Case Report Thiaminsubstitution
Psychiatrie
psychopraxis. neuropraxis
https://doi.org/10.1007/s00739-020-00690-0
Angenommen: 14. Dezember 2020
© Springer-Verlag GmbH Austria, ein Teil von
Springer Nature 2021
Thiaminsubstitution zur
Prophylaxe einer WernickeEncephalopathie beim
alkoholabhängigen Patienten
Die Wernicke-Encephalopathie (WE) ist
eine neurologische Komplikation eines
klinisch manifesten Thiaminmangels.
Thiaminmangelerscheinungen unterschiedlicher Genese stellen eine relevante Ursache für akutes und subakutes Delir dar und haben verheerende
Langzeitfolgen. Die Prävalenz von typischen Hirnläsionen bei Autopsiestudien
in der Allgemeinbevölkerung liegt bei
0,4–2,8 %, die Prävalenz bei Alkoholikern ist höher als bei Nichtalkoholikern.
Die klassische Symptomtrias der WE
umfasst Encephalopathie, Gangataxie
sowie eine Okulomotorikstörung, tritt
jedoch nur selten im Vollbild auf, weshalb es empfehlenswert ist, sich bei der
Diagnose an Nebensymptomen, wie erstmals von Caine et al. popularisiert, zu
orientieren. So stellen neben der Okulomotorikstörung, Ernährungsmangel,
cerebelläre Dysfunktion sowie entweder Wesensveränderung oder leichte
Gedächtniseinschränkung zusätzliche
Kriterien zur klinischen Diagnose einer
WE dar.
Symptomtrias
»der DieWE klassische
umfasst Encephalopathie, Gangataxie und
Okulomotorikstörung
Ein besonderes Risiko, eine Wernicke-Encephalopathie zu entwickeln,
weisen Personen mit einer Alkoholabhängigkeitserkrankung auf; so stellt
in Österreich der chronische Alkohol-
Paul Michenthaler1 · Walter Struhal2 · Martin Aigner1
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Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Tulln, Tulln an der Donau, Österreich
Abteilung für Neurologie, Universitätsklinikum Tulln, Tulln, Österreich
Case Report Thiaminsubstitution
konsum den wichtigsten Risikofaktor
für einen Thiaminmangel dar. Aus einer Wernicke-Encephalopathie kann als
chronische Form der Krankheit das Korsakoff-Syndrom (KS) werden. Das KS
ist vor allem durch schweren Kurzzeitgedächtnisverlust gekennzeichnet und
wird entsprechend auch oft KorsakoffDemenz genannt. Wegen der engen
Beziehung zwischen WE und KS wird
oft auch vom Wernicke-Korsakoff-Syndrom (WKS) gesprochen. Der Mangel
an Vitamin B1 bei Alkoholikern entsteht
aus einer Kombination von mangelnder Zufuhr, schlechter Absorption und
eingeschränkter Speicherung in der toxisch geschädigten Leber. Bei Patienten
ohne Alkoholmissbrauch kann es durch
Malabsorption, gesteigerten Bedarf, gesteigerte Ausscheidung oder inadäquate
Zufuhr über die Ernährung zu Thiaminmangel kommen, beispielsweise bei jeder
Form der Mangelernährung, Hyperemesis gravidarum, malignen Erkrankungen,
Dialyse oder nach gastrointestinalen
Eingriffen (v. a. Adipositaschirurgie).
Allgemein kann es auch im Rahmen der
intensivmedizinischen Behandlung bei
verschiedensten Krankheitsbildern wie
Sepsis oder großflächigen Verbrennungen zu einem Thiaminmangel kommen.
Daher ist im Rahmen von stationären
Aufenthalten zum Alkoholentzug eine
konsequente Behandlung respektive Vorbeugung eines etwaigen Thiamindefizits
wesentlich.
herrscht über
»denEinigkeit
klinischen Nutzen einer
Thiaminbehandlung
Eine zeitgerechte Behandlung einer Wernicke-Encephalopathie kann für das
klinische Outcome entscheidend sein.
