Winkelstabile Plattenosteosynthese für proximale Humerusfrakturen
Trauma und Berufskrankheit Supplement 1 2008 | 39
-
Epidemiologie
Die proximale Humerusfraktur ist eine
hufige Verletzung. Sie stellt etwa 45%
aller Frakturen dar und ist die
dritthufigste Fraktur des alten Menschen [13].
Ihre Inzidenz nimmt zu, was durch die
Studie von Bengner et al. [1] belegt wurde. In
den letzten 30 Jahren hat sich die Anzahl
der proximalen Humerusfrakturen bei
den ber 60-Jhrigen verdreifacht,
wahrscheinlich aufgrund der hheren
Lebenserwartung.
In der schwedischen Studie von Horak
u. Nilsson [7], mit 729 analysierten
Frakturen, konnte die Osteoporose als
Hauptursache der Brche von Handgelenk,
Hfte und proximalem Humerus
nachgewiesen werden. Auch wurde eine signifikante
Korrelation zwischen dem Grad der
Fragmentdislokation und dem Alter der
Patienten gefunden.
Die hufigste Verletzungsursache
waren der direkte Anprall auf die Schulter
oder der Sturz auf den gestreckten Arm
[15]. Bei jngeren Patienten sind es
hauptschlich die Sportunflle mit direktem
Anprall der Schulter, welche zu einer
proximalen Humerusfraktur fhren. Bei
solchen Hochrasanztraumen sind die
Frakturen hufig disloziert.
Die dnische Studie von Lind et al. [11]
ber 730 Frakturen zhlte 553 Frakturen
bei der Frau (75,8%) und nur 177 beim
Mann (24,2%), was einem
Geschlechterverhltnis von 3:1 entspricht, bei einem
Durchschnittsalter von 65,5 Jahren. Die
globale Jahresinzidenz betrug 73
proximale Humerusfrakturen pro 100.000
Einwohner mit einem Hchstwert von
409:100.000 bei der Frau. In der
amerikanischen Studie von Rose et al. [16] wurden
hnliche Werte gefunden: Bei 274
proximalen Humerusfrakturen betrug die
Jahresinzidenz 30,5:100.000 beim Mann und
63,3:100.000 bei der Frau. Dabei konnte
ebenfalls eine hhere Inzidenz bei
Frauen ber 50 Jahre nachgewiesen werden,
mit einem Spitzensatz von 439,4:100.000
bei der 80-jhrigen Frau und einem
Geschlechterverhltnis von 2,1:1.
Neuere Studien aus Finnland [15]
ergaben, dass sich die Inzidenz der
stationr behandelten proximalen
Humerusfraktur zwischen 1970 und 2002
verdreifachte (Inzidenzanstieg von 208:100.000
Einwohner im Jahr 1970 auf 1120:100.000
Einwohner im Jahr 2002) (. Abb.1, 2).
Der grte Anteil, mit 75%, bezog sich auf
Frauen >60 Jahre. Die Bruchursache war
in 79% der direkte Sturz auf die Schulter.
Der Frauenanteil unter den 28%
hospitalisierten Patienten lag bei 75%, der Anteil
der ber 60-Jhrigen ebenfalls. Ungefhr
80% der Frakturen waren nicht oder
wenig disloziert und konnten konservativ
behandelt werden. Dies korrespondiert
auch mit den Studien von Neer [14].
Abb. 1 7 Inzidenz (pro
100.000 Einwohner)
bei Patienten ber 60
Jahre der stationr
behandelten
osteoporotischen Frakturen des
proximalen Humerus
in Finnland von 1970
2002. (Nach [15])
z
n
ied300
z
n
I
z
n
ied300
z
n
I
Abb. 2 9 Altersspezifische
Inzidenz (pro 100.000
Einwohner) der stationr
behandelten
osteoporotischen proximalen
Humerusfrakturen bei a Frauen
>60 Jahre und b Mnnern
>60 Jahre in Finnland von
19702002, gefllte
Quadrate 80 Jahre, Kreise 70
79 Jahre, offene Quadrate
6069 Jahre. (Nach [15])
Abb. 3 8 Eierschalenfrmige Fraktur und
Hauptzug- und Dislokationsrichtungen der
Fragmente bei der Neer-Klassifikation
Die Osteoporose ist der
Hauptrisikofaktor und somit auch die
Hauptherausforderung bei der chirurgischen
Versorgung. Die Osteosynthese und Retention
der eierschalenfrmigen Fragmente
knnen sich als sehr schwierig erweisen.
