Rekombinante Antikörper als Alternativen in Forschung und Diagnostik
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A NW EN D U N GE N & P R ODU KTE
Nachhaltige Wissenschaft
Rekombinante Antikörper als Alternativen
in Forschung und Diagnostik
ESTHER VERONIKA WENZEL, KILIAN JOHANNES CARL ZILKENS
ABCALIS GMBH, BRAUNSCHWEIG
Despite readily available alternative technologies, many antibodies in
research and diagnostics are still generated and produced with the use
of laboratory animals. Here, we portrait the concept of animal-free
recombinant antibodies and the generation of such an antibody
against the spike-protein of SARS-Cov-2. The scientific community
needs to raise awareness for more sustainable animal-free alternatives, especially as they offer a path to more reliable and reproducible
data.
DOI: 10.1007/s12268-022-1716-7
© Springer-Verlag GmbH 2022
ó Rekombinante DNA-Technologien gibt es
schon seit den 1970er-Jahren. Die Möglichkeit zur Veränderung des Erbguts und zur
sequenzdefinierten Produktion von Proteinen war ein Grundstein für das Zeitalter
der Biotechnologie. Dennoch werden knapp
50 Jahre später viele Antikörper immer
noch auf Basis nicht rekombinanter Technologien unter Verwendung von Versuchstieren entwickelt und produziert. 2018 wurden EU-weit 10,8 Millionen Tiere für wissenschaft liche Zwecke verwendet, davon
537.000 für routinemäßige Produktionsvorhaben [1]. Die Produktion von monoklonalen
Antikörpern verzeichnete dabei den größten
Anteil von schwerwiegenden Maßnahmen,
also solchen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit für Tierleid [2]. Die Nachteile sind
hohe Variationen in Produktchargen [3],
schlechte Reproduzierbarkeit von Daten [4]
und Probleme mit unbekannten zusätzlichen
Spezifitäten [5].
Zahlreiche in vitro-Technologien ermöglichen heutzutage die Generierung hochspezifischer Antikörper im Reagenzglas ohne
Verwendung von Versuchstieren. Bei all diesen Antikörpern ist zudem von Anfang an die
exakte genetische Sequenz bekannt. Viele
hochaffine Antikörper, die aus naïven oder
synthetischen Bibliotheken gewonnen wurden, konnten sich bereits in der Praxis etablieren [6]. Stetig zu wiederholende Tierimmunisierungen werden durch das einmalige Erstellen von universellen Antikörperbibliotheken obsolet. Diese neuen, nachhaltigeren Technologien sollten von Wissen-
schaftlern bewusst und gründlich als gute
Alternativen geprüft werden. In der Medizin
ist die Entwicklung von tierfreien Antikörpern als Therapeutikum bereits angekommen. So wurden in den letzten fünf
Jahren 34 neue, auf tierfreien rekombinanten
Antikörpern basierende Arzneimittel über
die EMA und FDA zugelassen [7].
Rekombinante Antikörper sind allein über
ihre Aminosäuresequenz definiert. Dadurch
sind sie buchstäblich digital immortalisiert.
Sie können selbst nach Verlust sämtlicher
physischer, biologischer Proben mit exakt
gleicher Spezifität neu produziert werden.
Zusätzlich führt diese Eigenschaft zu einer
Minimierung von Variationen in Produktionschargen. Des Weiteren kann so das Vorhandensein mehrerer Sequenzen von variablen schweren und leichten Ketten ausgeschlossen werden, die unbekannte Spezifitäten hervorrufen [5]. Die dadurch gleichbleibende Produktqualität macht Experimente
und Daten unbegrenzt reproduzierbar.
Generierung eines tierfreien,
rekombinanten Antikörpers für die
SARS-CoV-2-Diagnostik
Bei Abcalis verwenden wir die 2018 mit
dem Nobelpreis ausgezeichnete Methode des
Phagendisplays zur Erzeugung neuer tierfreier Antikörper. Um einen diagnostischen
Antikörper gegen SARS-CoV-2 zu generieren, haben wir naive humane AntikörperGenbibliotheken genutzt. Die Isolation spezifischer Antikörperfragmente (scFv) erfolgte
˚ Abb. 1: Generierung tierfreier Antikörper. Potenziell können aus naiven humanen Antikörperbibliotheken mittels Phagendisplay Antikörper gegen
jedes beliebige Antigen isoliert werden. Alle auf dieser Technologie basierenden Antikörper sind von Anfang an sequenzdefiniert und können leicht in
andere Formate umgewandelt werden, z. B. durch die Fusion mit Protein-Tags oder Wechsel oder Modifikation des Fc-Teils (z. B. Einfügen eines freien
Cysteins zur Verbesserung von Konjugationen).
