Therapie der systemischen Sklerose-assoziierten interstitiellen Lungenerkrankung
Zeitschrift für
Rheumatologie
Übersichten
Z Rheumatol
https://doi.org/10.1007/s00393-019-00724-y
A. Prasse1 · F. Bonella2 · U. Müller-Ladner3 · T. Witte4 · N. Hunzelmann5 · J. Distler6
1
Klinik für Pneumologie, Medizinische Hochschule Hannover, Hannover, Deutschland
Ruhrlandklinik, Klinik für Pneumologie, Universitätsmedizin Essen, Essen, Deutschland
3
Abteilung für Rheumatologie und Klinische Immunologie, Justus-Liebig-Universität Gießen, Campus
Kerckhoff, Bad Nauheim, Deutschland
4
Klinik für Immunologie und Rheumatologie, Medizinische Hochschule Hannover, Hannover, Deutschland
5
Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Venerologie, Uniklinik Köln, Köln, Deutschland
6
Klinik für Rheumatologie und Immunologie, Universitätsklinikum Erlangen, Erlangen, Deutschland
2
© Der/die Autor(en) 2019
Redaktion
U. Müller-Ladner, Bad Nauheim
U. Lange, Bad Nauheim
Therapie der systemischen
Sklerose-assoziierten
interstitiellen Lungenerkrankung
Hintergrund
Die systemische Sklerose (SSc) ist eine
zu den Kollagenosen gehörende chronisch entzündliche Autoimmunerkrankung, die eine Fibrose der Haut und
zahlreicher weiterer Organe verursachen
kann [6].
Die Erkrankung manifestiert sich
meist zwischen dem 30. und 60. Lebensjahr, Frauen sind 3- bis 4-mal häufiger
betroffen als Männer. Mit einer Inzidenz
von 1,8 pro 100.000 Personen gehört
die systemische Sklerose zu den seltenen
Erkrankungen.
Krankheitsbild
Der Krankheitsverlauf der systemischen
Sklerose ist chronisch und abhängig vom
Ausmaß betroffener Organsysteme häufig variabel [22].
Etwa 60 % der Patienten erkranken an
einer limitiert kutanen SSc (lcSSc), die
vorwiegend auf die Haut der Hände und
Füße beschränkt ist [52]. Breitet sich die
Sklerose über die Ellenbogen und Knie
hinaus aus, spricht man von einer diffus
kutanen SSc (dcSSc). Diese Erkrankungsform zeichnet sich durch einen aggressiverenVerlaufund häufig außerdem durch
einen signifikanten Organbefall aus [52].
Die Symptomatik der SSc ist dementsprechend individuell sehr unterschiedlich. Eine Beteiligung der Haut in Form
einer Hautsklerose ist jedoch meist kenn-
zeichnend und zählt zu den häufigsten
und nach dem Raynaud-Phänomen oft
auch ersten Symptomen der Krankheit. Je
nach Ausmaß der Organbeteiligung kann
es zum Auftreten weiterer Krankheitszeichen wie etwa Dysphagie, Reflux, Arthritis oder digitalen Ulzerationen kommen
[6]. Tritt die SSc ohne klinisch nachweisbare Hautbeteiligung in Erscheinung, so
spricht man von einer SSc sine Scleroderma (ssSSc).
Lungenbeteiligung
Pulmonale Manifestationen zählen zu
den häufigsten Organbeteiligungen und
treten bei bis zu 90 % der SSc-Patienten
auf [13]. Eine klinisch relevante SScassoziierte interstitielle Lungenerkrankung (SSc-ILD) findet sich bei nahezu
der Hälfe aller Betroffenen mit SSc und
zählt zu den häufigsten Todesursachen
der Erkrankung [42, 46]. Eine ILD als
Erstmanifestation der SSc wurde bei bis
zu 15 % der Fälle berichtet.
Ein Befall der Lunge in Form einer SSc-ILD äußert sich oftmals durch
zunehmende Belastungsdyspnoe, die
häufig durch Reizhusten und unspezifische Symptome wie Müdigkeit oder
Gewichtsabnahme begleitet wird. Fast
immer kommt es bei SSc-Patienten zudem im Rahmen einer Refluxerkrankung
zu rezidivierenden (Mikro-)Aspirationen, die die Ausbildung und Progression
der ILD begünstigen [34]. Im klinischen
Alltag fällt die Abgrenzung von aspirationsbedingten Lungenschädigungen
und Fibroseprogress oft schwer. Differenzialdiagnostisch bedeutsam bei Belastungsdyspnoe im Kontext einer SSc
ist zudem der Ausschluss anderer SScManifestationen und Komorbiditäten
wie der pulmonalen Hypertonie und
der myokardialen Beteiligung, aber auch
einer koronaren Herzkrankheit. Neue
Daten zeigen auch, dass eine schnelle
Hautprogression mit einer sich parallel
entwickelnden Progression der Lungenfibrose assoziiert ist [51].
