Buchrezension zu: Ravenous

BIOspektrum, Sep 2021

Sies, Helmut

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Buchrezension zu: Ravenous

570 B Ü C H ER & ME DIE N © Liveright (W.W. Norton) Buchrezension zu: Ravenous Ravenous Otto Warburg, the Nazis, and the Search for the Cancer-Diet Connection Sam Apple 399 S., Liveright (W.W. Norton), 2021. HC, 28,95 $. ISBN: 9781631493157 DOI: 10.1007/s12268-021-1633-1 © Springer Verlag GmbH 2021 ó Im Januar 1934 kommt ein Zollbeamter zum Kaiser-WilhelmInstitut in Berlin-Dahlem und fordert Warburgs Ariernachweis. Er fliegt „hochkantig“ heraus. Warburg erwidert auch nicht den Hitlergruß. Er kommt damit durch. Dies und weitere Beispiele von überbordendem Selbstbewusstsein durchziehen die Beschreibung von Warburgs Charakter. Otto Heinrich Warburg (1883– 1970) zählt zu den überragenden Biochemikern des 20. Jahrhunderts. Seine fundamentalen Entdeckungen zur Zellatmung (Atmungsferment) wurden mit dem Nobelpreis ausgezeichnet (1931); einen zweiten 1944 (Flavoproteine, Nikotinamidnukleotide) konnte er nicht annehmen. Krebsforschung und Photosynthese waren weitere schwergewichtige Forschungsthemen. Sam Apple, amerikanischer Buchautor und Journalist, widmet sich dem Thema Warburg unter dem Titel „Ravenous“, also „unersättlich, heißhungrig, aber auch räuberisch“. Gemeint ist der Hunger nach Wissen und Erkenntnis als über allem Anderen stehende Maxime. „The Nazis“ im Titel lässt aufhorchen: Es stellt sich die Frage, wie Warburg es trotz jüdischer Großeltern fertigbrachte, über die Dauer des Dritten Reichs weitgehend unbehelligt sein Kaiser-Wilhelm-Institut für Zellphysiologie zu führen, während andere jüdische Wissenschaftler entweder auswanderten oder Schlimmstes in Deutschland erfahren mussten. Ein Teil der Erklärung liegt laut Apple in der „Cancer-Diet Connection“. Offenbar hatten die Nazigrößen extremes Interesse an der Lösung des Krebsproblems und sahen in Warburgs Forschung den Schlüssel. Apple beleuchtet Warburgs Persönlichkeit besonders von den menschlichen Exzentrizitäten, die unstrittig auch vorhanden waren, wie z. B. Selbstbewusstsein, Arroganz, Streitsucht, untypischer Lebenswandel. Trotz ausführlicher Recherche muss Apple oft mangels direkter Information im Konjunktiv bleiben, und es ist höchst fraglich, ob wir es wirklich mit einem wahren „Faust“ zu tun haben, der seine Seele dem Teufel verkauft, wie Apple andeutet. Viele Zeitdokumente sind in anregender Form journalistisch verarbeitet, und insgesamt ist das Buch lesenswert. Dass Warburg nicht nur eng mit seinen technischen Assistenten auf allerhöchstem Niveau geforscht hat, sondern auch junge Wissenschaftler direkt als Schüler gefördert hat, kommt in dem Buch leider zu kurz – vor allem Schüler wie Hans Krebs und Theodor Bücher, beide mit später erheblichem Einfluss auf die Entwicklung der Lebenswissenschaften. Ebenso die Genealogie von Liebig – Kekulé – Emil Fischer – Warburg, eine Reihe eminenter Forscher, die zurück zu den Ursprüngen der Ernährungswissenschaft führt. Der zweite Teil des Buchs ist nämlich dem Thema Krebs und Ernährung sowie dem „Warburg-Effekt“ gewidmet. Hier zeichnet Apple ausführlich, wie Warburg seine Ideen verfocht, wie sie dann in der Eklipse verschwanden, und wie sie mit neuen Erkenntnissen der Stoffwech- selforschung eine Auferstehung im 21. Jahrhundert erfuhren. Von Otto Warburg bleibt sein epochaler Beitrag zu den Lebenswissenschaften. Jenseits der teils etwas gefärbten Interpretationen sind die Details des persönlichen Lebens und des zeitgeschichtlichen Zusammenhangs höchst empfehlenswerte Lektüre. ó Helmut Sies, Düsseldorf, BIOspektrum | 05.21 | 27. Jahrgang (...truncated)


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Sies, Helmut. Buchrezension zu: Ravenous, BIOspektrum, 2021, pp. 570, Volume 27, Issue 5, DOI: 10.1007/s12268-021-1633-1