Biologie und Pathologie von Coronaviren
Der Pathologe
Schwerpunkt: COVID-19
Pathologe
https://doi.org/10.1007/s00292-021-00923-y
Angenommen: 29. Januar 2021
© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von
Springer Nature 2021
Schwerpunktherausgeber
W. Roth, Mainz
P. Boor, Aachen
Coronaviren umfassen eine eigene
Virusfamilie, die in zahlreiche Genera unterteilt werden kann. Sie
sind seit mehreren Jahrzehnten bekannt und zirkulieren in Tieren und
im Menschen. Die einzelnen Vertreter unterscheiden sich teilweise
hinsichtlich ihrer Genomorganisation oder Replikation. Erkrankungen
gehen meist mit milden Symptomen
einher und können wie andere virale Infektionen auch asymptomatisch
verlaufen. Erkrankungen mit SARSCoV-2 können wie auch bei SARS
und MERS mit schwerwiegenden
Schädigungen, wie beispielsweise
(Mikro-)Thrombosen einhergehen.
Humane Coronaviren sind bereits seit
circa 1966 bekannt und gemäß ihrer
charakteristischen Oberflächenproteine
nach dem lateinischen Wort „Corona“
(Strahlenkranz) benannt [6, 11, 54].
Aufgrund ihrer Morphologie bilden sie
eine eigene Familie und gehören der
Ordnung Nidovirales an [44]. Coronaviren zirkulieren in zahlreichen Tieren
wie Mäusen, Schweinen, Rindern und
Fledermäusen. Speziell Coronavirusinfektionen bei Nutztieren können in der
Viehzucht schwere wirtschaftliche Folgen haben [49]. Die humanpathogenen
Coronaviren umfassen die endemischen
α-Coronaviren CoV-229E und NL63 sowie die β-Coronaviren CoV-HKU1 und
OC43 (. Abb. 1), die seit Jahrzehnten in
der Bevölkerung zirkulieren [11, 44, 54].
Nach den Ausbrüchen der Coronaviren
SARS-CoV und MERS-CoV im Jahr2003
und 2012 folgte Ende 2019 in China der
Ausbruch eines neuartigen Coronavirus,
Selina Traxler1 · Michael Schindler2 · Hans Bösmüller1 · Karin Klingel1
1
Institut für Pathologie und Neuropathologie, Molekulare Pathologie, Universitätsklinikum Tübingen,
Tübingen, Deutschland
2
Institut für Medizinische Virologie und Epidemiologie, Molekulare Virologie, Universitätsklinikum
Tübingen, Tübingen, Deutschland
Biologie und Pathologie von
Coronaviren
das seither weltweit zirkuliert und die
Gesundheitssysteme sowie die Patientenversorgung an seine Grenzen bringt
[33, 43, 49, 56, 58]. Basierend auf der
Phylogenie, Taxonomie und dem Krankheitsbild wurde diese neue Virusspezies
den Coronaviren, die ein schweres akutes respiratorisches Syndrom (SARSCoVs) verursachen können, zugeordnet und vom Internationalen Komitee
für Virustaxonomie als SARS-CoV-2 benannt [14]. SARS-CoV-2 weist dabei wie
SARS-CoV und MERS-CoV ähnliche
Genomsequenzen zu den in Tieren zirkulierenden Coronaviren auf und wurde
höchstwahrscheinlich mittels Zoonose
auf den Menschen übertragen. Die größten Sequenzhomologien von SARS-CoV,
MERS-CoV und SARS-CoV-2 wurden
zu in Fledermäusen, Dromedaren oder
dem Pangolin zirkulierenden Coronaviren beschrieben [2, 16, 24, 34, 35].
Die Übertragung der Coronaviren
erfolgt sowohl im Tierreich als auch
beim Menschen hauptsächlich über
Tröpfcheninfektionen [22, 44]. Während Erkrankte mit einem endemischen
Coronavirus oder SARS-CoV in der
Regel erst mit Symptombeginn infektiös
sind, kann SARS-CoV-2 bereits vor Symptombeginn verbreitet werden. Dadurch
steigt das Infektionsrisiko mit SARSCoV-2 in der Bevölkerung erheblich an.
Zusätzlich tragen hierbei Ansteckungen
über Aerosole einen erheblichen Anteil zum Infektionsgeschehen bei, das
die Eindämmung von Infektionsketten
erschwert [7, 44, 49, 53].