Diagnostik der Erkrankung
Die im Jahr 2013 vorgestellten American College of Rheumatology (ACR)/
European League Against Rheumatism(EULAR)-Klassifikationskriterien
(. Tab. 1) erlauben es, eine SSc mit hoher Sensitivität zu klassifizieren [18]. Der
Nachweis spezieller antinukleärer Antikörper(ANA)-Profile gibt dabei häufig
Aufschlüsse zur vorliegenden Form der
Erkrankung sowie zu deren Prognose
(. Tab. 2).
Die Früherkennung der Lungenfibrose (SSc-ILD) hat eine hohe klinische und
therapeutische Relevanz. Wichtiger Teil
der Diagnostik ist hierbei die Lungenauskultation. Die SSc-ILD manifestiert
sich fast immer in den dorsobasalen
Anteilen der Lunge und erzeugt bereits
im Frühstadium das charakteristische
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Tab. 1 ACR/EULAR-Kriterien für die Klassifizierung der SSc [18]
Kriterium
Gewichtung
Hautverdickung der Finger beider
Hände, die sich proximal zu den Metakarpophalangealgelenken erstrecken
(ausreichendes Kriterium)
Hautverdickung der Finger (höhere
Punktzahl zählt)
–
9
Geschwollene Finger
2
Sklerodaktylie der Finger (distal zu
den Metakarpophalangealgelenken,
jedoch proximal zu den proximalen
Interphalangealgelenken)
4
Läsionen an den Fingerspitzen
(höhere Punktzahl zählt)
Digitale Ulzerationen
2
Narben an den Fingerspitzen
3
Teleangiektasie
–
2
Abnormale Nagelfalzkapillaren
Pulmonale Hypertonie und/oder
interstitielle Lungenerkrankung
(maximale Punktzahl ist 2)
–
2
Pulmonale Hypertonie
2
Interstitielle Lungenerkrankung
2
Raynaud-Syndrom
–
3
Autoantikörper der systemischen
Sklerose (maximale Punktzahl ist 3)
Anti-Zentromer-Antikörper
Anti-Topoisomerase-I-Antikörper
Anti-RNA-Polymerase-III-Antikörper
3
Eine Hautverdickung der Finger, die sich proximal zu den Metakarpophalangealgelenken erstreckt,
reicht aus, um einen Patienten als SSc-Patient zu klassifizieren. Wenn dieses Kriterium nicht vorhanden ist, werden derzeit 7 additive Elemente mit jeweils unterschiedlicher Gewichtung zur Einstufung
herangezogen. Patienten mit einer Gesamtpunktzahl von ≥9 werden als SSc-Patienten eingestuft
Tab. 2 Autoantikörper bei systemischer Sklerose (SSc)
Autoantikörper
Erkrankungsform
Organbeteiligung
Anti-Topoisomerase-I-Antikörper
(Anti-Scl-70) [2, 17, 32]
Diffus kutane SSc
Erhöhtes Risiko für:
ILD/Lungenfibrose
Nierenbeteiligung
Herzbeteiligung
Pulmonale Hypertonie
FVC Reduktion
Anti-Zentromer-Antikörper [10, 32]
Limitiert kutane SSc
Erhöhtes Risiko für:
Pulmonale Hypertonie
Niedriges Risiko für:
ILD/Lungenfibrose
Nierenbeteiligung
Anti-RNA-Polymerase-III-Antikörper [10,
23, 47]
Diffus kutane SSc
Erhöhtes Risiko für:
Nierenbeteiligung
Pulmonale Hypertonie
Paraneoplasie
Anti-PM-ScI-Antikörper [17]
Limitiert kutane SSc
Erhöhtes Risiko für:
Myositis
Anti-U3-RNP-Antikörper (Fibrillarin) [17]
Diffus kutane SSc
Erhöhtes Risiko für:
Organbeteiligung/ILD
Nierenbeteiligung
Pulmonale Hypertonie
inspiratorische Knisterrasseln. Zusätzlich sollte eine Lungenfunktionsprüfung
erfolgen. Hierbei weisen ca. 40–75 % der
Patienten mit SSc-ILD eine restriktive
Ventilationsstörung mit Einschränkungen von Gesamtlungenvolumen (TLC),
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forcierter Vitalkapazitä (...truncated)