Johann Wolfgang von Goethes "Die Leiden des jungen Werther" nach 225 Jahren Wiedergelesen : überlegungen zum Kultbuch der 1770er und der 1990er Jahre

Literaturoznawstwo : historia, teoria, metodologia, krytyka, Dec 2011

Frank Michael Schuster

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Johann Wolfgang von Goethes "Die Leiden des jungen Werther" nach 225 Jahren Wiedergelesen : überlegungen zum Kultbuch der 1770er und der 1990er Jahre

LITERATUROZNAWSTWO nr Frank Michael Schuster Johann Wolfgang von Goethes "Die Leiden des jungen Werther" nach 225 Jahren Wiedergelesen : überlegungen zum Kultbuch der 1770er und der 1990er Jahre - Frank Michael Schuster JOHANN WOLFGANG VON GOETHES DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER NACH 225 JAHREN WIEDERGELESEN. ÜBERLEGUNGEN ZUM KULTBUCH DER 1770ER UND DER 1990ER JAHRE Für jene, die versuchen, das Nicht-zu-Verstehende, zu verstehen. „Werther hätte ein bißchen weniger Reden und ein bißchen mehr tun sollen, dann wäre ihm das alles nicht passiert,, und ich hätte nicht so ein langweiliges Buch lesen müssen!“ mit diesen Worten brachte Katarzyna ihre Meinung zu Johann Wolfgang Goethes ‘Die Leiden des jungen Werther’ auf den Punkt. Für jemanden, der beabsichtigt, sich mit dem Thema: Was bringt uns der ‘Werther’ heute, nach (mehr als) 225 Jahren, noch?, zu befassen, war dies nicht gerade ein vielversprechender Anfang.1 Dennoch scheint mir diese These interessant genug, um ihr nach1 Der hier vorliegende Aufsatz ist die überarbeitete schriftliche Fassung eines, für die im Goethejahr 1999 in der europäischen Kulturhauptstadt Weimar, anläßlich des Wertherjubiläums geplante Tagung des ‘Studienprogramms Weimarer Klassik, Jenaer Romantik’ zum Thema: ‘Johann Wolfgang von Goethes ‘Die Leiden des jungen Werther’ nach 225 Jahren wiedergelesen’ gedachten Vortrags. Doch offensichtlich hatten die meisten übrigen gemeldeten Referenten noch mehr Probleme mit dem Thema als ich, da alle, sofern sie nicht krankheitsbedingt absagen mußten, ihren Beitrag zurückzogen und ihre Teilname absagten, so daß die Tagung nicht in der geplanten Form stattfinden konnte. Der Vortrag konnte trotzdem im Rahmen einer statt dessen stattfindenden Weimarexkursion am 8.7.1999 an geeignetem Ort, auf dem ehemaligen Gut Christoph Martin Wielands in Oßmannstedt vor deutschen, österreichischen und polnischen Germanisten und Germanistikstudenten und __ 157 __ zugehen, vor allem da die Aussage von einer befreundeten Germanistin stammt, die, wie ich sehr schnell feststellen mußte, mit dieser Meinung nicht alleine dasteht:2 Was willst du über Goethes ‚Werther‘ noch sagen?! Ein Buch, in dem ein 23 jähriger seinem Kumpel in Briefen vorjammert, daß er sich in die Freundin eines anderen verliebt hat und sich, weil er sie diesem nicht ausspannen kann oder will, erschießt. So was liest man heute doch nur noch in der Schule, wenn dem Lehrer gar nichts mehr einfällt. Oder – OK –, wenn du unglücklich verliebt bist, dann kannst du‘s auch lesen. Man fühlt sich hinterher besser. Aber darüber auch noch schreiben?!? Ich weiß nicht… Ist doch schon alles geschrieben! Dies war Reaktionen einer weiteren Freundin, als ich sie auf den ‚Werher‘ ansprach. Sie hatte recht. Mein Versuch, mir einen Überblick über die bisherige Literatur zu verschaffen, hinterließ das unbefriedigende Gefühl, daß das einzig Nennenswerte, was zu diesem Thema noch zu schreiben sei, eine Monographie über die Werther-Rezeption auf dem sechsten Kontinent sei.3 Und mehr noch: eine – sicher nicht ganz repräsentative – Umfrage unter dem jüngeren Teil meines Bekanntenkreises ergab, daß die meisten dieser meiner Zeitgenossen das Buch tatsächlich entweder in der Schule zwangsweise oder – meist eher unglücklich als glücklich – verliebt, gelesen hatten. 2 3 -studentinnen, gehalten werden. Der vor allem auf ein studentisches Publikum ausgerichtete Vortragsstiel wurde bewußt beibehalten, da er m. E. dem Thema angemessen ist. Sollten dennoch Leser der Meinung sein, meine Ausführungen – gerade zu Goethe – seien unseriös, so mögen sie meine Aussagen und Thesen überprüfen, wobei sie feststellen werden, daß ich zwar an der einen oder anderen Stelle aus einem modernen Kontext heraus, vom Weltverständnis der heutigen Jugend herkommend, aber nichts desto weniger immer streng wissenschaftlich argumentiere. Anregungen zu diesem Aufsatz verdanke ich, weit mehr als der nahezu uferlosen Flut an Sekundärliteratur, den Gesprächen mit Freunden und Kollegen, nicht nur über Goethe und ‘Werther’ und die übrigen hier behandelten, oder auch nur erwähnten Werke, sondern vor allem über Jugend- und Popkultur, Kultbücher und -filme. Vor allem die drei Personen, deren Aussagen ich im Text wörtlich zitiere, seien hier namentlich genannt, da sie, obwohl oder gerade weil es sich bei den Zitaten durchweg um negative Bemerkungen handelt, mehr als andere und sicherlich mehr als ihnen selbst bewußt ist, zu diesen Ausführungen Beigetragen haben: Ohne Katarzyna Hammers vernichtendes Urteil über Werther wäre ich nie über den ersten Satz hinausgekommen und ohne sie wäre ich auch nie auf die Idee verfallen, mich gerade mit diesen Kultbüchern der 90er, um die es im folgenden geht zu befassen, da ich ohne sie wahrscheinlich die Verfilmung zu ‘Trainspotting’ nicht gesehen hätte. Außerdem ist sie geradezu Spezialistin zum Thema unglückliche Liebe, wobei besonders die Angst und Flucht vor Verantwortung bei Männern zu ihren Lieblingsthemen gehört. Kerstin Busch-Engelbrecht verdanke ich nicht nur meine Wertherreiseausgabe, sondern auch die doppelte Sichtweise aus weiblichem und männlichem Blickwinkel auf die Welt im Allgemeinen und auf zwischenmenschliche Beziehungen im Besonderen. Ihre Fähigkeit gegen die übliche Denkrichtung und über Jahrhunderte hinweg Zusammenhänge zu erkennen, hat mehr als einmal zu neuen Erkenntnissen geführt, auch in bezug auf diese Abhandlung. Und Eda Özkutbay hat mir, trotz ihrer wiederholten Behauptung, keine Ahnung von Literatur zu haben, im Zusammenhang mit ‘Werther’ mehr komparatistische Hinweise gegeben, als ihr bewußt sein dürfte. Und in ihrem Versuch, trotz allem auch diejenigen, die jünger sind als wir, verstehen zu wollen, war sie mir Vorbild und Ansporn, gerade bei dieser Arbeit. Mit allen dreien teile ich die Erkenntnis, daß der Versuch, das Nicht-zu-Verstehende zu verstehen, zwar nie zu normalen Leben führen kann, sondern nur dazu, die Absurdität der Welt und des Lebens zu erkennen, was das Leben zwar nicht einfacher