"Wir sind (k)ein Volk.

GDR Bulletin, Dec 1992

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"Wir sind (k)ein Volk.

" Wir sind (k)ein Volk ." Inter view mit Christoph Hein Recommended Citation 0 This Interview is brought to you for free and open access by New Prairie Press. It has been accepted for inclusion in GDR Bulletin by an authorized administrator of New Prairie Press. For more information , please contact - Follow this and additional works at: http://newprairiepress.org/gdr Richter: Dieses unter-der-Decke-Hervorkommen scheint oft bestraft zu werden. Maron: Wie denn? Richter: Nehmen Sie zum Beispiel den Fall von Anita Hill, die sich öffentlich dazu bekannt hat, sexuell belästigt worden zu sein, dadurch aber erniedrigt worden ist. Maron: Ich habe gehört, die macht nun Karriere. Richter: Man glaubte ihr nicht, bezichtigte sie der Lüge, tat ihre Vorwürfe als hysterische Ausschreitungen ab, diffamierte sie. Maron: Nun Gott, wenn mir jemand einen pornographischen Witz erzählt, dann sage ich, er soll die Klappe halten und fühle mich nicht belästigt. Richter: Auch wenn er Ihr Vorgesetzter ist und Sie damit Ihre Laufbahn aufs Spiel setzen? Maron: Ja, dann sage ich, er soll jetzt leise sein. Es gibt auch eine Möglichkeit, sich das vom Halse zu halten. Ich glaube auch, daß diese Überreaktion der Gesellschaft hier auch ein bißchen am amerikanischen Puritanismus liegt. Gestern erzählte mir ein Student, daß, wenn eine amerikanische Studentin herein kommt und der Playboy noch auf dem Tisch liegt, diese sich dann gekränkt und beleidigt fühlt. Man kann auch mit einem Scherz antworten: Haste das nötig, oder sowas. Ich glaube, das ist ein Gefühl der Unterlegenheit, was sich dann so äußert. Aber ich würde mich nicht belästigt fühlen, ich fand' den blöd, das ist was anderes. Ich fühle mich durch ganz andere Sachen belästigt. Wenn man zum Beispiel einen Chef hat, der politisch anderer Meinung ist. Man weiß, wenn man widerspricht, gefährdet man die eigene Karriere. Ist das dann politische Belästigung? Solche Sachen stören mich nicht weniger und nicht mehr. Das hieße, wenn ich mich durch sowas belästigt fühlte, daß ich den Männern eine Bedeutung und eine Überlegenheit einräumen würde, die ich ihnen gar nicht zugestehe. Richter: Große historische Ereignisse tendieren seit jeher dazu, auf das jeweilige Literaturverständnis der die Vorgänge umgebenden Kultur zu wirken. Dies war während der Nachbeben der Französischen Revolution nicht anders als denen des Holocaust; nach letzterem erklärte etwa Adorno die Poesie zu einer Nicht-mehr-Möglichkeit. Auch die soziale Revolution der sechziger Jahre brachte in den westlichen Gesellschaften ein bestimmtes Bild der "engagierten" Literatur mit sich hervor. Zeichnet sich Ihres Ermessens in Folge des Mauerfalls ein neues Literaturbild in Ost und West ab? Maron: Für den Westen glaube ich das eigentlich nicht. Es gibt, glaube ich, da keinen einzigen Schriftsteller, der durch den Mauerfall so tief erschüttert wurde, daß er jetzt plötzlich ganz anders schreibt. Im Osten nehme ich an, daß erst einmal eine große Differenzierung einsetzen wird, da die Leute ja gebunden waren durch diesen einen Gegenstand, das Politische, im Guten wie im Bösen, alle fixiert waren auf diese Sache, die sie auch noch eine Weile beschäftigen wird. Die Autoren werden ihrer eigenen Passion folgen können, also nicht mehr der allgemeinen Lage, von der sie magnetisch angezogen wurden; sie werden vielleicht herausfinden, was sie ganz besonders reizt. Das erwarte ich da. Im Westen, denke ich, ist das längst passiert. Und, möglicherweise, wenn das Leben im Westen ökonomisch erschüttert wird, was ja zu erwarten ist, wenn sich die Bedingungen grundsätzlich ändern, wenn das Leben wieder existentiellere Fragen stellt, dann wird sich da vielleicht auch etwas ändern, aber das ist im Moment wohl nicht absehbar. "Wir sind (k)ein Volk." Interview mit Christoph Hein. Christoph Hein wurde 1944 in dem schlesischen Ort Heinzendorf geboren. Vor dem Bau der Mauer besuchte er ein Gymnasium in West-Berlin, da ihm dies als Pfarrerssohn in der DDR verwehrt wurde. Nach dem Abitur arbeitet Hein in der DDR als Montagearbeiter, Buchhändler, Kellner, Journalist, Schauspieler in Nebenrollen und Regieassistent. Von 1967 bis 1971 studierte er Philosophie und Logik in Leipzig und Ost-Berlin. Anschließend war er als Dramaturg an der Volksbühne in Berlin tätig. Hier wurde 1974 seine Komödie Schlötel aufgeführt. Seit 1979 ist Hein freiberuflicher Schriftsteller: Seine bekanntesten Werke: Cromwell (1981), Derfremde Freund (1982), in der Bundesrepublik unter dem Titel Drachenblut veröffentlicht, Die wahre Geschichte des Ah Q (1984), Horns Ende (1985). 1987 wurde sein Kammerspiel Passage gleichzeitig in Essen, Zürich und Dresden uraufgeführt. 1989 wurde das Stück Die Ritterder Tafelrunde in Dresden uraufgeführt, zur gleichen Zeit erschien Der Tangospieler. 