Das Sozialleben der Bakterien
464
K A R R I E R E , KÖ P F E & KO N Z E P T E
Theresa Jautzus
Jahrgang 1990. 2009–2012 Biologiestudium an der Universität
Gießen. 2012–2014 Masterstudium Mikrobiologie an der Universität Jena; 2015–2018 Promotion in der Arbeitsgruppe
Terrestrische Biofilme dort bei
Prof. Dr. A. T. Kovács, Institut für
Mikrobiologie an der Universität
Jena. Seit 2018 Postdoc am Hans-Knöll-Institut Jena,
Arbeitsgruppe Christine Beemelmanns.
DOI: 10.1007/s12268-019-1077-z
© Springer-Verlag 2019
ó Auch Mikroorganismen können soziale
Interaktionen eingehen. Anhand verschiedener Beispiele in Hefen und Bakterien wurde gezeigt, wie Mikroben nicht nur im Wettbewerb um Ressourcen miteinander konkurrieren oder sich aktiv bekämpfen, um den
größtmöglichen individuellen Vorteil zu
erhalten. Sie kooperieren auch miteinander,
indem eine Zelle oder Population Hilfe für
eine andere bereitstellt, beispielsweise während der Bildung eines Biofilms. Solche
sozialen Interaktionen können inter- oder
intraspezifisch auftreten [1]. Diese Erkenntnisse resultierten in der Entstehung eines
neuen Forschungsfeldes, der Soziomikrobiologie.
In meiner Arbeit untersuchte ich zusammen mit Kolleg/inn/en und Kollaborationspartner/inne/n unterschiedliche Lebensformen des Gram-positiven Modellbakteriums
Bacillus subtilis. Wir konnten zeigen, dass
soziale Interaktionen Kollektive wie Biofilme
wesentlich gestalten. In Biofilmen arbeiten
oft unterschiedlich spezialisierte Zelltypen
derselben Spezies oder verschiedene Mikrobenspezies zusammen, um das „Gerüst“ des
Biofilms, die Matrix zu bilden. Sie kann aus
VAAM-Promotionspreis 2019
Das Sozialleben der Bakterien
THERESA JAUTZUS
TERRESTRISCHE BIOFILME, INSTITUT FÜR MIKROBIOLOGIE, UNIVERSITÄT JENA
unterschiedlichen Komponenten zusammengesetzt sein, besteht häufig jedoch aus Polysacchariden und Proteinen.
In einer experimentellen Evolutionsstudie
untersuchten wir den langfristigen Einfluss
von Zellen, die nicht zur Biofilmbildung beitragen (Nicht-Produzenten der Biofilmmatrix)
in einer Population von Biofilmbildnern (Wildtyp). Die Nicht-Produzenten entwickeln mit
der Zeit die Fähigkeit, sich in den Biofilm des
Wildtyps zu integrieren, was mit der Evolution eines Phagen-vermittelten Interferenzwettbewerbs gekoppelt ist. Die lytische Aktivität der neu gebildeten Phagen scheint den
evolvierten Nicht-Produzenten der Matrix
einen Vorteil im Wettbewerb um einen Platz
im Biofilm zu verschaffen (Abb. 1, [1]). Wir
stellten fest, dass Flagellum-vermitteltes
Schwimmen und Chemotaxis die Wettbewerbsfähigkeit von B. subtilis-Zellen während
der Bildung eines Biofilms auf der Oberfläche einer Flüssigkeit (pellicle) positiv beeinflussen [2]. Unbewegliche Zellen haben daher
einen Nachteil während der pellicle-Bildung.
Dies scheint einen Selektionsdruck zu erzeugen: Während der Biofilmbildung der unbeweglichen Zellen treten vermehrt Mutanten
auf, die über eine verstärkte Expression der
Matrixgene verfügen. So können sie die unbeweglichen Zellen im Wettbewerb um die Bio-
filmbildung auf der Oberfläche des Mediums
verdrängen [3].
Zudem untersuchten wir die kollektive
Bewegungsform des sliding auf halbfesten
Oberflächen, bei der sich Zellen im Pulk und
durch den Schub der Zellteilung ausbreiten.
Auch Komponenten der Matrix sind für diese
Bewegungsform essenziell, die sowohl regulatorisch als auch mechanistisch eine Vorstufe
bei der Biofilmbildung darstellen kann. Diese Matrixkomponenten scheinen sich in ihrer
Verfügbarkeit für Nachbarzellen zu unterscheiden und können daher unterschiedlich
stark von Nicht-Produzenten ausgebeutet werden.
Danksagung
Ein herzlicher Dank geht an meinen Doktorvater Ákos T. Kovács, für die wunderbare
Unterstützung und Betreuung. Außerdem an
die gesamte TeBi-Arbeitsgruppe und an alle
Kooperationspartner sowie an die MaxPlanck-Gesellschaft und FAZIT-Stiftung für
finanzielle Förderung.
ó
Literatur
[1] Martin M, Dragos A, Hölscher T et al. (2017) De novo evolved interference competition promotes the spread of biofilm
defectors. Nat Commun 8:15127
[2] Hölscher T, Bartels B, Lin Y-C et al. (2015) Motility, chemotaxis and aerotaxis contribute to competitiveness during bacterial pellicle biofilm development. J Mol Biol 427:3695–3708
[3] Richter A, Hölscher T, Pausch P et al. (2018) Hampered
motility promotes the evolution of wrinkly phenotype in
Bacillus subtilis. BMC Evol Biol 18:155
Korrespondenzadresse:
Dr. Theresa Jautzus
Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und
Infektionsbiologie e. V. – Hans-Knöll-Institut (HKI)
Beutenbergstraße 11a
D-07745 Jena
Tel.: 03641-5321574
˚ Abb. 1: Integration eines Nicht-Produzenten der Matrix in einen Biofilm des Wildtyps [1].
A, confocal laser scanning-Mikroskopie eines Biofilms aus Wildtyp (grün fluoreszierend) und
Nicht-Produzenten der Matrix (rot fluoreszierend) vor (links) und nach der Evolutionsstudie
(rechts). Maßstab: 10 μm. B, elektronenmikroskopisches Bild des entdeckten Phagen. Maßstab:
70 nm.
Die VAAM dankt den Sponsoren der Promotionspreise: BASF SE, Bayer AG, New England
Biolabs GmbH und Evonik Industries AG.
BIOspektrum | 04.19 | 25. Jahrgang
(...truncated)