macht, aber auf Dauer das einzige ist, was einen langfristig vor Langeweile bewahrt. Daraus erklärt sich auch die Widmung. Dabei stieß ich allerdings auf zwei Werke, aus denen ich dann doch wichtige Anregungen zu diesem Aufsatz erhielt. Zum einen ist dies Jörn Göres Vortrag: Zweihundert Jahre Werther, abgedruckt in: J. W. Goethe: Die Leiden des jungen Werther. Frankfurt a.M.: 1973. S. 205–226, zum anderen der erste Band von Erwin Leibfrieds fünfbändiger Monographie: Goethe! Ein Komet am Himmel der Jahrhunderte. Fernwald: 1999. __ 158 __ Das brachte und bringt mich zu der weiteren Frage, warum das Buch, das damals ein so großer Erfolg war, daß es seinem Autor zu Weltruhm verhalf, das grade unter der Jugend Kultstatus hatte, einerseits 225 Jahre später zwar als verstaubt und unzeitgemäß empfunden, andererseits heutzutage aber gerade von Verliebten immer noch gelesen wird. Das Buch erschien, als der Autor gerade 25 Jahre alt war. Die Ereignisse, die zu seiner Entstehung führten, lagen zwei Jahre oder länger zurück. Goethe hatte sich, und das gleich mehrfach, unglücklich verliebt: In Leipzig hat er mehr die Tochter seines Vermieters, Käthchen Schönkopf, als sein Studium im eigenen Kopf, wobei er mit beidem nicht so recht weiterkommt,4 weshalb er schließlich abhaut. Völlig fertig und krank kommt er zu Hause in Frankfurt an, läßt sich wieder hochpäppeln, um sein Studium in Straßburg fortzusetzen. Dort verliebt er sich prompt in die Tochter des Sesenheimer Pfarrers, Friederike Brion, von der er auch später noch behauptete, sie sei die einzige wirkliche Liebe seines Lebens. Trotzdem verschwindet er auch diesmal, weil ihm klar wird, daß er mehr werden will als der Schwiegersohn eines Dorfpfarrers.5 Trotz dieser Eskapaden gelingt es ihm diesmal wenigstens, sein Jurastudium abzuschließen, was ihm zu einer schrecklich langweiligen Stelle am Reichskammergericht in Wetzlar verhilft. Wenn wundert‘s da, daß er auf einem Ball – heute würde man das Party nennen – Charlotte Buff näher kennenlernt und sich in sie verliebt. Dumm nur, daß die mit dem Gesandtschaftssekretär Johann Christian Kestner schon einen Freund hat, der Goethe zu allem Unglück auch noch überaus sympatisch ist. Bevor er Unheil anrichtet, ergreift Goethe lieber wieder die Flucht. Daß er auch noch aus einem anderen Grund rechtzeitig aus Wetzlar abgereist ist, zeigt sich kurze Zeit später, da es ihm nicht so ergeht wie dem Braunschweigischen Gesandtschaftsekretär Carl Wilhelm Jerusalem, der am Reichskammergericht und in der Wetzlarer Gesellschaft keine Perspektiven mehr sieht, in Depressionen verfällt und sich mit von Kestner geliehenen Pistolen erschießt. Goethe besucht zu dieser Zeit bereits Sophie von La Roche und hat sich in deren Tochter Maximiliane verliebt, doch die ist erst 13 und die Mutter ist immer dabei, so daß auch hier nichts daraus wird. Als er sie später in Frankfurt wiedersieht, ist sie inzwischen zwar 16, hat aber gerade den 20 Jahre älteren kurtrierischen Residenten Peter Anton Brentano geheiratet, was Goethe nicht hindert, weiterhin unglücklich in sie verliebt zu sein und sich so sehr aufzudrängen, daß der Ehemann schließlich eifersüchtig wird. Goethe hält es für sicherer, nach Weimar zu entschwinden,6 zumal ihn in Frankfurt nichts mehr hält, da die wahrscheinlich größte unglückliche Liebe seines Lebens, seine Schwester Cornelia,7 den Juristen Johann Georg Schlosser geheiratet hat. Das war zu viel. 4 5 6 7 Ob er in seinem Frust ein Bordell besucht, ist nicht ganz klar, wenn ja, hat er – soviel ist sicher – den Spaß am Sex noch nicht entdeckt. Auch das Rieckchen könnte das ähnlich gesehen haben, da sie nie geheiratet hat. Es besteht die Möglichkeit, daß Goethe, als er sie Jahre später noch einmal besuchte, mit ihr ein Kind zeugt, wobei sie nie zugegeben hat, wer der Vater ist, so daß wir auf Spekulation angewiesen sind. Die sich in Weimar anschließende, zehn Jahre dauernde Beziehung zu Charlotte von Stein war mit ziemlicher Sicherheit platonisch, auch wenn es Hinweise gibt, daß Goethe mehr wollte. Erst die sexuellen Erlebnisse der Romreise ermöglichten ihm die glückliche Liebesbeziehung zu Christiane Wulpius, deren greifbares Ergebnis der Sohn August, sowie vier weitere, gestorbene Kinder sind. Einige Interpretatoren gehen soweit, eine inzestuöse Beziehung zwischen den Geschwistern zu vermuten. Fest steht, daß sich die beiden zeitlebens sehr nahe standen. __ 159 __ Goethe greift, will man tiefenpsychologisch argumentieren, sich selbst therapierend zur Feder und schreibt in wenigen Wochen die Erstfassung des Werther nieder. Damit wäre zumindest in Ansätzen klar, warum sich gerade unglücklich Verliebte für das Werk begeistern: Es spiegelt nämlich nicht so sehr generelle Zeitumstände wider – wie es einige Germanisten gerne gehabt hätten – sondern vielmehr die Situation eines Jugendlichen, der nichts als Mädchen im Kopf hatte, aber nicht so richtig an sie herankam. Auch Goethe selbst hat das so gesehen, sogar später noch. In einem Gespräch über den ‚Werther‘ bemerkt Eckermann: Es liegt in jeder Zeit so viel unausgesprochnes Leiden, so viel heimliche Unzufriedenheit und Lebensüberdruß, und in einzelnen Menschen so viele Mißverständnisse zur Welt, mit bürgerlichen Einrichtungen, daß der Werther Epoche machen würde und wenn er erst heute erschiene.8 Der Autor stimmt dem zu: Sie haben wohl recht, weshalb dann auch das Buch auf ein gewisses Jünglingsalter noch heute wirkt wie damals. Auch hätte ich es kaum nötig gehabt, meinen eigenen jugendlichen Trübsinn aus allgemeinen Einflüssen meiner Zeit und aus der Lectüre einzelner englischer Autoren herzuleiten. Es waren vielmehr individuelle, nahe liegende Verhältnisse, die mir auf den Nägeln brannten und die mir zu schaffen machten, und die mich in jenen Gemüthszustand brachten, aus dem der Werther hervorging. Ich hatte gelebt, geliebt und sehr viel gelitten! Das war es.9 Das klingt doch sehr ähnlich wie Jenis Joplins Forderung aus den 1960er Jahren: „Live fast, love hard, die young!