1990erschiene'meSammlungvonEssaysDiefünfieGmndrechenart, in denen Hein zur Zensur und anderen Problemen Stellung nimmt. Die Veröffentlichung schließt auch Reden aus der Zeit der Wende, z.B. die Rede am 4. November am Alexanderplatz, ein. Hein wurde mit mehreren Literaturpreisen in der DDR und der Bundesrepublik ausgezeichnet. Das Interview wurde im Mai 1991 im Goethe-Institut Chicago von Peter Teupe und Ulrike Weber, Northwestern University, PublishgeedfübhyrNt.ew Prairie Press, 1992 Weber: Seit fünfzehn Monaten sind die beiden deutschen Staaten vereint, woraus sich viele Probleme für dieses vereinte Deutschland ergeben haben. Bevor wir die Probleme der Gegenwart diskutieren, würden wir gern wissen, wie Sie den 9. November 1989 erlebt haben. Hein: Ich hatte an dem Tag ein Arbeitsgespräch. W i r besprachen zwei neue Bücher von mir, die jetzt 'rauskommen, und ich habe von der Öffnung der Mauer gehört, als ich abends zu Hause war. Dann habe ich weitergearbeitet. Teupe: Sind Sie dann gleich zur Mauer gegangen? Hein: Nein, da wir sehr lange gearbeitet hatten, war ich sehr müde. Ich habe mir nur die Fernsehbilder angesehen. Weber: Und das, was Sie da gesehen haben, hat Sie nicht 'rausgetrieben? Hein: Nein, die Fernsehbilder waren eher so, daß man zu Hause blieb. Es war ein großes Fest, es gab überschäumende Freude, aber natürlich auch überschäumenden Alkohol. Teupe: Sind Sie am nächsten Tag an die Mauer gegangen? Hein: Nein, ich bin tagelang nicht gefahren, weil ich viel Arbeit hatte, zum Beispiel in der Untersuchungskommission zu den Übergriffen der Staatsorgane. Weber: Hatten Sie überhaupt nicht das Gefühl, daß Sie sich auch die offene Mauer ansehen müßten? Weber: Wie würden Sie im Rückblick die DDR-Identität definieren? Sehen Sie sich jetzt noch als DDR-Schriftsteller? Hein: Nicht als Schriftsteller, aber als Mensch, als Bürger habe ich die meisten Jahre meines Lebens in diesem merkwürdigen Land verbracht. Identität ist vielleicht zu hoch gegriffen, aber es ist das Land, in dem ich aufgewachsen bin, wo ich gelebt habe. Teupe: Gibt es bestimmte Erfahrungen, die zu dieser DDRIdentität beigetragen haben? Erfahaingen, die sich auch literarisch in den Werken von DDR-Autoren niederschlugen? Die DDR-Literatur wurde doch immer politisch gesehen, da sie aus der Spannung zur Regierung heraus entstand. Hein: Ja, ich bin davon überzeugt, daß jedes Land nicht nur, aber auch die Autoren prägt, sonst könnten wir gar nicht von Nationalliteratur sprechen. Natürlich war die DDR keine Nation in dem Sinne, sondern die beiden deutschen Staaten bildeten eine Nation. Aber es ist normal, daß die Besonderheiten des einen Staates gegenüber den Besonderheiten des anderen Staates sich auch im täglichen Leben und damit auch für die einzelne Person ausdrücken. Weber: Welche Besonderheiten wären das? Christa Wolf hatte gesagt, die Konfliktlage wäre für sie sehr interessant und damit ein Schreibantrieb gewesen. Was waren Ihre Schreibantriebe? Hein: Ein Schreibantrieb ist für mich eigentlich, daß ich nur ein wenig von dem berichte, was ich gesehen habe. Daß ich im Grunde etwas über mich und meine Welt erzähle. Das ist nicht die ganze Welt, aber das, was ich erlebt und erfahren habe. Ich kann überhaupt nur meine Erfahrungen beschreiben, und die sind zufällig oder nicht zufällig, vor allem auf dieses merkwürdige Land bezogen, insofern ist sicher die Bezeichnung DDR-Schriftsteller korrekt. Aber wie gesagt, ich berichte über Erfahrungen, die ich gemacht habe, und die ändern sich wohl kaum, wenn das Land, in dem ich lebe, ein anderes ist, weil ein Land zu existieren aufgehört hat oder weil ich es gewechselt habe. Teupe: Sind Sie froh, daß die DDR als solche nicht mehr besteht? Hein: Das ist auch etwas schwierig zu beantworten. Das größte P r o b l e m für v i e l e I n t e l l e k t u e l l e u n d die Bürgerbewegung war, daß ihre Arbeit über viele Jahre hinweg nun im Oktober und November zum Tragen kam und Früchte zeigte. Diese Früchte verwelkten innerhalb weniger Tage. Das war ein Schockerlebnis für viele, weil sie hofften, in diesem Staat eine Alternative auszubilden. Sie hofften, eine neue Regierung zu haben und einen demokratischen Staat zu errichten. Daß dies eine taube Hoffnung war, wurde auch ganz schnell klar, denn die Masse der Bevölkerung wollte zu diesem Zeitpunkt etwas anderes, nämlich den Beitritt zum westdeutschen Staat. Aber die Jahre und Jahrzehnte, in denen an einer Änderung gearbeitet wurde, waren sehr wichtig gewesen, denn ohne sie hätte sich überhaupt nichts verändert. An den Veränderungen oder der sogenannten Revolution waren maximal 5% bis 8% der Bevölkerung beteiligt, aber die übrigen 90% taten gar nichts. Weber: Hatten Sie auch die Hoffnung auf eine eigenständige Entwicklung der DDR? Wünschten Sie '89, daß die DDR bestehen bleibt, aber nur in einer anderen Form? Hein: Hoffnung vielleicht, aber ich habe schon im Oktober gesehen, daß es dafür keine Chancen gab. Im Prinzip ist das für mich schon seit August '68 vorbei. Mit dem Einmarsch in die CSSR waren für mich die sozialistischen Länder völlig erledigt. Sicher hat das etwas mit meiner Generation zu tun. Ältere Kollegen haben andere Daten, '53 und '56, manche 2 sogar noch früher. Das Schockerlebnis war für mich '68. Da wurde mir klar, daß die DDR keine Zukunft mehr hat. Ich sah überhaupt nicht, wie es weitergehen sollte. Die Gefahr der Gewalt war immer da, wenn die DDR zusammenbrechen sollte. Daß es so unblutig verlaufen könnte, dafür hatte ich nicht genug Phantasie. Teupe: Einige Schriftsteller haben das Gefühl, daß sie mit der Wiedervereinigung zum Objekt der Geschichte geworden sind, indem die DDR aus den Händen der DDR-Regierung direkt in die Hände der Regierung der Bundesrepublik übergeben wurde. Geht Ihnen das auch so? Hein: Nein. Zwischendurch war dieses Vakuum da. Einen direkten Übergang hat es nicht gegeben. Die DDR-Regierung wurde abgeschafft, dann waren auf einmal diese Bürgerrechtler da und mußten dieses Vakuum füllen. Dann erst kam die Entscheidung, daß die Bevölkerung sagte, wir wollen keine Experimente mehr, wir wollen den sofortigen Beitritt zur Bundesrepublik. Aufgrund des Angebotes der westdeutschen Regierung war eine Grundlage dafür gegeben, weswegen es auch leicht zu machen war. Weber: Hatten Sie damals ähnliche Befürchtungen wie Günter Grass, der sich wegen der deutschen Geschichte gegen die Einheit ausgesprochen hat? Hein: Die hatte ich nicht, sondern