Immunmodulatorische Therapien bei Multipler Sklerose in der Pandemie
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COVID-19
Immunmodulatorische Therapien bei
Multipler Sklerose in der Pandemie
Mark Pawlitzki, Sven G. Meuth – Düsseldorf
Vor dem Hintergrund der anhaltenden COVID-19(Corona-Virus-Disease-19)-Pandemie besteht
weiterhin eine Unsicherheit aufseiten von Patienten und Behandlern im Umgang mit Immuntherapien zur Behandlung der Multiplen Sklerose (MS). Dieser Artikel soll die aktuellen Zusammenhänge zwischen der MS-Erkrankung und dem Risiko einer COVID-19-Erkrankung beleuchten
sowie praktische Handlungsempfehlungen im Umgang mit Immuntherapien liefern.
Insbesondere zu Beginn der Pandemie bestand die
große Sorge, dass MS-Patienten aufgrund der oft bereits bestehenden neurologischen Beeinträchtigung
ein höheres Infektionsrisiko haben, welches durch
den Einsatz der notwendigen verlaufsmodifizierenden, immunkomprimierenden Therapien noch erhöht wird. Letztlich führte dies auch zu probatorischen Therapieunterbrechungen oder Verzögerungen, vor allem Patienten unter Pulstherapien (Cla
dribin, Alemtuzumab, Ocrelizumab) waren hiervon
betroffen [1, 2]. Im Laufe der vergangenen Monate
wurden erste Daten von internationalen MS-Zentren veröffentlicht, die für die meisten Immuntherapien Entwarnung geben konnten [3, 4, 5, 6]. Unter
38 InFo Neurologie + Psychiatrie 2021; 23 (7-8)
Berücksichtigung der nun anlaufenden flächendeckenden Impfungen stellt sich jedoch die Frage, inwieweit bei Patienten unter der jeweiligen Immuntherapie eine adäquate Impfantwort zu erwarten ist
und welcher Impfzeitpunkt gewählt werden sollte.
Multiple Sklerose und COVID-19
Die initiale Sorge vor hohen Infektionszahlen und
schweren COVID-19-Krankheitsverläufen bei MSPatienten hat sich erfreulicherweise nicht bestätigt.
Nach aktuellem Kenntnisstand besteht kein MS-bedingtes erhöhtes Infektionsrisiko. So ergaben bereits
die ersten Berichte aus MS-Zentren in China, Italien
und Chile eine nur geringe Anzahl an COVID-
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19-Erkrankungen [3, 4, 5]. Schwere Krankheitsverläufe scheinen dabei weniger mit der zugrunde liegenden Immuntherapie assoziiert zu sein, sondern
eher mit dem Grad der Behinderung oder mit der
Multimorbidität der Patienten [6]. So geht man insbesondere bei älteren, adipösen Patienten von einem
entsprechend erhöhten Risiko für schwere Verläufe
aus, so wie sich dies auch in der Allgemeinbevölkerung zeigt [6]. Hinsichtlich der MS lag bei schweren
Krankheitsverläufen meist ein höherer Punktwert
auf der Expanded Disability Status Scale (EDSS) vor.
Insbesondere rollstuhlpflichtige oder bettlägerige
Patienten scheinen aufgrund der damit meist einhergehenden eingeschränkten Atemfunktion besonders
gefährdet zu sein [7]. Wie jede Infektion kann auch
die Infektion mit dem Coronavirus-2 (SARS-CoV-2)
zu einer infektassoziierten Verschlechterung bestehender Symptome führen, wobei dies bisher nur selten berichtet worden ist. Ein Absetzen der Immuntherapie über mehrere Wochen im Falle einer COVID-19 könnte jedoch zu einem Aufflammen der
MS-Erkrankung führen, weshalb der Umgang mit
der Vielzahl an verschiedenen Immuntherapien
eine große Herausforderung im klinischen Alltag
darstellt.
