Aus dem Rhythmus in die Angst

psychopraxis. neuropraxis, Jun 2022

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Aus dem Rhythmus in die Angst

aktuell Corona-Pandemie Aus dem Rhythmus in die Angst Eine überstandene Corona-Infektion kann noch lange nachhallen und den Allgemeinzustand Betroffener erheblich beeinträchtigen. Zu den dokumentierten Symptomen zählen auch mentale Probleme. FF Die nun schon zwei Jahre andau- ernde Corona-Pandemie mit immer wieder neuen Virus-Mutationen hat gezeigt, wie unberechenbar eine Erkrankung sein kann. Hinzu kommt aktuell, dass Genesene zum Teil mit massiven Auswirkungen zu kämpfen haben und manche Patienten kaum mehr den Gesundheitsstatus erreichen, den sie vor der Infektion hatten. Ob chronische Erschöpfung, Konzentrationsstörungen oder Schlaflosigkeit – die langfristigen Folgen von C OVID-19 haben viele Gesichter. ©©Jupiterimages/photos.com Ein deutlicher Zusammenhang Inwieweit und ob COVID-19 sich auf den circadianen Rhythmus auswirkt und Angststörungen auslösen kann, haben Boiko et al. in einer Studie mit 278 Probanden untersucht [1]. In den vergangenen beiden Jahren sei eine zunehmende Prävalenz dieser beiden Phänomene bei Genesenen festgestellt worden, so die Autoren. Die retrospektive Kohortenstudie umfasste zwei Gruppen: In Gruppe 1 (n = 153) befanden sich Personen, die von COVID-19 genesen waren, in Gruppe 2 (n = 125) Menschen, bei denen klinisch nicht nachgewiesen werden konnte, dass sie jemals daran erkrankt waren. Zur Verifizierung der circadianen Rhythmusstörungen kam die Internationale Klassifikation der Schlafstörungen ICSD-3 zum Einsatz, zur Bewertung des Angstlevels das State-Trait-Anxiety-Inventory. Das Durchschnittsalter der Probanden in Gruppe 1 betrug 39,6 Jahre (± 3,8), in Gruppe 2 41,9 Jahre (± 4,6), in der ersten Gruppe nahmen 82 Männer und 71 Frauen teil und 53 Frauen und 72 Männer in der zweiten Gruppe. Alle 278 Patienten hatten vor Studienbeginn 2021 ihren Hausarzt konsultiert, um sich präventiv untersuchen zu lassen. Zu den Einschlusskriterien zählten ein Alter zwischen 18 und 59 Jahren, Schlafstörungen und Angst sowie eine berufliche Beschäftigung mit Fünf-Tage-Woche und hauptsächlicher 8 COVID-19 kann sich auf den circadianen Rhythmus auswirken und Angststörungen auslösen (Symbolbild mit Fotomodell) 120 psychopraxis. neuropraxis 3 · 2022 Tätigkeit bei Tageslicht. Von der Studie ausgeschlossen waren Personen ab 60 Jahren, Patienten mit schweren psychischen oder somatischen Erkrankungen und Kinder bzw. Jugendliche unter 18 Jahren, da diese Patientengruppe in Kinderkliniken behandelt wird. Verzögerte Schlafphasen Die durchschnittliche Zeitspanne zwischen dem Erkrankungsbeginn und der Studienteilnahme betrug in der Gruppe der Genesenen 7,6 Wochen (± 1,1 Woche). Von diesen Patienten berichteten 113 (73, 8 ± 3,6 %) unter anderen von Atemwegssymptomen, 96 (57,0 ± 4.01 %) von Symptomen des Nervensystems und 71 (73,9 ± 4,5 %) von einer Beeinträchtigung des Geruchssinnes. Die Autoren stellten fest, dass sich bei COVID-19-Genesenen vor allem die Schlafphasen verzögert hatten bzw. diese gestört waren. 118 Personen (77, 1 ± 3,39 %) in Gruppe 1 wiesen circadiane Rhythmusstörungen auf, während es in Gruppe 2 lediglich 67 Personen waren. Von jenen Probanden in Gruppe 1, die circadiane Rhythmusstörungen aufwiesen, waren 28 von einer fortgeschrittenen Schlafphasenstörung betroffen, 61 von einer verzögerten und 18 von einer unregelmäßigen Schlafphasenstörung. Ein Nicht-24-Stunden-Schlaf-Wach-Syndrom fand sich bei acht und andere circadiane Rhythmusstörungen bei drei Patienten. In Gruppe 2 betraf die fortgeschrittene Schlafphasenstörung 19 Patienten, die verzögerte Schlafphasenstörung 24, die unregelmäßige Schlafphasenstörung 17 und das Nicht24-Stunden-Schlaf-Wach-Syndrom drei Probanden. Boiko et al. stellten außerdem fest, dass die Studienteilnehmer, die COVID-19 durchgemacht hatten, in der Anamnese ein moderates Angstlevel aufwiesen, während in Gruppe 2 ein niedriges Maß an Angst vorherrschte. Zukunftsängste zeigten sich in Gruppe 1 bei 46 Personen auf niedrigem Niveau (Gruppe 2: 54), bei 48 auf mäßigem Niveau (Gruppe 2: 47) und bei 59 Menschen auf hohem Niveau (Gruppe 2: 24). Die Autoren erkannten einen direkten Zusammenhang zwischen circadianen Rhythmusstörungen und Angst, da diese das Niveau affektiver Störungen verstärken könnten. Störungen des circadianen Rhythmus seien unter anderem mit einer erhöhten Zukunftsangst verbunden, so Boiko et al. Diese Erkenntnis könne dazu beitragen, aufmerksamer zu werden hinsichtlich psychischer Störungen, die nach einer COVID-19-Erkrankung auftreten können, und Betroffene entsprechend zu unterstützen. Ein Ansatzpunkt könnte sein, die circadiane Störung zu korrigieren und so die häufig damit verbundenen Angststörungen zu reduzieren. Hier steht eine Anzeige. 123 Literatur 1. Boiko DI et al (2021) Circadian rhythm disorder and anxiety as mental health complications in post COVID 19. Environmental Science and Pollution Research. https:// doi.org/10.1007/s11356-021-18384-4 Hinweis des Verlags. Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral. psychopraxis.neuropraxis2022·25:120–121 https://doi.org/10.1007/s00739- 022-00810-y © The Author(s), under exclusive licence to Springer-Verlag GmbH Austria, ein Teil von Springer Nature 2022 Quelle: www.springermedizin.at/ Sonja Streit psychopraxis. neuropraxis 3 · 2022 121 (...truncated)


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Aus dem Rhythmus in die Angst, psychopraxis. neuropraxis, 2022, pp. 120-121, Volume 25, Issue 3, DOI: 10.1007/s00739-022-00810-y