die habe ich nach wie vor. Die letzten zwei Jahre haben eher diese Befürchtungen bestärkt. Die Deutschen haben Einheit immer sehr schwer verkraftet, oder genauer gesagt, ihre Nachbarn haben es immer schwer verkraftet. In den wenigen Jahrzehnten deutscher Einheit gab es drei große Kriege. Die deutsche Einheit beginnt mit einem großen Krieg. Vor 100 Jahren wurde das große Wort geprägt, daß die Deutschen nicht zur Einheit fähig seien. Im Vergleich zu allen anderen europäischen Nationen ist die deutsche Einheit auch sehr, sehr spät gekommen. Sie war auch nicht etwa die Voraussetzung für die Blüte der Kultur, was bei allen anderen europäischen Staaten der Fall war, in denen erst die nationale Einheit vollzogen werden mußte, bevor die Blüte der Kultur stattfinden konnte. Ich denke nicht zufällig an die deutsche Kleinstaaterei. Ich glaube auch, daß die Hoffnungen auf ein gemeinsames europäisches Haus durch die deutsche Einheit noch erschwert werden. Teupe: Günter de Bruyn hatte in seinem Essay "Über die deutsche Kulturnation" das förderative Prinzip betont und die Hoffnung ausgedrückt, daß es viele Bundesländer gibt, die sich kulturell stimulieren. Haben Sie auch diese Hoffnung, oder glauben Sie, daß in der Zukunft in der Kulturpolitik der Bundesrepublik Deutschland viel mehr nivelliert wird? Hein: Nivellieren finde ich einen sehr ungeschichtlichen Ausdruck, denn Geschichte verläuft immer etwas spannender und überraschender. Nivellieren gibt es gar nicht. Auch wenn der Versuch gemacht würde, alles zu nivellieren, dann blühte irgendwo immer noch ein merkwürdiges Blümchen. Den Förderalismus in Deutschland halte ich für etwas sehr Wichtiges u n d Entscheidendes u n d w a h r s c h e i n l i c h auch das Weitreichendste. Nicht ganz zufällig ist trotz der vier Jahrzehnte DDR die Länderstruktur auf natürliche Art und Weise, das war kein Verwaltungsakt, ganz schnell wieder entstanden. Unabhängig von der veränderten Aufteilung und der politischen Struktur der Bezirke waren die Länder geblieben, was sich zumindest in der Unverträglichkeit der verschiedenen Länder zeigte. Wie sich auch die westdeutschen Bundesländer mehr durch Unverträglichkeit als durch Verträglichkeit auszeichnen. Ich denke auch, daß der Föderalismus die Länderstruktur noch weiter fördern wird. Weber: Es gibt eine rege Diskussion über die Verantwortung der DDR- Schriftsteller, aufgehängt an der Person von Christa Wolf. Was halten Sie von der Diskussion zu Was bleibt? Hein: Ich finde die Diskussion etwas aufgeblasen. Mich hat sie etwas gelangweilt, und ich habe mich an diesen Albernheiten nicht beteiligt. Ich finde die Frage auch verfrüht, was von der Literatur eines Landes bleiben wird, das werden wir 50 Jahre danach sehen. Man braucht nur einen kurzen Blick in die Geschichte zu werfen, um zu sehen, was in 50 Jahren passieren kann. Da sind Nobelpreise verliehen worden, über die wir heute nur den Kopf schütteln können. Das waren damals ganz ehrenwerte Personen, aber heute kennt sie keiner mehr. Wir erleben es gerade wieder einmal, daß die Autoren, die vor 40 Jahren bedeutend waren, eine ganz neue Wertung bekommen. Für uns war es auch noch vor 20 Jahren völlig unvorstellbar, daß bestimmte Autoren ganz neu und ganz anders bewertet würden. Es gibt da große Veränderungen, was nicht an der Universität oder den Lehrmeinungen liegt, sondern etwas mit den Einschätzungen der nachfolgenden Generationen zu tun hat. Ich denke, daß man gerade in Sachen Kunst diese Jahrzehnte noch abwarten muß. Teupe: Christa Wolf war auch der Aufhänger für die Diskussion über den DDR-Bonus. Gab es den DDR-Bonus jemals? Hein: Da es den Begriff ontologisch gibt, wird es ihn auch sicherlich geben. Aber ich bin doch soweit Dialektiker, daß ich weiß, wenn es einen Bonus gibt, dann gibt es auch einen Malus. Ich habe eigentlich immer stärker das Malum empfunden. Ich habe mich nie so gelangweilt wie bei Literaturbetrachtungen zu meiner Arbeit in Westdeutschland, bei denen es immer die Haltung gab: Wir verstehen schon, wie Sie schreiben, denn in dem Land können Sie gar nicht anders. Ich versuchte zu erklären, daß ich am Schreibtisch ohnehin mit mir allein bin, und wenn ich an meinem Schreibtisch Zensur 'reinlasse, dann liegt das leider an mir, und ich versage. In der Produktionssphäre liegt es nur an mir und an meinem Rückgrat. Der Rest ist dann einfach Feigheit oder Opportunismus oder der Wunsch, Brötchen zu verdienen. Aber mir zu unterstellen, daß ich irgendwas anders schreibe, weil ich in diesem Land lebe, das ist Unsinn. Das fand ich immer angenehm an anderen Ländern, wo man die Literatur so nahm, wie sie geschrieben wurde und nicht glaubte, es sei anders gemeint, als es geschrieben worden war. Ich habe es also als Malum empfunden, als Schriftsteller einer Diktatur dargestellt zu werden, der nur zwischen den Zeilen schreiben kann. Ich habe auch ein paar Essays dagegen geschrieben, aber das hat alles nicht geholfen. Weber: Was haben Sie konkret in Ihren Essays kritisiert? Hein: Es hieß immer, es sei Sklavensprache. Ich habe mich immer heftigst dagegen gewehrt. Mit den Essays darüber konnte ich in der DDR nicht groß landen, die wurden alle nicht veröffentlicht. Aber trotz Veröffentlichung in Westdeutschland hat es alles nichts genützt. Sklavensprache wurde immer als Sprache der DDR-Autoren genommen. Ich hielt und halte das für unsinnig. Ich glaube auch nicht, daß es den Bonus beim Lesen gab. Ich lese doch nicht einen südafrikanischen Autor, weil es dem schlecht geht. Ein Staat kann ihn vielleicht deswegen ehren und auszeichnen, und eine Universität kann sagen, wir müssen jetzt unbedingt südafrikanische Literatur machen, weil es denen so schlecht