Problematische Ablehnungskonstruktionen
Sozial Extra 2 2020: 107–112 https://doi.org/10.1007/s12054-020-00269-4
© Der/die Autor(en) 2020
Online publiziert: 14. Februar 2020
Durchblick: Rechtsnationaler Autoritarismus und Soziale Arbeit
Problematische
Ablehnungskonstruktionen
Sozialstaat, Gemeinschaft und Erziehung in rechtspopulistischen Sprachspielen und Rhetoriken
Rechte, nationale, xenophobische, antisemitische, rassistische, homophobe und andere Positionen aus dem
Spektrum der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zu erkennen, fällt zunehmend schwerer. Zuweilen
werden sie als witzig, nicht so ganz ernst gemeinte Äußerungen ausgegeben. Manchmal garnieren sie
Argumentationen am Rande, werden übersehen oder überhört. Dennoch prägen sie wesentlich Alltagskommunikationen und zunehmend durchweben sie auch fachpolitische Gespräche und Debatten, ohne dass
die menschenfeindlichen Sprachfiguren durchgehend erkannt und Anlass für kritische Kommentierungen
werden.
P
ositionen, die den Holocaust leugnen oder zu relativieren versuchen, die nicht die Vernichtung von
Menschen in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern verurteilen und die Existenz von Ausschwitz meinen Verleugnen zu können oder feststellen,
„dass in Sachsenhausen 1943 eine Gaskammer erbaut
wurde, obwohl längst nachgewiesen wurde, dass es niemals Gaskammern auf deutschem Boden gegeben hat“
(Roeder 2006 [1978]), sind relativ schnell und nachvollziehbar zu widerlegen. Dass diese Sprachspiele motiviert werden von völkischen, nationalsozialistischen
Ideologiefragmenten, ist offensichtlich. Ihren nationalvölkischen Tenor dokumentieren auch Sprachspiele, die
herausstellen, dass zwar die „Vielfalt der Völker als Träger der Kulturen“ anzusehen ist, sich aber „die Würde
des Menschen als soziales Wesen (…) vor allem in der
Werner Thole
Kassel, Deutschland
1955, Prof. Dr. phil, Hochschullehrer für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt
Soziale Arbeit und außerschulische Bildung an der Universität Kassel. Forschungsschwerpunkte sind: Kindheits‑, Jugend- und Professionalisierungsforschung, Theorie
und Praxis der Kinder- und Jugendhilfe, insbesondere der außerschulischen Kinder- und
Jugendarbeit, rekonstruktive, qualitative Sozialforschung.
Zusammenfassung Der Beitrag diskutiert rechtspopulistische, menschenfeindliche Rhetoriken zu Fragen von Sozialstaat
und Erziehung kritisch. Anlass ist die Wahrnehmung, dass
entspreche Sprachspiele zunehmend auch in der Praxis der
Sozialen Arbeit artikuliert werden, ohne dass sie als solche
identifiziert und kritisiert würden.
Schlüsselwörter Rechter Populismus, Autorität und Sozialstaat in rechts-nationalen Sprachspielen, national-autoritäre
Rhetoriken
Volksgemeinschaft“ verwirklicht und nicht der „Einwanderungsstaat, sondern der Sozialstaat als ‚Volksgemeinschaft‘ (…) die persönliche Freiheit“ (Nationaldemokratische Partei Deutschlands 2010) garantiert.
Wenn jedoch Positionen geteilt werden wie „Menschen sollten wichtige Entscheidungen in der Gesellschaft Führungspersonen überlassen“, „durch die vielen
Muslime hier fühle ich mich manchmal wie eine Fremder im eigenen Land“, „bei der Prüfung von Asylanträgen sollte der Staat nicht großzügig sein“ oder „es ist
ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit
küssen“ (Decker et al. 2016), Statements auf die jeweils
und kontinuierlich weit über 20 % der Gesellschaft zustimmend reagieren, dann sind chauvinistische, homophobe, rassistische und fremdenfeindliche, national-autoritäre und sexistische Attribuierungen vielleicht schon
weniger eindeutig und konsensual zu treffen.
