Psychotraumatologie des Kindes- und Jugendalters

Trauma und Berufskrankheit, Oct 2014

Background In cases of physical trauma in childhood and adolescence, psychological sequelae should always be taken into consideration. Diagnostics and therapy In cases of persisting psychovegetative (somatoform) hyperarousal, avoidance of trauma-associated situations and reliving the traumatic incident, a child or adolescent psychiatrist should be consulted for symptom-oriented diagnostics and when necessary a trauma-focused therapy. The parents should be closely involved in the therapy. Conclusion Early diagnosis and if necessary treatment of psychological symptoms resulting from physical trauma are essential in order to identify a posttraumatic stress syndrome or even to be able to avoid its development.

A PDF file should load here. If you do not see its contents the file may be temporarily unavailable at the journal website or you do not have a PDF plug-in installed and enabled in your browser.

Alternatively, you can download the file locally and open with any standalone PDF reader:

https://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2Fs10039-014-2120-4.pdf

Psychotraumatologie des Kindes- und Jugendalters

Psychotraumatologie des  Kindes- und Jugendalters Spezielle Verletzungsformen und Rehabilitation - Während und kurz nach dem Ereignis treten zunächst häufig große Angst, Hilflosigkeit sowie aufgelöstes, verstörtes, unorganisiertes Verhalten auf und der Betroffene befindet sich oft in einem Zustand der hyperfokussierten Aufmerksamkeit (sog. Tunnelblick). Als Sonderfall kann es bei einigen Personen zur Dissoziation kommen, bei der durch eine massive Ausblendung der Realität ein nach außen scheinbar ruhiges Verhalten auffällt. Eine Befragung von Klinikärzten an 281 deutschen Kliniken mit unfall- oder verbrennungschirurgischem Schwerpunkt [3] ergab, dass ein Großteil der Patienten nach einem Trauma posttraumatische und komorbide psychische Symptome, wie depressive Verstimmtheit, psychovegetative Symptome, Albträume und auffällige Erinnerungslücken zeigte. Klingen solchen Symptome innerhalb von 48 h wieder ab, spricht man von einer akuten Belastungsreaktion (ICD-10: F43.0). Kommt es dagegen nach einem belastenden Lebensereignis innerhalb 1 Monat und während eines Zeitraums von höchstens 6 Monaten zu einer emotionalen Beeinträchtigung und Behinderung sozialer Funktionen und Leistungen, liegt eine Anpassungsstörung (ICD-10: F43.2) vor. Eine posttraumatische Belastungsstörung (ICD 10: F43.1) besteht definitionsgemäß bei folgenden Symptomen: F Wiedererleben (Flashbacks, anhaltende lebendige Erinnerungen, sich wiederholende Träume), F Vermeidung von Aktivitäten und Situationen, die eine Erinnerung an das Trauma wachrufen, F psychovegetative Übererregung (Einund Durchschlafstörungen, Reizbarkeit und Wutausbrüche, Konzentrationsschwierigkeiten, Hypervigilanz). Prävalenz, Risikofaktoren und Neurobiologie Untersuchungen zufolge liegt nach Verkehrsunfällen die Prävalenz der akuten Belastungsstörung und der PTBS nach 1 Monat bei je 30% und nach 1/2 Jahr bei je 13% [8]. Ähnliche Befunde ergaben sich auch für Kinder mit Brandverletzungen [7]. Als Risikofaktoren für das Auftreten einer PTBS stellten sich in einer Metaanalyse [2] die subjektiv erlebte Lebensbedrohung während des Unfalls, das psychische Befinden der Eltern nach dem Unfall, das Vorliegen eines Schädel-HirnTraumas, eine vorbestehende psychische Beeinträchtigung, weibliches Geschlecht, ein niedriger Intelligenzquotient und ein niedriger sozioökonomischer Status heraus. Auch die Art des Traumas scheint eine Rolle zu spielen. So haben Menschen nach sexuellen Übergriffen oder wiederholten Traumatisierungen ein größeres Risiko, eine PTBS zu entwickeln. Im Modell der gestörten Informationswahrnehmung [4] geht man davon aus, dass ein als (lebens-)bedrohlich eingeschätztes Ereignis eine adäquate Stressregulation verhindert und es so zu einer Überaktivierung der emotionalen Steuerungszentrale des Gehirns (Amygdala) kommt, während andere Bereiche mit emotionsregulierender Funktion (z. B. präfrontaler Kortex) unteraktiviert sind. Als Folge können emotional aufgeladene Erinnerungen nicht adäquat eingeordnet und verarbeitet werden. Auslösereize, die die Betroffenen an das traumatische Ereignis erinnern, können zu den