Diagnosestellung und Management von Pseudohypoparathyreoidismus auf Grundlage der neuen internationalen Nomenklatur
Mitteilungen der APED
J. Klin. Endokrinol. Stoffw. 2021 · 14:62–69
https://doi.org/10.1007/s41969-021-00138-9
Angenommen: 17. Mai 2021
© Der/die Autor(en) 2021
Diana-Alexandra Ertl1,2
1
Comprehensive Center for Pediatrics, Abteilung für Pädiatrische Pulmologie, Allergologie und
Endokrinologie, Medizinische Universität Wien, Wien, Österreich
2
Vienna Bone and Growth Centre, Vienna, Österreich
Diagnosestellung und
Management von
Pseudohypoparathyreoidismus
auf Grundlage der neuen
internationalen Nomenklatur
Hintergrund
Physiologische Effekte von Parathormon
(PTH) sind wohlbekannt. Im Knochen
regelt es die Mobilisierung von Kalziumphosphat, abhängig vom Serum-Kalziumspiegel. In der Niere führt PTH zur
erhöhten Bildung von 1,25-DihydroxyVitamin D, zu verminderter Phosphatabsorption im proximalen Tubulus sowie
erhöhter Kalziumreabsorption im distalen Tubulus [1–3]. Fuller Albright et al.
[4] haben 1942 als erste den Pseudohypoparathyreoidismus (PHP) als pathologische Entität, definiert durch PTHResistenz, beschrieben, die zu Hypokalzämie und Hyperphosphatämie bei
erhöhten PTH-Serumspiegeln führt. Zudem umfasste der Phänotyp syndromale
Merkmale wie Kleinwuchs, Brachydaktylie, ektope Ossifikationen sowie auffällig
runde Gesichtsform und wurde in seiner Gesamtheit als hereditäre AlbrightOsteodystrophie („Albright hereditary
osteodystrophy“, AHO) benannt. Später
wurden weitere Erscheinungsformen mit
ähnlichen biochemischen Charakteristika auf Grundlage einer PTH-Resistenz
der PHP-Gruppe zugeordnet.
Die Identifikation des G-Proteingekoppelten PTH-Rezeptors (PTH1R)
und der induzierten G-Protein-vermittelten Signaltransduktion führten zu
einem besseren Verständnis der Pathophysiologie [5, 6]. Sowohl PTH als
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Abb. 1 9 Die neue
Klassifikation der
iPPSD („inactivating
PTH/PTHrP signalling disorders“).
(Nach Thiele et al.
2016 [14]) Dargestellt sind die
Pathologien und die
involvierten Gene.
PHP Pseudohypoparathyreoidismus,
PPHP PseudoPHP, AHO hereditäre AlbrightOsteodystrophie,
POH progressive
ossäre Heteroplasie
Abb. 2 9 Die häufigsten
iPPSD-Merkmale, Komorbiditäten und deren Inzidenz [15]. TSH thyreoideastimulierendes Hormon,
PTH Parathormon, LH luteinisierendes Hormon,
FSH follikelstimulierendes Hormon, PHP Pseudohypoparathyreoidismus, PPHP Pseudo-PHP,
POH progressive ossäre Heteroplasie, ACRDYS Akrodysostose, iPPSD „inactivating PTH/PTHrP signalling disorders“ EL Endlänge,
SGA small for gestational
age
auch PTH-related protein (PTHrP) binden an PTH1R, der in Knochen und
Niere hoch-exprimiert vorliegt. Nach
Rezeptorbindung kommt es zur Aktivierung der Alpha-Subunit des G-Proteins
(Gsα), gefolgt von cAMP-mediierten
Downstream-Effektormechanismen, die
schließlich zur Aktivierung von Proteinkinase A (PKA) führen. Da mehrere
Gene in diesen Signaltransduktionsweg
involviert sind (GNAS, PDE4D, PDE3A
und PRKAR1A), kann eine Variante jedes dieser Gene zu einer einge-
schränkten PTH-Aktivität führen. Die
Wirkungen von thyreoideastimulierendem Hormon (TSH), Growth-hormonereleasing-Hormon (GHRH), Calcitonin
sowie der Gonadotropine werden ebenfalls über den Gsα/cAMP/PKA-Pathway
mediiert [7].
