Pharmakotherapie der Alkoholentwöhnung: Update und neue Entwicklungen
Der Nervenarzt
Übersichten
Nervenarzt
https://doi.org/10.1007/s00115-020-00954-5
Michael Soyka1,2 · Susanne Rösner3
1
Medical Park Chiemseeblick, Bernau/Felden, Deutschland
Psychiatrische Universitätsklinik, LMU München, München, Deutschland
3
Forel Klinik, Ellikon an der Thur, Schweiz
2
© Der/die Autor(en) 2020
Pharmakotherapie der
Alkoholentwöhnung: Update und
neue Entwicklungen
Einleitung
Während in der ICD-10 [22] schädlicher Gebrauch und Abhängigkeit von
Alkohol unterschieden werden, folgte
das DSM-5 ([8], Übersicht in [53]) einem dimensionalen Ansatz und definiert
Alkoholkonsumstörungen anhand von
11 Kriterien, von denen mindestens 2
bis 3 für eine leichte Störung definiert
sein müssen. Die 2022 in Kraft tretende
ICD-11 wird an der Unterscheidung
schädlicher Gebrauch und Abhängigkeit
festhalten. Alkoholgebrauchsstörungen
sind häufig. In vielen epidemiologischen
Untersuchungen werden Prävalenzraten
von 6 bis 7 % mitgeteilt [34, 53]. Etwa 2 bis
3 % der Erwachsenenbevölkerung sind
alkoholabhängig. Zu den zahlreichen
körperlichen und neurologischen Folgeschäden gehören Lebererkrankungen,
eine erhöhte Krebsrate, ein signifikantes
Unfall- und Suizidrisiko, aber auch das
Risiko für Gewalttaten, zahlreiche psychiatrische Folgestörungen sowie soziale
Probleme [81]. Die Prognose ist bei
hoher Mortalität/Morbidität in vielen
Fällen immer noch ungünstig [24, 61].
Die verfügbaren Ansätze zur Therapie
von Alkoholkonsumstörungen umfassen
ein breites und umfangreiches Spektrum
[59, 63, 64, 71]. Trotz erwiesener Effizienz etablierter Therapien sind Konsumund Rückfallereignisse häufig.
Die 2016 publizierte S3-Leitlinie zu
Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen [59] befindet
sichderzeitinRevision. Als übergeordnete Therapieziele wurden in der S3-Leitlinie aus 2016 neben abstinenzorientierten
Therapien auch Harm-reduction-Strategien (Verminderung der Trinkmenge) als
mögliche Behandlungsziele definiert.
Als wirksame psychosoziale und psychotherapeutische Behandlungsansätze
in der Entwöhnungsbehandlung der
Alkoholabhängigkeit sind Interventionskomponenten wie z. B. motivationale
Interventionsformen, Verhaltenstherapie und kognitive Verhaltenstherapie
wie Kontingenzmanagement, Angehörigenarbeit und Paartherapie mit hohem
Empfehlungsgrad genannt. Mitunter
wird bei insgesamt moderaten Effekten
eine leichte Überlegenheit der kognitiven
Verhaltenstherapien gegenüber anderen
spezifischen Therapien vermutet, die jedoch in einer aktuellen Metaanalyse [58]
nicht bestätigt wurde. Darüber hinaus
finden in der S3-Leitlinie die psychotherapeutische Kurzzeittherapie, kognitives
Training sowie andere Psychotherapieformen Erwähnung.
Als Medikamente sind Acamprosat, Naltrexon und Disulfiram empfohlen. Für Acamprosat und Naltrexon
war bei einer sehr guten Evidenzbasierung (Level 1a) allerdings nur der
Empfehlungsgrad B („sollte gegeben
werden“) ausgesprochen worden. Disulfiram erhielt bei Evidenzbasierung 1b
den Empfehlungsgrad 0. Die Datenlage zur Empfehlung von Nalmefen war
bei Erstellung der Leitlinien noch nicht
ausreichend. . Tab. 1 gibt einen Überblick über die zur Pharmakotherapie
der Alkoholabhängigkeit eingesetzten
Substanzen.