Die eindeutige Identifizierung von xenophobischen,
fremdenfeindlichen, national-rechten und insbesondere von autoritär-nationalen Rhetoriken ist inzwischen
auch schwierig, weil in Alltagsgesprächen, auch in pädagogischen Diskussionen und auch in publizierten Beiträgen zur Sozialen Arbeit und zu sozialpolitischen Fragen
rassistisch und national-autoritär gefärbte, zumindest
jedoch als rechtpopulistisch anzusehende Argumentationen sich weitgehend unsichtbar einmischen, Zustimmung finden und Bedeutung für Selbst- und Weltpositionierungen erlangen. Wenn entsprechende Beiträge in
eindeutig als rechts-national oder gar als völkisch sich
präsentierenden Publikationen wie der „Blauen Narzisse“ oder der „Sezession“ oder beispielsweise dem Portal
der identitären Bewegung publiziert werden, fällt eine
Zuordnung zum rechtspopulistischen Milieu ebenfalls
leicht. Werden sie jedoch über Blogs und Portale wie
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Sozial Extra 2 2020
Durchblick: Rechtsnationaler Autoritarismus und Soziale Arbeit
„Tichys Einblick“, „unbesorgt“, „Tapfer im Nirgendwo“, „Denken Erwünscht“ oder „Schlaglichter“ publiziert, wird eine eindeutige Erkennung schon schwieriger.
In den genannten Publikationsorganen sowie auf den
erwähnten und weiteren Internetportalen sind inzwischen vielfältige Beiträge zu finden, die Fragen der Sozial- und Bildungspolitik sowie der Sozialen Arbeit aus
einer rechts-nationalen Perspektive thematisieren, ohne
dass die sie grundierenden rechtspopulistischen Argumentationsfiguren sogleich deutlich zu erkennen sind.
Nicht wenige der Beiträge greifen Rhetoriken auf, die
auch in fachlichen Gesprächen in den Einrichtungen der
Sozialen Arbeit oder in sozialpädagogischen Hochschulveranstaltungen vorgetragen werden, ohne dass sie sogleich als nationalistische, autokratische oder xenophob
inspirierte Beiträge gemeint, etikettiert und identifiziert
werden. Die auch in pädagogischen wie sozialpädagogischen Gesprächen, Diskussionen und Diskursen vorgetragenen Sichtweisen auf das Weltgeschehen enthalten
zuweilen Ablehnungs- und Zuschreibungskonstruktionen, die national-autoritären Ungleichwertigkeitsannahmen und damit im Kern fremdenfeindlichen Rhetoriken
nicht fernstehen. Vorschläge, Tugenden wie Sauberkeit
und Ordnung, Tapferkeit und Disziplin in der sozialpädagogischen Praxis wie in den diesbezüglichen Diskursen
mehr Bedeutung beizumessen, sind konservativ-autoritär,
vielleicht rechts-autoritär, sicherlich jedoch nicht durchgehend rechtspopulisch motiviert. Sie tragen jedoch dazu
bei, rechtspopulistische Sicht- und Denkweisen in der Sozialen Arbeit und Pädagogik zu normalisieren.
Sozialstaat, Kultur und Heimat
In dem Blog „achgut.com“ veröffentlichte Gerd Held,
Privatdozent am „Institut für Stadt- und Raumplanung“ der TU Berlin, Leitartikler und Essayist bei der
Tageszeitung „Die Welt“, im September 2018 einen Beitrag unter der Überschrift „Hautfarbe oder Herkunft?
Egal. Es geht um Gemeingüter!“ Über den Blog findet
er bekannte Mitstreiter_innen, wie Gunnar Heinsohn,
bis zu seiner Emeritierung Hochschullehrer für Sozialpädagogik an der Universität Bremen, Walter Krämer,
bis 2017 Hochschullehrer für Wirtschafts- und Sozialstatistik und Sprecher eines Sonderforschungsbereiches der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der TU
Dortmund, Cora Stephan, Publizistin und Schriftstellerin sowie den Autor Henryk M. Broder und die ehemalige Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld.
„Der Platz“, so führt Held aus, „den normalerweise (...truncated)