"Das beste ist natürlich, man hat gar nichts mit Diktaturen zu tun": Ein Gespräch mit Hans Joachim Schädlich

GDR Bulletin, Sep 2018

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"Das beste ist natürlich, man hat gar nichts mit Diktaturen zu tun": Ein Gespräch mit Hans Joachim Schädlich

"Das beste ist natürlich, man hat gar nichts mit Diktaturen zu tun": Ein Gespräch mit Hans Joachim Schädlich Wolfgang Müller 0 1 0 Thi s Interview is brought to you for free and open access by New Prairie Press. It has been accepted for inclusion in GDR Bulletin by an authorized administrator of New Prairie Press. For more information , please contact 1 Dickinson College - Follow this and additional works at: http://newprairiepress.org/gdr "Das beste ist natürlich, man hat gar nichts mit Diktaturen zu tun": Ein Gespräch mit Hans Joachim Schädlich Folgendes ist einem längeren Gespräch entnommen, das Wolfgang Müller im M a i 1994 am Dickinson College mit Hans Joachim Schädlich führte. Wolfgang Müller: Ich dachte mir, ich nenne Dir anfangs ein paar Daten oder Ereignisse deutscher DDR-Geschichte und möchte Dich bitten, aus Deiner eigenen Biographie heraus zu kommentieren. Hans Joachim Schädlich: Gut. Müller: Das erste Datum ist der Tag in Deiner Geburtsstadt Reichenbach, an dem die Amerikaner kamen und die Stadt besetzten oder befreiten—es kam wohl auf die Perspektive an. Schädlich: Genaugenommen war ich an dem Tag in einem benachbarten Dorf ungefähr 6 km von Reichenbach entfernt. Das heißt Oberheinsdorf. Da wohnten die Eltern meiner Mutter. Meine Mutter ist im April '45 mit ihren Kindern zu den Großeltern, also zu ihren Eltern, aufs Dorf gegangen, weil es geheißen hatte, das sei sicherer im Falle irgendwelcher Kämpfe. Ich weiß gar nicht mehr genau, welcher Tag das war, aber es hieß dann eines Tages . . . "Wahrscheinlich kommen heute die Amerikaner." Müller: Und haben sie es mit Angst gesagt? Schädlich: Nein. Nicht mit Angst, aber doch mit einer starken Unsicherheit. Noch nie hatte einer einen Amerikaner gesehen, im Dorf. Das erste, was sie alle machten, sie suchten Laken aus den Schränken und hingen weiße Fahnen aus den Fenstern. "Wir sind friedlich, wir erwarten auch von Euch Frieden, Friedlichkeit." Ich war sehr neugierig und ängstlich, und ich habe mich an ein Fenster gesetzt und habe geguckt, lange, stundenlang habe ich geguckt, was geschieht. Wie sieht das aus, was die Erwachsenen genannt haben: "Die Amerikaner kommen?" Und das erste, was ich dann am Nachmittag sah, am späten Nachmittag, auf der Dorfstraße, war ein Jeep. Er fuhr sehr vorsichtig in das Dorf ein und dahinter dann bald auch andere Jeeps, zuletzt große Lastwagen, Panzer. Und plötzlich waren die Amerikaner im Haus. Ich hatte gar keine Angst mehr, weil die nicht geschossen hatten. Niemand hatte geschossen. Die deutsche Wehrmacht war schon längst geflohen. Da gab es auch keinen Volkssturm. Niemand hat geschossen. Und es waren weiße Amerikaner und schwarze. Bei uns wohnte eine Frau aus Berlin, die war mit ihrem Mann aus Berlin evakuiert wegen der Bombenangriffe. Die konnte Englisch, erstaunlicher­ weise. Und später an dem Abend hat man uns erzählt, sie hat zu den amerikanischen Soldaten gesagt: "Ach, kommt doch nicht in unser Haus, in dieses Haus. W i r haben so viele Kinder." Das stimmte auch: Vier Kinder waren wir. Und wenn sie dieses Haus nun benutzt hätten als Quartier, hätten alle ausziehen müssen zum Nachbarn. "Nehmt doch nicht dieses Haus. Hier sind so viele Kinder," und dann sagten die: "Okay, dann nehmen wir nicht dieses Haus." Das sind ja schon fast Klischees, die man immer hört, aber es war wirklich so: Die Amerikaner haben uns Kaugummis gegeben. W i r wußten gar nicht, was das ist. Sie haben uns gezeigt, die Päckchen aufgemacht, haben sich das in den Mund gesteckt und gekaut und haben angedeutet, wir sollten das auch tun, ja. Oder Schokolade. Ich persönlich hatte keine Erinnerung daran, wie Schokolade schmeckte. Ich wußte das gar nicht, ich kannte aber das Wort. Und dann natürlich haben sie auch den Kindern und anderen Zigaretten gegeben. Die habe ich nicht geraucht, ich hatte Angst davor, Zigaretten zu rauchen, ich war erst neun Jahre, ja. Aber ich erinnere mich auch, was wir auf den Packungen gelesen haben. W i r haben tatsächlich gelesen: Lukkie Strieke (Lucky Strike). Und die Lastwagen, daran erinnere ich mich auch—das haben wir damals so gelesen: Stuhtebaaker (Studebaker). Ja, das Einvernehmen mit den Amerikanern und den Deutschen war ganz freundlich. Sie haben natürlich, das hat man auch erzählt,—es geht jetzt um dieses Dorf, ja—den Ortsbauernführer festgenommen und andere, irgendwelche Leute von der Partei. Eine andere Erinnerung an diese Zeit, als die Amerikaner in unser Dorf kamen, ist die Erinnerung an die Musik, darüber haben auch schon viele erzählt. Man hörte immer eine Musik, die uns allen gefallen hat. Und merkwürdigerweise verbindet sich das in meiner Erinnerung alles miteinander: einen Kaugummi kauen, die Musik hören und 'ne Lukkie Strieke rauchen. Und erst viel später habe ich dann mitgekriegt, daß das viel Musik von Glenn Miller war. Derzeit kannte ich eben Chattanooga ChooChoo. Das war überhaupt das populärste bei uns, Chattanooga Choo-Choo. W i r sind dann bald aus dem Dorf zurück in die Stadt, wo wir eigentlich wohnten, also nach Reichenbach. Und Schule gab's nicht; das war wunderbar für mich. Das war die beste Zeit, keine Schule. Aber, als dann der Sommer kam, hieß es: "Die Amerikaner hauen wieder ab." Im Juni '45 sind die Amerikaner tatsächlich aus unserer Gegend fort. " W i r gehen nach Bayern," haben sie gesagt, und