Chu et al. [2] konnten in einer Studie
von 2004 zeigen, dass die wichtigsten
epidemiologischen Kofaktoren bei
proximalen Humerusfrakturen die Osteoporose,
das Alter und vorausgegangene Strze
waren. Weitere Kofaktoren waren der
SturzAbb. 4 8Verbundosteosynthese mittels T-Platte und Spongiosaschrauben einer 2-Teile Fraktur
mechanismus (d h. direktes
Anpralltrauma), Epilepsie und Einnahme von
Antiepileptika, Depressionen, Diabetes mellitus
und Linkshndigkeit.
Therapie
Grundlage fr eine erfolgreiche
Behandlung sind die genaue Einschtzung der
Fraktur und somit die genaue
Klassifikation. Allerdings weisen die meist
verwendeten Klassifikationen nur eine geringe
Intra- und Interobserverreliabilitt auf [17].
Des Weiteren sollte die Einschtzung der
Morbiditt und der Compliance des
Patienten bercksichtigt werden.
Im deutschsprachigen Raum hat sich
die Klassifikation nach Neer [14] im
klinischen Alltag durchgesetzt (. Abb.3 ).
Der Zug der Sehnen auf die Fragmente
fhrt zu der typischen Dislokationsform,
sodass u. U. eine geschlossene Reposition
nicht mglich ist. Nach Neer [14] werden
folgende Fragmente differenziert:
F das Tuberculum-majus-Fragment
(Zug durch die Mm. supra- und
infraspinatus nach kranial/dorsal)
F das Tuberculum minus (Zug durch
den M. subscapularis medial)
F das Schaftfragment (Zug durch den
M. pectoralis major nach
ventral/medial)
F das Kalottenfragment (kippt meistens
nach dorsal)
Etwa 8085% der proximalen
Humerusfrakturen sind unverschoben oder wenig
disloziert. Diese knnen oft
frhfunktionell konservativ behandelt werden und
ergeben dann gute Ergebnisse. Im
Gegensatz dazu fhrt die konservative
Behandlung der 3-und 4-Segment-Frakturen
hufig zu einer schweren
Funktionseinschrnkung der Schulter und geht mit einem
erhhtem Risiko einer
Humeruskopfnekrose von 911% [9] aufgrund der oft
geschdigten Humeruskopfdurchblutung einher.
Nach dem heutigen Stand der Literatur
sind dislozierte 3- und
4-Fragment-Frakturen daher operativ zu versorgen, wenn
keine anderweitige Kontraindikation
vorliegt. Die operativen Mglichkeiten sind
in . Tab.1 aufgefhrt
Ziel der operativen Versorgung sind
die anatomische Reposition und die
exakte Wiederherstellung der Gelenkflche.
Rotatorenmanschetteneinrisse sollten
vernht und die Tuberkel sorgfltig
reponiert werden. Ansonsten kommt es durch
die verkrzten Hebelarme der
dislozierten Tuberkel zu einer Verkrzung der
Sehnenanstze und somit zu einer
Kraftminderung. Ein Impingement durch
Tuberkelfragmente, Osteosynthesematerial
oder Narbengewebe ist mglichst zu
verhindern. Bei lteren Patienten sollte ggf.
die Implantation einer Hemiprothese bei
nicht reponierbarer
Humeruskopfsplitterfraktur frhzeitig bedacht werden.
Die Bizepssehne, die A. circumflexa
sowie der N. axillaris mssen geschont
werden. Das Risiko eines Perfusionsschadens
des Humeruskopfs kann durch eine
behutsame Repositionstechnik und
Weichteilschonung verringert werden.
T-Platten-Osteosynthese
Bis in die 1980er Jahre war fr die
proximale mehrfragmentre
Humeruskopffrak
Zusammenfassung Abstract
Trauma Berufskrankh 2008 10[Suppl 1]:3946
Springer Medizin Verlag 2008
T.Illert R.Grass H.Zwipp
Winkelstabile Plattenosteosynthese fr proximale
Humerusfrakturen. Konzept und Ergebnisse
DOI 10.1007/s10039-007-1295-3
Zusammenfassung
Die proximale Humerusfraktur ist eine der
hufigsten Verletzungen des Menschen und
nimmt an Inzidenz rapide zu,
insbesondere bei lteren Frauen. Die Osteoporose ist ihr
Hauptrisikofaktor, deswegen stellt die
Osteosynthese der eierschalenfrmigen Fragmente
auch die Hauptherausforderung bei der
chirurgischen Versorgung dar. Aufgru (...truncated)