Interferenz von Licht macht einzelne unmarkierte Proteine sichtbar
732
W I S S ENS CH AFT · S PECIA L : CELL IMAGI NG
iSCAT-Mikroskopie
Interferenz von Licht macht einzelne
unmarkierte Proteine sichtbar
KATHARINA KÖNIG 1 , ANDRÉ GEMEINHARDT 1 , VAHID SANDOGHDAR 1, 2
1 MAX-PLANCK-INSTITUT FÜR DIE PHYSIK DES LICHTS, ERLANGEN
2 DEPARTMENT PHYSIK, FRIEDRICH-ALEXANDER-UNIVERSITÄT ERLANGENNÜRNBERG, ERLANGEN
iSCAT microscopy is a powerful tool for the optical detection and visualization of small nanoparticles, down to single unlabeled proteins. In this
overview, we give an introduction to the method´s principles and benefits
and show how it can be applied to monitor protein secretion of single living cells with single-protein sensitivity at millisecond temporal resolution.
DOI: 10.1007/s12268-019-0225-9
© Die Autoren 2019
ó Der menschliche Körper ist ein komplexer Organismus, dessen Funktionsweise auf
einer äußerst vielschichtigen und detaillierten
Kommunikation verschiedenster Zelltypen
über eine Vielfalt an Botenstoffen beruht. Um
diese Prozesse zu verstehen und möglichen
Fehlfunktionen vorzubeugen oder diese zu
behandeln, ist es notwendig, die zellulären
A
B
C
Abläufe im Detail zu untersuchen. Eine kritische Komponente stellt dabei die Sekretion
von Proteinen durch (stimulierte) Zellen dar,
die beispielsweise innerhalb des Immunsystems eine wichtige Rolle spielt. Hier können
diese Proteine von anderen Zellen wahrgenommen werden und verschiedene Reaktionen und Prozesse in der Immunabwehr auslösen.
Die Untersuchung solcher Sekretionsprozesse birgt einige Herausforderungen. Traditionelle Methoden, wie Massenspektrometrie, antikörperbasierte Nachweisverfahren
(z. B. ELISA) oder Durchflusscytometrie (z. B.
FACS), sind sehr aufwendig, langwierig und
benötigen das Markieren der Probe mittels
Isotopen oder fluoreszenten Molekülen. Das
Markieren von Proteinen ist weitverbreitet
und für einen Großteil der biologisch moti-
¯ Abb. 1: Prinzip der
iSCAT-Mikroskopie. A,
Aufbau: Weitfeldbelichtung der Probenoberfläche mit einem Laser,
Aufsammeln des teilweise reflektierten
Lichts sowie eines Teils
des vom Teilchen
gestreuten Lichts mit
dem Objektiv und
Umlenkung auf einen
Kamerasensor. B, von
der Kamera registriertes Interferenzsignal
zweier einzelner Proteine. Maßstab: 1 μm
(aus [8]). C, Der iSCATKontrast skaliert linear
mit der Masse des Proteins (aus [5]).
BIOspektrum | 07.19 | 25. Jahrgang
733
vierten Mikroskopie unumgänglich. Jedoch
führt das Einbringen eines Markers zwangsläufig zu einem Eingriff in den biologischen
Prozess und zu einem gewissen Filter, der
Proteine, die nicht markiert und vielleicht
nicht bekannt sind, buchstäblich unerkannt
im Dunkeln lässt. Die Sensitivität der genannten Methoden liegt in der Regel weit oberhalb
von einzelnen Molekülen und erfordert häufig den Einsatz von ganzen Ensembles von
Zellen, um eine zur Detektion ausreichende
Menge an Proteinen zur Verfügung zu stellen. Dies steht jedoch oft im Widerspruch zu
dem Wunsch, Messungen an einzelnen Zellen
vornehmen zu können, um fundamentale Prozesse leichter zu isolieren und verstehen zu
können. Das Ziel sind also Techniken, die in
der Lage sind, ganz ohne den Bedarf an Markern einzelne Proteine in Echtzeit aufzulösen.