sie haben zu Deutschen gesagt, zu meiner Mutter und auch zu anderen Leuten: "Wollen sie nicht mit ihren Kindern mit? W i r schicken ihnen einen Lastwagen." —Stuhtebaakers— "Da können sie ihre Sachen draufladen und ihre Kinder, denn einen Tag nach unserem Abzug kommen die Russen, und ob das lustig wird, wissen wir nicht." So war's. Einen Tag später kamen die Russen. Und so kam ich unter die Russen. Müller: Und, ist es lustig geworden oder weniger lustig? Schädlich: Aus der Sicht des Kindes hatte es keine besonderen Folgen. Ich erinnere mich nur an den, also ich muß schon sagen, schockierenden Eindruck, den der Einzug der Russen auf mich machte. Ich war ja nun schon eine Besatzungsmacht gewöhnt. Diese Besatzungsmacht der Amerikaner, die waren mit schönen Autos—also Jeeps waren schöne Autos— gekommen. Sie sahen sehr chic aus in ihren Uniformen, eben auch ganz anders als die Deutschen, die grau aussahen. Die Amerikaner sahen in ihren Uniformen eher sportlich aus, sportlich, lässig. Und mit ihrer Musik, mit ihrem engen Verhältnis zu den Deutschen, zu den Kindern speziell. Als die Amerikaner abgezogen waren, entstand so eine Leere in dem Ort. Eine deutsche Macht in dem Sinne gab es nicht. Dann kamen die Russen, und die kamen mit kleinen Panjewagen, Pferdchen davor. Und statt der Benzinkanister, die die Amerikaner immer in ihren Jeeps gestapelt hatten, hatten die Russen auf ihren Wagen Säcke mit Getreide für die Pferdchen. Das war ihr Benzin. Müller: Wann und wie hast Du zum ersten M a l von den Hintergründen dieses Krieges erfahren? Schädlich: Also, z. B . durch die Radioberichte von den Nürnberger Prozessen. Das habe ich selber alles gar nicht so aktiv wahrgenommen, aber die anderen, meine älteren Geschwister, vor allem meine älteren Brüder, die haben das gehört im Radio. Die saßen da rum, und ich habe mitgehört und habe oft gefragt. Ich war ungefähr elf oder zwölf. Dann haben sie mir gesagt, was da los ist und da hab' ich zum ersten Mal so gehört, was da eigentlich passiert ist bei den Nazis. Müller: Hast Du das geglaubt? Umgebung das alles geglaubt? Hat Deine Schädlich: Bestimmt. Es hieß dann so ungefähr: Aha, siehste, so war es. Das haben die gemacht. Ja bestimmt! Meine Mutter hat das nicht nur geglaubt. Die hat das früher geahnt, gehört, von meinem Vater. Mein Vater war ja ein Mitglied der N S D A P . Wahrscheinlich ist er sogar daran zugrunde gegangen, denn er war kein militanter Mensch. Er hatte auch Skrupel. Er hat ihr 1942 gesagt: Ich glaube, es geht böse aus. Und das war, ich habe das alles nicht so genau verstanden, das war nach einer Niederlage der Nazis, das war nach der Schlacht bei Stalingrad. Mein Vater, der auch gedacht hat, natürlich, hat gesagt: Ich glaube, es geht ganz böse aus. Das kann man nun belächeln oder nicht. So hat meine Mutter berichtet. Vielleicht wollte sie das auch schön malen, ich weiß nicht. Sie hat dann gesagt, der Vater hätte gesagt: Und diesen Verbrechern habe ich mein Leben geopfert, meine Überzeugung usw. Ob er das wirklich gesagt hat? Ich hab' manchmal gedacht, er ist dem entgangen durch seinen Tod, seinen Herztod. Das kann man nicht beweisen, er ist sozusagen in den Tod geflüchtet, '43. Er war gar nichts Besonderes bei den Nazis. In dem Dorf, von dem ich erzählt hatte, war er Ortsgruppenleiter der N S D A P , in einem Dorf, kein großes Tier. Müller: Wo bist Du zur Schule gegangen? Schädlich: 1950 war meine Mutter schon von Reichenbach mit den jüngsten Kindern fortgezogen nach Bad Saarow in der Mark. Da bin ich in die erste Klasse der Oberschule gegangen. V o n der Oberschule in Bad Saarow bin ich auf ein Internat gegangen in Templin in der Uckermark. Meine Mutter war, man würde sagen, sauarm. Die konnte eigentlich nicht für mich und meine Schwester—die beiden anderen Geschwister waren schon aus dem Haus—als Besucher einer Oberschule sorgen. Deswegen bin ich auf ein Internat gekommen und meine Schwester auch. Das war interessant. Der Direktor der Schule in Bad Saarow hat zu meiner Mutter gesagt: "Ach wissen Sie, lassen Sie den Jungen mal noch weiter auf die Schule gehen."— Ich hätte ja auch irgend etwas lernen können, ja.— "Ja wie denn?" "Na ja auf eine Schule, wo er verpflegt wird, lernen kann." "Und wie?" "Ja, also ich schreibe Ihnen einen Brief und damit fährt er zum Ministerium für Volksbildung in der Landesregierung Potsdam. Da gibt er den Brief ab, und die werden ihm sagen 'ja' oder 'nein' und welches Internat." Das habe ich dann gemacht. Da war ich so 15. Ich bin nach Potsdam gefahren und habe gesagt: "Ich möchte in ein Internat. Mein Schuldirektor hat auch gesagt, daß es gut wär." "Ja, geht schon." Sonderbare Verhältnisse. Es war eigentlich sehr unbürokratisch. Da haben wir zwei. Das eine heißt Waldsieversdorf. Waldsieversdorf ist schon voll. Aber Templin wäre was. Ja, da bin ich dann zum Anfang des zehnten Schuljahres nach Templin gefahren und war plötzlich in einem Internat, das äußerlich noch alle Zeichen der preußischen und später nazistischen Internatsschule an sich hatte und gleichzeitig von Neulehrern der DDR, von SED-Neulehrern beherrscht wurde. Der Biologielehrer, der ein ganz strenger Politikaster war, hat mich besonders abgestoßen: diese Mischung aus Ex-Offizier und strammem SED-Parteimann. Der hat das wohl ganz aufrichtig gemeint, aber . . . Das war ein sportlicher Typ, dieser Biologielehrer, sehr gerade, kräftig, mit kurzgeschorenem Haar, hübschem, schmalem Kopf, kurzem Haarschnitt. Äußerlich war er eigentlich eine klassische Mischung aus soll man sagen, Nazioffizier? Ich weiß gar nicht ob er Nazi war Offizier der Hitlerwehrmacht und