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unter Verwendung von rekombinantem SpikeProtein (S1). Als Trägermolekül für die Präsentation von scFv-Antikörpern diente dabei
der filamentöse Bakteriophage M13. Nach
Zugabe der scFv-Phagenpartikel zum S1-Protein wurden ungebundene Partikel durch
Waschen entfernt. Nach Elution und erneuter
Amplifikation der gebundenen Partikel und
mehrfacher Wiederholung des Bindeprozesses
folgte ein multiparalleles Screening von vielen
hundert Einzelklonen (es können mehrere
tausend Klone pro Tag analysiert werden). Auf
diese Weise konnten spezifische scFv-Antikörper gegen das SARS-CoV-2-S1-Protein gewonnen werden. Da im Phagendisplay der Phänotyp der Bindungsreaktion und der Genotyp
über das im Phagen enthaltene Phagemid (ein
spezielles Plasmid) verknüpft sind, war die
exakte Primärstruktur jedes isolierten Antikörpers nur eine DNA-Sequenzierung entfernt. Nach Erhalt der Sequenzen klonierten
wir die Antikörper in das Maus-IgG2a-Format
zur weiteren Validierung. Prinzipiell können
die Antikörper zu diesem Zeitpunkt ohne
Mehraufwand in viele andere nützliche Antikörperformate umkloniert werden (Abb. 1). So
können die Antikörper ohne Veränderung der
Spezifität an verschiedenste Anwendungen
und Detektionssysteme angepasst werden.
Um die hohe Spezifität und Sensitivität der
neuen monoklonalen tierfreien Antikörper
nachweisen zu können, mussten diese
zunächst im gewünschten Format produziert
werden. Dazu nutzen wir eine transiente Produktion in der Säugetierzelllinie HEK293 in
Suspensionskultur, da sie die Herstellung
einer großen Anzahl verschiedener Antikörper in kurzer Zeit ermöglicht. Die Produktion
erfolgt dabei in einem chemisch definierten
Medium, frei von tierischem Serum.
Unter dutzenden von Antikörperkandidaten erwies sich der Klon ABK68-A09 als
einer der vielversprechendsten. Er zeigte
hohe Spezifität für das Spike-Protein von
SARS-CoV-2 im Vergleich zu Spike-Proteinen anderer Coronaviren, mit nur geringer Kreuzreaktivität zu SARS-CoV-1. Ebenso
war seine Bindungsstärke in ELISA-Versuchen vergleichbar zu der eines kommerziellen Antikörpers und der des natürlichen
Rezeptors ACE2 (Abb. 2A und B). Darüber
hinaus war ABK68-A09 bisher in der Lage,
alle Hauptvarianten des SARS-CoV-2-SpikeProteins zu binden, inklusive der aktuellen
Omicron-Variante (Abb. 2C). Dies verdeutlicht, dass es möglich ist, schnell und ohne
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˘ Abb. 2: Bindungseigenschaften des
tierfreien, monoklonalen Antikörpers
ABK68-A09. A, Bei
gleicher Endkonzentration zeigt der Antikörper vergleichbare
Bindung auf SARSCoV-2-S1-Protein wie
ein tierbasierter Antikörper (CR3022) und
der natürliche Antigenrezeptor ACE2
(ELISA). B, hohe Spezifität für das S1-Protein von SARS-CoV-2
verglichen mit anderen Coronaviren;
leichte Kreuzreaktivität auf dem nah verwandten SARS-CoV-1
(ELISA). C, vergleichbare Bindung auf verschiedenen Hauptvarianten des S1-Proteins von SARS-CoV-2,
inkl. der aktuellem
Omicron (...truncated)