Distale Humerusfrakturen
M. E. Wenzl
F. Raimund
S. Fuchs
A. Paech
C. Jrgens
Klinik fr Unfallchirurgie
Universittsklinikum Schleswig- Holstein
Campus Lbeck
Lbeck
Klinik fr Unfall- und Wiederherstellungschirurgie
BG-Unfallkrankenhaus
Hamburg
Die distalen Humerusfrakturen mssen in
vollkommen differente Entitten unter- schieden werden:
Ellengelenkverletzungen Trauma und Berufskrankheit Supplement 2 2007 | S183
-
Distale Humerusfrakturen des
Kindesalters. Im Wachstumsalter liegen sie
(etwa 9,5% aller kindlichen Skelettfrakturen)
in folgender Form vor:
F in etwa 70% der Flle extraartikulr in
Form der typischen suprakondylren
Humerusfraktur,
F in etwa 12% als isolierte
Abrissfrakturen des Epicondylus ulnaris (in 75%
der Flle in Kombination mit
Ellenbogenluxationen) und
F in etwa 18% als transkondylre
Frakturen,
wobei der monokondylre Bruch des
Condylus radialis die zweithufigste Fraktur
am kindlichen Ellenbogen ist und
transkondylre Y-Frakturen sehr selten sind
[29].
Der Altersgipfel liegt nach einer 2002
verffentlichten Multicenterstudie der
Sektion Kindertraumatologie der DGU an 886
Patienten bei 5,282,9 Jahren (1/15). Offene
Verletzungen waren mit 1,1% genauso
selten wie begleitende Gefschden (0,7%).
Primre Nervenlsionen fanden sich in
5,1% der Flle (N. radialis 44,4%, N.
medianus 35,6% und N. ulnaris 20%) [32].
Distale Humerusfrakturen des
Erwachsenalters. Sie sind mit etwa 5
6/100.000 Einwohner sehr viel seltener.
Der Altersdurchschnitt liegt bei 48
Jahren [26]. ber 60% der Frakturen sind
intraartikulr lokalisiert, bis zu 40% sind
offen [26], in 510% der Flle liegen
begleitende Gefverletzungen [22] und in bis
zu 20% begleitende Nervenverletzungen
vor [2, 13].
Der distale Humerus zeichnet sich durch
eine Pfeilerarchitektur aus. Der
Gelenkblock mit der Trochlea und dem
Capitulum humeri ist im metaphysren
Bereich durch den ulnaren und den radialen
Pfeiler mit dem Humerusschaft
verbunden, wobei diese beiden Pfeiler nach
distal dreieckfrmig auseinanderlaufen.
Zwischen ihnen liegt eine hauchdnne
Knochenlamelle, die die ventral gelegene
Fossa coronoidea von der dorsalen Fossa
olecrani abgrenzt. Die metaphysre
Stabilitt wird ausschlielich ber den radialen
und ulnaren Pfeiler gewhrleistet, wobei
die Lastverteilung radial:ulnar bei
Belastung des gestreckten Ellenbogens im
Verhltnis 3:2 erfolgt.
Das Ellenbogengelenk besteht aus
3 Gelenken:
F dem Humeroulnargelenk mit den Ge
lenkpartnern Trochlea humeri und
proximale Ulna,
F dem Radiohumeralgelenk mit den
Gelenkpartnern Capitulum humeri
und Radiuskpfchen sowie
F dem proximalen Radioulnargelenk
zwischen Radiuskpfchen und
proximaler Ulna im Bereich der Incisura
radialis ulnae.
wegung mit einem Bewegungsumfang
von 10/0/140 statt, das proximale
Radioulnargelenk ermglicht zusammen
mit dem distalen Radioulnargelenk die
Unterarmdrehbewegungen im Umfang
90/0/90. Der zentrale kncherne
Stabilisator des Ellenbogengelenks ist der
Processus coronoideus.
Die ligamentre Stabilisierung erfolgt
ber 2 flchige Bandstrukturen, die die
straffe Gelenkkapsel verstrken.
F Das Lig. collaterale radiale (lateral
collateral ligament: LCL) zieht vom
Epicondylus radialis zur lateralen
Ulna und strahlt in das Lig. anulare ein,
ohne am proximalen Radius selbst
anzusetzen, um die
Unterarmdrehbewegungen nicht zu behindern.
F Das Lig. collaterale ulnare (medi
al collateral ligament: MCL) zieht
fcherfrmig vom Epicondylus ulnaris
zum Processus coronoideus und zur
medialen Ulna.