oben beschriebenen Symptomen führen. Implikationen für den klinischen Alltag Aus den oben aufgeführten Entstehungsmechanismen einer PTBS ergeben sich Implikationen für den Ersthelfer am Unfall-/Ereignisort. Um die emotionale Zusammenfassung · Abstract Trauma Berufskrankh 2015 · 17[Suppl 1]:184–186 © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2014 DOI 10.1007/s10039-014-2120-4 K.B ühren Psychotraumatologie des Kindes- und Jugendalters. Hilfreiche Fakten und praktische Tipps für den chirurgischen Alltag Psychotraumatology of childhood and adolescence. Helpful facts and practical tips for the surgical routine Steuerungszentrale direkt nach dem Trauma nicht zusätzlich zu triggern, sollte dem Betroffenen mit einem freundlichen Gesicht begegnet werden. Wichtig ist es, in dieser Phase zunächst einmal die Grundbedürfnisse (Durst, Hunger, Wärme, Zuwendung) zu stillen. Für diese Interventionen sind keine fachlichen Kenntnisse notwendig. Dennoch können sie bereits erheblich dazu beitragen, die Entwicklung einer PTBS zu verhindern. Im weiteren Verlauf der medizinischen Versorgung, z. B. während der stationären Behandlung, kann eine frühzeitige und ausreichende Schmerzlinderung (v. a. auch bei Kindern mit Verbrennungen) einer PTBS vorbeugen. Außerdem sollte während des Krankenhausaufenthalts auf eine altersgerechte Infrastruktur, die Präsenz von engen Bezugspersonen und eine altersentsprechende Vorbereitung auf belastende Interventionen geachtet werden, um zusätzliche Traumatisierungen zu vermeiden. Da die psychische Verfassung der Eltern ein wichtiger protektiver Faktor zur PTBS-Vermeidung ist, sollte man ihnen besondere Beachtung schenken. Im Rahmen der Psychoedukation erhalten die Eltern theoretisches Wissen zur Symptomatik ihres Kindes, um diese als so etwas wie eine normale Reaktion auf ein unnormales Ereignis einordnen zu können. Weiterhin sind praktische Tipps zum Umgang mit der Problematik sinnvoll. So ist es wichtig, möglichst zeitnah wieder einen normalen Alltag herzustellen, wie Besuch von Freunden, Besuch der Klinik- oder Heimatschule usw [5]. Sollten die Symptome über mehrere Wochen persistieren, ist dringend eine Vorstellung beim Kinder- und Jugendpsychiater anzuraten. Da Studien ergaben, dass die Rate psychischer Störungen bei Eltern von intensivmedizinisch behandelten Kindern in der akuten Krankheitsphase bis zu 30% betragen kann [1], sollten bei Bedarf auch deren psychiatrische Diagnostik und ggf. psychotherapeutische Behandlung in Betracht gezogen und eingeleitet werden. Zusammenfassung Hintergrund. Bei einem körperlichen Trauma im Kindes- und Jugendalter sollten immer auch psychische Traumafolgestörungen bedacht werden. Diagnostik  und  Therapie. Bei Persistenz von psychovegetativer Übererregung, Vermeidung von traumaassoziierten Situationen und Wiedererleben des traumatischen Ereignisses sollte ein Kinder- und Jugendpsychiater zu einer symptomorientierten Diagnostik und ggf. traumafokussierten Therapie hinzugezogen werden. Die Eltern sollten eng in die Behandlung mit einbezogen werden. Abstract Background. In cases of physical trauma in childhood and adolescence, psychological sequelae should always be taken into consideration. Diagnostics  and  therapy. In cases of persisting psychovegetative (somatoform) hyperarousal, avoidance of trauma-associated situations and reliving the traumatic incident, a child or adolescent psychiatrist should be consulted for symptom-oriented diagnostics and when necessary a trauma-focused therapy. The parents should be closely involved in the therapy. Diagnostik und Behandlung der PTBS Weder von der Art noch der Schwere des Traumas kann darauf geschlossen werden, ob Betroffene eine PTBS entwickeln. Um die Symptomatik weder zu pathologisieren noch eine behandlungsbedürftige PTBS zu übersehen, sollte bei Persistenz der Traumafolgesymptomatik zunächst eine störungsspezifische kinder- und jugendpsychiatrische Diagnostik erfolgen. Je nach Ausprägung und Symptomkonstellation sollte bei Bedarf eine symptomorientierte oder auch traumafokussierte Therapie durchgeführt werden. Deren vorrangige Ziele sind die Reduktion traumaspezifischer Ängste, die Konfrontation mit vermiedenen Gedanken und Situationen/Orten, die Veränderung irrtümlicher Resümee. Eine frühzeitige Diagnostik und ggf. Behandlung bei psychischen Symptomen