Friedrich Nietzsche – Dichter oder Denker?
ACTA UNIVERSITATIS LODZIENSIS
FOLIA GERMANICA 8, 2012
Łukasz Marek Plęs∗
FRIEDRICH NIETZSCHE – DICHTER ODER DENKER?
Die Werke Friedrich Nietzsches – des Autors, „der sich seinem Publikum als
Philosoph, Psychologe, Essayist, Feuilletonist, Altphilologe, Dichter, Komponist
und schließlich auch als Gott präsentierte“ (Köhler 2000, S. 7)1 – sind inzwischen zweifelsohne ein fester Bestandteil des Weltkulturerbes geworden, von
der okzidentalischen Kulturgeschichte ganz zu schweigen.2
Nietzsche, der als „fugitivus errans“ (so Markowski 1999, S. 419) sein Leben lang zwischen Orten und Ländern umherirrte, nirgendwo warm wurde, gilt
als eine Persönlichkeit mit unzähligen Gesichtern, von denen Geisteswissenschaftler bis heute die Verhüllung zu entfernen versuchen, eine Gestalt, die viele
Rätsel birgt und um die Legenden ranken, und zwar:
Die schwarze [Legende] des Gotteslästerers und Tabubrechers, der die heiligen Kultur- und
Moralwerte in den Schmutz zieht, um an ihrer Stelle die Herrschaft des rücksichtslosen Egoismus zu etablieren. Die heroische eines stolzen, die gesellschaftlichen Ehren verschmähenden Weisen, der in mönchischer Abgeschiedenheit, vielfach missverstanden und verkannt,
eine revolutionäre Wissenschaft vom Menschen und menschenwürdigen Leben begründete,
und diese alle seine geistigen Kräfte fordernde Leistung mit dem Ruin der physischen und
psychischen Gesundheit erkaufen musste (Światłowski 2001, S. 53).
Sein abwechslungsreicher und von dramatischen, aufregenden und spannungsreichen Wenden sowie drastischen und einschneidenden Entscheidungen
geprägter Lebenslauf, sein künstlerisch garniertes Œuvre, seine stilistisch überreichen Schriften und unermesslicher Gedankenreichtum seiner Aphorismen,
∗
Dr. Łukasz Marek Plęs, Lehrstuhl für deutsche und angewandte Sprachwissenschaft, Universität Łódź.
1
Ähnlich äußert sich Karl Ulmer: „[...] und er erscheint bald als Psychologe und Moralist,
bald als Lebensphilosoph und Dichter, bald als Kulturkritiker und Schriftsteller“ (Ulmer 1962,
S. 7).
2
Seine Ideen sind weiterhin eine beängstigende, erschreckende Herausforderung, der zu
Lebzeiten des Dichterphilosophen kaum einer die Stirn geboten hatte. Heutzutage wird man immer
bewusster, wie einschneidend und bahnbrechend die von Nietzsche vorausgesagten Änderungen in
diversen Sphären der Existenz, wie Wahrheit, Wissenschaft oder Moral waren (vgl. Gane, Chan
1998, S. 3).
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sein feiner und scharfer Intellekt, seine ungezähmte, einzelgängerische Natur,
nonkonformistische Lebenseinstellung wie unvoreingenommene Weltanschauung, brillante Eloquenz und nicht zuletzt sein auf gründliche Ausbildung gestütztes, profundes Wissen waren und sind unerschöpfliche Quelle jeder Menge
Inspirationen. Philosophen, Schriftsteller, Dichter, Kulturkenner, Geisteswissenschaftler, die daraus schöpfen, machen eine Legion aus. Tief beeindruckend ist
ebenfalls die Themenmannigfaltigkeit, welche mit Nietzsche verknüpft wird:
Es gibt kaum eine Wirklichkeit der kulturellen Welt, über die Nietzsche nicht etwas gesagt
hätte. In seinen Schriften äußerte er sich über Staat, Religion, Moral, Wissenschaft, Kunst,
Musik, Arbeit, Frau und Mann, über Liebe, Ehe, Familie, über Geschichte und geschichtliche
Persönlichkeiten etc. (Rajewicz 2003, S. 143).
