Demenz und Lebensstil
Neurologie
psychopraxis. neuropraxis 2020 · 23:45–48
https://doi.org/10.1007/s00739-019-00602-x
Online publiziert: 18. Oktober 2019
© Der/die Autor(en) 2019
Thomas Benke
Klinik für Neurologie, Medizinische Universität Innsbruck, Innsbruck, Österreich
Demenz und Lebensstil
Demenzen sind häufige neurodegenerative Erkrankungen des späteren Lebensalters. Weltweit leiden etwa 50 Mio.
Menschen an einer Demenz. Diese Zahl
wird sich bis 2050 fast verdreifachen.
Die häufigste Demenz ist die Alzheimer-Erkrankung (AE), die meist mit
anderen, z. B. vaskulären Pathologien kombiniert ist. Tau- und AmyloidAblagerungen sowie die Neurodegeneration der AE entwickelt sich im Gehirn
bereits Jahrzehnte vor der klinischen
Diagnose. Eine Eindämmung der AEPathologie ist somit nur sinnvoll, wenn
sie bereits lange vor der klinischen Manifestation einsetzt. Da wirkungsvolle
modifizierende oder gar kurative medikamentöse Therapien für die AE fehlen,
wächst das Interesse an den Risikofaktoren (RF) und einer Risikoreduktion
zur Bekämpfung der Demenz. Einige
Langzeitstudien zeigen, dass eine gezielte Lebensstilanpassung die Zunahme
der Pathologie, den kognitiven Abbau
und die Demenzentwicklung reduzieren
kann. Evidenzbasiertem Wissen um eine
Reduktion des Demenzrisikos kommt
daher große Bedeutung zu.
Demenzrisiko
Demenzen sind multifaktorielle Erkrankungen. Die Identifikation von DemenzRF ist methodisch komplex: sie muss genetische, medizinische und andere Faktoren (z. B. Demografie, Arbeit, Umwelt,
Gesundheitssystem, sozioökonomischer
Status, kognitive Resistenz und Resilienz) berücksichtigen, die zum Teil nur
schwer zu erfassen sind. Viele RF sind
miteinander assoziiert (z. B. gemeinsames Auftreten von Hypertonie, Diabetes,
Übergewicht) und nicht unabhängig. Die
derzeit bekannten RF der AE können in
Literatur beim Verfasser
modifizierbare und nichtmodifizierbare
eingeteilt werden (. Tab. 1).
Risikoreduktion
Gegenwärtig gibt es keine demenzprotektiven Medikamente. Zu nichtpharmakologischen Formen der effektiven Risikoprävention gibt es jedoch zahlreiche experimentelle und humane Studien,
einige mit vielversprechenden Resultaten. Zu den modifizierbaren RF mit hoherEvidenzfüreine Demenzentwicklung
zählen chronische vaskuläre oder metabolische Erkrankungen mit ihren synergistischen Effekten. Sie sind ab dem 3.
oder 4. Jahrzehnt pathophysiologisch aktiv („dementia midlife risk factors“) und
müssen daher früh erkannt werden. Die
Behandlung von Hypertonie, Diabetes,
Herz-, Nieren- und Gefäßerkrankungen
hat große Bedeutung gegen die Demenz-
entwicklung, ähnlich jener beim Schlaganfall oder Herzinfarkt.
Der Beginn der Demenz kann
»hinausgezögert
werden
Regelmäßiges körperliches Ausdauertraining (Aerobic, Laufen, Gehen, Radfahren, Schwimmen ca. 3 Mal wöchentlich
1 h) fördert neben der körperlichen Fitness auch mehrere kognitive Funktionen (z. B. exekutive Leistungen, Gedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit) und
wirkt protektiv über neuroplastische Prozesse und die zerebrale Durchblutung.