in der Folge eines körperlichen Traumas sind essenziell, um eine posttraumatische Belastungsstörung erkennen oder deren Entstehung sogar vermeiden zu können. Schlüsselwörter Kinder · Jugendliche · Psychotrauma · Posttraumatische Belastungsstörung · Traumatherapie Conclusion. Early diagnosis and if necessary treatment of psychological symptoms resulting from physical trauma are essential in order to identify a posttraumatic stress syndrome or even to be able to avoid its development. und belastender Gedanken (z. B. Überschätzung aktueller und künftiger Gefahren) und die Korrektur von Denkfehlern (z. B. „Ich bin schuld“). Am besten durch Studien evaluiert ist derzeit die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie [6], weniger Daten liegen für die EMDR („eye movement desensitization and reprocessing therapy“) vor [10]. Medikamente können für die Behandlung der PTBS grundsätzlich nicht empfohlen werden. In der Akutphase können ggf. über einen sehr begrenzten Zeitraum Tranquilizer sinnvoll sein, auf deren langfristige Anwendung sollte wegen der Suchtgefahr aber auf jeden Fall verzichtet werden. Nach fachärztlicher Einschätzung kann in Einzelfällen auch eine Behandlung von depressiven und ängstlichen Symptomen mit selektiven Serotoninwiederaufnahmehemmern sinnvoll sein. Eine medikamentöse Behandlung kann jedoch in keinem Fall eine psychotherapeutische Therapie ersetzen. Fazit für die Praxis F Bei  körperlichem  Trauma  sollte  immer  auch  an  das  Vorliegen  eines  Psychotraumas  gedacht  werden. F Ein  akutes  Psychotrauma  allein  stellt  keine  Behandlungsindikation  dar.  Daher  sollte  im  Verdachtsfall  ein  Kinder-  und  Jugendpsychiater  hinzugezogen  werden. F Eine  adäquate  Unterstützung  und Einbeziehung  der  Eltern  sind  essenziell,  da  ihre  psychische  Verfassung  ein  wichtiger  prognostischer  Faktor  zur  Vermeidung  einer  PTBS  ist. Korrespondenzadresse Dr. K. Bühren Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Uniklinik der RWTH Aachen, Neuenhofer Weg 21, 52074 Aachen Einhaltung ethischer Richtlinien Interessenkonflikt. K. Bühren gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht. 1. Balluffi A , Kassam-Adams N , Kazak A et al ( 2004 ) Traumatic stress in parents of children admitted to the pediatric intensive care unit . Pediatr Crit Care Med 5 : 547 - 553 2. Cox CM , Kenardy JA , Hendrikz JK ( 2008 ) A metaanalysis of risk factors that predict psychopathology following accidental trauma . J Spec Pediatr Nurs 13 : 98 - 110 3. Flatten G , Erli HJ , Hardorfer V et al ( 2002 ) Psychological trauma in trauma medicine - the current status of psychological management of trauma victims in Germany . Unfallchirurg 105 : 231 - 236 4. Flatten G , Schiepek G , Hansch G et al ( 2003 ) Die Wirkung von traumatischem Stress auf biopsychische Selbstorganisationsprozesse . Psychotherapeut 48 : 31 - 39 5. Kassam-Adams N , Marsac ML , Hildenbrand A , Winston F ( 2013 ) Posttraumatic stress following pediatric injury: update on diagnosis, risk factors, and intervention . JAMA Pediatr 167 : 1158 - 1165 6. Kowalik J , Weller J , Venter J , Drachman D ( 2011 ) Cognitive behavioral therapy for the treatment of pediatric posttraumatic stress disorder: a review and meta-analysis . J Behav Ther Exp Psychiatry 42 : 405 - 413 7. Landolt MA , Buehlmann C , Maag T , Schiestl C ( 2009 ) Brief report: quality of life is impaired in pediatric burn survivors with posttraumatic stress disorder . J Pediatr Psychol 34 : 14 - 21 8. Olofsson E , Bunketorp O , Andersson AL ( 2009 ) Children and adolescents injured in traffic - associated psychological consequences: a literature review . Acta Paediatr 98 : 17 - 22 9. Remschmidt H , Schmidt MH , Poustka F ( 2012 ) Multiaxiales Klassifikationsschema für psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters nach ICD-10 der WHO: Mit einem synoptischen Vergleich von ICD-10 und DSM-IV . Huber, Bern Stuttgart Toronto 10. Rodenburg R , Benjamin A , Roos C de et al ( 2009 ) Efficacy of EMDR in children: a meta-analysis . Clin Psychol Rev 29 : 599 - 606


This is a preview of a remote PDF: https://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2Fs10039-014-2120-4.pdf

K. Bühren. Psychotraumatologie des Kindes- und Jugendalters, Trauma und Berufskrankheit, 2014, 184-186, DOI: 10.1007/s10039-014-2120-4