Sprunggelenkfrakturen des Kindes
Übersichten
Trauma Berufskrankh 2015 · [Suppl 2]:
17:270–274
DOI 10.1007/s10039-015-0001-0
Online publiziert: 18. März 2015
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2015
Ralf Kraus
Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie, Wirbelsäulen- und Kindertraumatologie,
Asklepios Klinik Lich GmbH, Lich, Deutschland
Sprunggelenkfrakturen
des Kindes
Diagnostik, Therapie und
Wachstumsstörungen
Unter den Verletzungen der langen Röhrenknochen im Wachstumsalter machen
Frakturen des distalen Unterschenkels etwa 8 % aus [6]. In Abhängigkeit vom Alter kommen rein metaphysäre Frakturen, Wachstumsfugenlösungen, epiphysäre Frakturen im eigentlichen Wachstumsalter, Übergangsfrakturen und knöcherne Bandausrisse vor. Die typischen
Außenknöchelfrakturen des Erwachsenen sind dagegen vor dem Verschluss der
Wachstumsfugen eine absolute Rarität.
Wie in jeder anderen Körperregion bestimmt die Erstellung einer posttraumatischen Wachstumsprognose das zielgerichtete therapeutische Handeln. Die distalen Wachstumsfugen von Tibia und Fibula tragen ca. 45 % zum Längenwachstum ihrer Knochen bei. Die Integration
wachstumsassoziierter Korrekturprozesse
in das Therapiekonzept kann zu einer stimulativen Wachstumsstörung mit der Folge einer meist milden Beinlängendifferenz
führen. Die Rate hemmender Wachstumsstörungen nach Frakturen im Sprunggelenkbereich ist abhängig von der Fugenbeteiligung und bei Fugenlösungen (SalterHarris I und II) sowie epiphysären Frakturen (Salter III und IV) besonderes hoch.
Hemmende Wachstumsstörungen können
durch therapeutische Maßnahmen nicht
völlig verhindert werden. Die Voraussetzungen für ein unbeeinträchtigtes weiteres
Wachstum lassen sich jedoch verbessern.
Diagnostik
Sprunggelenkfrakturen folgen wie alle
Frakturen im Wachstumsalter stereotypen Verletzungsmustern. Deren Kennt-
nis steht für den Kindertraumatologen
vor jeglicher bildgebenden Diagnostik.
Das Diagnostikum der Wahl ist das konventionelle Röntgenbild in 2 Ebenen. Die
Sonographie hat im Gegensatz zur oberen
Extremität für die Diagnostik und Verlaufsbeobachtung am Sprunggelenk noch
keinen festen Stellenwert. Die Computer- (CT) und Magnetresonanztomographie (MRT) spielen eine untergeordnete
Rolle. Sie sind nicht geeignet, die fehlen
de Kenntnis und ein fehlendes Verständ
nis der altersspezifischen Verletzungsfor
men zu ersetzen. Wer die Fraktur nicht
kennt, wird sie auch im Schnittbild nicht
erkennen und verstehen. Die Strahlenbelastung der CT ist im Einzelfall bei komplexen Frakturen Jugendlicher, die sich
nicht in das Schema der typischen Übergangsfrakturen einfügen lassen, zur The-
Abb. 1 9 14-jähriger Junge. a Grob dislozierte
Wachstumsfugenlösung
Salter-Harris II. b Geschlossene Reposition, perkutane
Kirschner-Draht-Osteosynthese. Knöcherne Konsolidierung nach 6 Wochen
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Abb. 2 9 14-jähriger Junge. a Undislozierte Übergangsfraktur (“two-plane
fracture”). b Ausheilungsbild nach 8 Wochen
rapieplanung gerechtfertigt. Die MRT hat
ihre Stärke zur Detektion „okkulter“ Frakturen, d. h. in Fällen mit frakturtypischer
Klinik ohne röntgenologischen Nachweis [14], bei Verdacht auf eine traumatische Osteochondrosis dissecans [2] und
zur Darstellung der knöchernen Brücke
im Falle einer hemmenden Wachstumsstörung [12].
