Distale Femurfraktur
Übersichten
Trauma Berufskrankh 2016 · 18 (Suppl 5):S486–S493 Stefanie Fitschen-Oestern · Andreas Seekamp
DOI 10.1007/s10039-016-0201-2
Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, Kiel,
Online publiziert: 5. September 2016
Deutschland
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016
Distale Femurfraktur
Posttraumatische Korrekturen und
Revisionen
Epidemiologie
Frakturen des distalen Femur, entweder
mit oder ohne Beteiligung der Gelenkfläche, entsprechen etwa einem Anteil von
6 % aller Femurfrakturen. Während bei
jungen Patienten der auslösende Mechanismus häufig ein Hochrasanztrauma ist,
gegebenenfalls auch mit einer begleitenden Verletzung der Nerven und Gefäße,
handelt es sich bei den Patienten im höheren Lebensalter in der Mehrzahl um
Frakturen mit wenig auslösender Energie und einem, durch Osteoporose, stark
geschwächten Knochen.
Diagnostik
Die adäquate Diagnostik einer distalen
Femurfraktur schließt die klinische Untersuchung, inklusive der Prüfung der
peripheren Durchblutung, Motorik und
Sensibilität ein. Die bildgebende Diagnostik umfasst zunächst konventionelle
Röntgenaufnahmen in 2 Ebenen, sowie
eine Computertomographie des distalen
Femur und des Kniegelenkes. Bei fraglicher, ligamentärer Verletzung kann gegebenenfalls auch eine kernspintomographische Untersuchung indiziert sein, diese ist jedoch routinemäßig nicht durchzuführen.
Bei Korrektureingriffen ist eine multiplanare Rekonstruktion in jedem Fall
zur operativen Planung erforderlich. Eine
Klassifikation der Frakturen des distalen Femur erfolgt überwiegend nach der
AO-Klassifikation (. Abb. 1), wobei, in
Bezug auf die operative Therapie, zunächst nach der groben Klassifikation extra- und intraartikulär, bzw. intraartiku-
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Trauma und Berufskrankheit · Suppl 5 · 2016
lär einfach und mehrfach, unterschieden
werden kann.
Operative Planung
Für die operative Planung reicht eine grobe Klassifikation zunächst aus, bei Korrektureingriffen ist eine entsprechend feinere Klassifikation, bis in die Untergruppen, vorzunehmen. Bezüglich der Operationstechniken gibt es eine Reihe von
verschiedenen Möglichkeiten, auch die
Auswahl der Implantate ist vielfältig.
Das Prinzip der Winkelstabilität ist,
für die Versorgung der distalen Femurfrakturen, nicht erst mit Etablierung
der minimalinvasiv und anatomisch
vorgeformten Implantate realisiert worden, sondern hat schon eine längere
Tradition. Sie ist schon Thema seit Einführung der sogenannten Klingenplatte
und der dynamischen Kondylenschraube (DCS). Diesen beiden Implantaten ist
gemeinsam, dass über das Implantat eine
winkelstabile Verankerung der Femurkondylen gegenüber dem Femurschaft
erreicht wird. Eine reine Plattenosteosynthese im klassischen Sinne stellt
die Abstützplatte dar. Diese ermöglicht
jedoch keinerlei winkelstabile Verankerung. Ein winkelstabile Verankerung
über sogenannte Kopfgewindeschrauben, bzw. eine entsprechende Verankerung jeglicher Schrauben innerhalb
des Plattensystems, erlaubt zum Beispiel
das „less invasive stabilization system“
(LISS). Dieses bietet sowohl eine Winkelstabilität, wie auch den Vorteil eines
minimalinvasiven operativen Zuganges
durch die anatomische Präformierung
und einen Zielbügel. Ein weiteres, sehr
gut zu verwendendes, Implantat ist der
retrograde Femurmarknagel. Als minimalinvasives, externes Verfahren ist der
Fixateur externe zu erwähnen, der jedoch
in der Regel nur noch als Notfallmaßnahme, oder als temporäre Überbrückung,
z. B. bei Revisionseingriffen, in Betracht
zu ziehen ist.
