Frakturen des Unterarms beim Kind
Kindertraumatologie
Trauma Berufskrankh 2015 · 17[Suppl 1]:83–88
DOI 10.1007/s10039-013-1988-8
Online publiziert: 14. September 2013
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
M. Kertai · B. Reingruber
Klinik für Kinderchirurgie, Klinik St. Hedwig, Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg
Frakturen des
Unterarms beim Kind
Möglichkeiten und Grenzen
unterschiedlicher Therapiemethoden
Der Unterarm stellt die häufigste Frakturlokalisation am wachsenden Skelett dar.
Diese Verletzungen können meist leicht
erkannt werden. Ebenso ist ihre Versorgung technisch häufig einfach und wird
flächendeckend in Kliniken aller Versorgungsstufen durchgeführt. Die große
Problematik dieser Frakturregion stellt
die weit verbreitete Übertherapie dar. Die
genaue Kenntnis und das Vertrauen auf
die Möglichkeiten der spontanen Achskorrekturen im Wachstum sind essenziell, um den betroffenen Kindern unnötige Eingriffe zu ersparen. Im Folgenden
werden die vermeintlich einfachen Frakturen des Unterarmschafts und des distalen Unterarms erläutert.
Frakturen des
distalen Unterarms
Rahmen des vorliegenden Beitrags nicht
weiter eingegangen wird.
Sie stellen im Kindesalter die häufigste Frakturlokalisation überhaupt dar. Im
Wesentlichen können 3 Frakturtypen
unterschieden werden (. Tab. 1):
F die metaphysäre Wulst- oder Stauchungsfraktur,
F die rein metaphysäre Fraktur und
F Frakturen mit Beteiligung der Wachstumsfuge.
Metaphysäre Wulstfraktur
Bei ihr kommt es durch eine axiale Krafteinwirkung zu einer Stauchung der Metaphyse ohne Unterbrechung der Kortikalis.
Bei diesen Verletzungen ist keine wesentliche Achsabweichung vorhanden, und sie
sind stets stabil (. Abb. 1, [12]). Deshalb
benötigen sie nach der Diagnose mittels
Röntgenaufnahmen in 2 Ebenen lediglich
eine Ruhigstellung in einer Unterarmgipsschiene für 4 Wochen bei Kindern über
10 Jahren oder einer Oberarmgipsschiene
für 3 Wochen bei jüngeren Kindern. Die
Konsolidierungskontrolle erfolgt durch
Prävalenz
Darüber hinaus gibt es noch epiphysäre Frakturen mit Gelenkbeteiligung. Diese stellen jedoch eine absolute Rarität dar
und bedürfen einer Versorgung wie beim
Erwachsenen (unter Berücksichtigung
der Wachstumsfuge), weshalb auf sie im
Frakturen am Unterarm stellen mehr als
die Hälfte aller Frakturen am wachsenden
Skelett dar. Von diesen finden sich lediglich etwa 5% (3–7%) im Bereich des problematischen proximalen Unterarms. Etwa
20% (15–20%) betreffen den Unterarmschaft und etwa 2/3 (50–80%) den distalen Unterarm [3].
Bereits die Häufigkeit der Frakturen
lässt vermuten, dass der ihnen zugrunde liegende Unfallmechanismus im Alltag häufig sein muss. Bei der Analyse der
Ursachen von Unterarmfrakturen bewahrheitet sich dies: Mehr als die Hälfte
davon ereignen sich beim Sport und Spielen, während Z. B. Verkehrsunfälle bezüglich der Ätiologie einen nur geringen Stellenwert haben [2].
Abb. 1 8 Distale Radiuswulstfraktur mit dorsaler Einstauchung
Trauma und Berufskrankheit · Supplement 1 · 2015
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Kindertraumatologie
Abb. 2 9 Distale Unterarmfrakturen (von links nach
rechts): komplette Fraktur
von Ulna und Radius; komplette Fraktur des Radius
und Fraktur des Processus
styloideus ulnae; isolierte distale Radiusgrünholzfraktur
das Ertasten des nicht druckdolenten Kallus ohne weitere Bildgebung.
Distale metaphysäre
Unterarmfrakturen
Frakturen der distalen Unterarmmetaphysen können eine große Bandbreite unterschiedlicher Frakturtypen und -kombinationen aufweisen. So können beide Knochen oder aber nur der Radius frakturiert
sein. Ebenso können ein Knochen komplett, der andere inkomplett oder beide in
gleicher Weise betroffen sein (. Abb. 2).
