis. Wundheilungsstrungen
gehen v. a. bei Patienten mit
entsprechender Prdisposition und Risikofaktoren
nicht selten mit Nekrosen von Haut und
Weichteilen einher. Falls es zur
Exposition vitaler Strukturen wie Sehnen,
Nerven und Blutgefen kommt, wird im
Regelfall eine Defektdeckung mit Hilfe
plastisch-rekonstruktiver Manahmen,
insbesondere Lappenplastiken, erforderlich.
Im Folgenden werden tiologie und
klinischer Verlauf, Diagnostik und
Therapie von Infektionen an Hand und
Unterarm ebenso detailliert beleuchtet wie
Outcome, Komplikationen und deren
Management.
tiologie und klinischer Verlauf
Der Auslser einer Handinfektion lsst
sich nicht in jedem Einzelfall mit
letzter Sicherheit eruieren. Zumeist liegt
allerdings eine Verletzung der Hand durch
Schnitte, Stiche,
Fremdkrperinokulationen (z. B. Holzspreiel, Dorn,
Metallsplitter), Bissverletzungen, v. a. durch Hunde,
Katzen, aber auch Menschen, zugrunde.
In derartigen Fllen sind je nach
Lokalisation der Verletzung eine genaue
Funktionsprfung von Beuge- und
Strecksehnen und die Evaluation der Sensibilitt
mittels 2-Punkt-Diskrimination
besonders wichtig, damit Begleitverletzungen
nicht bersehen werden.
Die Hand zeigt einige Charakteristika
im anatomischen Aufbau, die fr das
Verstndnis der Entstehung von
Handinfektionen, insbesondere Handphlegmonen,
unerlsslich sind und die typischen
Ausbreitungswege von der Oberflche in
tiefere Gewebeschichten und von peripher
nach zentral bedingen. Durch eine
Hautlsion werden Keime inokuliert und
gelangen durch vertikal orientierte
Bindegewebssepten auf der Beugeseite rasch von
der Oberflche in die Tiefe. Nach
Durchdringen der Palmarfaszie knnen sie auch
in die Sehnenscheiden penetrieren und
sich ber diese, die dann sozusagen als
Infektstraen dienen, von peripher nach
zentral ausbreiten. Ein schneller
bertritt der Keime auf die tiefen
Hohlhandkompartimente ist ber eine subfasziale
Ausbreitung mglich. Von dort knnen
die Erreger in den Unterarm fortgeleitet
werden, da die tiefen Kompartimente von
Hand und Unterarm miteinander in
Verbindung stehen (. Abb.1 ).
Klinisch zeigen sich die typischen
Zeichen einer Entzndung, die zunchst
lokal begrenzt sind:
F Schwellung,
F Rtung und
F Druckschmerzhaftigkeit.
Abb. 1 8Topografische Verhltnisse der Sehnenscheiden, Faszien und weichgeweblichen Schichten an beugeseitigem
Unterarm und der Hohlhand, aufgrund der Kommunikation dieser Rume schnelle Ausbreitung von Infektionen mglich.
(Aus [4], mit freundl. Genehmigung von Thieme)
Abb. 2 8 Charakteristisches Bild einer eitrigen Handphlegmone nach
Hundebissverletzung im Bereich der ellenseitigen Mittelhand mit Affektion des
5. Mittelhandknochens (weier Pfeil) und sich entleerendem eitrigem Sekret
(grauer Pfeil), Strecksehnen mit einem Haken beiseite gehalten:
bestehende Indiaktion zum radikalen Dbridement einschlielich Synovialektomie
der Strecksehnen
Eine Fluktuation kann eine subkutane
Eiteransammlung nahelegen. Bei weiter
fortgeschrittener Infektion finden sich
F Lymphangitis,
F Lymphadenitis,
F Fieber und
F ein ausgeprgtes Krankheitsgefhl.
Bei Beteiligung der Beugesehnenscheiden
wird der Finger des betroffenen Strahls in
Schonhaltung flektiert gehalten. Dessen
passive Streckung induziert beim
Patienten einen heftigen Schmerz und muss als
fr eine Beugesehnenscheidenphlegmone
hochverdchtig gelten. Diese bedarf einer
operativen Revision. Da die
Beugesehnenscheiden des Daumens und des
Kleinfingers kommunizieren, findet sich
gelegentlich eine
Beugesehnscheidenphlegmone mit Beteiligung des Daumen- und
Kleinfingerstrahls, die als V-Phlegmone
bezeichnet wird [4].
Auf das Vorhandensein eines axialen
Kompressionsschmerzes von
Fingergelenken oder des Handgelenks als
dringendem Hinweis auf das Vorliegen eines
Gelenkempyems ist besonders zu achten. Im
Zweifelsfall ist intraoperativ die
Gelenkrevision mit Inspektion und ggf. Drainage
eines affektierten Gelenks indiziert.
Bei lnger dauerndem Verlauf und
konservativer Therapie, insbesondere bei
frustraner konservativer Therapie unter
Antibiotikagabe, ist die potenzielle
kncherne Beteiligung in Betracht zu ziehen.
Hier sollte auf jeden Fall die
rntgenologische Abklrung mittels
konventioneller Rntgenaufnahmen, falls erforderlich
auch MRT (Magnetresonanztomografie)
Zusammenfassung Abstract
Trauma Berufskrankh 2014 16[Suppl 3]:287291
Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2014
DOI 10.1007/s10039-014-2094-2
O.Bleiziffer M.Sauerbier
Infektionen der Hand und des Unterarms.
Beuge- und Strecksehnen
Infections of the hand and forearm. Flexor and extensor tendons
und CT (Computertomografie) erfolgen,
um ggf. eine Osteomyelitis zu
detektieren, die durch charakteristische
Osteolysen als Nachweis einer fortgeschrittenen
Knochendestruktion imponiert.
Neben der berwiegenden
Genese durch Schnitt- und
Stichverletzungen knnen auch Bissverletzungen durch
Tiere, v. a. Hunde und Katzen, aber auch
Menschen, zu einer Infektion an Hand
und Unterarm fhren. Diese stellen einen
Sonderfall und eine besondere
Herausforderung fr den klinisch ttigen Arzt
dar, da einige Besonderheiten zu
beachten sind. Zum einen kann durch das
etwas abweichende Keimspektrum die
antibiotische Behandlung aufgrund
auftretender Resistenzen problematisch sein, v. a.
bei Plegmonen durch Ka (...truncated)