SED-Funktionär, äußerlich, denn er trug aus seiner Wehrmachtszeit so Stiefelhosen, Reithosen ohne Stiefel und darüber ein Blauhemd der FDJ, phantastisch. Müller: Das kann sich kein Regisseur besser einfallen lassen, diese Kleidung. Schädlich: Ja, der war wirklich 'ne tolle Mischung, muß ich sagen. Müller: Ich möchte Dich noch auf ein anderes Datum bringen, Stalins Todestag. Schädlich: Das war auch in der Schule. Ich habe wahrgenommen, daß die Schüler, die von dem gemischten Biologielehrer unterrichtet wurden, daß die alle zutiefst erschrocken waren—betroffen sagt man heute. "Stalin gestorben, Stalin gestorben. Hast du das gehört, Stalin gestorben." Das hatte in den Sätzen dieser Leute, auch gewisser Lehrer, den Charakter einer Weltkatastrophe. Als wäre nun das Ende unseres irdischen Daseins gekommen, weil Stalin gestorben ist, Stalin. Manche haben sogar geweint. Ich kann aufrichtig sagen, daß mich das nicht berührt hat. Warum denn, da ist halt einer gestorben. Müller: Ja, aber Stalin konnte nicht sterben, der durfte nicht sterben! Schädlich: Ja, ich glaube, es hatte meine Distanz ihre Ursache gerade in dieser Emotionalität. Sonst hätte ich vielleicht auch länger darüber nachgedacht. Ich habe mich eigentlich mehr von den Gefühligkeiten dieser Leute abgesetzt und dadurch auch von dem Tode dieses Mannes. Ich fand das alles unangemessen. "Wieso denn?" Ich erinnere mich gut daran, daß ich das gesagt habe. Und dann hat unser Biologielehrer, der handelte aber im Auftrag, die Sache sofort genutzt, um mehrere Schüler in die großen Arme der S E D - und FDJ-Politik zu nehmen. Da kamen sie zu mir und haben mich gefragt, ob ich nicht angesichts dieses großen Verlustes in die S E D eintreten möchte. Da war ich 17, ja! A n der Schule, gerade in der Klasse, für die der Biologielehrer Klassenlehrer war, waren Leute in der SED. Das war mir nun vollkommen unverständlich. Ich konnte dem nicht folgen. Nö, nein, kann ich nicht, aus diesem Grunde schon gar nicht, und abgesehen von diesem Grunde, ich weiß doch gar nicht, was soll das denn? Viele Jahre später, nämlich Anfang '92, habe ich in den StasiAkten gelesen, daß mein schöner Biologielehrer mit seinen Stiefelhosen und seinem Blauhemd für die Stasi gearbeitet hat und so Profile, Schülerprofile weitergegeben hat, auch von mir. Da hieß es dann: "Der Schüler Schädlich weigert sich hartnäckig in die SED einzutreten, um die Lücke, die der Tod des Genossen Stalin gerissen hat, füllen zu helfen." Müller: A m Berlin, nicht? 13. August 1961 warst Du schon in Schädlich: Da war ich schon beschäftigt an der Akademie. Das war nach zwei Jahren an der Humboldt Universität und drei an der Karl-MarxUniversität in Leipzig, bis '59. Nach dem Studium bin ich an die Akademie der Wissenschaften in Ostberlin gekommen, im Herbst. Da war ich also schon fast anderthalb Jahre in Berlin als die Mauer gebaut wurde. Ja, da war ich übrigens auch schon 18 verheiratet mit 25 und hatte sogar schon einen Sohn. Der ist im Dezember 1960 geboren. Ich war so 25, ein junger Mann mit 'ner jungen Frau. Und die Frau war in der S E D , von den Eltern her geprägt. Nicht gerade irgendwie leidenschaftlich, eigentlich eher spöttisch, kritisch. Das hat dann auch immer Ärger gegeben, bis sie dann schließlich ausgetreten ist. Da bin ich hingegangen zur Mauer, zum Brandenburger Tor. W i r hatten 'was gehört. A u f die Idee, da noch irgendwie durchzulaufen oder durchzufahren, bin ich nicht gekommen. Kannst Du das verstehn? Müller: Ja, kann ich. Du warst verheiratet, hattest einen Sohn, und . . . Schädlich: Und ich wohnte da. Ich hätte vielleicht am 13. August '61 am Vormittag da einfach noch durchgehen können. A u f die Idee bin ich gar nicht gekommen, was hätten dann die Frau und der Sohn gemacht? Und überhaupt, verstehst Du? Aber ich habe mir angesehen, was da geschah. Ich war nur am Brandenburger Tor. Das Eindrucksvollste für mich war der Widerspruch zwischen der Propaganda und dem, was ich da sah: die sogenannten Kampfgruppen der Arbeiterklasse. Die hatten so Kampfanzüge an und waren bewaffnet, standen mit der M P i quer vor der Brust. Die richteten ihre Gesichter und also auch ihre Waffen gen Osten, zur Stadt, zu uns! Obwohl es doch hieß, man errichte einen Schutzwall, einen antifaschistischen demokratischen Schutzwall gegen die Imperialisten, die vom Westen her die DDR aufrollen wollten. So hieß es ja. Da hätten die ja eigentlich mit ihren Waffen nach Westen gerichtet stehen müssen, im Rücken das Schützenswerte, das Sichere, das Eigene. Die haben mich angeguckt! Das war der eindrucksvollste Widerspruch zwischen der Propaganda und der Realität dieser Mauer. Ich habe später diesen Kontrast zwischen Propaganda und Wirklichkeit, ohne daß davon direkt auch nur ein Wort gesagt wird, in dem Text "Satzsuchung," zum Gegenstand gemacht. Da hatte ich mir zur Aufgabe gestellt, die Mauer ohne das Wort Mauer zu benutzen und die Anlagen, die parallel zur Mauer verlaufenden Anlagen, einfach zu beschreiben. Aus meiner Sicht, also aus der Sicht eines, der von der Mauer umschlossen ist. Ich kam ja nicht an die Mauer heran, aber von einem Hochhaus in der Leipziger Straße konnte man das wunderbar sehen. Da kam heraus, daß alle Einrichtungen dieser Mauer nach Osten gerichtet sind, alle, alle. Wollte ich nur beschreiben. Kann sich jeder was denken. Müller: Und das hat abgenommen? Schädlich: Nee, auf keinen Fall. Dir kein DDR-Verlag Müller: 1965 bist Du 30 Jahre alt. Du bist an der Akademie, denkst über Phonetik nach und über Sprachwissenschaft. Betrafen Dinge wie das 11. Plenum Euch eigentlich, die Sprachwissenschaftler? Schädlich: Eigentlich