Auf den Spuren eines Politikfeldes: Die Institutionalisierung von Internetpolitik in der Ministerialverwaltung
Berlin J Soziol
https://doi.org/10.1007/s11609-020-00397-4
ABHANDLUNG
Auf den Spuren eines Politikfeldes: Die
Institutionalisierung von Internetpolitik in der
Ministerialverwaltung
Maximilian Hösl · Ronja Kniep
© Der/die Autor(en) 2020
Zusammenfassung Neue Politikfelder entstehen auch in alten Institutionen. Der
Beitrag zeichnet am Beispiel der Internetpolitik in Deutschland die Institutionalisierung eines Politikfeldes nach. Auf der Grundlage einer Kombination von soziologischer Feldtheorie und diskursivem Institutionalismus und gestützt auf Organigramm-Historien, Interviews mit Ministerialbeamten und Behördenpublikationen
nimmt er die Entstehung von internetpolitischen Abteilungen in zwei Ministerien
in den Blick: dem Wirtschaftsministerium und dem Innenministerium. Der Aufbau
von Abteilungen für Internetpolitik ist zugleich eine Form von Diskursinstitutionalisierung und eine Positionierung der Ministerien im Politikfeld, die sich um die
Etablierung und Auslegung neuer gemeinwohlrelevanter Schutzgüter dreht. Neben
der Wirtschaft und der nationalen Sicherheit tritt nun auch das Internet als Schutzgut hervor, das von den Ministerien im Kontext der bereits bestehenden Schutzgüter
semantisch unterschiedlich, jedoch aufbauorganisatorisch ähnlich ausgelegt und als
partiell autonomes Politikfeld institutionalisiert wird.
Schlüsselwörter Politikfeld · Feldtheorie · Internet · Institutionalisierung ·
Ministerialverwaltung · Digitalisierung
Zusatzmaterial online Zusätzliche Informationen sind in der Online-Version dieses Artikels (https://
doi.org/10.1007/s11609-020-00397-4) enthalten.
M. Hösl () · R. Kniep
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Reichpietschufer 50, 10785 Berlin, Deutschland
E-Mail:
R. Kniep
E-Mail:
K
M. Hösl, R. Kniep
On the trails of a policy field: The institutionalization of Internet policy
within German ministries
Abstract New policy fields emerge within old institutions, too. The article shows
how this happens by retracing the institutionalization of Internet policy in Germany.
It analyzes organizational charts, administrative publications, and biographical interviews with ministerial staff in two ministries – the Ministry of Economy and the
Ministry of the Interior – through the lenses of field theory and discursive institutionalism. From this perspective, the formation of new organizational units is to be
understood both as an institutionalization of discourse and as a result of ministries
strategically positioning themselves in policy fields. At the center of this process
is the question what qualifies as a common good that must be protected in the
public interest and how. Besides the economy and national security, the Internet
emerges as a good to be protected, which, though being interpreted differently by
the respective ministries, is institutionalized in similar organizational structures. In
both ministries, Internet policy has been institutionalized as a relatively, even though
weakly autonomous policy field.
Keywords Policy field · Field theory · Internet · Institutionalization · Public
administration · Digitalization
Sur les traces d’un champ politique : l’institutionnalisation de la
politique numérique au sein de l’administration ministérielle
Résumé De nouveaux champs politiques voient également le jour dans de vieilles
institutions. Cet article retrace l’institutionnalisation d’un champ politique à partir de
l’exemple de la politique numérique en Allemagne. Croisant la théorie des champs
avec l’institutionnalisme discursif, il se penche sur la création de directions de la
politique numérique dans deux ministères, le ministère de l’économie et le ministère
de l’intérieur, en s’appuyant sur l’historique d’organigrammes, des entretiens avec
des fonctionnaires ministériels et des publications d’administrations. La mise en
place de directions consacrées à la politique numérique constitue à la fois une forme
d’institutionnalisation du discours et un positionnement des ministères dans le champ
politique axés sur l’établissement et l’interprétation de nouveaux biens à protéger
d’intérêt public. Outre l’économie et la sécurité nationale, Internet émerge désormais
également comme un bien à protéger que les ministères interprètent différemment sur
le plan sémantique dans le contexte des autres biens à protéger, quoique de manière
similaire sur le plan organisationnel, et qui fait l’objet d’une institutionnalisation en
tant que champ politique partiellement autonome.
Mots-clés Champ politique · Théorie des champs · Internet · Institutionnalisation ·
Administration ministérielle · Numérisation
K
Auf den Spuren eines Politikfeldes
1 Einleitung
Bereits seit Mitte der 1990er-Jahre ist das Internet in Deutschland ein Bezugspunkt
politischer Debatten. Dazu gehören Kontroversen zur Regulierung von Plattformen
und ihren Inhalten, zur Verantwortung von Internet-Providern und zur Internetüberwachung. Mit dem Internet haben sich Kommunikations- und Informationspraktiken
etabliert, die die Regeln und Begriffswelten bereits bestehender Politikfelder wie
Sicherheits-, Wirtschaftspolitik oder Urheberrecht herausfordern. Gleichzeitig haben sich internetspezifische Akteure, Institutionen, Wissensformen und Regelwerke
herausgebildet, die auf die Entstehung eines eigenen Politikfeldes hindeuten: dazu
gehören Gesetze (Geczy-Sparwasser 2003), Verbände (Lang 2007), eine Netzbewegung (Ganz 2018; Wendelin und Löblich 2013) sowie Fachkompetenzen in den
Parteien (Niedermayer 2013), im Parlament (Schwanholz 2019) und in den Ministerien (Pohle et al 2016). Gemeinsam ist den involvierten Akteuren, eine gewisse
Internet-Expertise für sich in Anspruch zu nehmen und sich gegen eine rein sicherheits- oder wirtschaftspolitische Lesart des Internets und dessen Regulierung
zu positionieren. Zum Teil benennen diese Akteure das neue Politikfeld explizit,
wenn auch jeweils unterschiedlich als Netz- oder als Digitalpolitik. Der vorliegende Beitrag macht diese Beobachtung zum Ausgangspunkt einer feldsoziologischen
Betrachtung von Internetpolitik1. Demnach sind Politikfelder relativ autonome Produktionsräume für eigene Regeln, Denkweisen und Kapitalformen im Sinne einer
spezifischen Expertise.
Der Artikel möchte, erstens, einen empirischen Beitrag zur Frage der Institutionalisierung der Internetpolitik leisten, indem er zentrale, aber bisher von der
Forschung vernachlässigte Akteure dieser Politik ins Zentrum rückt: die Ministerien
und ihre Mitarbeiter. Anhand von Organigramm-Historien und berufsbiografischen
Interviews wird die Entstehung neuer organisationaler Strukturen in der Ministerialverwaltung untersucht. Zweitens soll der Artikel konzeptionell dazu beitragen,
Politikfelder und ihren Entstehungsprozess besser zu verstehen. Denn obwohl es
in Politik und Öffentlichkeit selbstverständlich ist, sachpolitische Bereiche zu unterscheiden, und sich Politikfelder in den Sozialwissenschaften als gängige Analyseeinheiten etabliert haben, gelten ihr Entstehungsprozess sow (...truncated)