Ursprünglich umfasste PHP das
Blomstrand-Syndrom und das EikenSyndrom (durch inaktivierende PTHR1Mutationen), den PHP Typ 1 mit den Untergruppen PHP1A und PHP1B (klinisch
AHO), PHP1C, Pseudo-PHP (PPHP)
und progressive ossäre Heteroplasie
(POH) sowie den PHP Typ 2. Letztere
Entität wurde durch Anstieg von cAMP
(zyklisches Adenosinmonophosphat)
im Harn nach PTH-Gabe gegenüber
dem charakteristischerweise fehlenden
cAMP-Anstieg bei PHP Typ 1 abgegrenzt
[8].
Bereits in den 1990er-Jahren wurden
heterozygot vorliegende, inaktivierende
GNAS-Varianten als Ursache für PHP1A
und PPHP entdeckt [9, 10]. Später wurde gezeigt, dass GNAS einer elterlichen
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Zusammenfassung · Abstract
genomischen Prägung unterliegt und die
maternale Genkopie funktionell maßgeblich ist, sodass eine inaktivierende
maternale Genveränderung zum Vollbild einer AHO führt, wohingegen eine
paternale genetische Variante das klinische Bild eines PPHP bzw. einer POH
bewirkt. Als Ursache des PHP1B wurden
Methylierungsdefekte am GNAS-Lokus
nachgewiesen [11]. Die Klassifikation
eines PHP1C wurde früher bei Nachweis einer normalen Gsα-Aktivität bei
Patient_innen mit AHO verwendet, die
vermutlich technisch zustande gekommen war, und gilt mittlerweile als obsolet,
ebenso wie der selten beschriebene PHP
Typ 2, der ätiopathogenetisch nicht klar
zugeordnet werden konnte [12, 13].
Mit der Aufklärung des Gsα/cAMP/
PKA-Signaltransduktion-Pathways und
Entdeckung des Gens PRKAR1A (kodiert für die regulatorischen Elemente
der PKA) bzw. PDE4D (kodiert für die
Phosphodiesterase Typ 4) als Ursache
der Akrodysostose Typ 1 (ACRDYS1)
bzw. Typ 2 (ACRDYS2) wurde eine
Revision der Nomenklatur von PHP
notwendig, um die diversen Störungen klinisch und ätiopathogenetisch zu
verbinden und neu zu ordnen. 2016
schlug das Europäische PHP-Netzwerk
eine neue Klassifikation vor [14], in
der die bekannten Erscheinungsformen
sowie neu definierte Pathologien unter
dem Namen „inactivating PTH/PTHrP
signalling disorders (iPPSD)“ zusammengefasst werden (. Abb. 1).
Diagnose von PHP/iPPSD
Die klinische Unterscheidung zwischen
Subtypen von PHP kann aufgrund der
großen klinischen Bandbreite auch für
erfahrene Endokrinolog_innen herausfordernd sein.
Der PHP1A (selten auch schwerer
PHP1B) weist den AHO-Phänotyp auf
und führt durch vorzeitigen Wachstumsfugenschluss zu Kleinwuchs. Zusätzlich
treten ektope Ossifikationen auf. Die
AHO-Merkmale werden üblicherweise
im Verlauf der Kindheit evident. Der
PHP1B ist durch PTH-Resistenz ohne AHO-Zeichen definiert. Der PPHP
kann diskrete AHO Zeichen aufweisen,
obwohl keine PTH-Resistenz besteht.
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© Der/die Autor(en) 2021
https://doi.org/10.1007/s41969-021-00138-9
D.-A. Ertl
Diagnosestellung und Management von
Pseudohypoparathyreoidismus auf Grundlage der neuen
internationalen Nomenklatur
Zusammenfassung
Fast 80 Jahre nach der erstmaligen
Beschreibung ist die Diagnose des Pseudohypoparathyreoidismus für viele Ärzte immer
noch eine Herausforderung. Die Vielfalt der
klinischen Merkmale und des Verlaufs macht
die Diagnosestellung kompliziert. Einige
der Patient_innen bleiben unerkannt oder
werden erst im Erwachsenenalter diagnostiziert. Nachdem der pathophysiologische
Mechanismus verstanden wurde, wurde klar,
dass auch andere, verwandte Störungen in
Betracht gezogen werden sollten, wenn eine
Nebenschilddrüsenhormonresistenz oder ein
spezifischer Skelettphänotyp auftritt. Rezente
Studien haben gezeigt, dass Mutationen in
anderen Genen als dem schon bekannten
GNAS zu Störungen der PTH/PTHrPSignalübertragung führen, was einige der
gemeinsamen Merkmale des klassischen
Pseudohypoparathyreoidismus erklärt.
In diesem Artikel fassen wir die aktuellen
Literaturdaten zur neuen Nomenklatur de (...truncated)