Telemedizin und digitale Hilfen in der psychiatrischen Praxis

Mar 2022

TrustTable ( www.trusttable.at ) wurde als Pilotprojekt geschaffen, um eine webbasierte Lösung zur integrativen und multiprofessionellen Versorgung von Patienten zu bieten. Dies wird im Kontext psychiatrischer und psychotherapeutischer Praxis dargestellt. Dabei kommt Blended Care, einer Kombination aus Online- und Face-to-Face-Therapie, eine besondere Bedeutung zu. Um die Vorteile beider Behandlungsmodalitäten optimal für eine personalisierte Behandlung gemäß den aktuellen Bedürfnissen und Fähigkeiten des Patienten zu nutzen, wurde die Autonomie des Therapeuten besonders berücksichtigt. Das Projekt wurde aus ethischen Gründen als telemedizinischer Krisensupport zu Beginn der COVID-19-Krise für Experten wie Patienten geöffnet und wird seither laufend weiterentwickelt.

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Telemedizin und digitale Hilfen in der psychiatrischen Praxis

Psychiatrie psychopraxis. neuropraxis https://doi.org/10.1007/s00739-022-00791-y Angenommen: 31. Januar 2022 © The Author(s), under exclusive licence to Springer-Verlag GmbH Austria, ein Teil von Springer Nature 2022 Michael Krenn1,2 1 2 Niedergelassene Facharztpraxis, Wien, Österreich PsyMeDoc-Informatics und Therapiezentrum Aspern, Wien, Österreich Telemedizin und digitale Hilfen in der psychiatrischen Praxis Pilotprojekt und kasuistische Darstellung Einleitung Die Begrifflichkeit der Teletherapie hat in den letzten Jahrzehnten einen Wandel durchgemacht. Ursprünglich im Kontext von Strahlentherapie verwendet, hat sich ab der Jahrtausendwende der Begriff immer mehr auf eine supervidierte per Datenfernübertragung und Videotelefonie assistierte Therapieform übertragen. Wenn wir aktuell über teletherapeutische Interventionen sprechen, so unterscheidet man verschiedene Kategorien. Es gibt diese online und offline, vom Therapeuten begleitet oder unbegleitet, als Apps vom Patienten selbst gesteuert sowie neuerdings auch mittels KI assistierender Chatbots. Entwicklung und Forschung Im deutschsprachigen Raum gab es 2000–2002 von Siemens Healthcare erste Schritte und telemedizinische Entwicklungen, woraus auch eine supervidierte Teletherapie entstand. In Österreich nahm 2010 die ehemalige Sozialversicherung VAEB mit dem TelemonitoringProjekt „Gesundheitsdialog Diabetes mellitus“ eine Vorreiterrolle ein. Wiewohl bereits dort zusätzlich zur Diabmemory-App (AIT Austrian Institute of Technology GmbH, Österreich) mit Motivation und Empowerment durch Feedbackmechanismen auch psychosomatische Aspekte berücksichtigt wurden, entwickelten sich webbasierte psychosoziale Programme erst richtig in der letzten Dekade. Die bisherige Forschung zu webbasierten Behandlungsformen konzentrier- te sich vorwiegend auf Programme, die vollständig über das Internet durchgeführt wurden. Es gab wenige Untersuchungen über gemischte Behandlungsformen, bei denen Internetinterventionen und regelmäßige Psychotherapiesitzungen (face-to-face, kurz f2f) kombiniert wurden, und schon gar nicht, wo auch diese Sitzungen abwechselnd vor Ort und per Videochat stattfanden. In 2013 zeigte Kristoffer Mansson [1] in einer schwedischen Machbarkeitsstudie zu „blended“ Formen der Psychotherapie bei gemischt ängstlich depressiver Stichprobe deutlich positive Effekte in Bezug auf Gedächtnis und Lernleistung, insbesondere bessere Einhaltung der Hausaufgaben und Förderung der Autonomie und Selbstverwaltung der Patienten. An der Universität Ulm untersuchte 2018 ein Team um Matthias Domhardt [2] mobilbasierte Selbsthilfeinterventionen und verschiedene Varianten der Verzahnung dieser Interventionen mit ambulanter Psychotherapie und zeigte deren Wirksamkeit. Blended Care: eine »Kombination aus Online- und Face-to-Face-Therapie Die Möglichkeiten digitaler Behandlungsformen haben und werden auch in Zukunft in den unterschiedlichen psychotherapeutischen Schulen ebenso unterschiedliche Gestaltannehmen. Derzeit scheint die Entwicklung im verhaltenstherapeutischen Kontext am weitesten gediehen zu sein. So entstanden hier