Case Report Thiaminsubstitution

Jan 2021

Die Wernicke-Encephalopathie (WE) ist eine neurologische Komplikation eines klinisch manifesten Thiaminmangels. Thiaminmangelerscheinungen stellen eine relevante Ursache für akutes und subakutes Delir dar und haben verheerende Langzeitfolgen. In der vorliegenden Kasuistik berichten wir über Thiaminsubstitution im Falle eines 49-jährigen Patienten, welcher im Rahmen einer Alkoholabhängigkeitserkrankung zum körperlichen Entzug und psychischer Stabilisierung am Universitätsklinikum Tulln stationär aufgenommen wurde. Weiters besprochen werden Standards in der Wernicke-Prophylaxe, Diskrepanzen in Guidelines und Tipps für die Praxis.

Article PDF cannot be displayed. You can download it here:

https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/s00739-020-00690-0.pdf

Case Report Thiaminsubstitution

Psychiatrie psychopraxis. neuropraxis https://doi.org/10.1007/s00739-020-00690-0 Angenommen: 14. Dezember 2020 © Springer-Verlag GmbH Austria, ein Teil von Springer Nature 2021 Thiaminsubstitution zur Prophylaxe einer WernickeEncephalopathie beim alkoholabhängigen Patienten Die Wernicke-Encephalopathie (WE) ist eine neurologische Komplikation eines klinisch manifesten Thiaminmangels. Thiaminmangelerscheinungen unterschiedlicher Genese stellen eine relevante Ursache für akutes und subakutes Delir dar und haben verheerende Langzeitfolgen. Die Prävalenz von typischen Hirnläsionen bei Autopsiestudien in der Allgemeinbevölkerung liegt bei 0,4–2,8 %, die Prävalenz bei Alkoholikern ist höher als bei Nichtalkoholikern. Die klassische Symptomtrias der WE umfasst Encephalopathie, Gangataxie sowie eine Okulomotorikstörung, tritt jedoch nur selten im Vollbild auf, weshalb es empfehlenswert ist, sich bei der Diagnose an Nebensymptomen, wie erstmals von Caine et al. popularisiert, zu orientieren. So stellen neben der Okulomotorikstörung, Ernährungsmangel, cerebelläre Dysfunktion sowie entweder Wesensveränderung oder leichte Gedächtniseinschränkung zusätzliche Kriterien zur klinischen Diagnose einer WE dar. Symptomtrias »der DieWE klassische umfasst Encephalopathie, Gangataxie und Okulomotorikstörung Ein besonderes Risiko, eine Wernicke-Encephalopathie zu entwickeln, weisen Personen mit einer Alkoholabhängigkeitserkrankung auf; so stellt in Österreich der chronische Alkohol- Paul Michenthaler1 · Walter Struhal2 · Martin Aigner1 1 2 Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Tulln, Tulln an der Donau, Österreich Abteilung für Neurologie, Universitätsklinikum Tulln, Tulln, Österreich Case Report Thiaminsubstitution konsum den wichtigsten Risikofaktor für einen Thiaminmangel dar. Aus einer Wernicke-Encephalopathie kann als chronische Form der Krankheit das Korsakoff-Syndrom (KS) werden. Das KS ist vor allem durch schweren Kurzzeitgedächtnisverlust gekennzeichnet und wird entsprechend auch oft KorsakoffDemenz genannt. Wegen der engen Beziehung zwischen WE und KS wird oft auch vom Wernicke-Korsakoff-Syndrom (WKS) gesprochen. Der Mangel an Vitamin B1 bei Alkoholikern entsteht aus einer Kombination von mangelnder Zufuhr, schlechter Absorption und eingeschränkter Speicherung in der toxisch geschädigten Leber. Bei Patienten ohne Alkoholmissbrauch kann es durch Malabsorption, gesteigerten Bedarf, gesteigerte Ausscheidung oder inadäquate Zufuhr über die Ernährung zu Thiaminmangel kommen, beispielsweise bei jeder Form der Mangelernährung, Hyperemesis gravidarum, malignen Erkrankungen, Dialyse oder nach gastrointestinalen Eingriffen (v. a. Adipositaschirurgie). Allgemein kann es auch im Rahmen der intensivmedizinischen Behandlung bei verschiedensten Krankheitsbildern wie Sepsis oder großflächigen Verbrennungen zu einem Thiaminmangel kommen. Daher ist im Rahmen von stationären Aufenthalten zum Alkoholentzug eine konsequente Behandlung respektive Vorbeugung eines etwaigen Thiamindefizits wesentlich. herrscht über »denEinigkeit klinischen Nutzen einer Thiaminbehandlung Eine zeitgerechte Behandlung einer Wernicke-Encephalopathie kann für das klinische Outcome entscheidend sein. Wenngleich seit