Die tiefe Hirnstimulation
Neurologie
psychopraxis. neuropraxis
https://doi.org/10.1007/s00739-020-00637-5
Marco Treven · Christof Brücke
Universitätsklinik für Neurologie, Medizinische Universität Wien, Wien, Österreich
© Der/die Autor(en) 2020
Die tiefe Hirnstimulation
Eine Behandlungsoption für Patienten
mit M. Parkinson
Die tiefe Hirnstimulation
Die tiefe Hirnstimulation (THS) wird seit
Mitte des 20. Jahrhunderts als Therapie
von neurologischen und psychiatrischen
Erkrankungen untersucht. In der heutigen Form wurde die THS zur Behandlung
des essenziellen Tremors und kurz später
des M. Parkinson Ende der 1980er Jahre
erstmalig angewandt. Seitdem hat sich
das Verfahren durch viele, teilweise kontrollierte-randomisierte Studien als sinnvolle Therapieoption bei Patienten mit
Bewegungsstörungen etabliert.
Heute erfolgt die stereotaktische Implantation der Stimulationselektroden
und des Stimulationsaggregats durch
erfahrene Neurochirurgen auf Basis von
hochauflösenden MRT-Bildern. Der erste Schritt der Operation ist die Fixierung
eines stereotaktischen Rahmens am Kopf
des Patienten und die Durchführung
einer erneuten MRT-Bildgebung. Danach wird aus diesen und präoperativen
MRT-Bildern das gewünschte Zielgebiet
visualisiert und die Koordinaten des
Zielpunkts berechnet. Mikroelektroden
werden dann über den errechneten Trajekt durch ein Bohrloch zu dem Zielpunkt
vorgeschoben und dabei die neuronale
Aktivität gemessen. Diese Ableitung der
Einzelzellaktivität und auch eine intraoperative Teststimulation dienen der
Kontrolle und Bestätigung der korrekten Lage des Zielpunkts. Bei Patienten
mit Klaustrophobie oder aus anderen
Gründen (zum Beispiel schwere zervikale Dystonie) kann auf eine Wachphase
während der Operation im Einzelfall
verzichtet werden. Nach Implantation
der Elektroden werden diese mit dem
subkutanen Impulsgeber verbunden.
In der Zeit nach der Implantation
muss die richtige Stimulationseinstellung gefunden werden. Einerseits muss
von den 4 oder 8 Stimulationskontakten je Elektrode derjenige mit der
besten Wirkung und den geringsten
Nebenwirkungen gefunden werden. Bei
Patienten mit einem Parkinsonsyndrom
erfolgt deshalb die Testung anfangs im
medikamentösen OFF um die Wirksamkeit besser beurteilen zu können. Im
weiteren Verlauf werden dann je nach
Wirkung und Nebenwirkungen der Stimulation die weiteren Anpassungen
vorgenommen. Es gibt dabei neben der
Stromstärke oder Stromspannung auch
die Parameter Impulsbreite und Stimulationsfrequenz. Neuere Stimulationselektroden mit gerichteten Elektroden
erlauben die Formung des elektrischen
Felds und damit eine weitere Option
der Einstellung. Neben der Anpassung
der Stimulation erfolgt eine Reduktion
der Parkinson-Medikation. Im Durchschnitt benötigen Parkinson-Patienten
postoperativ etwa die Hälfte der umgerechneten L-Dopa-Äquivalenzdosis.
Durch die reduzierte Parkinson-Medikation kommt es zu einer Besserung von
Medikamentennebenwirkungen.
Das
kann bei starken Nebenwirkungen (z. B.
Impulskontrollstörungen bei Einnahme von Dopaminagonisten) auch eine
Indikation zu einer THS im Zielpunkt
Nucleus subthalamicus darstellen.
Der Wirkmechanismus der
tiefen Hirnstimulation
Durch die Stimulation des Nucleus
subthalamicus (STN) werden die motorischen Kardinalsymptome Tremor,
Rigor, Bradykinesie und auch die Fluk-
tuationen positiv beeinflusst. Andere
Beschwerden können sich ebenfalls bessern, vor allem wenn diese durch L-Dopa
sistieren (z. B. Freezing, Haltungsstörungen oder Dysarthrie). In Bezug auf die
Kontrolle von Fluktuationen und die OffZeit-Reduktion ist die THS der rein medikamentösen Therapie überlegen. Die
Besserung eines Symptoms durch Levodopa-Gabe hat den höchsten prädiktiven
Wert für eine anhaltende postoperative
Besserung unter effektiver THS im STN.