In den vergangenen Jahren wurden verschiedene Methoden in diese Richtung entwickelt. Die Verwendung von komplexen
nano-optischen Techniken, basierend auf verschiedenen Technologien, wie oberflächen-
verstärkte Raman-Spektroskopie (SERS), Plasmonik oder Mikroresonatoren, erreichen
heute die nötige Empfindlichkeit für die
Detektion einzelner Proteine [1]. Diese Methoden beruhen jedoch – neben der Notwendigkeit von Oberflächenfunktionalisierung – auf
der elektromagnetischen Feldverstärkung in
einem sehr kleinen Sensorbereich und erfordern zudem oft eine statistische Interpretation des Signals.
Dabei ist es durchaus möglich, einzelne
Proteine direkt zu visualisieren, und zwar
einzig über das Streusignal, das bei der
Beleuchtung eines solchen Moleküls (etwa
mit einem Laser) entsteht. Dieses an sich sehr
schwache Signal kann mittels Interferenz
detektiert werden, indem man es mit einem
Referenzsignal überlagert und damit verstärkt. Die interferometrische Detektion von
gestreutem Licht, kurz iSCAT (interferometric
detection of scattered light), wurde 2004 in
unserer Gruppe entwickelt [2] und unter
anderem zur Detektion von Viren auf einer
Membran genutzt [3]. Die Methode wird seither stetig weiterentwickelt und findet sich
mittlerweile – in teils abgewandelter Form
und verschiedensten Anwendungsbereichen
– in den Experimenten zahlreicher Gruppen
weltweit wieder [4].
Die Detektion gestreuten Lichts wird
auch in der Dunkelfeldmikroskopie angewendet. Die Grundidee ist simpel: Das zum
Beleuchten der Probe verwendete Licht wird
nicht zum Auge bzw. der Kamera weitergeleitet, sondern abgeblockt, etwa durch eine
Blende im Mikroskop oder eine schräg einfallende Beleuchtung. Lediglich das an der
Probe gestreute Licht erreicht den Detektor.
Hier zeigt sich jedoch ein fundamentales Problem: Der Streuquerschnitt und damit die
Intensität des gestreuten Lichts skaliert mit
dem Quadrat der Polarisierbarkeit des Teilchens. Diese ist wiederum abhängig vom
Brechungsindex des Teilchens relativ zu
dem seiner Umgebung sowie vom Teilchenvolumen. Da Teilchen mit einem Durchmesser, der deutlich kleiner als die Wellenlänge
des Lichts ist, hier als Kugel betrachtet
werden können, zeigt sich, dass ein Teilchen
mit einem Durchmesser von fünf Nano-
734
W I S S ENS CH AFT · S PECIA L : CELL IMAGI NG
A
B
˚ Abb. 2: Prinzip der Zellsekretionsmessung mit iSCAT. A, Platzierung einer einzelnen, lebenden Zelle nahe der iSCAT-Sensorfläche. B, Histogramme
der detektierten Proteine (Anzahl: 503) einer Zellmessung über 125 Sekunden auf einer nicht-funktionalisierten Oberfläche (blau) sowie auf einer antiIgG-funktionalisierten Oberfläche (schwarz) im Vergleich zu reinem IgG auf einer nicht-funktionalisierten Oberfläche (rot) (aus [8]).
¯ Abb. 3: Sekretionsdynamik einer einzelnen,
lebenden Zelle unter stetigem Anstieg des pHWertes des umgebenden Mediums. Drei unterschiedliche Bereiche kennzeichnen die Sekretion einer intakten Zelle, einer gestressten Zelle
unter erhöhtem pH-Wert und die Detektion von
Teilen des Zellinneren auf der Sensoroberfläche
nach Eintreten des Zelltods und Auflösen der
Zellmembran (verändert nach [8]).
metern (etwa ein Protein) im Vergleich zu
einem Teilchen mit 50 Nanometer Durchmesser (etwa ein Virus) tatsächlich eine
Million Mal weniger Licht streut. Damit
fällt das Streusignal eines Proteins weit
unter das detektierbare Niveau in der
Dunkenfeldmikroskopie.
Um das mit sinkender Teilchengröße drastisch abfallende Streusignal noch detektieren
zu können, wird es in der iSCAT-Mikroskopie nun mit einer Referenzwelle zur Interferenz gebracht. Gleichung 1 zeigt die Intensität am Detektor:
→
→
Idet ∝ |Eref + Es|2 =
→
→
→
→
|Eref|2 + |Es|2 + 2|Eref||E s| cos θ.
(1)
→
Hier ist Eref das elektrische Feld der Referenz→
welle und Es ∝ α das elektrische Feld der vom
T (...truncated)