verschiedenste Blended-Care-Modelle unter der Bezeichnung bCBT (blended cognitive behavioural treatment; nicht zu verwechseln mit BCBT [Brief Cognitive-Behavioral Therapy]). Aber auch andere Therapieformen, insbesondere die Akzeptanz- und Commitment-Therapie ACT (Beispiel ACTonPain) [3] sind auf dem Vormarsch. Inzwischen sind auch gut evaluierte psychodynamische Angebote im deutschsprachigen Raum vorhanden. Diese sind typischerweise weniger störungsspezifisch orientiert, wie zum Beispiel KEN-Online, das Prinzipien des Affektphobiemodells beinhaltet. Für die Verhaltenstherapie entwickelte 2016 eine holländische Gruppe um Lisa Kooistra [4] eine nachweislich wirksame bCBT mit depressiven Patienten für eine ambulante, spezialisierte psychische Gesundheitsfürsorge. In einer Studie von 2020 [5] zur Untersuchung der therapeutischen Beziehung und des Arbeitsbündnisses konnten keine Unterschiede in der Bewertung der therapeutischen Allianz zwischen den randomisierten Gruppen mit bCBT versus f2f-CBT gefunden werden. Vorstellung Projekt TrustTable Insbesondere soll hier nun auch ein telemedizinisches Projekt vorgestellt werden, welches in den letzten Jahren entwickelt wurde und seit Beginn der COVID-19-Pandemie auch praktisch erprobt wird. Wobei hier im weiteren Verlauf vorwiegend auf das psychiatrische und psychotherapeutische Setting eingegangen werden soll. psychopraxis. neuropraxis Psychiatrie Abb. 1 9 TrustTable-MiniApp zur Dokumentation der Alkoholkonsumation mit Verlaufsansicht: Balken Magenta Alkoholmenge in Gramm, Balken Orange Cravingscore 0-10 Die Software und Netzwerkarchitektur bestehen aus mehreren Ebenen. Die unterste unsichtbare Ebene ist zugleich die komplexeste, da hier auf ganz neue Art und Weise Datenschutzräume erzeugt werden, die selbst vom Provider nicht einsehbar sind, was selbst bei ELGA nicht vorgeschrieben ist [6]. Der Provider ist hier wie ein blinder Treuhänder, welcher nur sicherstellt, dass die Regeln eingehalten werden. Das hat auch ungewöhnliche Konsequenzen. Einerseits für die Entwicklung, da der Programmieraufwand um das Vierfache erhöht ist, ohne selbst aus den Daten einen Nutzen gewinnen zu können. Andererseits auch in der Anwendung, denn dadurch ist es dem Provider unmöglich, Passwörter zurückzusetzen. Es wurden aber Prozedurengeschaffen, sodass beiVerlustdes Passwortes nur der persönlich vertraute Therapeut einen für ihn selbst nicht einsehbaren Mechanismus in Gang setzen kann, der am Provider vorbei das verlorene Passwort an den Patienten zurückerstattet. Auf der untersten Ebene, wo ein Datenschutzraum zwischen den unterschiedlichen Gesundheitsdiensteanbietern (GDA) und Patienten geschaffen wird, kann jeder registrierte und validierte Therapeut die verschiedensten Techniken einsetzen. Ebenso können selbst entwickelte Fragebögen etc. eingepflegt werden. Das Prinzip ist, die Autonomie des Behandlers zu gewährleisten. psychopraxis. neuropraxis TrustTable folgt dabei vorwiegend den Blended-Care-Modellen. Dabei werden verschiedene Kommunikationskanäle (z. B. Video) und systemeigene therapeutisch assistierende MiniApps innerhalb der Plattform zur Verfügung gestellt. Auch systemfremde, von anderen Institutionen entwickelte Tools können über eigene sichere Schnittstellen integriert werden. TrustTable: verschiedene »Kommunikationskanäle und therapeutisch assistierende MiniApps Sowohl im Einzelsetting zwischen Therapeuten und Patient wie auch im ambulanten Bereich, aber auch für Studien approbierter Institutionen, liegt die Gestaltung wie Datenhoheit im alleinigen Bereich dieser jeweiligen Einrichtungen. TrustTable selbst ist kein GDA und hat auch kein ambulantes Personal an sofort verfügbaren Ärzten wie das z. B. bei den eedoctors sehr gut konzipiert ist, sondern es ermöglicht jedem Therapeuten, ein eigenes Patientenportal zu führen, mit allen digitalen Interaktionshilfen für ein therapeutisches T (...truncated)


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Krenn, Michael. Telemedizin und digitale Hilfen in der psychiatrischen Praxis, 2022, pp. 1-5, DOI: 10.1007/s00739-022-00791-y