Eine Ausnahme von dieser Regel bildet
der Tremor, welcher auch bei unzureichender Besserung unter dopaminerger
Medikation eine gute Suppression unter
THS zeigen kann. Verlaufsuntersuchungen zeigen eine langfristig anhaltende
Wirksamkeit der STN-Stimulation, auch
wenn die Erkrankung selbst weiter progredient ist. Der genaue Wirkmechanismus der THS ist weiterhin nicht restlos
geklärt. Initial wurde von einer läsionsähnlichen Wirkung im Bereich des
elektrischen Feldes ausgegangen, die einem Depolarisationsblock der Neuronen
entspricht, und insgesamt den hemmenden Effekt der Basalganglienschleife auf
glutamaterge thalamokortikale Neurone
reduziert. Durch Messung der lokalen
Feldpotenziale (LFP) weiß man, dass
bei Patienten mit M. Parkinson die
oszillatorische, neuronale Aktivität im
β-Frequenzbereich (ca. 15–30 Hz) eine
pathologische Rolle zu spielen scheint.
Diese β-Aktivität korreliert mit dem
Ausmaß der Bradykinesie der Patienten, wird durch die L-Dopa-Therapie
unterdrückt und scheint im Basalgangliennetzwerk eine „antikinetische“ Rolle
zu haben. Bei gleichzeitiger Messung der
lokalen Feldpotenziale aus dem Nucleus
subthalamicus bei Anwendung der tiepsychopraxis. neuropraxis
Neurologie
fen Hirnstimulation zeigt sich ebenfalls
eine Reduktion dieser pathologischen
oszillatorischen Aktivität, während sie
bei Pausierung der THS wieder auftritt.
der THS könnte
»durchDieeineWirkung
Störung hypersynchroner Netzwerkaktivität zu
erklären sein
Es wird deshalb angenommen, dass die
Wirkung der THS teilweise durch eine Störung pathologischer, synchroner
Netzwerkaktivität zu erklären ist.
Technische Weiterentwicklungen
Während die THS in der momentanen
Form bereits vor über 25 Jahren entwickelt wurde, hat es in der Zwischenzeit eine evolutionäre Weiterentwicklung
der Geräte gegeben. Bei wiederaufladbaren Batterien der Impulsgeber, die transkutan aufgeladen werden können, sind
regelmäßige Wechsel nicht mehr notwendig. Durch die Möglichkeit, benachbarte Kontakte der Stimulationselektrode mit unterschiedlicher Stimulationsamplitude anzusteuern, kann das elektrische Feld besser geformt und an die
Bedürfnisse des Patienten angepasst werden. Eine weitere Möglichkeit das elektrische Feld zu formen bieten Elektroden,
bei denen die Kontakte segmentiert sind
und damit eine direktionale Stimulation erlauben. Dabei kann man bei Patienten, die Nebenwirkungen durch die
Stimulation entwickeln durch eine Umstellung versuchen, diese zu vermeiden.
Möglicherweise ist bei einer direktionalen Stimulation bereits bei niedrigeren
Amplituden der gleiche positive Effekt
zu erzielen und die Nutzung der Batterie
geringer.
Bisher übliche THS-Systeme geben
über die Zeit starr immer die gleichen
Stromimpulse ab. Dabei wird der momentane Zustand des Patienten nicht
berücksichtigt.
Die Bestrebungen gehen dahin, eine
adaptive Stimulation zu entwickeln, die
über Rückkopplungsschleifen („closed
loops“) die Stimulation über die Zeit
psychopraxis. neuropraxis
flexibler machen (zum Beispiel bei
schlechter Beweglichkeit automatisch
höhere Stimulationsamplituden abgeben). Die Hoffnung ist, dass dadurch
weniger Nebenwirkungen auftreten und
weniger Energie verbraucht wird. Der
erste Schritt sind Stimulatoren und Stimulationselektroden, die parallel zu (...truncated)