Obwohl die obige Auflistung alleine vom unüberblickbar weiten Horizont
der Individualität Nietzsches zeugt, lässt sie sich problemlos erweitern.3 Es ist
jedoch zu vermerken, dass der Versuch, Nietzsches Gesamtwerk und Ideen als
ein zusammenhängendes System zu begreifen, meistens scheitert:
Von allen Gestalten der geistigen Geschichte der letzten hundert Jahre ist Nietzsche wohl die
vieldeutigste, ungeklärteste und beirrendste Erscheinung. Ungeklärt ist, welches der eigentliche Sinn seines Werkes ist, ungeklärt ist, welche Stellung er in dieser Geschichte einnimmt
und welche Bedeutung ihm damit für die Gegenwart zukommt.
Die Unklarheit über Nietzsche entspringt der Vielseitigkeit und dem Umfassenden seines
Werkes. In diesem Werk wird eine Hülle von Themen durchlaufen, die zwar zu Gruppen geordnet werden können, die aber im Ganzen kein notwendiger Zusammenhang zu verbinden
scheint. Hinzu kommt, dass sich in diesem Werk die verschiedensten Ansichten über dasselbe Thema finden, die nicht miteinander vereinbar sind und zudem auf das Verschiedenartigste begründet werden. Diese Vielfältigkeit findet sich nicht nur, wenn man das gesamte Werk
ins Auge fasst, sondern sie zeigt sich auch bei den Gedankengängen, die Nietzsche selbst zur
Einheit eines Buches zusammengestellt hat (Ulmer 1962, S. 7).
Trotz alledem ist Nietzsche eine im wahrsten Sinne des Wortes beeindruckende Persönlichkeit. Sein Name ist in der abendländischen Welt durchaus ein
Begriff. Jeder kultivierte Mensch muss auf seinen Namen vielmals gestoßen
sein. Seine einprägsamen und auffälligen Begriffe wie ‚Übermensch‘, ‚die ewige
Wiederkehr des Gleichen‘, ‚der Tod Gottes‘, ‚der Wille zur Macht‘, ‚die HerrenMoral‘ oder ‚die blonde Bestie‘, haben sich in der Kulturgeschichte fest etabliert. Der bekannte Nietzsche-Kenner schreibt jedoch, diese Schlagwörter
„können wenig zum Verständnis von Nietzsches Denken beitragen, wenn sie
nicht im Zusammenhang seiner Philosophie und auf dem Hintergrund seines
3
Von Nietzsche angesprochen fühlen sich Philosophen, Schriftsteller, Theologen, Psychologen, Soziologen, Ethiker, Politologen, Künstler, in seinen Abhandlungen, Schriften, Aphorismen,
Erinnerungen, Briefen und lockeren Kommentaren widerspiegeln sich auch Reflexionen über
Sprache, Stil und nicht zuletzt über Translation (siehe Nietzsche 1963, S. 136ff.).
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gesamten literarischen Werks betrachtet werden“ (Kaufmann 1982, S. 8). In
diesem Satz widerspiegelt sich offensichtlich die Kontroverse, ob Nietzsche als
Philosoph oder als Schriftsteller gelten sollte. Das ausgeprägteste aller Antlitze
Nietzsches ist, unter Anlehnung an das „allgemeine Wissen“, das des Philosophen. Dies ist jedoch nicht unumstritten, was im Folgenden in Erwägung gezogen wird. Nietzsches Vielseitigkeit bietet einerseits, wegen ihrer inspirierenden
Kraft, viele Vorteile, andererseits bereitet sie eine Menge Probleme. Umstritten
ist beispielsweise sein philosophischer Status.4 Dabei muss man betonen, dass
Nietzsche selbst nicht als Philosoph gelten wollte:
Nietzsche hat das Unglück gehabt, in der Nachwelt als Philosoph fortzuleben – obwohl er
manches andere hätte werden wollen, Apostel oder Artillerieoffizier, Lyriker oder Komponist, Umstürzler oder Reformator, und zuletzt Hanswurst oder Gott. Ein Unglück in der Tat,
denn so lebt er fort als das, was er gerade nicht sein wollte, was seine Lehre ein für allemal
außer Kraft setzen wollte: als reiner Geist statt als runde Figur (Ross 1980, S. 7).
Obgleich sein Name wahrscheinlichstens in keinem Handbuch zur Geschichte der Philosophie fehlt, ist er nicht immer so offensichtlich als Philosoph
ausgewiesen.5 In einem Interview, welches Paweł (...truncated)