nicht. Es stimmt schon, wenn man sagt, die Akademie war auch eine Art Refugium. Ich meine, da gab es natürlich den politischen Anspruch der S E D . Die hat den in der Akademie bei den Mitarbeitern aber nie verwirklicht. Und es gab dann die Arbeit, die, wenn sie sozusagen—also das sind alles Worte aus dieser Zeit—nicht ideologierelevant war, auch ganz einfach gemacht werden konnte. Diskutiert wurde dann schon über das 11. Plenum usw. Man las das in den Zeitungen. Und es gab auch Kontakt, damals schon, jedenfalls zu Wolf Biermann, auch zu Robert Havemann. Müller: Wie ist dieser Kontakt zu Biermann und zu Havemann zustande gekommen? Schädlich: Wie ist der eigentlich zustande gekommen? Ich weiß nur, daß ich mit meiner ersten Frau mehrmals bei Robert Havemann war, in Grünheide. Und da waren wir nicht aHeine. Es waren immer mehrere Gäste, abends, die über die aktuellen politischen Sachen geredet haben. Das war vor '65 in der Zeit, als Havemann seine Vorlesungen "Dialektik ohne Dogma" hielt. Die habe ich aber nicht gehört, nur gelesen im Manuskript. Das wurde vervielfältigt und so halb geheim verteilt. Ich glaube, daß ich Wolf Biermann bei Robert Havemann kennenlernte, ja, auch Jürgen Fuchs, aber das dann später. Havemann war ja damals sozusagen utopischer Sozialist, eigentlich Kommunist, der ganz unzufrieden war mit allem, was die S E D machte, und der seine eigenen Vorstellungen darüber vorgetragen hatte in der Vorlesung, auch zu Hause darüber immer so ganz leidenschaftlich mit Leuten diskutierte. Aber das wurde im Grunde genommen, von mir oder anderen gar nicht herausgetragen, etwa an die Akademie. Das war sozusagen ein Privatkreis. Müller: Was mich interessiert, sowohl Biermann als auch Havemann waren ja, wie Du sagtest utopische Sozialisten, die besseren Sozialisten, Marxisten auf jeden Fall. Hat Dich das von der Ideologie her angezogen? Schädlich: Nein. Müller: Und haben die Dich dann akzeptiert? Schädlich: Ja, also das hat mich nicht angezogen. Ich habe das noch nicht so genau formuliert, aber ich habe ziemlich genau gespürt, daß das, was auch sie eigentlich wollten mit ihrer Kritik, das nicht war, was ich wollte. Wir haben uns aber getroffen in der Kritik. Da waren wir uns vollkommen einig, da hat man sich sogar zu übertreffen gesucht, in der Kritik. Aber in der Motivation nicht. Also mit dem Ziele, eine verbesserte Ausgabe des Kommunismus zu drucken, war ich mit ihnen, glaube ich, gar nicht identisch. Das hat sich auch später gezeigt. Biermann war ja dann in der Bundesrepublik noch immer auf diesem Trip, lange. Müller: Eigentlich bis '89. Schädlich: Ja. Müller: Also, im innersten Herzen wahrscheinlich nicht mehr, wohl aber in seinem äußeren Auftreten. Schädlich: Dem Ziel einer kommunistischen Gesellschaft, das Havemann und Biermann vorschwebte, aber natürlich in anderer Form, bin ich nicht gefolgt. In dem Sinne war ich in der DDR für die auch eigentlich unpolitisch, lächerlich, ein lächerlicher, unpolitischer junger Wissenschaftler, mit dem man aber reden kann, dem man vertrauen kann. Aber ich hatte ja gar kein Ziel, jedenfalls nicht ihres. Ich hatte nur die Kritik, die sie auch hatten. Also eigentlich . . . Müller: Ja, Du warst also sozusagen außen vor. Schädlich: Ja, oder ich habe zugehört. Wenn man etwas gesagt hatte, was von ihrem Ziel abwich, konnten die auch ganz heftig sein. Das ist überhaupt sehr interessant. Auch später bei Treffen zwischen utopischen Kommunisten und, ich sage, Demokraten. Denn sie waren ja, obwohl sie immer für Demokratie im Sozialismus plädiert haben, sie waren ja im Grunde keine Demokraten. Müller: Stimmt, so ist es. Das bringt mich auf ein anderes Datum, das, glaube ich, ein bißchen damit zu tun hat, nämlich auf den 22. August '68, also den Tag des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei. Schädlich: Ich selber habe mich da ganz passiv verhalten im Unterschied zu anderen, die öffentlich protestiert haben oder Zettel geschrieben haben und die verteilten. Ich habe mich da ganz passiv verhalten, äußerlich. Aber innerlich nicht. Das zählte für mich damals so wie der 17. Juni, der ungarische Aufstand, von dem ich in Leipzig dann gehört habe, oder der Mauerbau. So war auch '68 ein inneres Datum der Distanz. Obwohl ich . . . es lag nicht in meiner Natur, Zettel an die Mauern zu kleben, auch heute nicht. Ich habe aber davon natürlich gehört, auch gerade über Biermann und Havemann, wie es denen ergangen ist. Thomas Brasch z.B., den haben sie ja auch—soll ich sagen, mißverständlicherweise?—eingesperrt. Der war ja auch Kommunist, aber eben ein sonderbarer Widerspruch, nicht—ein Kommunist mit menschlichem Antlitz. Die anderen waren Kommunisten mit unmenschlichem Antlitz, was auch Unsinn ist, denn ein unmenschliches Antlitz— jedenfalls ist das für mich so—ist überhaupt kein Antlitz. Es ist mehr eine Fratze, eine tierische Fratze. Müller: Hast Du mit diesem Prager Frühling zu der Zeit irgendwelche Hoffnungen verbunden? Für die DDR? Schädlich: Ja, ich hatte das alles genauestens verfolgt, auch die Reaktion der Ostblockführer, besonders Ulbrichts. Der war ja damals noch am Ruder. Und abgesehen von den Zielen, die die tschechischen Reformkommunisten hatten—damit ging's mir so ähnlich wie mit den Zielen von Havemann oder Biermann—habe ich die praktischen politischen Handlungen von Dubcek und seiner Gruppe im Prager Frühling wie eine Erlösung empfunden. Das hätte man sich auch gewünscht. Wenn es auch wieder auf irgendeinen Kommunismus hinausgelaufen wäre, usw. Ja, ja, das hat mich sehr fasziniert, muß ich sagen, ich habe vollkommen . . . mit diesen Leuten sympathisiert. Und ich