Virologie und Biologie der
Coronaviren
Coronaviren sind einzelsträngige RNAViren mit Plusstrangorientierung, sphärischer Struktur und einem Durchmesser
von 80–120 nm [3, 6, 22, 40]. Im Vergleich
zu anderen RNA-Viren weisen Coronaviren mit einer Länge von circa 30.000 Basen das größte Genom auf [22]. Die Genomorganisation der Coronaviren, die
sich unter anderem durch ribosomale
Leserasterverschiebungen im Replikationszyklus, spezielle Nichtstrukturproteine und enzymatische Aktivitäten auszeichnet, ist hierbei besonders hervorzuheben [22, 49]. Neben den charakteristischen Spikeproteinen auf der Oberfläche
ist das umhüllte Nukleokapsid aus helikalen, symmetrisch angeordneten Nukleokapsiden aufgebaut [22]. Das Virusgenom organisiert sich hauptsächlich durch
die am 3′ -Ende des Genoms codierten
folgenden 4 Proteine [22, 38, 44]:
Das Spikeprotein (S-Protein) umfasst
circa 150 kDa und ermöglicht den Coronaviren den Eintritt in die Zelle des jeweiligen Wirtes [22]. Die Spikestruktur
kommt durch ausgebildete Homotrimere aus Glykoproteinen zustande [5, 19,
22].
Das S-Protein fungiert als Klasse-1Fusionsprotein und setzt sich aus 2 Unter-
Mehr Informationen zum Thema
4 https://www.herzstiftung.de/
herzstiftung-und-forschung/forschungund-foerderung/forschungsprojekte/
covid-19-projektfoerderung
4 https://www.escardio.org/Education/
COVID-19-and-Cardiology
Der Pathologe
Schwerpunkt: COVID-19
Abb. 1 9 Phylogenetische
Klassifizierung der Coronaviren. (Modifiziert nach
Peiris [44])
einheiten, der Rezeptorbindungsdomäne S1 und dem Stiel des Spikeproteins,
S2 zusammen, die beim Bindungsprozess
an die Wirtszelle mittels Furin-ähnlicher
Proteasen gespalten werden [9, 15, 22, 36,
37, 39].
Das Membranprotein (M-Protein) verleiht mit circa 25–30 kDa den Coronaviren ihre typische Struktur [6, 22, 44].
Spezielle Dimerstrukturen sollen durch
Konformationsänderungen die Membrankrümmung und Bindung an das
Nukleokapsid im M-Protein aktiv fördern [22, 41].
Das Hüllprotein (E-Protein) mit circa 8–10 kDa hat höchstwahrscheinlich
eine Funktion als Transmembranprotein mit Ionenkanalaktivität [17, 22, 42].
Das einzige im Nukleokapsid vorhandene Nukleokapsidprotein (N-Protein),
kann durch seine C- und N-terminale
Domäne RNA binden [13, 22]. Die Bindung des N- an das nsp3-Protein des
Replikasekomplexes und des M-Proteins verbessert die Wechselwirkungen
zwischen viralem Genom und dem Replikase-Transkriptase-Komplex, was sich
positiv auf den Zusammenbau der Viren
Der Pathologe
und deren Stabilität auswirkt [21, 22, 27,
28, 37].
Genomorganisation und
Replikation der Coronaviren
Das Replikasegen (20 kb) macht ungefähr
zwei Drittel des Genoms aus [22] und
umfasst Steuerungssequenzen sowie eine nichttranslatierte Region (UTR) mit
Haarnadelschleifen, die Funktionen in
der RNA-Replikation, Transkription und
der RNA-Synthese aufweisen [2, 22, 57].
Coronaviren binden über die S1Rezeptorbindungsdomäne (RBD) des
S-Proteins an die Oberfläche der Wirtszelle (. Abb. 2, Schritt 0), die sich je nach
Virus am N-terminalen Ende oder, wie
im Falle von SARS-CoV, am C-Terminus
befindet [5, 9, 22, 55]. Bei der Bindung der
α-Coronaviren sind Aminopeptidasen
[22, 55] involviert, wohingegen MERSCoV die Dipeptidylpeptidase 4 (DPP4)
nutzt [22, 46]. SARS-CoV-2 bindet wie
SARS-CoV und HCoV-NL63 an ACE2
(„angiotensin-converting enzyme 2“),
eine Protease, welche Angiotensin II zunächst bindet und anschließend spaltet.
Diese Bindung wird durch verschiedene
Lektine verstärkt [35, 37, 49]. Coronaviren mit Hemaglutininesterase (HE)
nutzen zur Bindung zusätzlich 9-O-acetylierte Neuraminsäurereste, wodurch
Zelleint (...truncated)