“, die Goethe selbst zwar nicht zu Ende führt, aber Werther zu Ende führen läßt. Was mich zu der Frage bringt: Was wäre, wenn Goethe Ende des 20. Jahrhundert lebte? Wenn er sagen wir nicht 1749, sondern 1974, zum 200. Jubiläum des Buches, erst geboren worden wäre. Dann wäre er heute 25 und ein Rockstar oder ein Idol mit Kultstatus. Wahrscheinlich werden diejenigen, die mit Grausen an ihre Schullektüre zurückdenken, sich fragen, wie man nur zu einer solchen Behauptung kommen kann. Ganz so abwegig, wie es auf den ersten Blick erscheint, ist der Gedanke nicht. Denn der Werter war ein Kultbuch seiner Zeit: Man verteufelte es, hielt es für unmoralisch und jugendgefährdend, wollte es verbieten lassen.10 Das man damit seine Verbreitung nur förderte, war damals schon genauso wie heute. Man denke dabei an diverse Rock- oder Popsongs, die wie z.B. Frank Zappas ‚Bobby Brown‘ zu durchschlagenden Erfolgen wurden, grade weil man sie verbot und verdammte. Es entstand ein Werther-Kult, der mit der seit den Beatles bekannten und bei den sogenannten Boygroups der 90er Jahre auf die Spitze getriebenen Totalidentifikation vor allem der weiblichen Fans mit ihrem Idol bis hin zur totalen Ekstase durchaus vergleichbar __ 160 __ war. Und bereits damals gab es Fanartikel der Werther-Fanclubs für die Werther-Fans: Bilder, den heutigen Postern und Autogrammkarten vergleichbar, Porzelantassen, Fächer, Kissenbezüge, Lottes Liederbuch usw. Goethe selbst hat, auch wenn er sich in späteren Jahren von dem Kult distanzierte und jegliche Verantwortung für dessen Auswüchse ablehnte, bei dem Treiben mitgemacht und den Kult sogar noch gefördert, indem er im Roman nicht nur das, Neudeutsch gesagt: Werther-Outfit kreierte, sondern sich in diesem Aufzug sogar selbst mit Freunden auf eine Reise in die Schweiz begab, wobei er sich durchaus bewußt gewesen sein dürfte, daß er damit die Trennung zwischen Autor und Protagonisten, zwischen Realität und Fiktion verwischt und von sich selbst, wie jeder heutige Rockstar ein Image kreiert, das den Fans die Identifikation mit einem realen Helden ermöglicht. In diesem Fall trat, meines Wissens zum ersten Mal, das Phänomen der totalen Übertragung dieses Bildes in die Realität auf. Wie heutzutage mehrfach, man denke nur an die Nachahmungsselbstmordwelle unter den Fans, nachdem sich der Star der Rockgruppe ‘Nirvana’ Curt Corbain erschossen hatte, ging die Identifikation bis zur letzten Konsequenz. Auch nach dem Erscheinen des Werther wählten einige derjenigen, die sich in derselben Situation fühlten, denselben Ausweg und begingen auf Werthersche Art Selbstmord. Bekanntestes Beispiel ist wohl die junge Weimarer Hofdame Christel von Laßberg, die sich, den Werther bei sich in Sichtweite vom Goethes Gartenhaus, offensichtlich bei Hochwasser in dem sonst so ruhigen und flachen Flüßchen Ilm ertränkte. Daß sie nicht nur das Buch mitnahm, sondern auch einen Ort wählte, wo sie dem Autor nah war, zeigt deutlich, wie sehr hier Romanheld, Autor und die eigene Realität verschmelzen. Na, schön, nach heutigen Maßstäben war Goethe damals sowas wie ein Rockstar, ein Kultautor, das Buch ein Bestseller, der realitätsnahe Stil, die bewußt auf die subjektive Sicht Werthers beschränkte Perspektive, der Briefroman, das mag damals alles neu und modern gewesen sein, aber heute… Heute sähe das Buch sicherlich anders aus. Aber wie? In unserem Jahrhundert hat es mehrere vergleichbare meist später verfilmte Kultbücher der jeweiligen jungen Generation gegeben: Jack Kaerocs: On the Road,11 J. D. Salingers: The Catcher in the Rye,12 Erich Segals: Lovestory13 oder Douglas Couplands: Generation X,14 um nur einige zu nennen. Und von dem Genre der Kultfilme soll hier gar nicht erst die Rede sein. Zumindest ein deutscher Autor hat den Zusammenhang zwischen dem Kultbuch der 1770er Jahre, Goethes Werther, und dem Kultbuch der 1950er Jahre, Selingers Catcher, gesehen und genutzt, um seinerseits darüber das DDR-Kultbuch der 1970er Jahre zu schreiben: Ulrich Plenzdorf und sein Buch: ‚Die Neuen Leiden des jungen W.‘15 Doch auch davon soll hier nicht die Rede sein, da erstens auch darüber bereits das meiste geschrieben und im Deutschunterricht gesagt wurde und ich zweitens schließlich der Frage nachgehen wollte, wie Goethes Buch heute aussehen müßte, um ein Kultbuch zu werden. 11 Jack Kaerocs: On the Road. New York: 1957. 12 Jerome D. Salingers: The Catcher in the Rye. London: 1951. 13 Erich Segals: Lovestory. New York: 1970. 14 Douglas Couplands: Generation X. Tales for an accelerated culture. New York: 1992. 15 Ulrich Plenzdorf: Die Neuen Leiden des jungen W. Rostock: 1973. __ 161 __ Doch sich auf die Suche nach einem dem Werther vergleichbaren Kultbuch der späten 90er zu begeben, ist aus mehreren Gründen, die nicht ganz von einander zu trennen sind, schwierig: Wie müßte erstens das Buch aussehen, das Goethe in den 90er Jahren geschrieben hätte? Wenn das jemand wüßte, könnte sie oder er über Nacht zum Autor eines Kultbuches oder eines Bestsellers werden.16 Zweitens läßt sich zwar ein Bestseller schreiben, planen und kalkulieren, ein Kultbuch entsteht. Kultfilme fallen bei den Kritikern meistens durch und sind selten von Beginn an Kassenschlager. Und drittens leben wir heute in gerade was Jugend- und Popkultur angeht, in einer so schnellebigen Zeit, daß der Schluß, zu dem eine andere Germanistikstudentin in ähnlichem Zusammenhang schon vor Jahren kam, heute mehr denn je zutrifft: Das Problem ist: zwischen den 18 und den 25 jährigen liegen heutzutage schon mindestens sieben Generationen. Wir können sie einfach nicht mehr verstehen! Eigentlich bin ich also mehr als sonst in Germanistenkreisen üblich auf Spekulation angewiesen und müßte die Auseinandersetzung mit dem Thema wahrscheinlich sogar Jüngeren überlassen. Trotz dieser Gefahren und der bisher zitierten, eher entmutigenden Aussagen derjenigen, die, weil sie jüngeren Generationen angehören, näher am Puls der Zeit sind als ich, habe ich mich auf die Suche nach dem Werther-Kultbuch der 90er begeben und bin fündig geworden. Zum einen stieß ich auf ‘Trainspotting’ von Irvine Welsh, 1993 in London erschienen17 und 1996 ins Deutsche übersetzt,18 das vom Kultbuch zum inzwischen verfilmten Bestseller avancierte, zum anderen fand ich, für Germanisten akzeptabler, weil auf Deutsch geschrieben, Alexa Hennig von Langes Roman ‘Relax’, der im Oktober 1997 zum ersten Mal erschien.19 Bereits von Anfang an mit Trainspotting verglichen, wurde das Buch schnell zum Kultbuch und ist auf dem besten Wege ein Bestseller zu werden.20 Wer Werter gelesen hat, oder hat lesen müssen und wer den Film gesehen, oder sogar das Buch gelesen hat, wird sich fragen, was das Ganze soll: Kultbuch hin oder her, das läßt sich doch nicht vergleichen. Da beide Bücher relativ bekannt sind, will ich mich hier nur auf einige vergleichende Hinweise beschränken, und mich lieber dem unbekanntesten der genannten Romane zuwenden:21 ‘Relax’ ist Alexa Hennig von Langes