war total schockiert als sie nach Moskau abfuhren, Dubcek und die anderen, damit er dort die Kapitulation unterschreibt. Da hat man dann gesehen, sogar die, denen man glauben konnte, sie seien sozusagen anständige Kom­ munisten, sogar die kommen nicht durch bei . . . na ja, damals war es Breschnew. Und es gibt eigentlich keine Hoffnung. Müller: Ja, mit '68 war alles, was an Hoffnung eventuell da gewesen war, verschwunden. Schädlich: Da wußte man, es gibt nichts. Die Mauer in der D D R ist eine Mauer. Alle, ich könnte fast sagen, herzigen Versuche verschiedener Leute daraus etwas Liberales zu machen, waren '68 dahin. Also konnte man eigentlich nur noch bis zum Ende des Lebens da hinter Gittern hocken. Müller: '68 ist, glaube ich, auch das Jahr, in dem Du Dich der Literatur zuwendest, anfängst zu schreiben. Schädlich: Das stimmt, ja '68. Müller: Hat das einen inneren Zusammenhang? Schädlich: Vielleicht, also ich habe darüber nicht so genau nachgedacht, aber es kann sein. Also mein erster Text, den ich selber ernst genommen hab', der steht auch in dem Buch Versuchte Nähe, der heißt "Lebenszeichen." Das ist der Versuch, eine ineinandergeschobene Wahrnehmung der Wach­ parade unter den Linden zu zeigen: preußische, sogar mehrere, verschiedene, bis zur Volksarmee. Ich wollte das zunächst nur beschreiben. Ich hätte ja ebensogut auch einen Teller Haferflocken beschreiben können. Es hatte ja einen Grund, das man gerade das sich wählte, eigentlich das Abstoßende, und das gleichzeitig auch noch dazu ein Symbol für das angeblich Schöne und Gute war. Dieser Marsch, das war das Abstoßende, immer. Bei Wilhelm, bei Hitler, bei Ulbricht oder Honecker. Und das habe ich mehr oder weniger unbewußt gewählt. Das war für mich eben das symbolisch Abstoßende. Also das war nach '68, stimmt, aber ich habe nicht darüber nachgedacht. Ja, es war überhaupt abstoßend. Generell. Ich war fasziniert, nicht von diesem Marsch, sondern von dem Interesse der Leute an diesem Marsch, das hat mich fasziniert. Und die waren fasziniert, nicht nur Ostdeutsche. Da kamen immer sehr viele Touristen, alle möglichen, mit Videokamera und Photoapparat. Die fanden das so toll, wie vom Wahnsinn gepackt. Das ist der äußerste Ausdruck von Unmenschlichkeit, schon in der Gangart, aber auch des Systems. Wer vor diese Stiefel gerät, der wird mit Musik plattgemacht. Und dann war das ja noch, wie man schon wußte: Das Wachregiment war eine Einheit des Staatssicherheitdienstes. Ja, also eine schlimmere Verbindung kann man sich gar nicht vorstellen. Müller: In den siebziger Jahren gab es einen Kreis west- und ostdeutscher Schriftsteller, der sich in Ostberlin getroffen hatte. Wie ist das zustandegekommen? Wie bist Du in diesen Kreis gekommen? Oder existierte der vorher nicht? Schädlich: Nein, der existierte nicht. Also, das ist ganz einfach, ich bin durch Bernd Jentzsch reingekommen. Bernd Jentzsch und ich waren in Berlin Wilhelmshagen Nachbarn. Und ihn habe ich kennengelernt, weil meine zweite Frau und Bernd Jentzsch Studienkollegen in Jena waren. Die hat gesagt, der Bernd Jentzsch wohnt jetzt hier, und das ist ein ganz netter und kluger Junge. Den müssen wir besuchen, oder wir laden ihn ein usw. Und da habe ich Bernd Jentzsch in Wilhelmshagen kennengelernt. Er wußte auch, was ich machte. E r wußte auch, daß ich zu schreiben versuchte. Er hat mich dann eines Tages, das war so Anfang '74, angerufen und gesagt: "Komm doch heute mal 'rum abends. Das wird dich bestimmt interessieren, da kommt Grass." Da bin ich hin. Da saßen allerlei Leute bei Jentzsch. Ich erinnere mich nur sehr deutlich an Günter Grass, dann an Reiner Kunze. Es waren da noch mehr Schriftsteller, die ich vergessen habe. Und da wurde den ganzen Abend lang heftig diskutiert. A m Ende sagte Grass, er hätte 'ne Idee. Die Leute, die jetzt hier so zusammenhocken, oder andere und welche aus dem Westen, könnten sich doch treffen in Ostberlin und Sachen vorlegen, an denen sie gerade arbeiten. Keine Kritiker, niemand anders, nur die. Ja, das fanden alle gut; waren ja auch mehr oder weniger isoliert. Dann hat er wohl einen Termin vorgeschlagen: August, jedenfalls bald darauf. Treffpunkt bei Jentzsch in der Wohnung. Ja, also, zu Jentzsch in die Wohnung kamen dann Grass, Uwe Johnson, Christoph Buch und Nicolas Born. Und vom Osten waren da Jentzsch natürlich als Gastgeber und Karl Mickel. Schade, ich habe das alles notiert, aber ich weiß jetzt nicht mehr genau, wer aus dem Osten noch da war. Und dann hieß es, wie machen wir das jetzt? Einer hat gesagt: "Wir losen. Leg' mal acht Zettel hin. Da schreibt jeder seinen Namen drauf. Dann faltet ihr das zusammen und schmeißt das in einen Topf." Das haben wir gemacht. Einer zieht und sagt: "Der!" Und dann hat der was vorgelesen. Ich erinnere mich nicht an alles. Ich erinnere mich genau, daß Johnson vorgelesen hatte aus dem 3. Band der Jahrestage, weil der noch nicht erschienen war—Johnson, wie der gelesen hat, mit tiefer Stimme, langsam, unberührt. Born hat bestimmt vorgelesen aus seinem Manuskript Die Erdabgewandte Seite der Geschichte, und irgendwann war ich dran. Dann habe ich zwei oder drei Sachen vorgelesen, die später in dem Band Versuchte Nähe waren. Sie haben mich passieren lassen, sogar gelobt. Und ich erinnere mich noch, wie an dem Tag Johnson sagte, da haben wir uns ja noch gesiezt: "Herr Schädlich, ich erwarte in einem Jahr ein Buch von Ihnen!" Daran war natürlich nicht zu denken, '74! Also ich habe einen Sprung gemacht, mit meinem Text, in diesen Kreis und war von da an drin. Das war wie eine geistige Zufluchtsstätte für drei Jahre, von '74 bis '77. Das war mein