Jahrzehnten Thiamin (im Volksmund auch Vitamin B1) in intravenöser oder intramuskulärer Darreichungsform Goldstandard der Behandlung und Prävention der WernickeEncephalopathie ist, fehlen bis heute einheitliche Vorgaben. So herrschen etwa in den Bereichen Dosierung und Behandlungsdauer im Rahmen unterschiedlicher Indikationen nach wie vor deutliche Diskrepanzen zwischen den Quellen: Dosierungen variieren in den Empfehlungen für Patienten mit einem hohen Risiko einer Wernicke-Encephalopathie zwischen 50 mg und > 500 mg Tagesdosis; die Dauer einer empfohlenen parenteralen Gabe liegt in einer Spanne von 3–14 Tagen; einige Guidelines enthalten sich auch in Bezug auf Dosis oder Behandlungsdauer schlicht der Aussage. Einigkeit herrscht über den klinischen Nutzen einer Thiaminbehandlung. Im Universitätsklinikum Tullnkommt zur Qualitätssicherung der Behandlung eine „standard operating procedure“ (SOP) zur Anwendung, erarbeitet von der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie. Diese soll, die aktuelle Evidenzlage zusammenfassend, eine klare Vorgabe zur Thiamingabe bei stationär aufgenommenen Patienten bilden. Im Rahmen der Rolle der Abteilung als Versorgungseinheit der Region werden regelhaft Patienten mit einer Ethanolabhängigkeit oder problematischem Konsum von Ethanol stationär aufgenommen sowie pharmakologisch beim körperlichen Entzug gestützt. Eine Säule der Behandlung, neben Benzodiazepinen, bildet hier die Thiaminsubstitution. Darüber hinaus wird eine Behandlung und Diagnostik etwaiger zugrunde liegender Probleme der psychischen Gepsychopraxis. neuropraxis Zusammenfassung · Abstract sundheit des Patienten erarbeitet und umgesetzt. Weiters steht den Patienten am Universitätsklinikum Tulln ein breitgefächertes, multimodales Therapieprogramm zur Verfügung, umfassend Psychotherapie, psychologische Einzelund Gruppenbehandlungen, Physiound Musik- sowie Ergotherapie. Abgerundet wird das Angebot durch eine professionelle Genesungsbegleitung sowie sozialarbeiterische Unterstützung. Kasuistik Wir erlauben uns über Herrn K., einen 49 Jahre alten, gelernten Maurer zu berichten, welcher für eine Dauer von 14 Tagen an der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tulln aufgenommen war. Die Aufnahme erfolgte zum körperlichen Entzug bei Alkoholabhängigkeit. Herr K. gibt hierzu an, seit seiner Scheidung zunehmend auch zu Hause alleine Alkohol getrunken zu haben. Bereits während seiner langjährigen Tätigkeit als Maurer ist anamnestisch ein chronischer, problematischer Ethanolkonsum erhebbar: So gibt der Patient an, stets abends nach der Arbeit mehrere Flaschen Bier getrunken zu haben. Herr K., welcher als Einzelunternehmer seine eigene kleine Baufirma betrieb, berichtete weiters über eine deutliche Verschlechterung im Rahmen der COVID-19-Pandemie, welche zu einem massiven Rückgang der Auftragslage geführt hatte, wobei er in der Folge als Copingstrategie deutlich mehr getrunken hätte. Herr K. hatte die progressive Trinkmengeneskalation der letzten Jahre bemerkt, als er jedoch zuletzt von Bier auf Wodka umgestiegen war, um seinen Bedarf einfach decken zu können sowie bei Abstinenz deutlichen Tremor entwickelte, erschien die Situation auch dem Patienten als so besorgniserregend, dass er sich für eine Behandlung zum Entzug im stationären Setting entschieden hat. Die Aufnahme an das Universitätsklinikum Tulln erfolgte zum stationären Aufenthalt im freiwilligen Modus. Aufgrund der aktuellen SARS-CoV-2-Pandemielage erfolgte am Morgen des Vortages der Aufnahme ein nasopharyngealer Abstrich zum Ausschluss einer vorliegenden SARS-CoVpsychopraxis. neuropraxis 2-Infektion. Nachdem das Abstrichergebnis negativ ausgefallen war, erfolgte im Rahmen der Aufnahme eine Bestimmung des Atema (...truncated)


This is a preview of a remote PDF: https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/s00739-020-00690-0.pdf
Article home page: https://link.springer.com/article/10.1007/s00739-020-00690-0

Paul Michenthaler, Walter Struhal, Martin Aigner. Case Report Thiaminsubstitution, 2021, pp. 1-4, DOI: 10.1007/s00739-020-00690-0