Immuntherapien und COVID-19
Wie erwähnt, scheint für die meisten Immuntherapien zur Behandlung der MS nur ein gering erhöhtes Risiko für eine Infektion oder einen schweren
Krankheitsverlauf zu bestehen [7]. Einige Substanzen könnten aufgrund ihres Wirkmechanismus auch
protektive Eigenschaften besitzen, wobei es hierfür
keine überzeugenden Daten aus der klinischen Praxis gibt [8]. Dennoch wird ein Fortsetzen der Therapie auch im Krankheitsfall für viele der Substanzen
empfohlen.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Vielzahl an
Präparaten zur Behandlung des schubförmig remittierendes Verlaufs der MS (RRMS) unterteilt man sie
in Substanzen für den milden/moderaten Krankheitsverlauf (Interferon beta, Dimethylfumarat, Glatirameracetat und Teriflunomid) sowie in Therapeutika für die (hoch)-aktive RRMS (Cladribin, Fingolimod, Ozanimod, Alemtuzumab, Ocrelizumab, Natalizumab und Mitoxantron).
Für die primär (PPMS) und sekundär chronisch
progredienten (SPMS) Verläufe der MS stehen mit
Ocrelizumab (PPMS) und Siponimod (SPMS) neue
Substanzen zur Verfügung, sodass nun insbesondere auch ältere MS-Patienten immuntherapeutisch
behandelt werden [9]. Da die chronisch progredienten Verläufe zusätzlich auch durch einen meist höheren Behinderungsgrad gekennzeichnet sind, besteht hier bezüglich einer COVID-19 ein höheres Risikoprofil, welches sich auch in den bisher publizierten Fallserien widerspiegelt [3, 6]. Entsprechend
sollte in diesem Fall die Indikation für den Beginn
beziehungsweise die Fortführung der Therapie kritisch gestellt werden.
Aus Übersichtgründen wird im Folgenden die
Einteilung der Substanzen nach den Wirkmechanismen gewählt.
Interferon beta
Interferon beta einschließlich PEG-Interferon wird
zur Behandlung der RRMS sowie SPMS eingesetzt
[10]. Hierunter ist nur von einem geringen Infektionsrisiko für SARS-CoV-2 auszugehen [11]. Auch das
Fortsetzen der Therapie im Falle einer Infektion erscheint vor dem Hintergrund der antiviralen Potenz
der Substanz sinnvoll [8, 12], zumindestens ist ein
Absetzen nicht notwendig.
Dimethylfumarat
Dimethylfumarat kann zu einer teils ausgeprägten
Lymphopenie führen, die mehrere Monate anhält
und insbesondere Patienten im Alter über 55 Jahren
betrifft [13, 14]. Neben dem Risiko für opportunistische Infektionen könnte diese Konstellation auch zu
einem schweren COVID-19-Verlauf führen, wobei
die bisherige Datenlage dazu keine eindeutigen
Rückschlüsse erlaubt [3, 15]. Bisher sind fast ausschließlich mild verlaufende COVID-19-Fälle unter
Dimethylfumarat beschrieben worden, wobei eine
schwere Lymphopenie nicht bestand [15]. Entsprechend sollte nur im Falle einer COVID-19 bei gleichzeitig schwerer Lymphopenie die Therapie pausiert
werden.
Glatirameracetat
Für Glatirameracetat zeigen bisherige Studien, dass
von keinem erhöhten Infektionsrisiko auszugehen
ist [11]. Insbesondere sind hierunter keine schweren
Verläufe zu erwarten, entsprechend sollte die Therapie fortgesetzt werden.
Teriflunomid
Teriflunomid kann zu einer Lymphopenie führen,
wobei ein erhöhtes Infektionsrisiko nur selten beobachtet wird. Bisher sind fast ausschließlich milde
COVID-19-Verläufe unter der Therapie beschrieben
worden [11, 16]. Die antiviralen Eigenschaften der
Substanz könnten den Verlauf möglicherweise positiv beeinflussen [8], eine Therapieunterbrechung erscheint zumindest nicht indiziert.
Die initiale Sorge
vor hohen Infektionszahlen und
schweren COVID19-Krankheitsverläufen bei
MS-Patienten hat
sich erfreulicherweise nicht bestätigt. Nach
aktuellem Kenntnisstand besteht
kein MS-bedingtes erhöhtes
Infektionsrisiko.
Für die meisten
Immuntherapien
zur Behandlung
der MS scheint
nur ein gering erhöhtes Risiko für
eine Infektion
oder einen
schweren Krankheitsv (...truncated)