Romandebut. Die Autorin ist 1973 geboren und lebt in Hamburg und Berlin. Mehr verrät der Verlag im Buch nicht über sie, weshalb ich __ 162 __ auch nicht mehr über sie weiß.22 Auch will ich keinesfalls behaupten, sie sei ein zweiter, ein weiblicher Goethe. Künftige Generationen sollen entscheiden, ob man in 225 Jahren noch über das Buch spricht.23 Aber nicht nur das Alter der beiden Autoren ist vergleichbar, auch der äußeren Form nach und inhaltlich bestehen interessante Parallelen, die aber, anders als bei Plenzdorf, wahrscheinlich nicht intendiert sind, sondern sich aus der vergleichbaren Situation der jugendlichen Protagonisten ergeben. Um es vorwegzunehmen, weder der Name Werther noch der Goethes taucht im Buch auf. Rein äußerlich handelt es sich zwar um keinen Briefroman,24 es wird aber auch hier aus steng subjektiver Perspektive eine Geschichte erzählt: Eine Liebesgeschichte, die Geschichte eines Wochenendes. Wie im Falle Werthers sieht der Leser die Welt mit den Augen des jugendlichen Helden, erfährt also nur eine Seite der Liebesgeschichte – zumindest anfangs. Der anderen Seite, der Geschichte aus der Sicht der Heldin, die Goethe nicht erzählt, widmet die Autorin den zweiten Teil ihres Buches. Einseitigkeit, die man Goethe von Anfang an zum Vorwurf machte, wird dadurch vermieden. August Cornelius Stockmann hatte bereits 1775, also knapp ein Jahr nach dem Erscheinen des Werther, mit der Veröffentlichung des Buches: ‘Die Leiden der jungen Wertherinen’ versucht, diesem Manko abzuhelfen, indem er die Briefe Lottes von ihrer ersten Begegnung mit Werther bis zu ihrem Tod publizierte, wodurch er eine Vielzahl von Autoren zu Werther-Parodien anregte, da sein Werk vielfach als Parodie mißverstanden wurde. Dieser Gefahr entgeht Alexa Hennig von Lange, indem sie die Geschichte zweimal erzählt: Aus der Sicht beider Liebender. Womit wir beim Inhalt wären: Wie für Renton, Sick Boy, Spud, Ali, Kelly und Diane in ‘Trainspotting’ geht es auch hier darum, das normale, das langweilige, das spießige Leben zu überstehen und dabei möglichst viel Spaß zu haben. In Discos, auf Partys, zu Hause vor dem Fernseher mit Pizza, Alkohol und Drogen. Für Chris heißt das, sich zu entspannen – Relax – und zu feiern, denn dazu ist das Wochenende schließlich da. Doch ergibt sich für ihn, trotz oder gerade wegen Bier, Joints, Koks und Extasy, mit denen man die Langeweile besiegt, ein Problem: Er hat eine Freundin, die Kleine, und er hat seine Kumpels. Von denen hat noch keiner eine Freundin, weshalb sie natürlich neidisch sind und ihn insgeheim bewundern. Da die Kleine das Wochenende aus ihm unverständlichen Gründen nicht mit ihm und seinen Freunden verbringen möchte, sondern nur mit ihm, hat er das Problem, sich entscheiden zu müssen. Bleibt er bei ihr zu einem romantischen Wochenende mit Spaziergang und Fernseher, so setzt er sich nur dem Spott seiner Freunde aus, denn diese gehen auch ohne ihn feiern. Schlimmer noch: Sie teilen dann auch ihre Drogen nicht mit ihm. Der größte Spaß, der da noch bleibt, ist Sex, doch das wird anstrengend, da die Kleine 22 Einige Hinweise auf Norddeutschland lassen sich allerdings eindeutig belegen. Obwohl eine Sprachanalyse auch unter dem Aspekt der Jugendsprache sicherlich sehr lohnend wäre, soll das hier ebensowenig versucht werden, wie an Hand von potentiell autobiographischen Details Rückschlüsse über die Autorin zu ziehen. 23 Man beachte, daß auch Goethe 1774 noch nicht wissen konnte, daß er einmal Deutschlands größter Dichter sein wird. 24 Eine Tatsache, die niemanden wundern dürfte, da Briefeschreiben zwar vor 225 Jahren modern war, aber im Zeitalter von Telefon, Fax und Internet etwas aus der Mode gekommen ist. __ 163 __ „total sexsüchtig“ ist. Geht er aber feiern, so vermißt er sie ständig, worüber ihn dann nur noch mehr Bier und noch mehr Pillen hinwegtrösten. Trotzdem geht er wieder feiern. Erst Drogen, Bier und Fernsehen, dann Drogen, Bier, Schnaps und Disko. Früh morgens kommt er bei seiner Kleinen an – fertig. Zu fertig zum Stehen, zu fertig für Sex, zu fertig für alles. Zu Mittag macht sie ihm Frühstück, bevor er wieder loszieht, rumhängen mit Pillen und Bier, auf eine Party im Grünen mit mehr Pillen und mehr Bier, schließlich in der Disco zuviel Pillen und zuviel Bier. Der Zusammenbruch in dem Moment, wo die Freundin auftaucht, ist die Folge. Aus der Sicht der Kleinen25 stellt sich das Ganze völlig anders dar: Für sie ist das Wochenende ein aus Warten bestehender Alptraum. Um ihn nicht zu verlieren, hat sie sich damit abgefunden, ihn mit seinen Kumpeln zu teilen, obwohl sie die wegen der dummen Sprüche auf ihre Kosten nicht leiden kann. Deshalb geht sie auch nicht mit und erklärt, sie werde sich alleine irgendwo amüsieren. Letztlich bleibt sie aber doch zu Hause, da es ja sein könnte, daß er früher zurückkommt. Inzwischen träumt sie entweder davon, wie es wäre, ihn in Las Vegas zu heiraten, ein Kind von ihm zu bekommen und ein ganz normales Leben zu führen, oder davon, so stark wie die Heldin ihres Lieblingscomics, die sich einfach nimmt, was sie will, zu sein, und nicht die komplexbeladene, feige Freundin eines sich selbst zerstörenden Idioten, die sich einredet, er sei noch ein Kind, um vor sich zu rechtfertigen, daß sie ihn bedient. In Wirklichkeit bleiben ihr nur die Treffen mit ihrer Freundin Barb, der es noch schlechter geht, da sie gar keinen Freund hat, Rotwein, Harald, ihr Vibrator und das Kokain, daß Chris in der Wohnung vergessen hat, um der trostlosen Realität zu entfliehen. Erst die Droge ermöglicht ihr den Ausbruch aus der Isolation in die Disco, wo sie sich in einen ebenso hemmungslosen wie hoffnungslosen Flirt mit einem Unbekannten stürzt, obwohl sie eigentlich immer nur an Chris denkt. Deshalb geht sie ihn schließlich auch suchen und kommt gerade rechtzeitig, um seinen Zusammenbruch mitzuerleben. Jetzt wird die Kleine zur Heldin, indem sie den Bewußtlosen aus der Disco trägt, in eine bessere Zukunft. Parallelen zu ‘Trainspotting’ und zu Salingers ‘Catcher’ sind kaum zu übersehen – aber zu ‘Werther’? Die Situation ist mit der Werhers vergleichbar. Die Zeit der Aufbruchsstimmung der Aufklärung war vorbei, der ungebrochene Fortschrittsglaube hatte zu neuen Welten geführt, hatte das Alte weggefegt. Aber es war eine Leere entstanden, die bei allem Wohlstand – zumindest für das Bürgertum – nicht zu füllen war, gegen die Goethe rebellierte, gegen die er Werther ankämpfen ließ und gegen die seine Generation, das Buch als Waffe in der Hand, sturmlaufen sollte.26 Schon Werther kennt das Karrierestreben und die rücksichtslose Konkurrenz, die zum Zeichen unserer Zeit geworden ist: 25 Es sei hier nur angemerkt, ohne näher darauf eingehen zu wollen, daß die Reduktion auf die zweifache Ich-Perspektive es mit sich bringt, daß sie namenlos bleibt, da Chris sie nur ‘Kleine’ nennt, während sie und Barb sich mit diversen Spitznamen titulieren. 