geistiges Refugium, dieser Kreis, der dann i n immer wechselnden Besetzungen, aber mit einem immer gleichen Stamm sozusagen, sich getroffen hat. In drei Jahren vierzehn M a l . Und in verschiedenen Wohnungen. Müller: Ging das weiter, nachdem Du weggegangen warst? Schädlich: Eigentlich nicht, aber das hing nicht damit zusammen, daß ich weggegangen war, sondern das hing damit zusammen, daß viele weggegangen waren von dem Kreis. Da war Sarah Kirsch weggegangen, da war Thomas Brasch weggegangen, da war Kurt Bartsch weggegangen. Jedenfalls nach dem Sommer '77 war der Zusammenhalt dieses Kreises im Osten irgendwie aufgelöst. Grass hat schon noch versucht, später mit anderen Leuten solche Treffen zu machen. Aber die haben mir gesagt, das wäre nicht mehr das gewesen, was es bei uns war. Dieser Kreis war meine Schule, muß ich sagen, denn da ging es heiß her, rücksichtslos. Dem haben sich die Leute aber ausgesetzt, weil sie was lernen wollten. Es gab auch Tränen, Zusammenbrüche. Ich erinnere mich gut daran, das Johannes Schenk einmal vollkommen fertig war. Oder Heinz Czechowski. Der Wortführer in der Kritik war eigentlich immer Grass, und dem wurde dann aber von anderen vorgeworfen, daß seine Kriterien der Beurteilung gar nicht akzeptabel seien. Müller: Gab es in diesem kleinen Kreis auch OstWest Konfrontationen? Schädlich: Ästhetische schon. Es gab mal eine heiße Diskussion bei Erich Arendt in der Wohnung. Die wurde auf der einen Seite von Czechowski und Tragelehn geführt, Rainer Kirsch war eigentlich wohl auch auf dieser Seite, und Grass hauptsächlich auf der anderen Seite. Das hatte schon genau diesen Akzent, den du jetzt im Sinn hast. Der Tragelehn und auch Czechowski, die haben sich ganz vehement gegen Grass gewehrt, weil er so wie selbstver­ ständlich seine Kriterien der Kritik an das alles, was da von den Ostlern kam, angelegt hat. Und das war dann eben nichts, gell? Tragelehn oder war es Czechowski, der ist dann ausgerastet und wollte keine Argumente mehr austauschen und hat dem Grass nur entgegengeschrien: D u setzt dich mit deinem fetten Westarsch hierhin und willst uns sagen, was wir falsch und richtig machen? Das hat es gegeben, aber eigentlich in dieser Schärfe selten. Sonst hätte man nicht unbedingt bemerken müssen, außer vom Gegenstand her, daß die aus verschiedenen Staaten kommen. Da waren auch Österreicher dabei, Schweizer. Der Sinn der Sache bestand eigentlich darin, das Handwerkliche zu erörtern, das Formale. Und das war ja nicht zu trennen von den Gegenständen. Ich erinnere mich gerne an die Atmosphäre. Wenn du meine Situation in der DDR, als jemand der zu schreiben versucht, betrachtest, dann war das eben der einzige Kreis, wo man mir nicht gesagt hat: D u bist nichts, deine Texte sind nichts, geh' nach Hause, du störst hier. Das war der einzige Kreis! Und da habe ich auch Freunde gefunden, Nicolas Born z.B., auch Grass. Es hat zwar später immer auch Auseinander­ setzungen zwischen Grass und mir gegeben, aber eigentlich rührt von der Zeit zwischen '74 und '77 so etwas her wie Freundschaft, die nicht durch aktuelle Auseinandersetzungen berührt wird. Erstaunlich! Das muß ich auch sagen. Müller: Wie hast Du die Ausbürgerung Biermanns erlebt? Wolf Schädlich: Die Leute, die sich dagegen empört haben, hatten ja ganz verschiedene Motive. Manche haben das aus dem Glauben gemacht, ein Staat, den man reformieren möchte und den man reformiert haben will, ein sozialistischer Staat, dürfe das nicht machen. Das war, glaube ich, auch die Regung von Christa Wolf. Ich habe einfach nur reagiert aus einer Empörung, die sich herleitet aus einem ganz schlichten Verständnis von bürgerlichem Recht. So etwas gibt es doch gar nicht. Kein gebildeter Staat hat in der Verfassung vorgesehen, daß man einen Bürger seiner Staatsbürgerschaft berauben kann, das gibt's nicht. M a n kann einem Amerikaner nicht die Staatsbürgerschaft nehmen. Das kam aus der Haltung, daß man alle Zeit und an jedem Ort bestehen müsse auf den bürgerlichen Grundrechten, auch in so einem Staat. Die ersten Unterzeichner, das waren zwölf Leute, die haben das am 16. November unterzeichnet, glaube ich. Und dazu gehörte auch Sarah Kirsch. Erstunterzeichner! Das war damals wie ein Adelsprädikat. Wir waren alle ziemlich aufgeregt. Ich bin dann am nächsten Morgen zu Sarah gefahren. Da kam dann auch noch Kurt Bartsch, und wir haben gesagt, also wir unterschreiben das auch. "Aber wie? Wo ist diese Petition? Wie kann man die unterschreiben?" Das muß man sich ja auch mal praktisch vorstellen! Die war in der Hand von Plenzdorf. Jedenfalls hatte man vereinbart, daß Plenzdorf Unterschriften entgegen­ nimmt. Da haben wir den angerufen, oder er hat gerade bei Sarah angerufen, um ihr zu sagen, wie die Sache steht. Und dann haben Kurt Bartsch und ich mit Plenzdorf gesprochen am Telefon und haben gesagt: "Genügt das, wenn wir dir sagen, wir unterzeichnen das auch?" Sagt er: "Ja." "Dann setz' ich eure Namen darunter. Habt ihr euch das auch gut überlegt?" "Ja." So kam die Unterschrift zustande, und im Laufe der folgenden Tage sind auf diese Weise noch ungefähr 100 Unterschriften dazugekommen. Was dann kam, das weißt du ja. Also, die wurden dann ja regelrecht auseinandergenommen als Gruppe—das war ja eigentlich gar keine Gruppe—die Zwölf und jeder einzelne für sich. Hat man so Teile- und Herrschespielchen gemacht. Christa Wolf nicht rausgeschmissen aus der Partei, ihren Mann ja, usw. Aber ich kann das ja nur aus meiner Sicht, meiner Erfahrung beschreiben. Volker Braun hat zurückgezogen im Neuen Deutschland, Fritz Cremer auch. Wir haben auf jeden Fall alle Leute, die ihre