In Memoriam Manfred Cierpka (1950–2017)

Psychotherapeut, Jan 2018

Prof. Dr. Bernhard Strauß, Svenja Taubner

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In Memoriam Manfred Cierpka (1950–2017)

In Memoriam Manfred Cierpka (1950-2017) 0 Institut für Psychosoziale Prävention , Univ.-Klinikum Heidelberg, Heidelberg , Deutschland 1 Institut für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie , Universitätsklinikum Jena, Jena , Deutschland 2 Bernhard Strauß 3 Prof. Dr. B. Strauß Institut für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie , Universitätsklinikum Jena Stoystr. 3, 07740 Jena , Deutschland Psychotherapeut - Herausgeber und Redaktion der Zeitschrift Psychotherapeut mussten mit Bestürzung erfahren, dass unser Mitherausgeber Manfred Cierpka am 14. Dezember 2017 nach einem beeindruckenden über zweijährigen Kampf gegen seine schwere Krankheit verstorben ist. Manfred Cierpka war bereits Schriftleiter und Herausgeber der Praxis der Psychotherapie und Psychosomatik, die 1994 in die Zeitschrift Psychotherapeut überführt wurde, und gehört zu den Gründungsherausgebern der Zeitschrift, war über die meiste Zeit auch in der Position eines der Schriftleiter. Er hat das Profil des Psychotherapeut maßgeblich geschärft und zahlreiche wichtige und innovative Themen in die Zeitschrift eingebracht. Manfred Cierpka wurde 1950 in Nürtingen geboren. Er studierte von 1971 bis 1976 als Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes Medizin an der Universität Ulm. Nach seinem praktischen Jahr in der inneren Medizin, Chirurgie und Kinderheilkunde in Ulm absolvierte er 1977 das medizinische Staatsexamen und promovierte mit dem Thema: „Personalpronomina als Indikatoren für interpersonale Beziehungen in einer psychoanalytischen Gruppentherapie“. Es folgten die Facharztausbildung, die psychoanalytische Ausbildung und die Habilitation in Günzburg und Ulm (Thema der Habilitationsschrift: „Zur Diagnostik von Familien mit einem schizophrenen Jugendlichen“). Von 1991 bis 1998 hielt Manfred Cierpka eine Professur für Psychosomatik und Psychotherapie mit Schwerpunkt Familientherapie an der Psychosomatischen Klinik der Universität Göttingen und wurde 1998 an die Universitätsklinik Heidelberg berufen, wo er Ärztlicher Direktor des „Institut für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie am Zentrum für Psychosoziale Medizin“ wurde. Damit trat er die Nachfolge von Helm Stierlin an und erhielt die erste Universitätsprofessur für Familientherapie in Deutschland. Dem Namen des Instituts Ehre machend, war er maßgeblich an der Gründung des Zentrums Psychosoziale Medizin am Universitätsklinikum Heidelberg beteiligt, das die psychosozialen Fächer in einer kooperativen Gesamtstruktur vereinigte. Die von ihm etablierte ElternSäuglings-Sprechstunde ist überregional anerkannt und war Modell für viele nachfolgende Ambulanzen. Im Jahr 2015 trat er in den Ruhestand, wurde aber sogleich Seniorprofessor in Heidelberg und evaluierte die Eltern-Säugling-Therapie. Er hatte weitere dynamische Pläne für seine Zukunft, die dann jäh unterbrochen wurden, durch eine heimtückische Erkrankung, gegen die Manfred Cierpka mit bewundernswertem Mut und erstaunlicher Kraft anzugehen versuchte. Manfred Cierpkas Verdienste im Bereich der psychosozialen Medizin und in der Psychotherapie sind so umfassend, dass hier nur einige wenige genannt werden können. So war er immer in der Fort- und Weiterbildung sehr aktiv und von 1990 an in der wissenschaftlichen Leitung der Lindauer Psychotherapiewochen, mit denen eine enge Beziehung zu unserer Zeitschrift (und ihrer Vorgängerin) besteht. Er gehörte zu jener Gruppe von Hochschullehrern, die in den früheren 1990erJahren begannen, die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD) zu