0 26 Goethes Bestseller liegt in etlichen Ausgaben vor, weshalb ich mich für eine entscheiden mußte. Die wohl größte Verbreitung hat wohl unter Schülern und Studenten die kleine gelbe Ausgabe des Reclam Verlags. Deshalb wird hier nach dieser zitiert: Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werther. Stuttgart: 1986. __ 164 __ Was das für Menschen sind, deren ganze Seele auf dem Zeremoniell ruht, deren Dichten und Trachten jahrelang darin geht, wie sie um einen Stuhl weiter hinauf bei Tische sich einschieben wollen! Und nicht, daß sie sonnst keine Angelegenheiten hätten: nein vielmehr häufen sich die Arbeiten, eben weil man über den kleinen Verdrießlichkeiten von dem Befördern der wichtigen Sachen abgehalten wird.“27 „[D]ie fatalen bürgerlichen Verhältnisse“28 (…) [u]nd das glänzende Elend, die Langeweile unter dem garstigen Volke, das sich hier nebeneinander sieht29 (…) die elendsten, erbärmlichsten Leidenschaften (…) sind es, die ihn anwidern, die ihn aufschreien und verzweifeln lassen, mit einem Wort das, was man heute spießig nennt. Auch er sucht die Freiheit und versucht dieser Langeweile, der Oberflächlichkeit, der Selbstsucht, dem Leistungsdruck und dem Karrierestreben zu entfliehen. Doch diese Freiheit kann er in der Gesellschaft ebensowenig finden wie die Romanhelden 225 Jahre später. Die gesellschaftlichen Normen mögen sich geändert haben, Beschränkungen sind sie trotzdem geblieben, und gegen die Einschränkung durch Normen rebelliert jede junge Generation. Der Mensch kann, so sagt es Werther bereits zu Beginn seines Briefwechsels, die Einengung und Normierung durchbrechen: Und dann, so eingeschränkt er ist, hält er doch immer im Herzen das süße Gefühl der Freiheit, und daß er diesen Kerker verlassen kann, wenn er will.30 Zugleich verweist Werther damit auf den Ausweg, der sich ihm bietet, den Weg, den er, anders als sein Schöpfer Goethe, konsequent zu Ende gehen wird, und auf dem ihm andere in Realität31 und Fiktion32 folgen werden. Denn auch wenn man sich heutzutage meist nicht mehr mit Pulver und Blei das Hirn wegbläst, um dieser Welt zu entkommen,33 sondern sich meist Kokain ins Hirn bläst, oder Heroin durch die Blutbahn dorthin schießt, ist in ‘Trainspotting’ von genau demselben die Rede, wenn Rents sagt: Die Gesellschaft erfindet eine völlig verdrehte Scheinlogik, um die Leute, deren Verhalten außerhalb des Mainstreams steht, zu absorbieren und zu ändern. Angenommen, ich kenne alle Für und Wider, weiß, daß ich n kurzes Leben haben werd, bei klarem Verstand bin und so weiter, will aber immer noch Heroin nehmen? Das lassen die nich zu. Sie lassen es nich zu, weil sies als Zeichen für ihr eigenes Versagen deuten. Daß du dich einfach entschlossen hast, das, was sie dir zu bieten haben abzulehnen. Entscheide dich für uns. Entscheide dich fürs Leben. Entscheide dich für Hypothekenraten, Waschmaschinen, Autos, entscheide dich dafür, auf der Couch rumzusitzen und bescheuerte, 27 Goethe: Werther. S. 77. 28 Goethe: Werther. S. 76. 29 Goethe: Werther. S. 75. 30 Goethe: Werther. S. 14. 31 In der Literatur ist vielfach von einer Wertherselbstmordmodewelle nach dem Erscheinen des Buches die Rede, wobei sich die meisten Autoren immer wieder auf einzelne belegte Fälle, wie den Christel von Laßbergs beziehen, ohne daß meines Wissens bisher untersucht wurde, in wie weit diese Behauptung der Realität entspricht oder, ob es sich nicht eher um einen Mythos handelt. 32 Man denke z. B. nur an Luise Millerin in Friedrich Schillers ‘Kabale und Liebe’. Aber bereits Goethe selbst macht Werther durch den Verweis auf G. E. Lessings ‘Emilia Gallotti’ zum Nachahmungstäter. 33 Als gegenteiliges Beispiel kann hier nochmals der Sänger der Gruppe ‘Nirvana’ Curt Corbain angeführt werden, der sich mit Hilfe einer Schrotflinte ins Jenseits beförderte, was einen Teil seiner Anhänger dazu veranlaßte, sich auf dieselbe Art und Weise, in geradezu Wertherscher Manier, von dieser Welt zu verabschieden. __ 165 __ nervtötende Gameshows anzuglotzen, während du dir beschissenes Junkfood in den Mund stopfst. Entscheide dich dafür, langsam zu verrotten, dich im Pflegeheim vollzupissen und einzuscheißen, daß es deinen selbstsüchtigen, versauten Blagen, die du in die Welt gesetzt hast, peinlich ist. Entscheide dich fürs Leben. Also ich hab mich entschieden, mich nich fürs Leben zu entscheiden. Wenn die Ärsche damit nich klarkommen, is das deren Problem. Wie Harry Lauder sagt, ich hab einfach nur vor, den Weg bis zum Ende zu gehen.34 Und auch der Kleinen kommt, während sie mit Barb, Kokain und zwei Flaschen Wein die Zeit totschlägt und darüber nachdenkt, ob sie Selbstmord begehen soll, ein Gedanke: »Irgendwie macht Chris ja auch Selbstmord!« »Hm?« »Ich meine, irgendwie is das Selbstmord auf Raten, was Chris da macht!« »Klar. Ich meine, irgendwann isser tot. Immer Pillen schlucken is bestimmt nich gut!« »Ey, irgendwann liegt er unterm Sauerstoff-Zelt!« »Da kannste aber mit rechnen!« (…)35 Schon Werther hatte die Folgen der Leere, die sich zu seiner Zeit erst zu entwickeln begann, erkannt, wenn er meint: Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bißchen, das ihnen an Freiheit übrigbleibt, ängstigt sie so, daß sie alle Mittel aufsuchen, um es loszuwerden.36 In einer Zeit, in der Arbeit nicht mehr dem Überleben, sondern dem Besserleben dient, und angesichts der Arbeitslosigkeit auf dem besten Weg ist, ein Privileg zu werden, zu einer Zeit, da aus Freiheit Freizeit geworden ist, die immer mehr zunimmt und mit der die Menschen immer weniger anfangen können, ist genau dies zu einem der gravierendsten Probleme unserer Zeit und unserer Gesellschaft geworden. Das was als Erholung gedacht war, wird jetzt zum Vergnügungsstreß, vor allem für die Jugendlichen, die nie arbeiten mußten, oder nie die Chance bekamen zu arbeiten, die sich in der bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr zurechtfinden und diese deshalb ablehnen, die resignieren und sich nur noch um Arbeit bemühen, um wie Renton weiterhin Sozialhilfe beziehen zu können,37 oder um wie Chris den Drogenkonsum zu finanzieren.38 Angesicht seiner Realität, der man machtlos gegenübersteht, kommt es zu einer Flucht vor derselben. Für Werther war diese Flucht zum Teil noch real möglich – und Goethe war, wie man an den Enden seiner unglücklichen Liebesgeschichten sehen kann, geradezu ein Meister darin, was ihm wohl auch das Ende seines Protagonisten erspart hat. Angesichts des global-village, einer immer kleiner werdenden Welt, bieten sich heute solche 34 Welsh: Trainspotting. S. 212. 