Intrazerebrale Blutungen unter Plättchenaggregationshemmung und oraler Antikoagulation bei Patienten mit zerebraler Amyloidangiopathie
Der Nervenarzt
Übersichten
Nervenarzt
https://doi.org/10.1007/s00115-021-01206-w
Angenommen: 13. September 2021
© Der/die Autor(en) 2021
Intrazerebrale Blutungen unter
Plättchenaggregationshemmung
und oraler Antikoagulation bei
Patienten mit zerebraler
Amyloidangiopathie
R. Haußmann1,7 · P. Homeyer1 · M. Haußmann2 · M. Brandt3,5 · M. Donix1,5 · V. Puetz3,6 ·
J. Linn4,6
1
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus,
Technische Universität Dresden, Dresden, Deutschland
2
Dialysepraxis Leipzig, MVZ, Leipzig, Deutschland
Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, Technische Universität
Dresden, Dresden, Deutschland
3
4
Institut und Poliklinik für diagnostische und interventionelle Neuroradiologie, Universitätsklinikum Carl
Gustav Carus, Technische Universität Dresden, Dresden, Deutschland
5
DZNE, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, Dresden, Deutschland
DNVC, Dresdner Neurovaskuläres Centrum, Dresden, Deutschland
7
Universitäts DemenzCentrum (UDC), Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie,
Uniklinikum Dresden, Dresden, Deutschland
6
Zusammenfassung
Die Durchführung einer oralen Antikoagulation ist bei Patienten mit einer
zerebralen Amyloidangiopathie eine therapeutische Herausforderung. Die
Assoziation der zerebralen Amyloidangiopathie mit Lobärblutungen, eine hohe
Mortalität intrazerebraler Blutungen insbesondere unter oraler Antikoagulation
sowie das hohe Rezidivrisiko solcher Blutungen erfordern eine strenge und
interdisziplinäre Risiko-Nutzen-Abwägung. Vitamin-K-Antagonisten erhöhen das
Risiko für die mit intrazerebralen Blutungen vergesellschaftete Mortalität um 60 %
und sollten daher möglichst vermieden bzw. speziellen klinischen Situationen
(z. B. mechanischer Aortenklappenersatz) vorbehalten sein. Auch der Einsatz von
neuen oralen Antikoagulanzien und Thrombozytenaggregationshemmern bedarf
einer strengen Risiko-Nutzen-Abwägung, da auch diese Substanzen das zerebrale
Blutungsrisiko erhöhen. Insbesondere bei Patienten mit einer absoluten Arrhyhtmie
bei Vorhofflimmern ist der interventionelle Vorhofohrverschluss eine therapeutische
Alternative. Darüber hinaus sind weitere klinische Implikationen bei Patienten mit
zerebraler Amyloidangiopathie Gegenstand dieser Literaturübersicht, beispielsweise
Besonderheiten nach akutem ischämischem Schlaganfall und erforderlicher
Sekundärprophylaxe, bei vorherigen intrazerebralen Blutungen und bei Patienten mit
kognitiven Defiziten.
Schlüsselwörter
Cerebrale Amyloidangiopathie · Intracerebrale Blutung · Thrombozytenaggregationshemmung ·
Orale Antikoagulation · Interventioneller Vorhofohrverschluss
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Übersichten
Hintergrund
Eine zerebrale Amyloidangiopathie (CAA)
ist bei 20–40 % der älteren Bevölkerung ohne Demenzerkrankung und bei
50–60 % der Menschen mit Demenzerkrankung nachweisbar [1]. Die CAA
kann sich mit intrazerebralen Lobärhämatomen, zerebralen Mikroblutungen,
fokalen Subarachnoidalblutungen und
einer kortikalen superfiziellen Siderose
(cSS) manifestieren. Bei der cSS handelt
es sich um lineare Hämosiderinablagerungen im Subarachnoidalraum oder den
oberflächlichen Kortexschichten der Konvexität, die Residuen vorangegangener
fokaler Subarachnoidalblutungen darstellen. Die CAA wird bei einem beträchtlichen
Anteil der Fälle nichttraumatischer intrazerebraler Blutungen (ICB) als ursächlich
angenommen [1]. Patienten mit einer
CAA und stattgehabter ICB haben ferner ein erhöhtes Rezidivrisiko für eine
erneute ICB [2]. Die bedeutsamsten Prädiktoren für die Entwicklung einer ICB
bei Patienten mit einer CAA sind eine
zurückliegende ICB, das Vorliegen einer
disseminierten cSS sowie die Dauer und
Art der oralen Antikoagulation [2]. Insbesondere bei bestehender Indikation zur
therapeutischen Antikoagulation älterer
Patienten, beispielsweise aufgrund eines
Vorhofflimmerns, sehen sich Behandler
häufig mit dem Dilemma konfrontiert,
dass die aktuell verfügbaren Assessments
zur Abschätzung des Blutungsrisikos unter Antikoagulation, wie beispielsweise
der HAS-BLED-Score [3], das Vorliegen
einer CAA und das damit assoziierte ICBRisiko unzureichend berücksichtigen und
momentan eine geringe Evidenz zur Risiko-Nutzen-Abwägung hinsichtlich der
Einleitung oder des Wiederbeginns einer oralen Antikoagulation bei diesen
Patienten besteht.