entwickeln und zu verbreiten. Er hat sich mit dieser Methode zunehmend identifiziert und dazu beigetragen, dass die OPD in viele Sprachen übersetzt wurde. Bis kurz vor seinem Tod hat er trotz seiner gesundheitlichen Einschränkungen Schulungen für die Anwendung der OPD abgehalten und war bis vor Kurzem deren Gesamtsprecher. Manfred Cierpka hat sich während seiner wissenschaftlichen Laufbahn immer mit Beziehungsthemen befasst, mit der Beziehungsdiagnostik in unterschiedlichen Lebensabschnitten, mit beziehungsorientierten Interventionen in der Psychotherapie, der Paar- und Familientherapie und der Familienmedizin und in zahlreichen auf Prävention ausgerichteten Projekten mit der Förderung von Beziehungskompetenz. Zu Standardwerken in diesen Feldern zählen beispielsweise das von ihm herausgegebene Buch Frühe Kindheit 0–3 Jahre – Beratung und Psychotherapie für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern (Cierpka 2012) oder das Handbuch der Familiendiagnostik (Cierpka 2003). Lange Jahre war Manfred Cierpka Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie nach § 11 des Psychotherapeutengesetzes und von 2009 bis 2015 sogar dessen Kovorsitzender. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen führte er erfolgreich ein deutsch-chilenisches Doktorandenkolleg, das bis heute die Forschung zwischen den zwei Ländern stimuliert und fortgesetzt wird. Ende der 1990er-Jahre hat er das Projekt „Faustlos“ erstmals in Göttingen etabliert, ein Lernprogramm für Kinder mit dem Ziel, sozial-emotionale Kompetenzen zu erlernen und Gewalt zu verhindern. Dieses Programm war vermutlich der Beginn seines immensen Engagements für die Bereitstellung früher Hilfen für Säuglinge und Kleinkinder, zu dem u. a. auch das Präventionsprogramm „Keiner fällt durchs Netz“ gehört, das die Resilienz von Kindern und Familien fördern soll. In diesem Zusammenhang etablierte er in Heidelberg, in Hessen und im Saarland zahlreiche Unterstützungsangebote für werdende Eltern und Familien mit Neugeborenen und Kleinkindern. Die von ihm initiierten Angebote wurden von vielen Institutionen übernommen; so wurde beispielsweise „Faustlos“ in Deutschland an über 10.000 Einrichtungen etabliert und auch in der Schweiz, Österreich, Belgien und Luxemburg Bestandteil pädagogischer Konzepte an Schulen und Kindergärten. Manfred Cierpka war für seine Ziele auch politisch aktiv und beispielsweise Mitglied des Beirats des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH). Er war maßgeblich daran beteiligt, dass die Frühen Hilfen Bundesgesetz wurden und nun aus dem Feld der flächendeckenden Prävention nicht mehr wegzudenken sind. Mit großem Stolz konnte er – überreicht durch die Baden-Württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer – im September 2017 noch das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse in Empfang nehmen, das ihm speziell dafür verliehen wurde, dass er „das Konzept der Frühen Hilfen fest etabliert“ hat. Die Ministerin hob hervor: „Sein Einsatz für präventive Angebote und Kinderschutz hat vielen Kindern und Familien geholfen und unsere Gesellschaft insgesamt besser gemacht.“ Für seine Beharrlichkeit, den Wert von Beziehungen in der Arbeit mit Patienten und Familien, aber auch in der Zusammenarbeit mit uns Kollegen zu betonen und zu leben, danken wir Manfred Cierpka zutiefst. Wir werden ihn sehr vermissen. Für die Redaktion und die Herausgeberinnen und Herausgeber des Psychotherapeut Bernhard Strauß und Svenja Taubner Korrespondenzadresse Literatur


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Prof. Dr. Bernhard Strauß, Svenja Taubner. In Memoriam Manfred Cierpka (1950–2017), Psychotherapeut, 2018, 1-2, DOI: 10.1007/s00278-017-0269-6