35 Lange: Relax. S. 170. 36 Goethe: Werther. S. 10. 37 Vgl. Welsch: Trainspotting. S. 77–83. 38 Vgl. Lange: Relax. S. 282–283. __ 166 __ Fluchtpunkte kaum noch, so daß nur die andere Möglichkeit, die Flucht in die Traumwelt übrigbleibt, die auch schon Werther offenstand: Daß das Leben des Menschen nur ein Traum sei, ist manchem schon so vorgekommen, und auch mit mir zieht dieses Gefühl immer herum. Wenn ich die Einschränkung ansehe, in welcher die tätigen und forschenden Kräfte des Menschen eingesperrt sind; wenn ich sehe, wie alle Wirksamkeit dahinaus läuft, sich die Befriedigung von Bedürfnissen zu verschaffen, die wieder keinen Zweck haben, als unsere arme Existenz zu verlängern, und dann, daß alle Beruhigung über gewisse Punkte des Nachforschens nur eine träumende Resignation ist, da man sich die Wände, zwischen denen man gefangen sitzt, mit bunten Gestalten und lichten Aussichten bemalt – das alles (…) macht mich stumm. Ich kehre in mich selbst zurück, und finde eine Welt! Wieder mehr in Ahnung und in dunkler Begier als in Darstellung und lebendiger Kraft. Und da schwimmt alles von meinen Sinnen, und ich lächle denn so träumend in die Welt.39 Um nichts anderes geht es auch in dem Song der Rolling Stones, der Hymne der 60er: ‘(I can’t Get No) Satisfaction’. Und um wie vieles leichter läßt sich diese innere Emigration – scheinbar – heute, im 20. Jahrhundert, mit Hilfe von Drogen und Alkohol vollziehen, vor allem da sich die Verwirklichung der Träume von einer heilen oder besseren Welt real nicht mehr finden läßt, die Werther noch in der Natur und in der guten, reinen Liebe, in Lotte als deren Personifikation, in der Realität verkörpert sah. Im postindustriellen Kommunikationszeitalter der 90er Jahre ist die Beziehung zur Natur – sofern überhaupt noch vorhanden – gestört und beschränkt sich für die meisten in der Stadt aufgewachsenen Jugendlichen auf eine romantische Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, das man meist auch gar nicht erst zu erreichen versucht, aus Angst, daß das Traumbild der Realität nicht standhält. Auch Chris hat eigentlich kein Verhältnis mehr zur Natur, auch wenn aus seinen Worten eine geradezu werthersche Natursehnsucht spricht, als er an seinen Drogendealer, offensichtlich ein Althippy, denkt: Der wohnt auf dem Land in einem riesen Haus mit einem großen Garten. Brian ist richtig locker. Der gibt Partys, macht Essen, hat immer Holz für ein gutes Lagerfeuer. Und will keine Kohle dafür. Da kommen dann so 1000 Leute, und die ganze Nacht ist Musik, Feuer und gute Pillen. Das ist wie auf einer Insel in der Südsee sein. Alle bringen Schlafsäcke mit, und irgendwann legst du dich ins Gras und pennst ein. Brian ist cool.40 Die Natur bildet keine Alternative mehr zur Droge. Naturerfahrung ist ohne Drogen nicht mehr möglich. Vor die Wahl gestellt, mit seiner Freundin spazieren zu gehen oder mit seinen Kumpeln vor dem Fernseher Haschisch zu rauchen, entscheidet sich Chris sofort gegen rausgehen.41 Erst auf der Party im Grünen nimmt er plötzlich, bis obenhin zugeknallt mit Pillen und Bier, die Natur um ihn herum wahr und beschließt, auf einen Baum zu klettern.42 39 Goethe: Werther. S. 12. 40 Lange: Relax. S. 9–10. 41 Vgl. Lange: Relax. S. 63 und 224. 42 Vgl. Lange: Relax. S. 106–109. __ 167 __ Oben auf dem Baum macht Chris dann, trotz seines Vorsatzes, sich die Bäume, die man sonst nicht wahrnimmt, obwohl sie so groß und überall sind, genau anzusehen, keine Naturerfahrung, sondern hat endlich den langersehnten Drogentrip, so daß er gar nicht mitbekommt, daß er vom Baum stürzt.43 Pointierter läßt sich die gestörte Beziehung zur Natur kaum darstellen.44 Erst im Auto, auf dem Weg zur Disco, während des nächsten Drogentrips merkt er, als die Bäume viel zu schnell an ihm vorbeiziehen, daß er den Kontakt zu Natur verloren hat, und er beschließt, was natürlich scheitern muß, einen Baum zu pflücken: (…) Bäume, Felder, Bäume, Scheinwerfer, Bäume, Lücke, Bäume, Lücke, Bäume, Musik. Mich spults. Ich will die Bäume anfassen, ich will einen Ast ins Auto holen, ich will einen Baum im Auto. Den bringe ich meiner Kleinen mit. Ich lehne mich aus dem Fenster und hole einen Baum ins Auto. Original ich schenke meiner Kleinen einen Baum.45 Die Feier, die Flucht endet für Chris in der Disco mit dem verzweifelten Versuch in die Freiheit, im wörtlichen Sinne an die Luft zu gelangen. Seine letzten Gedanken gelten dem Himmel und seiner Kleinen: Ich kann nicht mehr. Der Himmel ist unter mir. Ich kann ihn fühlen. Ich kann ihn sehen. Der Himmel. (…) Der Himmel ist so blau, mit kleinen Wolken. (…) Meine Kleine. Der Himmel ist blau. Meine Kleine. Meine Kleine ist da. (…) Ich sehe in den Himmel, er ist ganz nah. Da ist der Mond und meine Kleine ist da. Leg dich neben mich, meine Kleine.(…) Ich hab Angst meine Kleine.46 Damit wären wir wieder bei der Liebesgeschichte angekommen, die trotz allem, wie bei Werther, eine unglückliche ist, auch wenn man das in der sexuell aufgeklärten und trotz AIDS freieren Gesellschaft am Ende dieses Jahrhunderts nicht unbedingt erwartet. Daß Werther leiden würde, daß er seine Lotte nicht bekommen würde, war von Anfang an klar, da sie mit Albert verlobt war. Werther hätte zwar versuchen können, weniger zu leiden und mehr zu tun, und ganz chancenlos wäre das Unterfangen, die Verlobung platzen zu lassen, sicherlich nicht gewesen, ohne einen gesellschaftlichen Eklat wäre es aber garantiert nicht vonstatten gegangen. Und Sex vor der Ehe und dann auch noch mit einem anderen als dem Verlobten war damals zwar nicht mehr gänzlich undenkbar, hätte aber im Falle einer Entdeckung zur sozialen Ächtung geführt.47 Sollte, konnte oder durfte eine Beziehung nicht zum Traualtar führen,48 so mußte sie notgedrungen freundschaftlich platonisch bleiben, um nicht an den gesellschaftlichen Normen zu scheitern. __ 168 __ Und heute? In den emanzipierten postachtundsechzigern ist doch alles viel problemloser.49 Was will man da noch mit den Leiden des jungen Werther?50 Nichts!, sollte