Friedrich Nietzsche – Dichter oder Denker?

Acta Universitatis Lodziensis. Folia Germanica, Jan 2012

Friedrich Nietzsche is considered one of the most brilliant thinkers in the history of philosophy, although a number of myths have grown up about the character, also surrounded by many controversies. His works and thoughts have provided inspiration for humanists with a wide spectrum of most different interests. Nietzsche did not want to be regarded as a philosopher, but he has been living in the contemporary consciousness as a thinker nonetheless. According to the extraordinary style of Nietzsche’s works, however, he also is considered a poet, one of the most distinctive stylists, even the most virtuoso writer in the history of German. What is more, the stylistic level of Nietzsche’s oeuvre leads to discourses upon its affinity with philosophical or literary studies. The aim of the present article is to review the question mentioned in the title, following the opinions of representative literary figures (such as Heinrich Mann, Thomas Mann, Gottfried Benn, Stanisław Przybyszewski) and philosophers (e.g. Martin Heidegger, Wilhelm Dilthey, Karl Jaspers) as well.

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Friedrich Nietzsche – Dichter oder Denker?

ACTA UNIVERSITATIS LODZIENSIS FOLIA GERMANICA 8, 2012 Łukasz Marek Plęs∗ FRIEDRICH NIETZSCHE – DICHTER ODER DENKER? Die Werke Friedrich Nietzsches – des Autors, „der sich seinem Publikum als Philosoph, Psychologe, Essayist, Feuilletonist, Altphilologe, Dichter, Komponist und schließlich auch als Gott präsentierte“ (Köhler 2000, S. 7)1 – sind inzwischen zweifelsohne ein fester Bestandteil des Weltkulturerbes geworden, von der okzidentalischen Kulturgeschichte ganz zu schweigen.2 Nietzsche, der als „fugitivus errans“ (so Markowski 1999, S. 419) sein Leben lang zwischen Orten und Ländern umherirrte, nirgendwo warm wurde, gilt als eine Persönlichkeit mit unzähligen Gesichtern, von denen Geisteswissenschaftler bis heute die Verhüllung zu entfernen versuchen, eine Gestalt, die viele Rätsel birgt und um die Legenden ranken, und zwar: Die schwarze [Legende] des Gotteslästerers und Tabubrechers, der die heiligen Kultur- und Moralwerte in den Schmutz zieht, um an ihrer Stelle die Herrschaft des rücksichtslosen Egoismus zu etablieren. Die heroische eines stolzen, die gesellschaftlichen Ehren verschmähenden Weisen, der in mönchischer Abgeschiedenheit, vielfach missverstanden und verkannt, eine revolutionäre Wissenschaft vom Menschen und menschenwürdigen Leben begründete, und diese alle seine geistigen Kräfte fordernde Leistung mit dem Ruin der physischen und psychischen Gesundheit erkaufen musste (Światłowski 2001, S. 53). Sein abwechslungsreicher und von dramatischen, aufregenden und spannungsreichen Wenden sowie drastischen und einschneidenden Entscheidungen geprägter Lebenslauf, sein künstlerisch garniertes Œuvre, seine stilistisch überreichen Schriften und unermesslicher Gedankenreichtum seiner Aphorismen, ∗ Dr. Łukasz Marek Plęs, Lehrstuhl für deutsche und angewandte Sprachwissenschaft, Universität Łódź. 1 Ähnlich äußert sich Karl Ulmer: „[...] und er erscheint bald als Psychologe und Moralist, bald als Lebensphilosoph und Dichter, bald als Kulturkritiker und Schriftsteller“ (Ulmer 1962, S. 7). 2 Seine Ideen sind weiterhin eine beängstigende, erschreckende Herausforderung, der zu Lebzeiten des Dichterphilosophen kaum einer die Stirn geboten hatte. Heutzutage wird man immer bewusster, wie einschneidend und bahnbrechend die von Nietzsche vorausgesagten Änderungen in diversen Sphären der Existenz, wie Wahrheit, Wissenschaft oder Moral waren (vgl. Gane, Chan 1998, S. 3). 