geht, aber der Leser entscheidet nach anderen Kriterien. Er vergibt keinen Bonus. Teupe: Wurde der Bonus also nur von den Kritikern vergeben? Hein: Wenn es einen Bonus gab, dann kann das allenfalls in Bereichen sein, die da unabhängiger sind, also möglicherweise Feuilletons. Aber das ist dann doch häufig dieses "über den Kopf streichen" gewesen. Das macht auf einen normalen Menschen doch einen fürchterlichen Eindruck. Nein, mit dem Bonus habe ich nicht so viel anfangen können. Weber: Eher mit dem Malus? Hein: Ich habe in Westdeutschland immer wieder versucht, etwas dagegenzuhalten und das zu klären. Ich kann diesen Bonus keinem Schriftsteller erteilen. Ich kann nicht sagen, wenn einer aus Guatemala ist, müssen wir Rücksicht nehmen. Ich sehe mir seine Texte an, und wenn sie gut sind, finde ich sie gut, und wenn sie schlecht sind, wird mich kein Autor dazu bringen, sie gut zu finden. Das geht gar nicht, auch wenn ich um sein persönliches Schicksal weiß, selbst wenn es ein sehr schweres Schicksal ist. Dem werde ich dann als Mensch meine Hand geben und werde versuchen zu helfen, aber ich kann doch die Literatur deswegen nicht eine Stufe höher stellen als sie steht. Das ist Linsinn. Das mache ich nicht, und der Leser macht es auch nicht. Gabriel Garcia Marquez hat einmal sehr schön darüber geschrieben, daß es in den 40er, 50er und 60er Jahren in Lateinamerika eine Unzahl von schlechten Romanen gab, die alle ganz wichtig waren, sehr kämpferisch und das Übel an der Wurzel packte. Das war alles sehr wichtig, aber keine Literatur. Das war mutig und sehr kämpferisch aber keine Literatur. Teupe: Glauben Sie, daß in der Zukunft die ehemaligen DDRSchriftsteller als Gruppe einen Einfluß auf die gesamtdeutsche Literatur ausüben werden? Hein: Nein, als geschlossene Gruppe auf keinen Fall. Vielleicht wird es den Einfluß der sächsischen Schriftsteller geben. Wenn Sie 20 Schriftsteller haben, dann haben Sie auch 20 Meinungen. Wie soll da eine Gruppe entstehen? Das war in der DDR nicht viel anders als in Westdeutschland. Die ganzen Vereinigungen litten alle darunter. Wenn 5 Autoren eine Gruppe bilden, dann ist das viel. Alles was darüber hinausgeht, füllt dann nur die Feuilletons mit Streitereien der Schriftsteller. So etwas wird sehr begierig aufgenommen. Weber: Hat für Sie auch einmal die Ausreise aus der DDR zur Debatte gestanden? Es gibt ja einige Schriftsteller, die gesagt haben, daß sie nicht ausreisen wollten, weil sie dann einen Teil von ihrem Stoff verlieren. Andere wiederum behaupteten, zum Schreiben in ein anderes Land gehen zu müssen. Haben Sie es erwogen, die DDR zu verlassen? Hein: Erwogen oder darüber nachgedacht habe ich sicherlich sehr oft. Teupe: Z u m Beispiel '68? Hein: Nicht als Schriftsteller, sondern als DDR-Bürger. Das betraf nicht nur die Schriftsteller, sondern fast alle Leute. Kaum einer meiner Freunde hegte nicht ab und zu so einen Gedanken. Das spitzte sich zu, wenn es irgendwelche Schwierigkeiten gab. '85 gab es dann eine Entscheidung der Regierung, daß ich das Land zu verlassen habe. Das war nach dem Buch Horns Ende, das denen besonders unangenehm war. Da ich aufgrund dieser Aufforderung schon gar keine Lust hatte, das Land zu verlassen, haben viele Kollegen sich dafür eingesetzt, daß kein Fall HEIN entstehen würde. Dann wurde das noch einmal gestoppt. Als die Aufforderung kam, da hatte ich schon überhaupt keine Lust, aber darüber nachzudenken, das erschien mir ganz selbstverständlich. A b und zu hat man 'mal die Nase voll. Weber: Aber nie so weit, daß Sie das Land wirklich verlassen wollten? Hein: Nie soll man nicht sagen. Es gab Kollegen, um bei den Schriftstellern zu bleiben, die mit 20 das Land verlassen haben und manche erst mit 50. Die es mit 50 verlassen haben, wollten es wahrscheinlich mit 20 nicht verlassen. Das Wort nie sollte Teupe: Das hat sich also über die Jahre verändert? Hein: Nein, das nicht. Aber das hat auch sehr viel mit dem Individuum zu tun. Ich weiß doch auch, und das wird viele Kollegen von mir in der DDR betreffen, daß wir eine gewisse Funktion hatten, einen gewissen Wert für ein Publikum, weil unter anderem auch Ersatzfunktionen, zum Beispiel für fehlende Presse, von den Autoren geliefert wurden. Ein Autor, der ging, war auch gleichzeitig immer ein Verlust für die Bevölkerung. Als Günter Kunert das Land verließ, war das für viele ein großer Schock, denn es fehlte ihnen auf einmal etwas. Es fehlte ein sehr mutiger Mann, der ab und zu die Stimme erhob, was ganz wichtig war. Es war wichtig, daß Leute wie Christa Wolf und Günter de Bruyn in ihrem Land waren, weil viele Bewegungen, wie auch die Bürgerbewegung, ohne ein paar dieser Schriftsteller die größten Schwierigkeiten gehabt hätten, sich zu formieren. Es war für viele ganz wichtig, daß die da waren. Weber: Waren die Schriftsteller Symbolfiguren? Hein: Ja, es war wichtig, daß sie da waren. Teupe: Es gibt noch viele Probleme mit der D D R V e r g a n g e n h e i t s b e w ä l t i g u n g , z u m B e i s p i e l d e r Staatssicherheitsdienst. Wie sehen Sie das Stasi-Problem? Kann das in irgendeiner Weise gelöst werden, juristisch oder moralisch? Hein: Ich habe seit Oktober-November '89 in einigen Kommissionen mitgearbeitet. Ich bin da ein bißchen 'raus, weil die Arbeit und damit meine Funktion beendet wurde, teilweise auch, weil das für mich kein dringendes Problem war. Weber: Sehen Sie die Stasi also nicht als ein so großes Problem? Hein: Das Problem Stasi hat sich nun erübrigt. Das ist gar keine Frage, daß rechtsstaatliche Überlegungen und Handlungen einsetzen müssen, was man mit diesem Erbe macht. Aber es ist für mich kein Problem, ich habe davor keine Angst. Jetzt müssen da