man meinen. Doch das stimmt offensichtlich nicht ganz. Daß sich die Zeiten geändert haben, heißt nicht, daß sie problemloser geworden sind. Früher blieb Mädchen kaum etwas anders übrig als auf ihre Heirat, auf den – in den Augen der Gesellschaft passenden – Bräutigam, zu warten, um dann ihrer Rolle als Frau und Mutter gerecht zu werden. Obwohl man annehmen sollte, daß sich das längst geändert hat, ist das Rollenverhalten der Geschlechter anscheinend weitgehend gleichgeblieben, zumindest nach der Aussage der Kleinen zu urteilen: (…) Ich meine, als Frau bleibt dir gar nichts anders übrig, als zu warten. Nee, wirklich. (…) Jetzt sitze ich da, und der Typ quält mich. Ich glaube, das geht gar nicht anders. Du bist als Frau auf der Welt, um gequält zu werden. So ist das einfach. Emanzen haben es da ja noch schwerer, weil Männer Emanzen hassen. Da bleibt einem gar nichts anders übrig, als sich quälen zu lassen, damit die Männer einen wenigstens ein bißchen mögen. (…) Nee, wirklich. Warten, warten. Ehrlich. Das ist die Aufgabe der Frau der 90er. Warten und sich quälen lassen. Hilfe! (…)51 Die Frau wartet als immer noch. Zwar nicht mehr darauf, daß sie verheiratet wird, sondern darauf, daß jemand für sie da ist. Auch wenn Sex, Drogen und Alkohol die Mittel gegen das Warten sind, so hat die Kleine doch ganz und gar bürgerliche Vorstellungen von der Zukunft und träumt davon, Chris in Las Vegas zu heiraten, von ihm ein Kind zu kriegen und mit ihm die ganz große romantische Liebe zu erleben. Dazu müßte Chris Verantwortung übernehmen. Das kann oder will er aber nicht. Statt dessen will er ein Rockstar sein,52 der die Drogen im Griff hat, ein Held, der soviel Alkohol verträgt wie ein Matrose. Er versucht damit, sowohl seine Freundin als auch seine Kumpel zu beeindrucken, ohne dabei zu erkennen, daß er sich lächerlich macht und sich immer mehr von seinen Freunden entfernt, statt sich um sie und vor allem um seine Freundin zu kümmern.53 Diese begrüßt ihn zwar, als er mitten in der Nacht besoffen nach Hause kommt, mit „Na, mein Held“54, doch während er daraufhin denkt: „Meine Kleine nennt mich immer »Mein Held!« Das finde ich gut.“55 stellt sie resigniert fest: Mein Held sieht echt müde aus. Ich meine vielleicht ficken wir dann doch nicht mehr. Weil, wenn Chris im 10. Delirium und so müde ist, hat er keine Lust mehr. Ich meine, das ist der Punkt. Darum habenn wir schon so lange nicht mehr gefickt. Chris ist echt einfach immer müde, wenn er es dann mal bis zu mir geschafft hat.56 49 Die Eltern haben nichts mehr zu vermelden. Jeder oder jede kann anbaggern wen er oder sie will und im Falle eines Erfolges hängt es einzig und allein von den beiden ab, ob und wie lange sie zusammenleben. 50 Diese Stelle ist zum einen wörtlich zu nehmen, zum anderen ist zugleich auch das Buch darunter zu verstehen. 51 Lange: Relax. S. 150–151. 52 „Mann, ich bin ein Rockstar.“, lautet schon der erste Satz seiner Geschichte. (Vgl. Lange: Relax. S. 9.) 53 Vgl. Lange: Relax. z. B. S. 15, 48, 54, 201, 209–211. 54 Lange: Relax. S. 48 und 201. 55 Lange: Relax. S. 48. 56 Lange: Relax. S. 201. __ 169 __ Da Chris ein Held sein will, kann er nicht zugeben, wie sehr er seine Kleine braucht, um nicht in der Leere der Welt verloren zu gehen. Insgeheim ist er genauso ein Romantiker wie sie, will das aber nicht zugeben, da es ja uncool wäre, Gefühle zu zeigen, die als Schwäche ausgelegt werden könnten. Er will nicht zugeben, daß er Halt sucht und zunehmend den Boden unter den Füßen verliert, und sie traut sich nicht, etwas zu sagen, um ihn nicht ganz zu verlieren. Beide haben eigentlich dieselbe Angst, Gefühle zu zeigen und Verantwortung zu übernehmen, wobei die Kleine dies erkannt hat und bereit ist, wenn Chris sie stützt, sich der Realität zu stellen, während Chris sich – wie Werther, beziehungsweise mehr noch Goethe – in sein Heldentum flüchtet. Beide sind auf der Suche nach Befriedigung, wobei Chris diese in exzessiven Drogenkonsum zu finden glaubt, während der Kleinen nur der Sex bleibt, da sie diese Selbstzerstörung nicht mitmachen will. Dadurch verschärft sich aber das Problem der beiden noch, da Sex und Drogen sich weitgehend ausschließen. In ‘Trainspotting’ ist die Lage noch trostloser, sind die Menschen einsamer, das Leben und die Drogen härter. Nur wenn man clean und von den Drogen runter ist, ist an Sex zu denken, um die tödliche Langeweile erträglich werden zu lassen, wobei Liebe selten im Spiel ist.57 Es gibt nur ein Entweder Oder, wie Mark Renton in der Situation, als Sick Boy Alison eine Ladung Heroin verpaßt, feststellt: Ihre Lippen zittern, als sie ihn ein, zwei Sekunden flehend anschaut (…), bevor er ihr den Cocktail Richtung Hirn verpaßt. Sie legt den Kopf in den Nacken, schließt die Augen, öffnet den Mund und gibt ein orgasmisches Stöhnen von sich.(…) – Das is besser als jeder Fick… besser als jeder blöde Schwanz auf der Welt… keucht Ali, und sie meint es ernst. (…) Ali hat recht. Nimm deinen besten Orgasmus, nimm das Gefühl mal zwanzig und du bist immer noch meilenweit davon entfernt. (…)58 Auf der Flucht vor der Realität leben alle mehr nebeneinander als miteinander. Alison und Sick Boy und Mark, ebenso wie Chris und die Kleine. Das Bild, das sich jeder vom anderen macht, entspricht nicht der Wirklichkeit. Die Situation ist der Werthers und Lottes durchaus vergleichbar. Je mehr Zeit vergeht, desto unüberwindbarer wird der Graben zwischen beiden, die Distanz wird größer und die Situation aussichtsloser. Am Ende erst öffnet sich ein Ausweg, ob es ein Neuanfang oder der endliche Untergang ist, bleibt in allen Fällen, sieht man einmal von Werther selbst ab, offen. Werthers Selbstmord kann für Lotte sowohl das Ende ihrer Beziehung zu Albert, vielleicht sogar ihr Tod, oder ein Neuanfang für die beiden sein. Ob Chris seinen Zusammenbruch überlebt, erfährt man nicht, und wenn, so bleibt offen, ob sich die Hoffnung der Kleinen auf einen Neubeginn erfüllt. Und vielleicht ist Mark Rentons Aufbruch nach Amsterdam doch nicht der Aufbruch in ein neues Leben, sondern nur ein Orts-, bzw. Szenewechsel. Anders als bei den meisten Hollywoodfilmen bleibt im Kultfilm oder im Kultbuch das Happy-End meist aus oder endet zumindest offen.59 Eines der Geheimnisse von 57 Vgl. Welsh: Trainspotting. S. 149–175. 58 Welsh: Trainspotting. S. 17–18 und 20. 