Einblicke in die Entstehung von Mikrotubuli
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Cytoskelett
Einblicke in die Entstehung
von Mikrotubuli
STEFAN PFEFFER, ELMAR SCHIEBEL
ZENTRUM FÜR MOLEKULARE BIOLOGIE DER UNIVERSITÄT HEIDELBERG (ZMBH),
HEIDELBERG
Microtubules are part of the cytoskeleton and promote various essential cellular functions. Microtubules are dynamic polymers composed
of heterodimeric α/β-tubulin subunits and can assemble de novo in a
‘structural templating’ mechanism assisted by ring-like complexes
containing the protein γ-tubulin. Recent cryo-electron microscopy
structures of such γ-tubulin ring complexes from vertebrates propelled
our understanding of their architecture, assembly and activation
mechanism.
DOI: 10.1007/s12268-020-1341-2
© Die Autoren 2020
ó Mikrotubuli sind Teil des Cytoskeletts
und haben essenzielle Funktionen bei der
mitotischen und meiotischen Chromosomenteilung, der Zellorganisation und bei vielen
intrazellulären Transportvorgängen. Mikrotubuli sind zylindrische Proteinkomplexe mit
einem Durchmesser von 25 Nanometern und
einer Länge von bis zu 50 Mikrometern. Sie
bestehen aus vielen Kopien des Heterodimers α/β-Tubulin, die in 13 geordneten Reihen, den Protofilamenten, angeordnet sind
und so die Wandung des Zylinders bilden
(Abb. 1). Die α/β-Tubulin-Dimere innerhalb
eines Mikrotubulus haben alle die gleiche
Orientierung und verleihen den Mikrotubuli
dadurch eine eindeutige Polarität. Mikrotubuli sind sehr dynamische Strukturen, und
vor allem das Plusende der Mikrotubuli kann
durch Hinzufügen oder Entfernen von α/βTubulin-Untereinheiten verlängert oder verkürzt werden [1]. Besonders die Anzahl und
Länge der Mikrotubuli sowie deren Ausrichtung innerhalb der Zelle können genau reguliert werden.
Bäckerhefe besitzt ein minimales
System für die MikrotubuliNukleation
Schon vor fast 30 Jahren wurde das Protein
γ-Tubulin als essenzieller Faktor für die
˚ Abb. 1: Schematische Darstellung des Aufbaus von Mikrotubuli (MT). α/β-Tubulin-Untereinheiten sind in 13 Reihen, den Protofilamenten, angeordnet und bilden die Wandung des MT-Zylinders. Die ersten und letzten Protofilamente sind durch einen Saum getrennt. α-Tubulin (dunkelgrau) bildet das Minusende, während β-Tubulin (hellgrau) das dynamische Plusende abschließt.
BIOspektrum | 02.20 | 26. Jahrgang
Assemblierung von Mikrotubuli aus α/βTubulin-Untereinheiten identifiziert [2]. Es
wurde jedoch schnell klar, dass γ-Tubulin diese Funktion nicht allein, sondern im Zusammenwirken mit anderen Proteinen im Kontext
eines größeren Proteinkomplexes erfüllt [3].
Mithilfe von genetischen Suppressorstudien
in der Bäckerhefe Saccharomyces cerevisiae
wurden dann die Gene GCP2 und GCP3 als
γ-Tubulin-Interaktoren identifiziert. GCP2 und
GCP3 codieren für paraloge Proteine, die
zusammen mit zwei γ-Tubulin-Untereinheiten
den kleinen γ-Tubulin-Komplex (γ-tubulin
small complex, γ-TuSC) bilden [4]. Strukturelle
Untersuchungen unter Verwendung von
Negativkontrast-Elektronenmikroskopie zeigten eine Y-ähnliche Anordnung der Untereinheiten, bei der die C-Termini von GCP2 und
GCP3 jeweils mit einem γ-Tubulin-Molekül
interagieren, während die N-Termini von
GCP2 und GCP3 aneinanderbinden und so
den γ-TuSC zusammenhalten (Abb. 2A, [5]).
Untersuchungen zeigten, dass der γ-TuSC
mit dem N-Terminus des Proteins Spc110
wechselwirken muss, um in einen mikrotubulinukleationskompetenten Zustand überführt zu werden [6]. Wie von K. Sawin
beschrieben, besitzen Spc110 und weitere
ähnliche Proteine ein kurzes gemeinsames
Motiv, das als centrosomin motif 1 (CM1)
bezeichnet wurde [7]. Die Kryo-Elektronenmikroskopie (Kryo-EM) zeigte, dass die Bindung von CM1 eine Oligomerisierung des
γ-TuSC induziert, wobei eine linkshändige
γ-TuSC-Helix entsteht (Abb. 2B, [8]). Die dreidimensionale Anordnung von γ-TubulinUntereinheiten in dieser Helix ist vergleichbar mit der Anordnung von α/β-TubulinUntereinheiten in einem Mikrotubulus.
