Die onkolytischen Eigenschaften von Viren
Aus dem Paul-Ehrlich-Institut und dem Ferdinand-Blum-Institut
zu Frankfurt a.M. (Dir. Prof. Dr. R. Prigge).
Die onkolytisehen Eigenschaften yon giren.
Von
R. Siegert.
(Eingelangt am 31. August 1954.~
Unter ,,onkolytischen" Virusarten versteht man solche Vertreter
dieser Erregerklasse, die eine zerstSrende Wirkung auf Tumoren auszufiben vermSgen. Diese F~thigkeit wirkt insofern nicht iiberraschend, da
bekanntlich schon normale Zellen dureh die intrazelluli~r ablaufenden
Vermehrungsvorg~nge der Viren gesch~digt werden.' Daher kann eine
derartige Auswirkung der Virusvermehrung aueh bei entarteCen Wirtszellen erwartet werden, zumal deren quantitativ etwas abweiehenden
Enzymsysteme durch die Virussynthese leichter beeinflu~bar erscheinen,
als dies bei normalen Zellen der Fall ist.
Die Virusvermehrung in Krebszellen und ihr Einflu~ auf die Lebens~higkeit der Tnmoren verdient aus versehiedensten Grfinden gr5]te
Beachtung. So kSnnen die Viren gleiehsam als Sonde zum Studium der
St0ffwechselleistungen entarteter Zellen herangezogen werden, da ihre
Vermehrungsvorg~nge in engstem Zusammenhang mit dem Zellstoffwechsel stehen. Durch Vergleich mit dem Verhalten normaler Zellen
diirfte sieh nicht nur mancher neue Hinweis auf die Abweichungen des
Krebsstoffwechsels yon der ,,Norm" ergeben, sondern darfiber hinaus
auch unser Einbliek in die Vermehrungsweise der Viren und deren Voraussetzungen erweitern. Schliei~lich mull besonders daran gedacht
werden, ob die onkolytisehen Eigenschaften yon Viren nieht auch fiir
therapeutisehe Zwecke nutzbar gemacht werden kSnnen.
Mit. dem systematisehen Studium der onkolytischen Wirkung yon
Viren hat man erst in den letzten Jahren begonnen, w~hrend man friiher
der Virusvermehrung im Tumorgewebe grSl~ere Beachtung schenkte
als der Viruswirkung auf das Tumorwachstum. Die vorliegenden tierexperimentellen Ergebnisse haben einige ermutigende Hinweise auf die
Archly f. Virusforschung, Bd. VI, H. 2--3.
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1%. Siegert :
Beeinflussung des Tumorwachstums durch die kiinstliche Infektion mit
bestimmten Virusarten ergeben, die im Hinblick aud eine durchaus im
Bereich der MSglichkeit liegende praktische Nutzanwendung beim
Menschen allgemeineres Interesse beanspruchen und daher eingehend
besprochen werden sollen.
I. Zur Untersuchungsmethodik der virusbedingten Onkolyse.
Die Bewertung des onkolytischen Effektes eines Virus hat natiirlich
nach den gleichen Grundsi~tzen zu erfolgen, die man der Beurteilung
der Strahlenwirkung oder chemo$herapeutischer Agenzien zugrunde legt.
So wird die GrSBen~nderung solider Tumoren unter der Viruseinwirkung
durch Messungen verfolgt und durch histologische Untersuchungen der
Gewebsreaktionen vervollsti~ndigt. Einen weiteren Einblick in den Effekt
des Virus auf das Geschwulstgewebe vermitteln die ~berlebensraten
und die Verli~ngeruug der ~berlebenszeit virusbehandelter Tumortiere
im Vergleich zu unbehandelten Kontrollgruppen, mid sch]ieglich die
Priifung der Lebensf~higkeit des neoplastischen Gewebes durch Transplantation. Die Beurteflung der Gewebsreaktionen muB ergi~nzt werden
durch Untersuchungen, wie sich das Virus im Tumorgewebe verhi~lt,
welche Konzentrationen es dort erreicht und wie lange es dort persistiert.
ttierzu muB als Vergleich das VerhMten des Virus in normalen Geweben
herangezogen werden.
Die Schwierigkeit der Beurteflung der Prolilerationshemmung besteht
vor Mlem darin, dab die weitaus meisten der als onkolytisch erkannten
Virusarten hochpathogen shad und zum Tod der Versuchstiere fiihren.