Unterschrift zurückgezogen haben, öffentlich, verachtet. Den kannst du vergessen, hieß es dann, oder die. Müller: Deine Unterschrift unter diese Petition war es ja dann auch, die die Akademie der Wissenschaften benutzte, Dich zu entlassen und Dir so die Existenzmöglichkeit in der D D R entzog, womit Dir nicht viel mehr übrig blieb, als zu versuchen, aus der D D R wegzugehen. Hast Du mit Schriftstellerkollegen oder Freunden über Deinen Ausreiseantrag gesprochen? Schädlich: Ja, mit Sarah z.B., die ist ja schon im Sommer weg. Und die hat mir nichts geraten. Wer kann da schon raten, ja? In der D D R hat mir keiner geraten. Nur aus Westdeutschland haben sie mir geraten. Grass hat mir geraten und Born: "Mußt weg! Es ist höchste Zeit! Vorsicht!" Aber ich wollte mich auch mal meiner Position in den Augen anderer vergewissern, als ich schon den Ausreiseantrag gestellt hatte. Deshalb bin ich mal zu Christa Wolf gegangen. Na, das war aber sonderbar. Müller: Warum Christa Wolf, warum nicht jemand anders? Schädlich: Ich hatte Christa Wolf bis dahin für jemanden gehalten, der so einen gewissen moralischen Anspruch verwirklicht, der man ein Urteil zutraut über solche weitreichenden Dinge. Und vielleicht wollte ich auch von ihr, weil ich sie so gesehen habe, etwas hören, was meine Schritte bestätigte. Sie hatte damals noch eine Wohnung in der Friedrichstraße, gleich neben dem Hotel und Restaurant Adria, und sie hatte mir einen Termin gegeben für den späten Nachmittag, abends war das schon fast. Sie hat sofort, als ich die Wohnung betrat, ein Zeichen gemacht, ich solle nicht sprechen. Das habe ich schon mal nicht verstanden. Ich dachte, wenn schon Christa Wolf nicht spricht, wer spricht dann in seiner eigenen Wohnung? Wenn sie nicht den Mut hat zu sagen, was sie denkt in ihren eigenen vier Wänden, dann ist doch schon alles zu spät, nicht? Und dann hat sie mir ganz munter und harmlos vorgeschlagen, einen Spaziergang zu machen. Dann sind wir durch die Stadt gewandert, immer im Karree. Und sie hat sich alles angehört und hat gesagt: "Ja, es ist besser, Sie gehen." Müller: War das der Rat, den Du haben wolltest? Schädlich: Ja. Nur war mir ihr Satz etwas zweideutig. Müller: Weil er sich abgrenzte von Dir? Schädlich: Ich hätte gern gehört von ihr, für wen das besser ist. Hat sie nicht gesagt. Hat nur gesagt: "Ja, es ist besser, Sie gehen." Ich habe mich hinterher in der Bundesrepublik oft gefragt, was hat sie denn eigentlich gemeint? Es gab ja immerhin mindestens zwei Möglichkeiten: Es ist besser für die DDR und für Leute wie mich, Christa Wolf, wenn Sie gehen. Oder, es ist besser für Sie, Schädlich, zu gehen. Das Rätsel hat sich aufgelöst bei der Lektüre der Stasi-Akten. Mein ältester Bruder, der zu allen möglichen Leuten Kontakt hatte, der Christa Wolf gekannt hat, war danach bei Christa Wolf. Er hat mit ihr über mich gesprochen und nach seinem Bericht an die Stasi soll sie gesagt haben: Tja, wer so was macht, wie Ihr Bruder, der muß auch gehen. Also ich konnte ihren Satz für mich so deuten, daß sie gesagt haben wollte: Es ist besser für die DDR und auch für mich, wenn solche Leute wie Sie verschwinden. Das hätte dann auch heißen können: Ich muß dann auch nicht mehr als moralische Instanz herhalten für solche Leute wie Sie und darf nicht mal in meiner eigenen Wohnung mit ihnen reden. Laßt mich doch alle in Ruhe! Müller: Hast Du irgendwann einmal versucht, mit ihr darüber zu reden? Schädlich: Nee. Müller: Würdest Du es irgendwann gern mal tun? Schädlich: Nein, das würde ich mir nicht wünschen. Ich habe mit ihr gar nichts zu besprechen, gar nichts. Sie ist doch noch heute, wie ich aus dem Buch Auf dem Weg nach Tabou entnehme, in ihrer Geisteshaltung von damals befangen. Also, wir haben gar nichts zu besprechen. Ich habe aus dem Buch entnommen eine schwermütige Klage über den Verlust der D D R . Und das ist für mich eine Klage über den Verlust der Diktatur. Das bezeugt für mich eigentlich am deutlichsten die geistige Teilhaber­ schaft, denn ich klage nicht über den Verlust von etwas, mit dem ich nichts zu tun hatte. Nur, wenn ich zutiefst damit zu tun hatte, kann ich den Verlust von etwas beklagen. Sie drückt es dann auch etwas verwaschen aus: "Ich habe dieses Land immer geliebt," steht da irgendwo. Erstens war das kein Land, sondern ein Teil eines Landes, Teil von Deutschland, und wenn sie wirklich das Land oder das Teilland, einen Teil Deutschlands meinte, den sie so geliebt hat, den Teil gibt's immer noch. Den kann sie auch heute noch lieben. Warum liebt sie ihn heute nicht mehr? Es war also eine andere Liebe, es war die Liebe zu dem Staat und zu der Idee dieses Staates, der zwar pervertiert war usw. aber letzten Endes doch rettbar erschien. Das äußerste, was ich dazu sagen kann, ist: Das ist sehr langweilig, sehr langweilig. Und es verrät natürlich viel. Es verrät z.B. etwas, was ich auch bei anderen Leuten in der DDR, die einer ähnlichen Geisteshaltung anhingen, zu beobachten vermeine, nämlich, sie sind keine Demokraten. Sie lieben die Demokratie gar nicht. Auch solche Leute wie Stefan Heym, nicht. Na gut, das ist frei, ja, man kann in der Demokratie leben, man kann ihre Vorzüge genießen, und das tun die ja auch, ohne sie lieben zu müssen, oder ohne sie zu lieben. Aber ich höre das schon gerne in Klartext, es ist so langweilig, das überhaupt zu hören und es sich dann auch noch mühsam erschließen zu müssen, es ist aber so. Es gab Leute in der D D R , die ich für subjektiv ehrlich halte, die eben immer so von der Idee erfüllt waren, man müsse das Ganze reformieren, damit es was Gutes wird. Das ist ja an sich, wie soll man