Metaphysäre Frakturen
Abb. 3 8 4-jähriges Mädchen. Hemmende
Wachstumsstörung 12 Monate nach konservativer Behandlung einer nach kranial dislozierten Innenknöchelfraktur Salter-Harris IV. Es ist
eine Gelenkstufe verblieben und eine knöcherne Brücke über die Fuge entstanden. Die Wachstumsstörung der Tibia und die zunehmende
Überlänge der Fibula führen zu einer Varusfehlstellung
Rein metaphysäre Frakturen sind oft Ver
letzungen des Kleinkind- und Schulalters (Altersgipfel 5–8 Jahre). Inkomplette Frakturen in Form von Stauchungsbrüchen überwiegen. Vollständige Frakturen
sind seltener. Wenn eine Fehlstellung ent
steht, liegt diese meist in der Sagittalebe
ne, die Antekurvation überwiegt. Die Behandlung kann meist konservativ im
Oberschenkelgips durchgeführt werden.
Sollte eine Achskorrektur notwendig sein,
kann diese in Form einer Gipskeilung, im
Einzelfall auch als Reposition in Narkose
durchgeführt werden. Eine operative Stabilisierung ist nur selten nötig. Es kommen dann gekreuzte Kirschner-Drähte
oder eine absteigendende intramedulläre
Schienung infrage. Wachstumsstörungen
spielen keine relevante Rolle [12].
Wachstumsfugenlösungen
Salter-Harris I und II
Wir sehen Wachstumsfugenlösungen als
die am weitesten distal gelegenen metaphysären Frakturen des Unterschenkels an
(„Fugen-Schaft-Frakturen“). Die Literaturangaben sind trotz zahlreicher Studien
sehr unterschiedlich. Das Durchschnittsalter wird einheitlich mit ca. 11 Jahren angegeben. Wachstumsfugenlösungen mit
metaphysärem Keil überwiegen diejenigen ohne in einem Verhältnis von bis zu
8:1. Die Spontankorrekturfähigkeit posttraumatisch verbliebener Fehlstellungen
wird bis zum 10. Lebensjahr mit 20° in
der Frontal- und Sagittalebene angegeben.
Danach wird das Maximum mit 10° in allen Ebenen benannt [12]. Eigene Studien
ergaben, dass die häufigsten Fehlstellungen, Antekurvation und Valgus, in jedem
Lebensalter ab einer Abweichung von 10°
einer Reposition zugeführt werden [8, 9].
Die Rate posttraumatischer, hemmender
Wachstumsstörungen wird in der Literatur extrem unterschiedlich zwischen 2,2
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Zusammenfassung · Abstract
und 50 % angegeben. Im eigenen Patientengut fanden wir 2,9 % korrekturbedürftige Wachstumsstörungen. Risikofaktoren sind der Unfallmechanismus, der primäre Dislokationsgrad, die offene Reposition und mehrfache Repositionsmanöver,
v. a. aber das unzureichende Repositionsergebnis. Entwickelte sich eine Wachstumsstörung, war das Repositionsmanöver schlechter [16], verblieb nach Reposition eine Lücke in der Wachstumsfuge,
kam es in drei Viertel der Fälle zu einer
hemmenden Wachstumsstörung [1]. Bei
gutem Repositionsergebnis kamen hemmende Wachstumsstörungen nur halb so
oft vor wie bei schlechtem. Andererseits
fanden andere Autoren keine vermehrten Wachstumsstörungen bei bleibender
Erweiterung der Fuge, andere empfahlen,
ein Klaffen der Fuge eher zu belassen als
mehrfach zu reponieren [7].
Die Therapie der undislozierten
Wachstumsfugenlösung kann konservativ erfolgen [10]. Wir legen dazu für 10 Tage eine Unterschenkelgipsschiene, zirkulieren danach und lassen, da es sich dem
Charakter nach um Querfrakturen handelt, schmerzadaptiert belasten. Die Ruhigstellungszeit beträgt insgesamt 4 bis
6 Wochen. Dislozierte Frakturen können
meist geschlossen reponiert werden. Die
Fixation erfolgt i.d.R. perkutan durch kaliberstarke Kirschner-Drähte (. Abb. 1).
Große metaphysäre Keile laden zu
Schraubenosteosynthesen ein, die jedoch keine ausreichende, zusätzliche Stabilität mit sich bringen und eine additive
Ruhigstellung nicht vermeiden können.
Eine Osteosynthese der oft distal diaphysär frakturierten Fibula führen wir nicht
durch. Die postoperative Nachbehandlung e (...truncated)