Mikrobielle Nekromasse im Boden und deren Bedeutung für Bodenprozesse
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Bodenökologie
Mikrobielle Nekromasse im Boden und
deren Bedeutung für Bodenprozesse
ANJA MILTNER, MATTHIAS KÄSTNER
DEPARTMENT UMWELTBIOTECHNOLOGIE, HELMHOLTZ-ZENTRUM FÜR UMWELTFORSCHUNG (UFZ), LEIPZIG
Understanding soil organic matter (SOM) formation is crucial for sustainable land use and mitigation of global change. SOM is perceived
nowadays as a continuum of plant and microbial residues at various
stages of decay. Microbial residues play a dominant role; plant-derived
matter is processed by microbes to biomass and finally to necromass
stabilised in SOM. Carbon storage thus depends on microbial energy
metabolism and on environmental factors and minerals of the respective soils.
DOI: 10.1007/s12268-020-1351-0
© Die Autoren 2020
ó Böden stellen die Basis für die Ernährung
der gesamten Menschheit dar und müssen
daher nachhaltig bewirtschaftet werden, um
den steigenden Bedarf an Nahrungsmitteln
zu decken. Neben Wasserverfügbarkeit und
klimatischen Bedingungen ist die organische
Bodensubstanz (OBS) ein Schlüsselfaktor für
die Pflanzenbiodiversität und Nahrungsmit-
˚ Abb. 1: Prozesse, die die mikrobielle „Kohlenstoffpumpe“ im Boden mit Energie und Substraten versorgen und zur Stabilisierung bzw. Festlegung des Kohlenstoffs in der organischen Bodensubstanz (OBS) führen. Die „Kohlenstoffpumpe“ ist hier synonym mit dem mikrobiellen Wachstums- und Absterbezyklus. DOC: dissolved organic carbon. (Verändert nach [8].)
BIOspektrum | 03.20 | 26. Jahrgang
telsicherheit. Die OBS stellt zudem eine
wesentliche Senke für atmosphärischen Kohlenstoff (C) dar [1]; daher spielt der Erhalt der
OBS-Gehalte eine Schlüsselrolle in der nachhaltigen Bodenbewirtschaftung und dem
Klimaschutz. Dies wird im 4p1000-Programm
zur Implementierung der OBS-Sequestrierung als nachhaltige Entwicklungsstrategie
genutzt [2]. In der Landwirtschaft haben sich
bekannte Methoden zum Erhalt der OBS, wie
organische Dünger, das Mulchen mit Getreiderückständen oder der Anbau von Leguminosen bewährt, jedoch sind die Details der
terrestrischen Stabilisierungsprozesse des
Kohlenstoffs sowie deren mikrobiellen Steuerung nicht ausreichend verstanden [1]. Dies
erschwert die effiziente Optimierung des
Bodenmanagements; derzeit ist es noch nicht
möglich, die Veränderungen der OBS-Gehalte unter verschiedenen Landnutzungen bei
Änderungen der Umweltbedingungen (Klimawandel) sicher vorherzusagen, was aber
für belastbare Modelle der CO2-Gehalte in der
Atmosphäre nötig wäre.
Die OBS und die darin lebenden Mikroorganismen sind essenzielle Bestandteile des
C-Kreislaufs auf der Erde. Die OBS stellt ein
C-Reservoir „mittleren“ Oxidationsgrades
zwischen der belebten Natur und Pflanzenwelt und der vollständigen Oxidation mit
Rückführung des CO2 in die Atmosphäre dar.