Diese Differenzierungen spielen jedoch
nur bezüglich der Beurteilung der Stabilität, nicht aber zur Feststellung einer Repositionsbedürftigkeit eine Rolle.
Korrekturpotenzial
Abb. 3 8 13 Jahre alter Junge mit in 23° Rekurvationsfehlstellung verheilter distaler metaphysärer
Unterarmfraktur (links), fast vollständiges Remodelling nach nur 1 Jahr (rechts)
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Im Allgemeinen muss jedem Behandler stets bewusst sein, dass die distalen
Unterarmmetaphysen Regionen enormer
Korrekturfähigkeit darstellen und dieses
Potenzial selbst von erfahrenen Kindertraumatologen häufig unterschätzt wird.
Ursache für diese hohe Remodellierungspotenz sind der späte Fugenschluss [4, 6,
8], der hohe Wachstumsanteil der distalen
Fuge (80% des Ulna- bzw. Radiuswachs-
Zusammenfassung · Abstract
Häufigkeitsverteilung der unterschiedlichen distalen Unterarmfrakturen
bei Kindern
Tab. 1
Frakturtyp
Wulst- oder Stauchungsfraktur
Metaphysäre Frakturen
Frakturen mit Fugenbeteiligung
Mischtypen
Häufigkeit (%)
40
20
30
10
tums) und die Bewegung des Handgelenks in allen Ebenen.
Merke. Ab einem Alter von 10 Jahren
wird die Grenzlinie bezüglich der Korrekturpotenz gezogen.
Da ein wesentlicher Bestandteil der
Korrekturpotenz kindlicher Frakturen
vom künftigen Wachstum abhängt, ist
diese bei sehr jungen Kindern am höchsten und bei Adoleszenten am geringsten.
Da es aber nicht möglich ist, leicht verständliche Empfehlungen für jedes Alter
und jeden körperlichen Entwicklungsstand zu geben, wird üblicherweise ein
Alter von 10 Jahren als Grenze definiert.
Bei älteren Kindern stellen Achsabweichungen über 10° eine Operationsindikation dar. Der erfahrene Kindertraumatologe wird beispielsweise auch einen 11-jährigen präpubertären Jungen eher großzügiger konservativ behandeln.
Bei Kindern unter 10 Jahren können
Achsabweichungen bis 40° in Ante- und
Rekurvation sowie 20° in Ulnar- und Radialdeviation belassen werden. Dislokationen bis zu einer gesamten Schaftbreite
werden ebenso korrigiert wie selbst Verkürzungen eines der beiden paarigen Knochen [12]. Letzteres stellt jedoch aufgrund
der deutlichen Instabilität meist dennoch
eine Indikation zur Reposition dar. Bei
den genannten Grenzwerten handelt es
sich nicht um Grenzwerte der Korrekturfähigkeit, sondern sie stellen den Rahmen
eines sicheren therapeutischen Bereichs
dar. Wahrscheinlich könnten noch deutlich stärkere Achsabweichungen bis in ein
höheres Alter toleriert werden (. Abb. 3).
Für Kinder und Jugendliche über
10 Jahre werden 10° Achsabweichung in
allen Ebenen und eine Seitverschiebung
um bis zu 1/3 der Schaftbreite als tolerabel angesehen.
Trauma Berufskrankh 2015 · 17[Suppl 1]:83–88
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
DOI 10.1007/s10039-013-1988-8
M. Kertai · B. Reingruber
Frakturen des Unterarms beim Kind.
Möglichkeiten und Grenzen unterschiedlicher Therapiemethoden
Zusammenfassung
Hintergrund. Frakturen des Unterarms sind
die häufigsten Knochenbrüche im Kindesalter. Prinzipiell kann bezüglich der Lokalisation zwischen Frakturen des proximalen und
des distalen Unterarms sowie des Unterarmschafts unterschieden werden. Letztere –
die Frakturen des distalen Unterarms sowie
des Unterarmschafts – stellen über 90% aller
Unterarmfrakturen dar und werden im vorliegenden Beitrag abgehandelt.
Therapie. Während es bei der Heilung von
Knochen (...truncated)