Telemedizin und digitale Hilfen in der psychiatrischen Praxis
Psychiatrie
psychopraxis. neuropraxis
https://doi.org/10.1007/s00739-022-00791-y
Angenommen: 31. Januar 2022
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Springer Nature 2022
Michael Krenn1,2
1
2
Niedergelassene Facharztpraxis, Wien, Österreich
PsyMeDoc-Informatics und Therapiezentrum Aspern, Wien, Österreich
Telemedizin und digitale Hilfen in
der psychiatrischen Praxis
Pilotprojekt und kasuistische Darstellung
Einleitung
Die Begrifflichkeit der Teletherapie hat
in den letzten Jahrzehnten einen Wandel
durchgemacht. Ursprünglich im Kontext
von Strahlentherapie verwendet, hat sich
ab der Jahrtausendwende der Begriff immer mehr auf eine supervidierte per Datenfernübertragung und Videotelefonie
assistierte Therapieform übertragen.
Wenn wir aktuell über teletherapeutische Interventionen sprechen, so unterscheidet man verschiedene Kategorien. Es gibt diese online und offline, vom
Therapeuten begleitet oder unbegleitet,
als Apps vom Patienten selbst gesteuert
sowie neuerdings auch mittels KI assistierender Chatbots.
Entwicklung und Forschung
Im deutschsprachigen Raum gab es
2000–2002 von Siemens Healthcare erste
Schritte und telemedizinische Entwicklungen, woraus auch eine supervidierte Teletherapie entstand. In Österreich
nahm 2010 die ehemalige Sozialversicherung VAEB mit dem TelemonitoringProjekt „Gesundheitsdialog Diabetes
mellitus“ eine Vorreiterrolle ein. Wiewohl bereits dort zusätzlich zur Diabmemory-App (AIT Austrian Institute
of Technology GmbH, Österreich) mit
Motivation und Empowerment durch
Feedbackmechanismen auch psychosomatische Aspekte berücksichtigt wurden,
entwickelten sich webbasierte psychosoziale Programme erst richtig in der
letzten Dekade.
Die bisherige Forschung zu webbasierten Behandlungsformen konzentrier-
te sich vorwiegend auf Programme, die
vollständig über das Internet durchgeführt wurden. Es gab wenige Untersuchungen über gemischte Behandlungsformen, bei denen Internetinterventionen und regelmäßige Psychotherapiesitzungen (face-to-face, kurz f2f) kombiniert wurden, und schon gar nicht, wo
auch diese Sitzungen abwechselnd vor
Ort und per Videochat stattfanden.
In 2013 zeigte Kristoffer Mansson [1]
in einer schwedischen Machbarkeitsstudie zu „blended“ Formen der Psychotherapie bei gemischt ängstlich depressiver Stichprobe deutlich positive Effekte
in Bezug auf Gedächtnis und Lernleistung, insbesondere bessere Einhaltung
der Hausaufgaben und Förderung der
Autonomie und Selbstverwaltung der Patienten.
An der Universität Ulm untersuchte
2018 ein Team um Matthias Domhardt
[2] mobilbasierte Selbsthilfeinterventionen und verschiedene Varianten der Verzahnung dieser Interventionen mit ambulanter Psychotherapie und zeigte deren
Wirksamkeit.
Blended Care: eine
»Kombination
aus Online- und
Face-to-Face-Therapie
Die Möglichkeiten digitaler Behandlungsformen haben und werden auch in
Zukunft in den unterschiedlichen psychotherapeutischen Schulen ebenso unterschiedliche Gestaltannehmen. Derzeit
scheint die Entwicklung im verhaltenstherapeutischen Kontext am weitesten
gediehen zu sein. So entstanden hier
verschiedenste Blended-Care-Modelle
unter der Bezeichnung bCBT (blended
cognitive behavioural treatment; nicht
zu verwechseln mit BCBT [Brief Cognitive-Behavioral Therapy]). Aber auch
andere Therapieformen, insbesondere
die Akzeptanz- und Commitment-Therapie ACT (Beispiel ACTonPain) [3]
sind auf dem Vormarsch. Inzwischen
sind auch gut evaluierte psychodynamische Angebote im deutschsprachigen
Raum vorhanden. Diese sind typischerweise weniger störungsspezifisch orientiert, wie zum Beispiel KEN-Online,
das Prinzipien des Affektphobiemodells
beinhaltet.