Neben den Bedingungen des jeweiligen
Bodenstandortes hängt die Größe dieses
Reservoirs vom zugeführten Material und
der Energie aus der pflanzlichen Primärproduktion sowie vom Abbau und der Mineralisation durch die mikrobiellen Destruenten
ab. Zunächst gelangt absterbendes Pflanzenmaterial in den Boden, welches deshalb lange
Zeit auch als Ausgangsmaterial für die OBS
angesehen wurde. Die Vorstellung bestand
viele Jahre darin, dass sich während der
mikrobiellen Zersetzung Abbauprodukte und
schwer zersetzbare Bestandteile anreichern,
welche dann entweder als solche oder durch
Kondensationsreaktionen Huminstoffe bilden [3]. Daneben sollte ein wesentlich kleinerer Anteil mikrobieller Biomasse beim
Abbau des Pflanzenmaterials entstehen,
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während große Mengen als CO2 freigesetzt
werden. In der Tat liegt die gemessene
Menge lebender mikrobieller Biomasse in
einem engen Bereich bei zwei bis vier Prozent der OBS. Neuere Literatur zeigt jedoch
einen wesentlich höheren Anteil an mikrobiellen Rückständen in der OBS als bisher
aufgrund des kleinen Anteils lebender Biomasse angenommen wurde [1]. Abbaubares
Pflanzenmaterial dient als Substrat für
Mikroben, die darauf wachsen und sich vermehren. Dabei wird pflanzenbürtiger Kohlenstoff in mikrobielle Biomasse umgewandelt
und der Rest entweder als CO2 in die Atmosphäre entlassen oder verbleibt als schwer
abbaubarer Rest in der OBS (Abb. 1).
Da Mikroorganismen wegen ihrer Größe
nur niedermolekulare Stoffe (< 600 Da) aufnehmen können, müssen hochmolekulare
pflanzenbürtige Stoffe wie Stärke, Cellulose,
Lignin etc. zunächst durch Exoenzyme depolymerisiert werden, welche von den Mikroorganismen als „Investition in die Substratverfügbarkeit“ in ihre Umgebung abgegeben
werden [3]. Dies führt zu einer komplexen
Reaktivität in der OBS, die nicht im Innern
der Zellen abläuft und post mortem zu bisher
wenig untersuchten Modifikationen der Biomassebestandteile führen kann. Daher kann
davon ausgegangen werden, dass nahezu alle
Stoffe in der OBS von Mikroorganismen als
Substrate genutzt werden, die irgendwie
bioverfügbar sind. Allerdings können auch
viele Stoffe vor einem Abbau geschützt sein,
z. B. durch Wasserentzug, Sorption an Tonmineralen, Inkrustierung mit Metall- oder
Silicium-Präzipitaten oder auch durch zelluläre Aggregation (z. B. Fragmente der Zellhüllen) [4].
Untersuchungen refraktärer organischer
Substanz in marinen Systemen führte zur
Entwicklung des Konzepts der microbial
carbon pump als Teilprozess der biological
pump. Es geht davon aus, dass biologischer
Detritus und gelöste organische Verbindungen durch Mikroorganismen zersetzt und
teilweise in mikrobielle Biomasse überführt werden [5]. Aus diesem Material wird
dann partikuläre Nekromasse, welche in den
marinen Sedimenten abgelagert wird und
damit letztlich zum „Begraben“ des Kohlenstoffs im Sediment führt. Ein analoges Konzept wurde auch für Bodensysteme entworfen [6, 7], bei dem allerdings die Stabilisierung des Kohlenstoffs nicht durch „Begraben“ in Sedimenten erfolgt, sondern durch
Schutz vor Abbau in den feinpartikulären
Aggregaten.
Somit wird jede Verbindung, die bioverfügbar ist und genügend Energie beinhaltet, in
mikrobielle Biomasse umgesetzt. Der mikrobielle Wachstums- und Absterbezyklus stellt
damit die Überführung von leicht abbaubarem und verfügbarem pflanzlichen Kohlenstoff in mehr oder weniger refraktäre
Nekromasse dar. Mit anderen Worten
stammt der Kohlenstoff in der OBS ursprünglich aus pflanzlicher Biomasse, aus molekularer Sicht handelt es sich bei den OBS-Vorläufern aber um mikrobielle C-Verbindungen
[8]. Erste Hinweise hierzu wurden in
1H-NMR-Analysen von Huminsäuren aus
Boden gefunden, in denen über 50 Prozent
des NMR-Signals Komponenten mikrobiellen
Ursprungs zugeordnet werden konnten [9].
Diese These wird durch den vielfach beobachteten langfristigen Verbleib (über ein
Jahr) von ca. 50 Prozent des Kohlenstoffs aus
mikrobieller Biomasse in der OBS gestützt,
der mittels Inkubationsversuchen mit
13C-markierter bakterieller und pilzlicher
Biomasse gezeigt wurde [4, 10]. In diesen
Experimenten wurden die zugegebenen Zellen teilweise mineralisiert; je nach eingesetztem Organismus blieben bis zu 65 Prozent
des markierten Kohlenstoffs im Boden (...truncated)