noch ein paar Beamte mit dem Traktor da 'ran. Wir wollen aber auch nicht vergessen, daß die Stasi, so g r u s e l i g w i e sie ist o d e r w a r , ein Staatsgeheimdienst eines Staates war, der vermutlich nicht so sehr viel anders gehandelt hat wie andere Geheimdienste auch. Was man gelegentlich vom amerikanischen oder französischen hört, hört sich auch nicht so wunderbar an. Ich sage das nur deswegen, weil es eine Diskussion darum gibt, die Staatssicherheit zu einer terroristischen Vereinigung zu erklären. Teupe: Immerhin unterhielt die Stasi Beziehungen zur RAF und hat sie direkt unterstützt. Hein: Trotzdem halte ich die Klassifizierung als terroristische Vereinigung für völlig abwegig. Diese Beziehungen zur RAF und möglicherweise direkte Hilfe, sind natürlich ein Vergehen, das abgeurteilt werden muß. Das wird aber nicht die ganze Staatssicherheit betreffen, sondern nur ein paar Eingeweihte. Das war eine Handvoll Leute, aber nicht die 20.000 der Staatssicherheit. [...] Die Leute, die sich dort gemeldet haben, teils aus Überzeugung, teils weil sie mehr Geld verdienen wollten, glaubten, zumindest vermute ich so, einer ehrenvollen Tätigkeit nachzugehen. Die nun nachträglich zu einer terroristischen Vereinigung zu erklären, geht auch ein bißchen am eigentlichen Problem vorbei. Weber: Ein Problem ist die hohe Anzahl der Spitzel. Nach vorsichtigen Schätzungen war jeder dreißigste DDR-Bürger irgendwann in seinem Leben ein inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. Wie wird man mit diesem Problem fertig? Hein: Ach, wir gehen da mit rechtsstaatlichen Mitteln 'ran, und was zu verurteilen ist, das wird auch verurteilt werden. Wo moralische Delikte sind, kann man sich darüber empören, 4 aber da kann man nicht mit rechtsstaatlichen Mitteln arbeiten. Wenn einer ein Ferkel ist, dann kann ich ihn auch nicht daran hindern. Wenn ich die Stasi zur terroristischen Vereinigung erkläre, dann muß ich auch so ehrlich sein, daß ich sage, jeder Geheimdienst eines zusammenbrechenden Staates wird zur terroristischen Vereinigung erklärt, wenn die Akten geöffnet werden. Es gibt von jedem Staat und von jedem Geheimdienst genügend Material, um die entsprechenden Urteile und Verurteilungen zu erreichen. Das ist halt die widerliche Arbeit der Geheimdienste. Teupe: Sind Sie von der Stasi jemals zwecks Mitarbeit angesprochen worden? Hein: Sicher, ich habe sogar darüber geschrieben, daß 1987 zwei Offiziere an mich herangetreten sind, und die Art und Weise, wie ich sie losgeworden bin, habe ich im Tangospieler beschrieben. Weber: Glauben Sie, daß das Problem mit der Stasi dem der Entnazifizierung ähnlich ist? Gerade in der moralischen Schuldfrage, weil viele Fälle nicht juristisch gefaßt werden können, scheint es Parallelen zu geben. Hein: Nein, Parallelen gibt es keine, das ist ein ganz anderer Fall. Das Verbrecherische der Staatssicherheit, ob sie nun tatsächlich Verbrechen begangen hat, ist ja auch noch umstritten, das ist doch leicht aburteilbar, denn dafür gibt es Paragraphen. Auch wenn es ein schwieriges Gebiet ist, ist das erfaßbar. Eine kollektive Mitschuld gibt es keinesfalls. Möglicherweise gibt es Ähnlichkeiten, ganz sicher gibt es sogar Ähnlichkeiten, aber die Unähnlichkeiten und Grenzen sind viel größer. Im Nazireich gab es eine demokratisch gewählte Regierung, während die DDR-Regierung nicht demokratisch gewählt worden war. Von Beginn an bis zum Schluß war die Mehrzahl der Bürger dagegen, was ein großer Unterschied zur Nazizeit ist. Sicher haben 90% der DDRBevölkerung ein größeres Anrecht darauf zu sagen, daß sie mit diesem Staat nichts zu tun hatten. Daß sie nicht sehr mutig waren, das sei dahingestellt, aber sie wollten, nicht nur nach '89, nichts mit diesem Staat zu tun haben und haben sich nur so weit darauf eingelassen, wie es das Brötchenverdienen, das alltägliche Leben und die allgemeine Feigheit verlangte. Aber es gab keine Übereinstimmung. Der Jubel, den man vorher im DDR-Fernsehen sehen konnte, war immer bestellt. Insofern kann sich der normale DDR- Bürger leicht von der DDR verabschieden, denn sie war ein nicht geliebter Staat. Teupe: Christa Wolf hat gesagt, es wäre schwierig gewesen, gegen die DDR-Regierung zu rebellieren, weil einige Regierungsmitglieder Kämpfer des Antifaschismus waren und sich die DDR als antifaschistischen Staat definiert hatte. Sehen Sie das auch so? Hein: Ich denke, daß es für die Generation, die die Nazizeit erlebt hat, besonders schwer war. Das ist schon ein Unterschied, zumal für jemanden, der diese Zeit miterlebt hat, ob ein Herr Filbinger Ministerpräsident ist oder ein Herr Honecker, der 10 Jahre im Zuchthaus gesessen hat. Das ist für die nachfolgenden Generationen wesentlich lockerer. Die haben das auch völlig vergessen und übersehen oder völlig abgetan. Die interessieren sich nicht dafür, haben nur den Honecker von heute genommen, und der war für sie immer ein schlechter Staatsmann oder ein Diktator. Nur die Leute, die die Nazizeit miterlebt haben, die konnten viel weniger vergessen, weil sie sich daran erinnern konnten und mußten, wie sie in der Nazizeit gelebt haben. Möglicherweise war das auch opportunistischer, aber das verstehe ich schon, daß dadurch eine Verurteilung erschwert wurde. Wie es natürlich immer menschliche Schwierigkeiten gibt bei jemandem, der Verdienste hat, indem man sie ihm zu hoch oder zu tief Published by New Prairie Press, 1992 anrechnet. Die Veränderungen, die in einem Menschen stattfinden, sind immer schwer zu beurteilen. Weber: Helga Königsdorf spricht in ihrem Buch Adieu DDR auch von einem Verlustgefühl, jetzt, w o der DDR-Staat zu Ende ist. Haben Sie das auch? Zum Beispiel, daß die starke Betonung