das sagen, ganz neutral und naiv betrachtet, durchaus ehrenhaft. Aber diese Bewertung der Ehrenhaftig­ keit ist selber nur möglich, wenn man in der Vorstellung befangen ist, daß es sich lohnt und daß so was überhaupt denkbar wäre. Und das ist aber die Frage. Ich meine, es hat auch Leute gegeben—ich weiß jetzt gar nicht unbedingt, wen ich da nennen soll—aber es hat in der DDR auf alle Fälle Leute gegeben, die dem System überhaupt keine Reformierfähigkeit zugeschrieben haben, die einfach gesagt haben: Das Ding ist falsch, verfehlt und muß weg. Gemessen daran, ist es natürlich irgendwie traumhaft, wenn Leute von der Reformierbarkeit gesprochen haben. Das kommt mir vor, als ob man sagt, es ist zwar nicht ganz passend, aber man sagt, wenn wir unser Zuchthaus reformieren, dann wird es dort drin schön. Zuchthaus ist Zuchthaus, das bleibt immer 'ne Strafanstalt. Die Reformleute, die waren für mich, obwohl die das natürlich abstreiten, immer nur dafür gut, die Haftbedingungen zu verbessern. Streiten die ab. Volker Braun würde an die Decke gehen. Wie hat er dann noch in einem Gedicht geschrieben zuletzt, sinngemäß: Er hätte verloren, was er nie besessen hätte. Geht das? Ich war in einer Diskussion in Paris, in der Buchhandlung Erlkönig. Da war ich nur Gast, es hat mir Spaß gemacht. Das war nach '89 und Lesung hielt Adolf Endler. Nach der Lesung sagte ein Mann aus dem Publikum, ein sehr alter Herr, in einwandfreiem Deutsch zu Adolf Endler: "Empfinden Sie auch so wie Volker Braun"—das wußten die in Paris, jader geschrieben hat, ja—"ich hab' verloren, was ich nie besessen, in Bezug auf die D D R . " Sagte Endler: "Nö. Ich empfinde so nicht. Ich nehme das mal ganz direkt, was ich nicht besessen hab', und ich habe es in der Tat nicht besessen, das kann ich auch nicht verlieren." Also, diese, wie soll man es nennen, die Enttäuschung der Reformwilligen, die dann nach dem Ende der ganzen Angelegenheit in so ein mystisches, pseudo-dialektisch mystisches Gewabere aufsteigt, das finde ich so grauenhaft. Also ehrlich gesagt, ich kann das überhaupt nicht verstehen, daß man einer Sache nachweint, die einfach nur verdient hatte zu verschwinden, egal, mit welchen schönen ernsten und gültigen Sprüchen man diese Sache drapiert hatte. Von Marx, und von Engels, und von allen möglichen guten Leuten schön umwickelt, daß man nicht sah, was es eigentlich wirklich ist, von außen. Und da hatte man auch eine großartige Tradition, schöne Namen wie Sozialismus usw. Und uns, also denen die weggegangen sind—ich sage jetzt nur uns, weil ich immer verschiedene Leute meine, die ich aber nicht mehr aufzählen kann—uns hat man eigentlich nicht so gerne gemocht. Die strengsten, die schärfsten Reformleute haben Leute wie mich immer noch auch als Verräter und Gegner angesehen. Ja, wir wollten ja nichts reformieren, wir haben ihnen ja ihr Spielzeug weggenommen, an dem sie noch ein bißchen schnitzen wollten, und das sie hübsch bemalen wollten, weggenommen. Das mochten die auch nicht. Die Bärbel Bohley hat mal gesagt, das hat sie sogar auch geschrieben, nämlich in ihrem Beitrag in dem Buch Aktenkundig, hat sie geschrieben: Nach der Lektüre der Akten des Staatssicherheitsdienstes wurde ihr erst vollkommen klar, spät, daß ein solcher Staat gar nicht reformierbar war, daß der Gedanke an die Reformierbarkeit des Staates eigentlich eine schreckliche Illusion war. Müller: Aber es gibt auch etwas anderes von Bohley, nämlich daß sie am Tag, als die Mauer fiel, gedacht hätte, das wäre schrecklich, denn mit dem Fall der Mauer war der Reformgedanke der Bürgerrechtler zu den Akten gelegt. Schädlich: Sie hat noch lange daran festgehalten. Müller: Ja. Worauf ich hinaus will ist folgendes, daß vielleicht diese Illusion der Reformierbarkeit eine historisch ganz notwendige Illusion war, denn ohne diese Illusion wäre es vielleicht anders gekommen, hätte länger gedauert, Honecker hätte nicht abgesetzt werden können usw. usw., weil eine radikalere Rhetorik und Praxis der Bürgerrechtsbewegung den Staat zum blutigen Handeln veranlaßt hätte. Es ist ja typisch für jede Revolution, daß die, die anfangen, dann die sind, die hinterher im Gefängnis sitzen oder überholt und kaltgestellt werden von den anderen. Schädlich: Stimmt. Ja, die Bürgerrechtsbewegung in der DDR hat aus dem System heraus überhaupt erst die kritische Bewegung in Gang gebracht. Die anderen, die grundsätzlich gegen das System waren und eigentlich seine Abschaffung verlangt haben, die waren eigentlich gedanklich viel zu weit, um die im System befangene Masse irgendwie zu erreichen, könnte sein. Müller: Und in dieser Vorbereitungsphase, um auf die Dichter, Autoren, um die es immer geht, zurückzukommen, haben dann auch Volker Braun, Christa Wolf und andere mit ihren Texten ihren Platz, glaube ich, auch wenn sie in der Realität vielleicht wenig mit der Bürgerrechtsbewegung zu tun hatten. Schädlich: Ja. Nur, wenn die Geschichte dann—wie heißt das in historischem Pathos—ihr Wort gesprochen hat und es mangelt denen dann an Einsicht in den Schritt, der stattgefunden hat, dann werden die irgendwie komisch. Müller: Selbstverständlich. Schädlich: Sogar penetrant. Ja, das beste ist natürlich, und da haben es die Amerikaner gut, man hat gar nichts mit Diktaturen zu tun. Dann kommt man auch nicht in die Verlegenheit, irgendwie dialektisch nützlich zu sein oder, falls man uneinsichtig ist, hinterher penetrant komisch zu werden.


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Wolfgang Müller. "Das beste ist natürlich, man hat gar nichts mit Diktaturen zu tun": Ein Gespräch mit Hans Joachim Schädlich, GDR Bulletin, 2018,