Gebrechliche Personen mit chronischer,
altersbedingter herabgesetzter Belastbarkeit (Gewichtsverlust, Muskelschwäche,
Frailty-Syndrom) sind kognitiv und psychisch weniger leistungsfähig als gut trai-
Tab. 1 Risikofaktoren der Alzheimer-Erkrankung
Nicht modifizierbar
Modifizierbar
ca. 50–65 %
ca. 35–50 %
Alter
Geschlecht
Genetik (z. B. APP,
PSEN, Apo-E4; ethnische Zugehörigkeit;
Familienanamnese mit
Demenzerkrankungen)
Hohes Demenzrisiko:
vaskuläre RF (RR, Nikotin, KHK)
metabolische Erkrankungen (z. B. Diabetes, Hyperlipämie, Adipositas)
mangelnde physische Fitness
geringe kognitive Reserve und fehlende Aktivität
psychiatrische Erkrankungen
Hirntrauma
soziale Isolation
Moderates Demenzrisiko:
neurologische Erkrankungen (z. B. Schlaganfall)
chronischer Stress (z. B. PTSD, Burnout)
niedriger sozioökonomischer Status
falsche Ernährung
Allgemeinanästhesie
anticholinerge Medikamente
Schlafstörung
Hörstörung
Delir
gesteigerter Alkoholkonsum
Multimorbidität
Apo Apolipoprotein; APP Amyloid Precursor Protein; KHK koronare Herzkrankheit; PSEN Presenilin;
PTSD posttraumatische Belastungsstörung; RF Risikofaktoren; RR Blutdruck
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Zusammenfassung · Abstract
nierte und ernährte alte Menschen und
werden früher dement.
Die kognitive Reserve, die Fähigkeit
kognitive Defizite im Gefolge eine zerebrale Schädigung durch ein Mehr an gut
ausgebildeten kognitiven Funktionen
zu kompensieren, ist ein elementarer
demenzverzögernder Faktor. Sie ist z. B.
erfassbar durch Faktoren wie Umfang der
Schul- und Berufsausbildung, intellektuelle Arbeit und Fortbildung, Vielfalt
der Interessen und Mehrsprachigkeit.
Regelmäßige kognitive Aktivität (z. B. Lesen, kognitiv stimulierende Freizeitaktivitäten, Musizieren und künstlerische
Betätigung, kreative Freizeitbeschäftigung, „lifestyle enrichment“) erhält
Gedächtnis, Sprache und Aufmerksamkeit nachweislich auf hohem Niveau
(„superaging“), verbessert die Konnektivität und Kompensationsfähigkeit des
Gehirns und wirkt präventiv.
Rezidivierende psychische Erkrankungen (vor allem depressive Störungen,
Schizophrenie, bipolare Erkrankung)
sind signifikant oft mit einer später auftretenden Demenz assoziiert. Personen
mit Depression haben typische kognitive Defizite, die vermutlich auf den
neurotoxischen Effekt endokriner Stressoren (z. B. Hippocampusatrophie) und
auf eine begleitende zerebrale Kleingefäßerkrankung zurückgehen; dieses
Defizitprofil ist anfangs oft schwer von
einer beginnenden AE unterscheidbar.
Darüber hinaus werden Personen mit
rezidivierender Depression, vor allem
Männer, auch häufiger dement. Rezidivierende Verwirrtheitszustände wie
beim Delir werden von manchen Autoren als RF für die Entwicklung einer
Demenz gesehen, vor allem wenn sie
mit systemischen Erkrankungen und
kognitiven Defiziten assoziiert sind.
Soziale Isolation ist ein wichtiger Demenz-RF. Bei Personen mit kleinen sozialen Netzwerken, wenigen persönlichen
Kontakten und geringem sozialem Engagement entwickelt sich der kognitive
Abbau im Alter schneller und eine AE
bis zu zwei Mal häufiger. Viele Studien belegen, dass sozial orientierte und
stimulierende Aktivitäten und ein aktives Leben im intakten sozialen Netzwerk
(Partnerschaft, Familie, Kinder, Freunde,
Club, Glaubensgemeinschaft etc.; regel-
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© Der/die Autor(en) 2019
https://doi.org/10.1007/s00739-019-00602-x
T. Benke
Demenz und Lebensstil
Zusammenfassung
Da derzeit keine wirksame Pharmakotherapie
zur Verfügung steht, ist ein alternatives
Konzept ins Blickfeld des Interesses gerückt:
der Kampf gegen die Demenz durch Reduktion modifizierbarer Risikofaktoren. Viele
Studien belegen den Nutzen einer gezielten
Risikoreduktion, die auf eine Verzögerung des
kognitiven Abbaus und des Demenzbeginnes
abzielt. Maßnahmen der Demenzprävention
mit erwiesener Wirksamkeit sind: die
Kontrolle von vaskulären, metabolischen
und psychiatrischen Erkrankungen, eine
umfassende Förderung von Sc (...truncated)