36 Łukasz Marek Plęs sein feiner und scharfer Intellekt, seine ungezähmte, einzelgängerische Natur, nonkonformistische Lebenseinstellung wie unvoreingenommene Weltanschauung, brillante Eloquenz und nicht zuletzt sein auf gründliche Ausbildung gestütztes, profundes Wissen waren und sind unerschöpfliche Quelle jeder Menge Inspirationen. Philosophen, Schriftsteller, Dichter, Kulturkenner, Geisteswissenschaftler, die daraus schöpfen, machen eine Legion aus. Tief beeindruckend ist ebenfalls die Themenmannigfaltigkeit, welche mit Nietzsche verknüpft wird: Es gibt kaum eine Wirklichkeit der kulturellen Welt, über die Nietzsche nicht etwas gesagt hätte. In seinen Schriften äußerte er sich über Staat, Religion, Moral, Wissenschaft, Kunst, Musik, Arbeit, Frau und Mann, über Liebe, Ehe, Familie, über Geschichte und geschichtliche Persönlichkeiten etc. (Rajewicz 2003, S. 143). Obwohl die obige Auflistung alleine vom unüberblickbar weiten Horizont der Individualität Nietzsches zeugt, lässt sie sich problemlos erweitern.3 Es ist jedoch zu vermerken, dass der Versuch, Nietzsches Gesamtwerk und Ideen als ein zusammenhängendes System zu begreifen, meistens scheitert: Von allen Gestalten der geistigen Geschichte der letzten hundert Jahre ist Nietzsche wohl die vieldeutigste, ungeklärteste und beirrendste Erscheinung. Ungeklärt ist, welches der eigentliche Sinn seines Werkes ist, ungeklärt ist, welche Stellung er in dieser Geschichte einnimmt und welche Bedeutung ihm damit für die Gegenwart zukommt. Die Unklarheit über Nietzsche entspringt der Vielseitigkeit und dem Umfassenden seines Werkes. In diesem Werk wird eine Hülle von Themen durchlaufen, die zwar zu Gruppen geordnet werden können, die aber im Ganzen kein notwendiger Zusammenhang zu verbinden scheint. Hinzu kommt, dass sich in diesem Werk die verschiedensten Ansichten über dasselbe Thema finden, die nicht miteinander vereinbar sind und zudem auf das Verschiedenartigste begründet werden. Diese Vielfältigkeit findet sich nicht nur, wenn man das gesamte Werk ins Auge fasst, sondern sie zeigt sich auch bei den Gedankengängen, die Nietzsche selbst zur Einheit eines Buches zusammengestellt hat (Ulmer 1962, S. 7). Trotz alledem ist Nietzsche eine im wahrsten Sinne des Wortes beeindruckende Persönlichkeit. Sein Name ist in der abendländischen Welt durchaus ein Begriff. Jeder kultivierte Mensch muss auf seinen Namen vielmals gestoßen sein. Seine einprägsamen und auffälligen Begriffe wie ‚Übermensch‘, ‚die ewige Wiederkehr des Gleichen‘, ‚der Tod Gottes‘, ‚der Wille zur Macht‘, ‚die HerrenMoral‘ oder ‚die blonde Bestie‘, haben sich in der Kulturgeschichte fest etabliert. Der bekannte Nietzsche-Kenner schreibt jedoch, diese Schlagwörter „können wenig zum Verständnis von Nietzsches Denken beitragen, wenn sie nicht im Zusammenhang seiner Philosophie und auf dem Hintergrund seines 3 Von Nietzsche angesprochen fühlen sich Philosophen, Schriftsteller, Theologen, Psychologen, Soziologen, Ethiker, Politologen, Künstler, in seinen Abhandlungen, Schriften, Aphorismen, Erinnerungen, Briefen und lockeren Kommentaren widerspiegeln sich auch Reflexionen über Sprache, Stil und nicht zuletzt über Translation (siehe Nietzsche 1963, S. 136ff.). Friedrich Nietzsche – Dichter oder Denker? 37 gesamten literarischen Werks betrachtet werden“ (Kaufmann 1982, S. 8). In diesem Satz widerspiegelt sich offensichtlich die Kontroverse, ob Nietzsche als Philosoph oder als Schriftsteller gelten sollte. Das ausgeprägteste aller Antlitze Nietzsches ist, unter Anlehnung an das „allgemeine Wissen“, das des Philosophen. Dies ist jedoch nicht unumstritten, was im Folgenden in Erwägung gezogen wird. Nietzsches Vielseitigkeit bietet einerseits, wegen ihrer inspirierenden Kraft, viele Vorteile, andererseits bereitet sie eine Menge Probleme. Umstritten ist beispielsweise sein philosophischer Status.4 Dabei muss man betonen, dass Nietzsche selbst nicht als Philosoph gelten wollte: Nietzsche hat das Unglück gehabt, in der Nachwelt als Philosoph fortzuleben – obwohl er manches andere hätte werden wollen, Apostel oder Artillerieoffizier, Lyriker oder Komponist, Umstürzler oder Reformator, und zuletzt Hanswurst oder Gott. Ein Unglück in der Tat, denn so lebt er fort als das, was er gerade nicht sein wollte, was seine Lehre ein für allemal außer Kraft setzen wollte: als reiner Geist statt als runde Figur (Ross 1980, S. 7). Obgleich sein Name wahrscheinlichstens in keinem Handbuch zur Geschichte der Philosophie fehlt, ist er nicht immer so offensichtlich als Philosoph ausgewiesen.5 In einem Interview, welches Paweł (...truncated)


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Plęs Łukasz Marek. Friedrich Nietzsche – Dichter oder Denker?, Acta Universitatis Lodziensis. Folia Germanica, 2012, Volume 08,