Basierend auf dieser Beobachtung und der
bereits bekannten Interaktion zwischen
α-Tubulin und γ-Tubulin wurde ein inzwischen weithin akzeptiertes Modell für die
Mikrotubuli-Nukleation in Hefe vorgeschlagen, bei dem eine Helix aus sieben Kopien
des γ-TuSC und Spc110 als optimale strukturelle Vorlage für die Assemblierung eines
neuen Mikrotubulus aus α/β-TubulinUntereinheiten fungiert (Abb. 2C).
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W I S S EN S CH AFT
Das Mikrotubuli-Nukleationssystem
gewinnt in anderen Organismen an
Komplexität
Das minimale Mikrotubuli-Nukleationssystem der Bäckerhefe, bestehend aus γ-TuSC
und CM1-Proteinen, ist relativ einfach aufgebaut. Bereits in der verwandten Hefe Candida
albicans wird ein zusätzliches essenzielles
Protein, Mozart (Mzt1), für die Assemblierung einer γ-TuSC-Helix benötigt. In der
Spalthefe Schizosaccharomyces pombe kommen weitere Komponenten hinzu. Neben den
γ-TuSC-Komponenten und CM1-Proteinen
wurden weitere zu GCP2 und GCP3 verwandte Proteine entdeckt, die als GCP4, GCP5 und
GCP6 bezeichnet werden. Eine ähnliche Ausstattung an GCP-Genen gibt es auch in Aspergillus nidulans, Drosophila melanogaster, dem
Krallenfrosch Xenopus laevis und in menschlichen Zellen. In S. pombe, A. nidulans und
D. melanogaster ist die Mikrotubuli-Assemblierung über CM1-Proteine und γ-TuSCOligomere essenziell. Die GCP4–6-Gene
scheinen in diesen Organismen dagegen eine
eher untergeordnete Bedeutung zu haben. Im
Gegensatz dazu reicht das minimale γ-TuSC/
CM1-System in Vertebraten überraschenderweise nicht für die Mikrotubuli-Nukleation
aus. Diese übernimmt ausschließlich der im
Aufbau wesentlich komplexere γ-TubulinRingkomplex (γ-TuRC), der aus den Proteinen GCP2–6, γ-Tubulin, der regulierenden
Kinase NME7 und den Proteinen Mozart 1
und 2 besteht.
Kryo-EM-Studien klären die Struktur
des komplexen γ-TuRC aus
Vertebraten auf
Es war zwar bekannt, dass die verschiedenen
GCP-Varianten im γ-TuRC in unterschiedlicher Kopienzahl vorkommen, jedoch war
unklar, ob die relative Stöchiometrie und
Anordnung der GCP-Varianten in allen
γ-TuRC-Komplexen identisch ist. Weiterhin
gab es keine Informationen darüber, welche
Funktionen die einzelnen GCP-Moleküle im
γ-TuRC erfüllen und ob das Template-Modell
der γ-TuSC-Helix aus Bäckerhefe direkt auf
den γ-TuRC übertragen werden kann. Um die
Beantwortung dieser offenen Fragen voranzutreiben, wurden bereits seit dem Jahr 2000
Versuche unternommen, die Struktur des
γ-TuRC aus höheren Eukaryoten durch KryoEM zu beschreiben [9]. Es kam jedoch erst
im Jahr 2019 zum entscheidenden Durchbruch als die Struktur des humanen und
X. laevis-γ-TuRC beschrieben wurde [10–12].
Diese Studien zeigten, dass der γ-TuRC die
A
B
C
˚ Abb. 2: Schematische Darstellung der Mikrotubuli-Nukleation durch den γ-tubulin small complex (γ-TuSC) in Hefe. A, Zwei Moleküle γ-Tubulin und jeweils ein Molekül GCP2 und GCP3 formen
den γ-TuSC. B, Die Interaktion des γ-TuSC mit dem CM1-Motiv in Spc110 führt zur Oligomerisierung von mehreren Kopien des γ-TuSC. In der entstehenden linkshändigen Helix wechseln sich
GCP2 und GCP3 ab. C, Diese Anordnung dient als strukturelle Vorlage für die Assemblierung
eines Mikrotubulus (MT (...truncated)