Für die Verhaltenstherapie entwickelte 2016 eine holländische Gruppe um Lisa
Kooistra [4] eine nachweislich wirksame
bCBT mit depressiven Patienten für eine ambulante, spezialisierte psychische
Gesundheitsfürsorge. In einer Studie von
2020 [5] zur Untersuchung der therapeutischen Beziehung und des Arbeitsbündnisses konnten keine Unterschiede in der
Bewertung der therapeutischen Allianz
zwischen den randomisierten Gruppen
mit bCBT versus f2f-CBT gefunden werden.
Vorstellung Projekt TrustTable
Insbesondere soll hier nun auch ein
telemedizinisches Projekt vorgestellt
werden, welches in den letzten Jahren
entwickelt wurde und seit Beginn der
COVID-19-Pandemie auch praktisch
erprobt wird. Wobei hier im weiteren
Verlauf vorwiegend auf das psychiatrische und psychotherapeutische Setting
eingegangen werden soll.
psychopraxis. neuropraxis
Psychiatrie
Abb. 1 9 TrustTable-MiniApp zur Dokumentation
der Alkoholkonsumation
mit Verlaufsansicht: Balken
Magenta Alkoholmenge in
Gramm, Balken Orange Cravingscore 0-10
Die Software und Netzwerkarchitektur bestehen aus mehreren Ebenen. Die
unterste unsichtbare Ebene ist zugleich
die komplexeste, da hier auf ganz neue
Art und Weise Datenschutzräume erzeugt werden, die selbst vom Provider
nicht einsehbar sind, was selbst bei ELGA
nicht vorgeschrieben ist [6]. Der Provider ist hier wie ein blinder Treuhänder,
welcher nur sicherstellt, dass die Regeln
eingehalten werden. Das hat auch ungewöhnliche Konsequenzen. Einerseits für
die Entwicklung, da der Programmieraufwand um das Vierfache erhöht ist,
ohne selbst aus den Daten einen Nutzen gewinnen zu können. Andererseits
auch in der Anwendung, denn dadurch
ist es dem Provider unmöglich, Passwörter zurückzusetzen. Es wurden aber Prozedurengeschaffen, sodass beiVerlustdes
Passwortes nur der persönlich vertraute Therapeut einen für ihn selbst nicht
einsehbaren Mechanismus in Gang setzen kann, der am Provider vorbei das
verlorene Passwort an den Patienten zurückerstattet.
Auf der untersten Ebene, wo ein
Datenschutzraum zwischen den unterschiedlichen Gesundheitsdiensteanbietern (GDA) und Patienten geschaffen
wird, kann jeder registrierte und validierte Therapeut die verschiedensten
Techniken einsetzen. Ebenso können
selbst entwickelte Fragebögen etc. eingepflegt werden. Das Prinzip ist, die Autonomie des Behandlers zu gewährleisten.
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TrustTable folgt dabei vorwiegend den
Blended-Care-Modellen. Dabei werden
verschiedene Kommunikationskanäle
(z. B. Video) und systemeigene therapeutisch assistierende MiniApps innerhalb
der Plattform zur Verfügung gestellt.
Auch systemfremde, von anderen Institutionen entwickelte Tools können über
eigene sichere Schnittstellen integriert
werden.
TrustTable: verschiedene
»Kommunikationskanäle
und
therapeutisch assistierende
MiniApps
Sowohl im Einzelsetting zwischen Therapeuten und Patient wie auch im ambulanten Bereich, aber auch für Studien
approbierter Institutionen, liegt die Gestaltung wie Datenhoheit im alleinigen
Bereich dieser jeweiligen Einrichtungen.
TrustTable selbst ist kein GDA und hat
auch kein ambulantes Personal an sofort
verfügbaren Ärzten wie das z. B. bei den
eedoctors sehr gut konzipiert ist, sondern es ermöglicht jedem Therapeuten,
ein eigenes Patientenportal zu führen,
mit allen digitalen Interaktionshilfen für
ein therapeutisches T (...truncated)