Wenngleich seit Jahrzehnten Thiamin
(im Volksmund auch Vitamin B1) in
intravenöser oder intramuskulärer Darreichungsform Goldstandard der Behandlung und Prävention der WernickeEncephalopathie ist, fehlen bis heute
einheitliche Vorgaben. So herrschen etwa in den Bereichen Dosierung und
Behandlungsdauer im Rahmen unterschiedlicher Indikationen nach wie vor
deutliche Diskrepanzen zwischen den
Quellen: Dosierungen variieren in den
Empfehlungen für Patienten mit einem
hohen Risiko einer Wernicke-Encephalopathie zwischen 50 mg und > 500 mg
Tagesdosis; die Dauer einer empfohlenen
parenteralen Gabe liegt in einer Spanne
von 3–14 Tagen; einige Guidelines enthalten sich auch in Bezug auf Dosis oder
Behandlungsdauer schlicht der Aussage.
Einigkeit herrscht über den klinischen
Nutzen einer Thiaminbehandlung.
Im Universitätsklinikum Tullnkommt
zur Qualitätssicherung der Behandlung
eine „standard operating procedure“
(SOP) zur Anwendung, erarbeitet von
der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie. Diese soll, die aktuelle Evidenzlage zusammenfassend, eine klare
Vorgabe zur Thiamingabe bei stationär aufgenommenen Patienten bilden.
Im Rahmen der Rolle der Abteilung
als Versorgungseinheit der Region werden regelhaft Patienten mit einer Ethanolabhängigkeit oder problematischem
Konsum von Ethanol stationär aufgenommen sowie pharmakologisch beim
körperlichen Entzug gestützt. Eine Säule
der Behandlung, neben Benzodiazepinen, bildet hier die Thiaminsubstitution.
Darüber hinaus wird eine Behandlung
und Diagnostik etwaiger zugrunde liegender Probleme der psychischen Gepsychopraxis. neuropraxis
Zusammenfassung · Abstract
sundheit des Patienten erarbeitet und
umgesetzt. Weiters steht den Patienten am Universitätsklinikum Tulln ein
breitgefächertes, multimodales Therapieprogramm zur Verfügung, umfassend
Psychotherapie, psychologische Einzelund Gruppenbehandlungen, Physiound Musik- sowie Ergotherapie. Abgerundet wird das Angebot durch eine
professionelle Genesungsbegleitung sowie sozialarbeiterische Unterstützung.
Kasuistik
Wir erlauben uns über Herrn K., einen
49 Jahre alten, gelernten Maurer zu berichten, welcher für eine Dauer von 14 Tagen an der Abteilung für Psychiatrie und
Psychotherapie am Universitätsklinikum
Tulln aufgenommen war. Die Aufnahme erfolgte zum körperlichen Entzug bei
Alkoholabhängigkeit. Herr K. gibt hierzu an, seit seiner Scheidung zunehmend
auch zu Hause alleine Alkohol getrunken zu haben. Bereits während seiner
langjährigen Tätigkeit als Maurer ist anamnestisch ein chronischer, problematischer Ethanolkonsum erhebbar: So gibt
der Patient an, stets abends nach der Arbeit mehrere Flaschen Bier getrunken zu
haben. Herr K., welcher als Einzelunternehmer seine eigene kleine Baufirma
betrieb, berichtete weiters über eine deutliche Verschlechterung im Rahmen der
COVID-19-Pandemie, welche zu einem
massiven Rückgang der Auftragslage geführt hatte, wobei er in der Folge als
Copingstrategie deutlich mehr getrunken hätte. Herr K. hatte die progressive
Trinkmengeneskalation der letzten Jahre bemerkt, als er jedoch zuletzt von
Bier auf Wodka umgestiegen war, um
seinen Bedarf einfach decken zu können sowie bei Abstinenz deutlichen Tremor entwickelte, erschien die Situation
auch dem Patienten als so besorgniserregend, dass er sich für eine Behandlung zum Entzug im stationären Setting entschieden hat. Die Aufnahme an
das Universitätsklinikum Tulln erfolgte zum stationären Aufenthalt im freiwilligen Modus. Aufgrund der aktuellen SARS-CoV-2-Pandemielage erfolgte
am Morgen des Vortages der Aufnahme
ein nasopharyngealer Abstrich zum Ausschluss einer vorliegenden SARS-CoVpsychopraxis. neuropraxis
2-Infektion. Nachdem das Abstrichergebnis negativ ausgefallen war, erfolgte
im Rahmen der Aufnahme eine Bestimmung des Atema (...truncated)