Das Lig. anulare hlt den proximalen
Radius in der Incisura radialis ulnae.
Die neurovaskulren Strukturen
liegen sehr nahe an der Gelenkkapsel,
wobei der N. ulnaris durch seinen
unmittelbaren Knochenkontakt im Sulcus ulnaris
v. a. bei operativen Eingriffen gefhrdet ist
(. Abb. 1).
Die arterielle Gefversorgung des
distalen Humerus ist durch ein gut
ausgebildetes, reich mit Anastomosen versehenes
Gefnetz, das aus der A. brachialis und
den Aa. collaterales ulnae und radialis
entspringt, sichergestellt [21].
Unfallmechanismen
In den beiden erstgenannten
Gelenken findet eine
Flexions-Extensions-BeIm Kindesalter handelt es meist um
einfache Strze auf den gestreckten oder
gebeugten Ellenbogen, wobei in ber 90%
Freizeit- und Sportunflle und nur in 6%
Verkehrsunflle oder andere
Hochrasanztraumen anzutreffen sind [32].
Im Erwachsenalter berwiegen bei
den jngeren Patienten die
Hochrasanztraumen v. a. im Rahmen von
Verkehrsund Sportunfllen. Bei den lteren
Patienten wiederum ist ein einfacher Sturz
auf den gebeugten Ellenbogen oft
ausreichend, um schwere Frakturformen zu
verursachen. Amis u. Miller [1] konnten
zeigen, dass das Frakturmuster am
Ellenbogen vom Grad der Beugung des
Ellenbogengelenks zum Zeitpunkt des Sturzes
abhngt und dass in der Regel die
Entstehung einer distalen Humerusfraktur mit
einer strkeren Beugung einhergeht.
Im Rahmen der klinischen Untersuchung
muss besonders auf eventuelle
neurologische Ausflle oder arterielle
Gefverletzungen geachtet werden. Bei nicht
sicher tastbaren peripheren Pulsen ist eine
Dopplersonographie durchzufhren.
Auf Stabilittstests oder Prfung des
Bewegungsumfangs sollte vor der
Anfertigung eines Rntgenbildes verzichtet
werden.
Abb. 1 9 Verlauf der
Nerven am
Ellenbogengelenk; a von volar; b
von dorsal, 1 N. radialis,
2 R. profundus, 3 R. su
perficialis, 4 N.
medianus, 5 N. ulnaris, 6
Epicondylus medialis, aus
Kremer et al. [17]
Bild gebende Verfahren
In aller Regel ist das Rntgen in 2
Ebenen ausreichend. Die idealerweise zu
fordernde Einstellung einer a.-p. Aufnahme
in Streckstellung des Ellenbogens und die
exakt seitlich eingestellte 2. Ebene in 90
Beugestellung des Gelenks sind bei
frischen Frakturen des distalen Humerus
oft nicht erreichbar, sodass die
Interpretation der Rntgenbilder schwierig sein
kann.
In den Fllen, in denen das Ausma
der intraartikulren Frakturkomponenten
durch Rntgen nicht ermessbar ist, stellt
das CT eine gute Ergnzung dar.
Sind schwer dislozierte Frakturen
immer leicht zu erkennen, wenn auch in
ihrem exakten Ausma oft nicht gut
beurteilbar, kann dies bei un- oder wenig
dislozierten Frakturen im Kindesalter sehr
schwierig sein. Hier kann durch die
Anlage von Hilfslinien im Rntgenbild und die
Suche nach indirekten Frakturzeichen wie
dem Fettpolsterzeichen in der Fossa
coronoidea oder der Fossa olecrani die
Beurteilung erleichtert werden.
Besonders zu erwhnen ist in diesem
Zusammenhang die Roger-Hilfslinie fr
die seitliche Aufnahme (die Verlngerung
der ventralen Humerusschaftkortikalis
schneidet im Normalfall das Capitulum
humeri in der Mitte) (. Abb. 2).
Entscheidend fr die Therapiewahl
ist die Erkennung eines Rotationsfehlers,
der sich durch einen ventralen
Knochensporn in der seitlichen Aufnahme zu
erkennen gibt. Dieser kann am besten
dargestellt werden, wenn die seitliche
Aufnahme im radioulnaren Strahlengang
durchgefhrt wird.
Das MRT spielt bei der Beurteilung
frischer distaler Humerusfrakturen
keine Rolle.
Bei dopplersonographisch
nachgewiesenen Gefverletzungen ist eine
Angiographie zur exakten Beurteilung der
Lsionshhe und -art (...truncated)