des Antifaschismus in der D D R nicht mit 'rübergerettet werden kann? Hein: Generell habe ich kein Verlustgefühl. Aber um beim Antifaschismus zu bleiben: Das war in der DDR alles sehr gut gemeint, aber die Ergebnisse waren ungemein unbefriedigend. Beim Antifaschismus sehe ich keine Verschlechtening oder Verschlimmerung. Es wäre unsinnig, Westdeutschland da eine andere Haltung vorzuwerfen. Es gab sicher Dummheiten genug in der Geschichte, aber daß in der DDR etwas grundsätzlich besser funktionierte als in Westdeutschland, das sehe ich nicht. Die Haltung war von Anbeginn eine andere, aber die Ergebnisse waren nicht sehr viel besser. Teupe: Die Verarbeitung der Geschichte in den beiden deutschen Staaten wurde nicht unterschiedlich gehandhabt? Hein: Sie funktionierte nicht. Möglicherweise, weil es überhaupt nicht besser ging, weil die Deutschen noch lange nicht mit der Nazizeit abgeschlossen haben und auch ein anderes Verhältnis dazu haben. Anders als bei dem Ende der DDR, hatte die Bevölkerung im 3- Reich eine Beziehung zur Regierung, die sie nicht selbst beendete, sondern die von anderen Mächten beendet wurde. Nicht die Deutschen haben die Nazizeit beendet, sondern fremde Mächte. Das verstärkt dann möglicherweise ein Gefühl von Verlust, weswegen so etwas wie Auschwitzlüge überhaupt kommen konnte. Aber wie gesagt, da sehe ich keinen gravierenden Unterschied. In den Absichten durchaus, aber nicht in der Realität. Deswegen sehe ich da überhaupt keinen Verlust. Ganz im Gegenteil, wenn es einen Gewinn für mich als Intellektuellen gibt, dann ist das, daß mit dem Ende der DDR bestimmte Sachen wieder in Bewegung kommen. Die Diskussion bestimmter Themen war in der DDR nicht möglich, zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Weber: Welche Themen waren Tabu-Themen und konnten nicht diskutiert werden? Hein: Je mehr es zum Zentrum des Staates ging oder zu dem, was der Staat als sein Zentrum ansah, wie zum Beispiel den Kommunismus oder den Antifaschismus. Diese Themen waren einfach nicht diskutierbar, das waren alles versteinerte Verhältnisse, über die nicht diskutiert werden konnten. Teupe: Wurden diese Themen an höherer Stelle diskutiert? H e i n : Alles war vorgegeben. Jede Kritik an diese antifaschistische Funktion wurde nicht veröffentlicht, war nicht erlaubt. Daß dieses doch wieder genannt werden kann, daß wir nun darüber sprechen können, was da für faschistoide Tendenzen in der DDR-Bevölkerung vorhanden sind, ist schon befreiend. Die gab es vorher auch, es durfte nur nicht darüber gesprochen werden. Daß das nicht helfen kann, war allen klar, außer vielleicht den Ideologen, die es vielleicht nicht wahrhaben wollten, aus Bequemlichkeit oder aus welchen Gründen auch immer. Weber: Ist der Verlust der DDR ein Verlust für Frauen? Darüber gibt es ja eine recht erhitzte Diskussion, die immer an den unterschiedlichen Abtreibungsparagraphen, der g e r i n g e r e n A n z a h l v o n Kindertagesstätten in der Bundesrepublik oder der hohen weiblichen Arbeitslosigkeit aufgehängt wird. Meinen Sie, daß im Nachhinein vieles an den Verhältnissen in der DDR beschönigt wird, oder ist der Verlust der DDR wirklich ein Verlust für Frauen? Hein: Das wird man auch in ein paar Jahren genauer sagen können. Eine Sache ist schon beunnihigend oder bezeichnend, nämlich der übergroße Anteil der Frauen in der Arbeitslosigkeit. Da gab es andere Verhältnisse in der DDR. Daß es jetzt hauptsächlich Frauen sind, die gefeuert werden, halte ich für eine für Frauen untragbare Situation. W o jetzt die Zahlen so eindeutig sind, da macht niemand mehr den Versuch, das wegzudiskutieren. Bei dem Abtreibungsparagraphen steht die endgültige Lösung noch an, aber vielleicht wird es auch keine endgültige Lösung geben. Nur daß die traditionelle Stellung der Frau noch traditioneller wird als in der DDR. das glaube ich schon. Das werden Frauen als Verlust empfinden, und ich weiß, daß viele Frauen das auch als Gewinn empfinden werden. Weber: Es gab auch viele Frauen, die gesagt haben, die Gleichstellung der Frau war in der DDR nur theoretisch, weil Frauen die Berufe mit den niedrigeren Einkommen hatten und mit der Doppelbelastung von Beruf und Haushalt kämpften. Lange Zeit war auch die Feminismusdiskussion nicht so bedeutend, weil die Benachteiligung der Frau durch den Kommunismus aufgehoben würde. Hein: Das war die offizielle Variante, aber die hat keiner geglaubt. Es hat keinen Feminismus gegeben, keinen nennenswerten, aber das lag nicht am Staat, darauf hätte der Feminismus keine Rücksicht genommen. Es lag schon daran, daß der Versuch der Gleichstellung ein anderer war als in Westdeutschland. Der Rest, den Sie ansprechen, ist völlig richtig, betrifft aber nicht die Gesetze. Die Doppelbelastung hatte etwas mit dem jeweiligen Mann zu tun, und das ist nicht durch Gesetze zu regeln. Man kann keine Gesetze formulieren, die den Herrn Müller zur Hausarbeit verpflichten. Das funktioniert nicht. Die Gesetze waren alle ganz wunderbar. Daß Frauen wieder in unterbezahlte Stellungen kamen, das war alles gesetzlich nicht vorgesehen. Das passierte, weil wir im Osten wie im Westen ein sehr gesundes Patriarchat haben. Wenn ich Jura studiere, und ich bin in keiner schlagenden Verbindung, dann habe ich einen Nachteil. Es gibt dann Schwellen, über die ich nicht komme, obwohl das gesetzlich nicht so ist. Teupe: Woran arbeiten Sie momentan literarisch? Hein: A n einer Prosa, an der ich schon längere Zeit sitze. Ein Roman. Ich habe Erzählungen geschrieben, die gerade herausgekommen sind, und ich habe auch viel Arbeitszeit in den Kommissionen verbracht. Das war vielleicht notwendig, aber verbrauchte auch viel Zeit, weswegen mir