Aus dem Rhythmus in die Angst
aktuell
Corona-Pandemie
Aus dem Rhythmus in die Angst
Eine überstandene Corona-Infektion kann noch lange nachhallen und den Allgemeinzustand Betroffener
erheblich beeinträchtigen. Zu den dokumentierten Symptomen zählen auch mentale Probleme.
FF
Die nun schon zwei Jahre andau-
ernde Corona-Pandemie mit immer
wieder neuen Virus-Mutationen hat
gezeigt, wie unberechenbar eine
Erkrankung sein kann. Hinzu kommt
aktuell, dass Genesene zum Teil mit
massiven Auswirkungen zu kämpfen
haben und manche Patienten kaum
mehr den Gesundheitsstatus erreichen, den sie vor der Infektion hatten.
Ob chronische Erschöpfung, Konzentrationsstörungen oder Schlaflosigkeit –
die langfristigen Folgen von C
OVID-19
haben viele Gesichter.
©©Jupiterimages/photos.com
Ein deutlicher Zusammenhang
Inwieweit und ob
COVID-19 sich
auf den circadianen Rhythmus auswirkt und Angststörungen auslösen
kann, haben Boiko et al. in einer Studie mit 278 Probanden untersucht [1].
In den vergangenen beiden Jahren
sei eine zunehmende Prävalenz dieser beiden Phänomene bei Genesenen festgestellt worden, so die Autoren. Die retrospektive Kohortenstudie
umfasste zwei Gruppen: In Gruppe 1
(n = 153) befanden sich Personen,
die von COVID-19 genesen waren,
in Gruppe 2 (n = 125) Menschen, bei
denen klinisch nicht nachgewiesen
werden konnte, dass sie jemals daran
erkrankt waren. Zur Verifizierung der
circadianen Rhythmusstörungen
kam die Internationale Klassifikation
der Schlafstörungen ICSD-3 zum Einsatz, zur Bewertung des Angstlevels
das State-Trait-Anxiety-Inventory. Das
Durchschnittsalter der Probanden in
Gruppe 1 betrug 39,6 Jahre (± 3,8), in
Gruppe 2 41,9 Jahre (± 4,6), in der ersten Gruppe nahmen 82 Männer und
71 Frauen teil und 53 Frauen und 72
Männer in der zweiten Gruppe. Alle
278 Patienten hatten vor Studienbeginn 2021 ihren Hausarzt konsultiert,
um sich präventiv untersuchen zu lassen. Zu den Einschlusskriterien zählten ein Alter zwischen 18 und 59 Jahren, Schlafstörungen und Angst sowie
eine berufliche Beschäftigung mit
Fünf-Tage-Woche und hauptsächlicher
8 COVID-19 kann sich auf den circadianen Rhythmus auswirken und Angststörungen
auslösen (Symbolbild mit Fotomodell)
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psychopraxis. neuropraxis 3 · 2022
Tätigkeit bei Tageslicht. Von der Studie ausgeschlossen waren Personen
ab 60 Jahren, Patienten mit schweren
psychischen oder somatischen Erkrankungen und Kinder bzw. Jugendliche
unter 18 Jahren, da diese Patientengruppe in Kinderkliniken behandelt
wird.
Verzögerte Schlafphasen
Die durchschnittliche Zeitspanne zwischen dem Erkrankungsbeginn und
der Studienteilnahme betrug in der
Gruppe der Genesenen 7,6 Wochen
(± 1,1 Woche). Von diesen Patienten
berichteten 113 (73, 8 ± 3,6 %) unter
anderen von Atemwegssymptomen,
96 (57,0 ± 4.01 %) von Symptomen des
Nervensystems und 71 (73,9 ± 4,5 %)
von einer Beeinträchtigung des
Geruchssinnes.
Die Autoren stellten fest, dass sich
bei COVID-19-Genesenen vor allem
die Schlafphasen verzögert hatten
bzw. diese gestört waren. 118 Personen (77, 1 ± 3,39 %) in Gruppe 1 wiesen circadiane Rhythmusstörungen
auf, während es in Gruppe 2 lediglich
67 Personen waren. Von jenen Probanden in Gruppe 1, die circadiane Rhythmusstörungen aufwiesen, waren 28
von einer fortgeschrittenen Schlafphasenstörung betroffen, 61 von einer
verzögerten und 18 von einer unregelmäßigen Schlafphasenstörung. Ein
Nicht-24-Stunden-Schlaf-Wach-Syndrom fand sich bei acht und andere
circadiane Rhythmusstörungen bei
drei Patienten. In Gruppe 2 betraf die
fortgeschrittene Schlafphasenstörung
19 Patienten, die verzögerte Schlafphasenstörung 24, die unregelmäßige
Schlafphasenstörung 17 und das Nicht24-Stunden-Schlaf-Wach-Syndrom
drei Probanden.
Boiko et al. stellten außerdem
fest, dass die Studienteilnehmer, die
COVID-19 durchgemacht hatten, in
der Anamnese ein moderates Angstlevel aufwiesen, während in Gruppe 2
ein niedriges Maß an Angst vorherrschte. Zukunftsängste zeigten sich
in Gruppe 1 bei 46 Personen auf niedrigem Niveau (Gruppe 2: 54), bei 48 auf
mäßigem Niveau (Gruppe 2: 47) und
bei 59 Menschen auf hohem Niveau
(Gruppe 2: 24). Die Autoren erkannten
einen direkten Zusammenhang zwischen circadianen Rhythmusstörungen
und Angst, da diese das Niveau affektiver Störungen verstärken könnten.
Störungen des circadianen Rhythmus
seien unter anderem mit einer erhöhten Zukunftsangst verbunden, so Boiko
et al. Diese Erkenntnis könne dazu beitragen, aufmerksamer zu werden hinsichtlich psychischer Störungen, die
nach einer
COVID-19-Erkrankung
auftreten können, und Betroffene
entsprechend zu unterstützen. Ein
Ansatzpunkt könnte sein, die circadiane Störung zu korrigieren und so die
häufig damit verbundenen Angststörungen zu reduzieren.
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Literatur
1. Boiko DI et al (2021) Circadian rhythm
disorder and anxiety as mental health complications in post COVID 19. Environmental
Science and Pollution Research. https://
doi.org/10.1007/s11356-021-18384-4
Hinweis des Verlags. Der Verlag bleibt
in Hinblick auf geografische Zuordnungen
und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen
neutral.
psychopraxis.neuropraxis2022·25:120–121
https://doi.org/10.1007/s00739-
022-00810-y
© The Author(s), under exclusive licence to
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Quelle: www.springermedizin.at/ Sonja
Streit
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