Die neurobiologischen und neurochemischen Grundlagen der Alkoholab-
hängigkeit sind komplex, werden aber
mittlerweile gut verstanden (Übersicht
in [95]). Zentrale Strukturen bei der
Wirkung von Rauschdrogen sind dopaminerge Neurone im mesolimbischen
Bereich (ventrales Tegmentum, Nucleus accumbens) und ihre Projektion in
den präfrontalen Kortex, der für Kontrollfunktionen und die Inhibition dysfunktionalen Verhaltens verantwortlich
ist. Für Belohnung und Belohnungsantizipation spielt die Ausschüttung von
Dopamin im mesolimbischen Bereich
eine entscheidende Rolle. Ein abhängiger Konsum von Alkohol entwickelt sich
aus einem Zusammenspiel von positiven
(z. B. alkoholinduzierte Entspannung,
Euphorie) und negativen Konsequenzen
(z. B. Entzugssyndrome). Kurz zusammengefasst werden neurochemisch für
die positiv verstärkenden Wirkungen vor
allem Effekte auf Dopamin, das endogene Opioidsystem, das serotonerge und
GABAerge sowie das endogene Cannabinoidsystem verantwortlich gemacht,
für die negative Verstärkung vor allem
die vermehrte Freisetzung von Kortikotropin-Releasing-Faktor, die GABAerge
Down-Regulierung sowie Veränderungen im glutamatergen System (Übersicht
in [105]). Aber auch appetitregulierende Hormone wie Ghrelin scheinen von
Bedeutung zu sein [27]. Chronischer Alkoholkonsum führt zu erheblichen adaptiven Veränderungen und Anpassungen,
vor allem der Rezeptorfunktionen im
Gehirn, wobei es beim Alkoholentzug
zu einer vermehrten Freisetzung exzitatorischer Neurotransmitter bei erhöh-
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Tab. 1 Übersicht über Medikamente zur Pharmakotherapie der Alkoholabhängigkeit
Medikamente Dosis
Wirkmechanismus
Andere Indikationen
Acamprosat
1998 mg/Tag
Unklar, NMDA-Rezeptor-Agonist, Modulator hyperaktiver glutamaterger Neurone?
Rolle von Kalzium?
–
Disulfiram
250–500 mg/Tag
Inhibition der Acetaldehyddehydrogenase
–
Naltrexon
50 mg/Tag
μ-Opioid-Rezeptor-Antagonist
Opioidabhängigkeit
Nalmefen
18 mg/Tag
μ- und δ-Opioid-Rezeptor-Antagonist, partieller Agonist am κ-Opioid-Rezeptor
–
Baclofen
3–80 mg/Tag (bis
270 mg)
GABAB-Rezeptor-Agonist (metabotrop)
Spastik
Gabapentin
900–1800 mg/Tag
Unklar, blockiert spannungsabhängige Kanäle. Keine Wirkung über GABA-Rezepto- Epilepsie, neuroparen
thischer Schmerz
Ondansetron
0,5 mg/Tag
5-HT3-Antagonist
Antiemetikum bei
Krebs (Chemotherapie)
Prazosin/
Doxazosin
Bis zu 16 mg/Tag
α1-Rezeptor-Agonist
–
Topiramat
Bis 300 mg/Tag
Nicht völlig klar, antikonvulsives Medikament, erhöht die GABAA-vermittelte neuronale Aktivität und antagonisiert AMPA- und Kainat-Glutamat-Rezeptoren, außerdem spannungsabhängige Kanäle, schwacher Inhibitor verschiedener anderer
Enzyme
Epilepsie, Migräne,
Lennox-GastautSyndrom
Vareniclin
2 mg/Tag
Partieller Agonist am nikotinischen α4β2-Acetylcholinrezeptorsubtyp
Rauchen
γ-HydroxyButtersäure,
GHB
–
Präkursor von GABA (schwacher Agonist am GABAB-Rezeptor) Glutamat, Glycin
Narkolepsie
ter Rezeptorempfindlichkeit und einer
Übererregbarkeit des Gehirns kommt.
Bislang sind nur wenige Medikamente zur Alkoholentwöhnung zugelassen,
obwohl mittlerweile eine ganze Reihe von Substanzen untersucht wurde
(Übersicht in [23, 33, 53, 57]). Es gibt
etablierte methodische Standards für
die Durchführung von Pharmakotherapiestudien bei Alkoholabhängigkeit,
wobei primäre Outcome- oder Responderkriterien entweder eine Verbesserung
der Abstinenzrate, eine Erhöhung der
Zeit bis zum ersten Konsum, eine Verminderung der Rückfallraten oder eine
Trinkmengenreduktion sind (siehe [48,
88]). In verschiedenen Therapiestudien werden dabei sehr unterschiedliche
Outcomekriterien verwendet [6, 25, 40,
76]. Sekundäre Outcomekriterien sind
biologische Marker (Transaminasen,
Carbohydrate-defizientes
Transferrin
[CDT], Ethylglukuronid), sozioökonomische Faktoren („health care utilization“) (...truncated)