Etwa 9 % der über 65-jährigen Menschen leiden an einer absoluten Arrhythmie bei Vorhofflimmern, und sowohl die
Prävalenz der CAA als auch die Prävalenz
des Vorhofflimmerns steigen im höheren
Lebensalter deutlich an [4, 5], weshalb dieses Dilemma von wachsender klinischer
Bedeutung ist. Vor diesem Hintergrund
fasst diese Literaturübersichtsarbeit aktuelle Daten zum Blutungsrisiko bei Patien-
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Der Nervenarzt
ten mit CAA und gerinnungshemmender
Medikation zusammen.
Methodik
Diese Übersichtsarbeit wurde unter Nutzung der über PubMed verbundenen biomedizinischen Datenbanken erstellt. Eine zusätzliche Suche erfolgte anhand der
in den Literaturverzeichnissen gefundenen Original- und Übersichtsarbeiten. Dabei wurden präferenziell Originalarbeiten
gesucht. Auch die verfügbaren Leitlinien wurden berücksichtigt. In Anbetracht
der Datenlage fanden jedoch verschiedene Studiendesigns, metaanalytische Daten
und auch Literaturübersichten Berücksichtigung.
Risiko für intrazerebrale Blutungen
bei zerebraler Amyloidangiopathie
allgemein
Die CAA wird zunehmend als wichtige Ursache für eine lobäre ICB im höheren Lebensalter wahrgenommen [6]. Das primäre
ICB-Risiko bei Patienten mit einer CAA ist
abhängig von verschiedenen MRT-Biomarkern und von der allgemeinen Amyloidlast [4]. Lobäre Hämorrhagien auf dem
Boden einer CAA weisen eine Mortalität
von 20–30 % auf [7, 8]. Insbesondere ICBs
unter oraler Antikoagulation sind mit einer
hohen Mortalität von bis zu 52 % vergesellschaftet [4]. Eine Hämatomgröße < 50 ml
und eine GCS-Score ≥ 8 sind in diesem
Zusammenhang bedeutsame Prädiktoren
für eine günstige Prognose [7].
Patienten mit einer CAA und vorheriger ICB weisen ein jährliches Rezidivblutungsrisiko von 8,9 % pro Jahr auf [4]. Insbesondere im Vergleich zu Patienten mit
einer hypertensiv bedingten ICB weisen
Patienten mit einer CAA-assoziierten ICB
ein vergleichsweise hohes Rezidivrisiko auf
[9]. In zwei Fallserien lag die Rezidivblutungsrate nach 2 Jahren bei 21 % bzw. nach
2,6 Jahren bei 24 % [10, 11]. Andere Studien
zeigen ein ungefähres Rezidivblutungsrisiko bei hypertensiver ICB von 7 % [12].
Aktuelle Daten lassen vermuten, dass das
Rezidivblutungsrisiko wiederum mit jeder
weiteren ICB ansteigt [13]. Insbesondere
Areale mit hoher Amyloidlast scheinen dabei Prädilektionsstellen für weitere ICBs zu
sein [8, 14].
Als Risikofaktoren für eine ICB im Rahmen einer CAA gelten eine stattgehabte
ICB (HR 7,7; 95 %-KI 1,4–15,7), das Vorliegen einer cSS, eine höhere Anzahl lobärer Mikroblutungen und CT-Hypodensitäten im posterioren Marklager [13]. Das
mit kortikalen (...truncated)