unheimlich viel Arbeitszeit fehlte, die ich verstärkt nachholen muß. Weber: Sie haben gesagt, daß DDR-Bürger das Deutsche immer etwas beiseite gedrängt haben. Ist das Gefühl, Deutscher zu sein, für Sie ein neues Gefühl? Hein: Nicht im Inland, von außen wurden wir nicht als Deutsche gesehen. Eine Frage, die an mich gestellt wurde, "Herr Hein, wie lange sind Sie schon in Deutschland?" Das war durchaus normal. Wenn ich dann sagte: "Seit elftausenddreihundert Tagen," dann war der Frager darüber empört, das fand er eine Unverschämtheit von mir. Die Bundesrepublik war natürlich immer Deutschland. Es gab auch Fußballspiele Deutschland gegen die DDR. T e u p e : W a s g l a u b e n Sie, w i r d d i e Z u k u n f t der bundesdeutschen Linken sein? Für die bundesdeutsche Linke sind die Entwicklungen in den sogenannten Ostblockstaaten etwas Desillusionierendes gewesen. Hein: Ich sehe als Schwierigkeit bei den westdeutschen Linken, daß die einfach bestimmte Sachen nicht wahrnehmen wollen. Die Illusionen, die die westdeutsche Linke jetzt verloren hat, hat die ostdeutsche Linke nie gehabt. Weber: War die ostdeutsche Linke realistischer? Hein: Realistischer will ich gar nicht 'mal sagen. Denen blieb gar nichts anderes übrig. Die konnten keine Illusionen mit bestimmten Personen und bestimmten Entwicklungen in sozialistischen Ländern verbinden, denn sie lebten dort. Sie wußten, was in Ungarn und Rumänien und der Sowjetunion passierte. Gorbatschow hat unheimlich viel verändert und bewegt, aber es gab auch da keine Illusionen darüber, daß der Fortschritt auch ganz an den Rand gedrückt werden und eine vollkommen andere Entwicklung stattfinden könnte. Das jetzt so eine Erschütterung bei den westdeutschen und westeuropäischen Linken stattfindet, trifft auf Unverständnis bei den osteuropäischen Linken. Das hat etwas mit Illusionen zu tun, die man doch hegte und pflegte. Teupe: Gab es diese Illusionen nur auf westdeutscher oder auf beiden Seiten? Hein: Hauptsächlich auf der westlichen Seite. Erinnern Sie sich an die ganze Geschichte mit Kuba. Es gab in Osteuropa keine Begeisterung dafür. Aber was dann die westdeutschen Linken machten, die sich weigerten, nach Amerika zu fahren und stattdessen in Kuba Urlaub machten. Teupe: Das war einer Illusion nachhängen? Hein: Ja, und das ist sehr, sehr lange her. Schwamm drüber. Aber diese Dummheiten, diese Arten von Verlusten hat es nicht gegeben. Weber: Glauben Sie, daß sich die marxistische Philosophie und Marxismus als Theorie von den Entwicklungen der Zeit erholen kann? Hein: Ich denke, daß sich das klären wird. Man wird merken müssen, daß Marx an der existierenden Politik der DDR wenig Anteil hat und auch für die D D R nicht verantwortlich ist. Marx hatte mit der DDR nichts zu tun. Daß man glaubt, daß Marx als Philosoph viel Dreck am Stecken hat, ist Unsinn, aber das Phänomen hat es schon immer gegeben. Nach '45 war das Nietzsche, der ein völliger Blödmann gewesen sein soll. Das ist auch Unsinn. Jetzt sind 50 Jahre vergangen, da ist das Bild von Nietzsche ein bißchen klarer geworden. Teupe: Kann man auch in der Zukunft Marxismus als Kritik der kapitalistischen Gesellschaft benutzen? Hein: Zumindest als eine historische Kritik. Das war auch eine der versteinerten Welten. Es gab die Entwicklung, daß Kommunismus nicht mehr diskutiert wurde. Das war geradezu verboten. A n den Universitäten war es völlig unmöglich. Es war nicht erlaubt, wenn jemand meinte, hier irrte sich Marx, oder hier muß das weiterentwickelt werden. Diese Leute wurden gefeuert. Obwohl die Diskussion notwendig gewesen wäre. Es war eine Kritik am Kapitalismus, eine Kritik am 19Jahrhundert und am Kapitalismus des 19. Jahrhunderts. Daß es im 20. Jahrhundert ein bißchen anders aussehen mußte, daß wollte oder durfte man bei uns nicht sehen. Der Philosoph Marx wird seinen Stellenwert wieder bekommen und zwar seinen richtigen, nicht zu hoch und nicht zu tief. Weber: Also wird sich Marx von der DDR erholen? Hein: Er hat dadurch auch erst die Chance, sich zu erholen. In der DDR gab es ja auch Intellektuelle, die ihn nicht lasen, weil sie auch meinten, daß er mit Herrn Honecker und Herrn Ulbricht zu identifizieren ist. Das ist natürlich Unsinn. Teupe: Hatten die Politiker Marx mit der DDR gleichgesetzt? Hein: Ja, Marx und die DDR waren fest miteinander verbunden. Rein philosophisch. In der Ökonomie gibt es ja auch einige Sachen, die Marx ganz richtig gesehen hat, zum Beispiel die Arbeitslosigkeit. Das stellen die DDR-Bürger gerade fest. Das ist jetzt eine große Erschütterung. Weber: Gibt es eine Renaissance des Marxismus? http://newprairiepress.org/gdr/vol18/iss1/3 DOI: 10.4148/gdrb.v18i1.1025 Hehl: Nein, keine Renaissance. Aber zum ersten Mal erlebt man Dinge, die Marx gesagt hat, indem man den Kapitalismus kennenlernt. Vorher hat das ja keiner geglaubt. Daß das bessere Auto auch mit dem Verlust des Arbeitsplatzes und dem Verlust der Wohnung einhergeht. Das ist völlig tragisch für viele, die das nie glauben wollten. Teupe: Die wollten das nie wahrhaben, weil sie es für SED Propaganda hielten. Hein: Die haben nie die Erfahrungen gemacht. U n d denen, die es ihnen gesagt haben, wie dem Neuen Deutschland, glaubte man kein Wort. Weber: Das Westfernsehen hat es auch gesagt, und das wurde doch gesehen? Hein: Ja, aber den Kanal hat man nicht gesehen. Man hat sich das Werbefernsehen angeschaut. Teupe: Man nahm nur wahr, was man wahrnehmen wollte? Hein: Das ist eine selbstverschuldete Unmündigkeit. Derzeit ist die Mauer so hoch wie noch nie. Wirtschaftlich, moralisch und sozial. Eine Kleinigkeit, bei der es besonders unsinnig ist, sind die Universitäten. Die Unis klagen, daß es ganz wenige, fast