Die MSglichkeit zu einer ausreichenden Beobachtung virusbehandelter
Tumoren besteht daher nur bei solchen Tieren, die eme gewisse Resistenz
gegeniiber der Infektion aufweisen und diese iiberleben. Wenn die Lebensf~higkeit der Zellen behandelter Tmnoren geprfift werden soll, kSnnen
zur Transplantation der virushaltigen Tumorsttickchen nur resistente
oder vorher immnnisierte Versuchstiere herangezogen werden, da sonst
die Tiere der Infektion bereits er]iegen, ehe das Ergebnis der Transplantation feststeht.
Die Bewertung des onkolytischen Effektes auf solide transplantable
Tumoren stellt aus verschiedenen Grfinden em schwieriges Problem dar.
Es muB beriicksichtigt werden, dab das neoplastische Gewebe kehaesfMls
homogen ist, sondern zentrMe Nekrosen aufweist. Daher ist die Zug~nglichkeit der Ze]len fiir die Virusinfektion in verschiedenen Teflen der
Geschwulst unterschiedlich. Man kann daher weder durch histologische
Untersuchungen noch durch Transplantation kleiner Tumorstiickchen
die Wirkung des Virus auf die gesamte Geschwulst zuverl~ssig beurteilen.
Fiir das Angehen der Transplantation ist eine Mindestzakl lebender
Die onkolytischen Eigensehaften von Viren.
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Zellen erforderlich, die z . B . fiir das M~usesarkom 180 yon Zahl und
Drasher (I947) mit wenigstens 20.000 beziffert wurde. Das Ausbleiben
eines Transplantationserfolges berechtigt also nicht zu der Annahmc,
dab alle Tumorzellen flare Lebensf~higkeit unter der Viruseinwirkung
eingebiil3t haben. Beim soliden Tumor ist also weder eine gleichzeitige
einheitliche Infektion der Zellen, noch eine zuverl~ssige Bestimmung
der darin enthaltenen Zellzahl, noch eine einwandffeie Beurteflung der
zellul~ren Lebensf~higkeit mSglich. Ferner besteht nur geringe Aussicht,
den Vorgang der Virusinvasion in das Gewebe studieren und den Mechunismus der Viruswirkung kl~ren zu kSnnen.
An Stelle solider Tumoren, die aus organisierten Aggregaten verschiedener Zelltypen bestehen, ist die Verwendung yon Suspensionen
maligner Zellen von einheitlichem Typ, wie sie in der Ascitesform des
Ehrlich-Carcinoms zur Verffigung stehen, ffir viele Fragestellungen des
Tumor-Virussystems wesentlich zweckm~13iger (Ackermann und Kurtz,
1952, Moore und Diamond, 1952/53, Koprows]ca und Koprowski, 1953).
In diesem Fall kann die Infektion gleichzeitig bei einer grSBeren Z~hl yon
Zellen erfolgen, und der Adsorptions- und Vermehrungsvorgang am
gleichen Objekt laufend beobachte$ werden. Ferner ist eine zahlenm/~$ige
Bestimmung der suspendierten Tumorzellen und des Anteiles der gesch/~digten Zellen mSglich. Die Resultate der nachfolgenden Transplantationen werden nicht durch das Vorkommen unspezifischer ~ekrosen
in den Kontrollen gestSrt. Die histologischen und biochemischen Zellver/~nderungen kSnnen schliel]lich individuell beobaehtet werden.
lI. Die wichtigsten der bisherigen tierexperimentellen Erfahrungen.
AJs erste haben Levaditi und Nicolau (1922/23) das Verhal~en yon Viren
im Tumorgewebe studiert und zw~r zun/ichs~ die Vermehrung eines neurotropen Stammes des Vakzinevirus in spontanen 1VI/~use-und Rattentumoren.
Sie stellten fest, dal~ Epitheliome ein ausgezeiehnetes Kulturmedium ffir
dieses Virus darstellen, das sich dort welt st/~rker anreichert als in Sarkomen.
Dieses Ergebnis war insofern nicht fiberraschend, als das Vakzinevirus gegenfiber Ektodermalgewebe ganz allgemein eine grSl~ere Affinit/~t besitzt als zu
Mesodermalgeweben. Die Anwesenheit des infektiOsen Agens beeintr/~ehtigte
h~ufig das Prol (...truncated)