59 In „Casablanca“ bleibt Elsa bei Victor Lazlo. Rick bekommt sie nicht. Humphrey Bogart bleibt im Nebel zurück, während Ingrid Bergmann Paul Hehnreit ins Flugzeug folgt. __ 170 __ Kultbüchern und Kultfilmen ist das, daß sie die Realität auf eine Art und in einem Maße widerspiegeln daß die Grenze zur Fiktion fließend wird und die Identifikation so groß ist, daß sich der Leser oder Betrachter in oder zwischen den Figuren wiederfindet.60 Also überschreiten auch wir die Grenze zwischen Fiktion und Realität ein weiteres Mal, erinnern uns und kehren zu Goethe zurück. Zu Goethe, dem jugendlichen Rebellen gegen die Zwänge seiner Zeit, zu Goethe, dem unglücklich Liebenden, zu Goethe, dem Kultautor, zu Goethe dem Superstar. Goethe wußte ganz genau, was er wollte und was er nicht wollte. Jurist wollte er ganz bestimmt nicht werden. Auch wenn ihm nicht ganz klar war, ob er nun Maler oder Schriftsteller werden wollte, Künstler wollte er auf alle Fälle sein. Nicht irgendein Künstler unter vielen, sondern der Künstler, ein Superstar. Man könnte, so paradox es klingt, sagen, Goethe wollte von Anfang an Goethe werden! Von Beginn an lebte er das Leben eines Künstlers, eines Stars, und genoß die Bewunderung der Fans. Wie Chris wollte er ein Held sein. Um die Leere, die ihn umgab, nicht zu spüren, stürzte er sich von einer unglücklichen Liebe in die nächste. Der Goethe der 90er wäre wahrscheinlich Sick Boy nicht unähnlich gewesen. Wie dieser wäre er von einem Drogenrausch zum nächsten und von einer sexuellen Eroberung zur nächsten gestürzt. Nur gab es zu Goethes Zeiten weder Heroin noch Kokain, noch Kondome und die Pille, dafür aber eine strenge Sexualmoral und eine auf voreheliche Jungfräulichkeit ausgerichtete Gesellschaft, die alles, was mit Sex zu tun hatte, bewußt übersah.61 Also geschah gar nichts. Goethe wurde zum Künstler, indem er das Liebesleiden kultivierte. Und wenn die Situation zu aussichtslos wurde, floh er und stürzte sich in die nächste unglückliche Liebesgeschichte. Ich glaube, Goethe litt bewußt und absichtlich, denn sonst hätte er das nicht über ein Jahrzehnt bis 1786 durchgehalten. Und selbst wenn er bei Charlotte Buff und Charlotte von Stein keine Chance hatte, meine ich doch, daß er sie bei Friederike oder Maximiliane gehabt hätte, hätte er nur gewollt. Aber er wollte nicht, sonst hätte er Verantwortung übernehmen müssen. Er hätte mit einer seiner Lieben glücklich werden können, er hätte sie nur heiraten müssen. Doch dann wäre es mit dem Leben als Star aus und vorbei gewesen, deswegen kam für ihn auch der Ausweg, den er Werther wählen ließ, nicht in Frage. Das einzige, was ihm blieb, war, den ‘Werther’ zu schreiben und damit endlich wirklich berühmt zu werden. Erst der Aufenthalt in Rom sollte ihm zeigen, daß er durch eine glückliche Liebe, und Sex gehörte diesmal ganz sicher dazu, nicht gleich um seinen Status fürchten und sein Künstlerdasein aufgeben mußte, sondern beides verbinden kann,62 das heißt, Goethe durfte Goethe bleiben. 60 Das funktioniert selbst dann, wenn die Situation völlig unrealistisch ist: Hat sich jemals ein Zuschauer darüber Gedanken gemacht, woher in Casablanca auf einem Wüstenflugplatz der Morgennebel herkommt, wie man ihn sonst nur in London findet? Ebensowenig löst das Auftauchen des deutschen Major Strassers Verwunderung beiom Publikum aus, obwohl während des gesamten Krieges weder Wehrmacht noch SS jemals bis nach Casablanca gekommen sind. 61 Hinzu kommt noch, daß Goethe sich unheimlich vor Geschlechtskrankheiten fürchtete. 62 Daß dies dann doch nicht so ganz einfach war, zeigt die eifersüchtige Reaktion der Goethefanclubobergroupies Charlotte von Stein und Bettina von Arnim auf Christiane. Eine Reaktion, die bei vielen weiblichen Fans zu beobachten ist, wenn ihre Idole heiraten, was seit der Zeit der Beatles und der Rolling Stones clevere Manager dazu veranlaßt, eine Hochzeit so lang wie möglich geheim zu halten. __ 171 __ Für Werther würde das bedeuten, und zum letzten Mal bewegen wir uns auf dem schmalen Grat zwischen Realität und Fiktion, daß ein bißchen mehr Selbstvertrauen und das Wissen um die Existenz einer Christiane63 ihn an seinem Selbstmord gehindert und dem Buch zu einem Happy End verholfen hätte. Nur hätte dann dem Buch damit ein wichtiger Teil, der es zum Kultbuch werden ließ, gefehlt, weshalb dann das Buch nicht so berühmt und sein Autor nicht zum Superstar geworden wäre, was in Umkehrung sehr wahrscheinlich Goethes Selbstmord zur Folge gehabt hätte. Damit kehren wir zum Anfang zurück und zu Katarzynas These, Werther hätte ein bißchen weniger Reden und ein bißchen mehr tun sollen, dann wäre ihm das alles nicht passiert, und ich hätte nicht so ein langweiliges Buch lesen müssen! die sich damit als richtig erweist, da Goethe in einem solchen Fall sicher mitsamt seinem Werther und dem Happy End vergessen worden wäre. Das alles bleibt aber Spekulation. Und da Goethe Goethe bleiben wird, wird der ‘Werther’ wahrscheinlich auch in den nächsten 225 Jahren in der Schule gelesen werden müssen, wobei vielleicht einige der zukünftigen Lehrer diesen Anregungen folgen und Werke vergleichend hinzuziehen, in denen sich dann die zukünftige Schülergenerationen wiedererkennen.64 Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werther. Stuttgart: 1986. Alexa Hennig von Lange: Relax. Hamburg: 1997. Ulrich Plenzdorf: Die Neuen Leiden des jungen W. Rostock: 1973. Irvine Welsh: Trainspotting. Übersetzt von Peter Torberg. Hamburg: 1996. Johann Peter Eckermann : Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens . 1823 - 1832 . Erster Theil. Zweyte, mit einem Register versehene Ausgabe. Leipzig: 1837 . 63 Ich erlaube mir hier, den Namen aus der Realität in die Fiktion hinüber zu nehmen, mich auf Goethe selbst berufend, der mit Lotte Buffs Namen schließlich nichts anderes getan hat . 64 Ob und in wie weit der hier angedachte Vergleich zwischen denn drei Werken im Schulunterricht praktikabel ist, kann ich nicht entscheiden. Dies muß denen überlassen werden, die demnächst in einer solchen Situation vor einer Klasse stehen. Die Diskussion meiner Überlegungen und das rege Interesse gerade an Alexa Hennig von Langes Roman läßt allerdings hoffen, daß dieser Aufsatz nicht nur die Zahl der unzähligen Wertherinterpretationen, um eine weitere erhöht und damit die Leiden zukünftiger Generationen vermehrt .


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Frank Michael Schuster. Johann Wolfgang von Goethes "Die Leiden des jungen Werther" nach 225 Jahren Wiedergelesen : überlegungen zum Kultbuch der 1770er und der 1990er Jahre, Literaturoznawstwo : historia, teoria, metodologia, krytyka, 2011,