null Bewerbungen aus Ostdeutschland für westdeutsche Unis und umgekehrt gibt. Die Studenten wollen nicht in das andere Land. Weber: Was hält die ehemaligen DDR-Bürger davon ab, an westdeutsche Unis zu gehen? Sind das Bewährungsängste? Hein: Das ist ein Gefühl der Demütigung. Sie fühlen sich als Bürger zweiter Klasse nicht dazugehörig. Teupe: Man hat mit dem westlichen Deutschland nichts zu tun? Hein: Auf beiden Seiten. Da gibt es einen Witz, da sagt ein Ossi zum Wessi: "Wir sind ein Volk." U n d der Wessi antwortet: "Wir auch." Weber: Glauben Sie, daß diese Entwicklung der gegenseitigen Abschottung immer stärker wird? Hein: Nein, die kann stärker werden, aber das ist eine vorübergehende Sache. Das sind 10 Jahre, die müssen einfach überstanden werden. Es gibt einfach keine Alterna­ tive zur Einheit. Trotz aller Schwierigkeiten halte ich diese Kassandra-Rufe für u n s i n n i g . Es w i r d n o c h mehr Schwierigkeiten geben, und es wird noch schlimmer werden, keine Frage. Aber da es keine Alternative dazu gibt, muß man auch nicht groß klagen, man muß sehen, wie man das Schiff wieder flott macht. In 10 Jahren wird das sein, darüber können wir schon ganz gute Aussagen treffen. Die jetzigen Schwierigkeiten sind völlig normal. Das hat auch was mit der Euphorie zu tun. Damals sind überall Dummheiten gemacht worden. Die Kosten hätte man damals gleich vorhersagen können. Im Rahmen dieser Euphorie hätte man die wunderbar unterbringen können. Während der Euphorie sagt man, da kommt gar nichts, und ein Jahr später kam die Rechnung. Das war schlecht gemacht. Aber es gibt keine Alternative zur Einheit. Larve und Imago oder Die zwei Leben der Stasi Jens Reich, Berlin Jens Reich was born in 1939 and brought up in the GDR. He studied medicine at the Humboldt University in Berlin from 19561962, and worked as a physician for two years before moving to Jena in 1964, where he did work in biochemistry at the Friedrich Schiller University. From 1968 to 1991 he worked as a computer specialist for the Institute of Molecular Analysis at the Academy of Sciences in Berlin. Reich co-founded Neues Forum, and in 1990 became a member of the last East German Volkskammer. Since 1992 he has worked at the Max Delbrück Center of Molecular Medicine in Berlin. He recently completed a book entitled Abschied von den Lebenslügen: Die Intelligenz und dieMacht, which will be published in 1992 by the Rowohlt Verlag. Excerpts from the first chapter of his work are to appear in Der Spiegel. The following essay consists of part of the second chapter, and is printed here with the permission of the Rowohlt Verlag. LARVE UND IMAGO Die Staatssicherheit hatte zwei Leben. Eines war das einer f l e i s c h f r e s s e n d e n R a u p e , das a n d e r e das e i n e r papierfressenden Imago. Erst Massengräber, dann Aktenberge. Die Hinrichtung von Stalins Geheimpolizeichef Berija markiert die Wende. Über die Leichenberge gibt es keine Akten, hinter den Aktenbergen verschwinden die gebrochenen Menschen. Die späte Stasi produzierte paranoid Wahnsinnige, seelisch Zerstörte, nicht mehr Leichen. Humanisierung der Behördenernährung. DER ZAUBERBANN IST GEBROCHEN Hein: Nicht nach einem 12- oder 14-stündigen Arbeitstag. Ich bin dann 10 Tage später zum ersten Mal gegangen. Daß ich nicht früher fuhr, lag einfach daran, daß ich in den Tagen des Oktober und November kaum zum Arbeiten gekommen bin, sondern in vielen politischen Geschichten steckte . Teupe: Sie sind nicht wie die meisten DDR-Bürger von der Euphorie erfaßt worden, unbedingt einmal durch das Brandenburger Tor und auf den Ku-Damm gehen zu müssen? Hein: Nein, euphorisch war ich nicht. Es waren natürlich auch die Probleme erkennbar, die kommen würden. In den Tagen ist ja sehr viel Unsinn geredet worden. Ein sehr kluges Wort dazu kommt von einem amerikanischen Historiker, der eine Woche danach versuchte, die Sache auf einen normalen Stand zu bringen. Er sagte, an diesem Tag im November ist nichts w e i t e r passiert, als daß eine m a r o d e R e g i e r u n g Reiseerleichterungen schaffte. Der9- November ist der Verdienst von Herrn Krenz, der hoffte, dadurch sein Regime zu retten . Weber: Schon '6l hätte also die Öffnung mit eingeplant und vorbereitet werden müssen? Hein: Ja, mit dem Bau der Mauer hat man auf einen überkochenden Kessel einfach einen Deckel draufgesetzt . Daß es dann irgendwann zur Explosion führen müßte, ist auch klar. Im Grunde hätten Bedingungen geschaffen werden müssen, um die Mauer auch wieder abzureißen. Man hat das nicht gemacht und hat weiter angeheizt. Daß der 9- November und die Tage davor und danach so ohne Gewalt gelaufen sind, das waren glückliche Umstände. Ich hatte in den Tagen immer Sorge, daß die Gewalt, die im Oktober nicht zum Tragen kam und durch eine sehr kluge Bürgerbewegung zurückgehalten werden konnte, immer noch nachgereicht würde. Deshalb war auch der 9- November mit dieser völlig unvorbereiteten Öffnung, von der selbst die Grenzbeamten nicht informiert waren und sich von den Massen informieren lassen mußten, ein ungeheurer Glücksfall . Teupe: Christa Wolf bezeichnete die Öffnung der Mauer als eine Bankrotterklärung der DDR-Regierung. Würden Sie dem zustimmen? Hein: Selbstverständlich war es eine Bankrotterklärung, aber es war nicht die einzige. Es war kein freundlicher Akt der Bevölkerung gegenüber. Es war die Hoffnung, daß man sich d a d u r c h retten k a n n . Es war eine der l a u f e n d e n http://nBewanprkariroietpterersks .loärrgu/gndgr/evnol.18U/isns1d/3die letzte. DOI: 10.4148/gdrb.v18i1.1025


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Peter Teupe, Ulrike Weber. "Wir sind (k)ein Volk., GDR Bulletin, 1992,