Ebenfalls selten angewendet wird der
Hybridfixateur, in welchem das gelenktragende Fragment, z. B. durch einen
Dreiviertelring, stabilisiert wird (Technik nach Ilizarov). Dieses Vorgehen
stellt eine gute Alternative bei Korrektureingriffen im Vergleich zu internen
Implantaten dar, wenn die Weichteile
beispielsweise kein offenes Verfahren
erlauben.
Allgemeine operative
Strategien
Bei der primären Versorgung richtet
sich die Wahl des Implantates und des
operativen Zuganges nach dem Frakturtyp Schweregrad und Lokalisation der
Fraktur. Bei der sekundären Korrektur ist
hierbei die geplante Lokalisation und Höhe der gegebenenfalls vorzunehmenden
Korrekturosteotomie ausschlaggebend.
Im Rahmen der primären Versorgung
sollte nach Möglichkeit ein minimalinvasiver Zugang gewählt werden. Dieses ist
sowohl für die retrograde Marknagelung,
als auch für die modernen winkelstabilen Implantate (LISS), welche über
einen entsprechenden Zielbogen eingebracht werden, möglich. Beschrieben ist
eine minimalinvasive Technik aber auch
für die Klingenplatte und die dynamische Kondylenschraube. Die retrograde
Femurmarknagelung empfiehlt sich besonders für extraartikuläre Frakturen
Abb. 1 8 AO-Klassifikation der distalen Femurfraktur [16]. (a–c Extraartikuläre, distale Frakturen,
d–f partielle, distale Gelenkfrakturen; g–i distale, vollständige Gelenkfrakturen). a–c Femur distal, extraartikuläre Fraktur. a Einfach, b mit metaphysärem Keil, c metaphysär komplex. d–f Femur distal,
partielle Gelenkfraktur. d Unikondylär lateral, sagittal, e unikondylär medial, sagittal, f Frontalebene.
g–i Femur distal, vollständige Gelenkfraktur, g artikulär einfach, metaphysär einfach, h artikulär einfach, metaphysär mehrfragmentär, i mehrfragmentär
des distalen Femur, unabhängig davon,
ob es sich um eine mehrfragmentäre metaphysäre, oder um eine einfache metaphysäre Fraktur handelt [12, 14]. Unter
den intraartikulären Frakturen erscheinen auch die C1-Frakturen für die Stabilisierung mit einem distalen Femurmarknagel noch geeignet.
Bei den A-Frakturen ist die Reposition
geschlossen möglich. Es reicht eine Reposition, die die Länge, die Achse und die
Rotation berücksichtigt. Da es sich um
eine direkte, axiale Stabilisierung handelt, ist gerade die intramedulläre Marknagelung für den älteren Patienten geeignet, da hier, in Abhängigkeit von den
Schmerzen, relativ schnell eine Vollbelastung möglich ist (. Abb. 2).
Die Marknagelung ist insbesondere
auch für pathologische, distale Femurfrakturen geeignet, da die Heilung hierbei häufig nicht absehbar ist, und dennoch unmittelbar eine Belastbarkeit des
Femur besteht (. Abb. 3). Auch winkelstabile Plattensysteme haben bei pathologischen Frakturen, gegenüber nicht winkelstabilen Plattensystemen, den Vorteil
der unmittelbaren, axialen Belastungsmöglichkeit [8, 11].
Bei den intraartikulären Frakturen
B1–C3 sind in der Regel eine direkte Visualisierung der Fraktur und eine
offene Reposition der Fragmente erforderlich. Die Fixation des Kondylenmassivs gegenüber dem Schaft kann
wiederum minimalinvasiv erfolgen. Bei
den B-Frakturen des distalen Femur
kommt vorzugsweise eine kombinierte
Schrauben- und Plattenosteosynthese
in Betracht. Neben winkelstabilen Plattensystemen können bei den B-Frakturen ausnahmsweise auch herkömmliche
Abstützplatten angewandt werden. Bei
C-Frakturen sollte, nach der anatomischen Reposition der Femurkondylen,
eine Stabilisierung gegenüber dem Schaft
mit einem winkelstabilen Plattensystem,
z. B. d (...truncated)