Transkriptomik über Artgrenzen hinweg
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Cross-Spezies-RNA-seq
Transkriptomik über Artgrenzen
hinweg
ALEXANDER J. WESTERMANN
INSTITUT FÜR MOLEKULARE INFEKTIONSBIOLOGIE (IMIB), UNIVERSITÄT WÜRZBURG;
HELMHOLTZ-INSTITUT FÜR RNA-BASIERTE INFEKTIONSFORSCHUNG (HIRI),
HELMHOLTZ-ZENTRUM FÜR INFEKTIONSFORSCHUNG (HZI)
RNA sequencing has become a key technology to study microbemicrobe and host–microbe interactions and improved our understanding of the underlying mechanisms and physiological consequences. Here, focusing on our gut, I illustrate how metatranscriptomics
and Dual RNA-seq approaches provide functional insights into
increasingly complex cellular interactions and outline future directions
in the field of “cross-species” transcriptomics.
DOI: 10.1007/s12268-022-1773-y
© Der Autor 2022
ó Die RNA-Sequenzierung (RNA-seq) ist ein
mächtiges molekularbiologisches Werkzeug.
Anders als sondenbasierte TranskriptomikMethoden (etwa Microarrays), löst RNA-seq
Transkripte auf Einzelnukleotidebene auf.
Dies bedeutet, dass RNAs, deren Sequenzen
nur in wenigen Nukleotiden variieren, voneinander unterschieden werden können. Diese Präzision ermöglicht es, RNA-Moleküle
innerhalb eines Probengemischs aus verschiedenen Organismen am Computer ihrem
jeweiligen Ursprungsgenom zuzuordnen.
Wir nennen dies „Cross-Spezies“-RNA-seq
[1]. Ein gängiges Beispiel ist die Metatranskriptomik, die sich dieses Prinzip zunutze
macht und RNA-Proben aus Mikrobengemeinschaften untersucht [2]. Ähnlich misst
die duale RNA-Sequenzierung die gemeinsame Genexpression von Wirt und Erreger
während einer Infektion [3].
Dies erspart die experimentelle Aufreinigung einzelner Zelltypen (oder deren RNA),
worin auch die hohe Sensitivität solcher
Cross-Spezies-Ansätze mitbegründet liegt, da
kein Material in zusätzlichen Auftrennungsschritten verloren geht. Daneben werden die
Proben zwar in der Regel gründlicher (d. h.
tiefer) sequenziert als konventionelle cDNABanken, um alle beteiligten Transkriptome
möglichst erschöpfend abzubilden. Dafür
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reduzieren sich die Kosten für die Herstellung der cDNA-Proben gegenüber einer separaten Analyse, da die unterschiedlichen
Transkriptome parallel in einer Reaktion
umgeschrieben und prozessiert werden.
Letzteres bietet auch einen analytischen Vorteil: Technisches Rauschen, das während der
cDNA-Herstellung oder Sequenzierung mitunter entsteht, beeinflusst alle Transkriptome im selben Maße und lässt sich nachträglich leichter herausfiltern. Dieses verbesserte Signal-to-Noise-Verhältnis ermöglicht korrelative Genexpressionsanalysen über die
Speziesgrenze hinweg, um letztlich kausale
Zusammenhänge vorherzusagen.
Ein Anwendungsbeispiel ist der menschliche Dickdarm, ein extrem dicht besiedeltes
Ökosystem. Schätzungen zufolge leben dort
etwa 1014 Bakterien; hinzu kommen Viren,
Archaeen, Protisten und Pilze, die alle
gemeinsam unsere Darmmikrobiota bilden.
Diese Organismen wechselwirken mit der
Darmmukus- und -epithelschicht sowie den
intestinalen Immunzellen und helfen uns
dabei, Krankheitserreger abzuwehren.
˚ Abb. 1: Übersicht einzelner Transkriptomik-Methoden anhand des menschlichen Darms (nach
[1]). Metatranskriptomik analysiert Genexpressionsunterschiede in mikrobiellen Gemeinschaften.
Dual und Triple RNA-seq messen die Genexpression von eukaryotischen Wirtszellen während ihrer
Interaktion mit einem oder mehreren unterschiedlichen Mikroorganismen. Während diese Methoden bislang auf Populationsebene ansetzen (also RNA-Level über Millionen Zellen mitteln), liest
die Einzelzell-RNA-seq Transkriptome einzelner Eukaryoten- bzw. neuerdings sogar einzelner
Bakterienzellen aus.
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W I S S EN S CH AFT · ME TH ODE N
A
B
werden. Umgekehrt zeigen kinetische Studien, dass die Expression der mikrobiellen
Gene im Zeitverlauf reguliert wird – vermutlich als Antwort auf externe Stimuli, wie etwa
die Nahrungsaufnahme – und so innerhalb
einer Person variabler ist als die SpeziesZusammensetzung, die über lange Zeiträume
konstant ist [4]. Standardisierung und Vereinfachung der Probennahme, etwa mittels
RNA-Fixierungsreagenzien, sowie Fortschritte in der bioinformatorischen Analyse der
entstehenden Datenmassen werden Metatranskriptom-Studien weiter begünstigen und
künftig tiefere Einblicke in die Rolle von Mikrobengemeinschaften für die Physiologie und
Pathologie ihres Wirts liefern.
Dual RNA-seq
˚ Abb. 2: Arbeitsabläufe einzelner Cross-Spezies-RNA-seq-Ansätze. A, Metatranskriptomik. B,
Duale RNA-Sequenzierung. In beiden Fällen werden RNA-Gemische aus unterschiedlichen Organismen gemeinsam gesammelt und anschließend die resultierenden Sequenzier-Reads am Computer ihren jeweiligen Referenzgenomen zugeordnet. Während diese im Falle von Dual RNA-seq a
priori bekannt sind, profitiert die Metatranskriptomik vom parallelen Sequenzieren der genomischen DNA der entsprechenden Bakteriengemeinschaft.
Folglich eignet sich dieser Lebensraum
besonders, um multilaterale Wechselwirkungen mittels Cross-Spezies-RNA-seq zu studieren (Abb. 1).
Metatranskriptomik
Das Sequenzieren von PCR-Produkten über
variable Bereiche ribosomaler Loki (16S profiling) bzw. genomischer DNA-Fragmente
(Shotgun-Sequenzierung) wird seit längerer
Zeit eingesetzt, um die Zusammensetzung
mikrobieller Konsortien zu bestimmen.
Jedoch sagt die bloße Anwesenheit (oder
Abundanz) eines Organimus’ wenig über dessen funktionalen Beitrag zur Aktivität der
Gemeinschaft aus. Zunehmend populärer
werden aus diesem Grund Metatranskriptomik-Ansätze [2]: Während Metagenomik
lediglich die genomische Blaupause einer
Mikrobengemeinschaft aufzeigt (also welche
Gene vorhanden sind), gibt Metatranskriptomik auch Auskunft über die Aktivität dieser
Gene und somit funktionale Einblicke in das
jeweilige Konsortium.
Metatranskriptomik-Ansätze ernten RNA
aus mikrobiellen Gemeinschaften, wie etwa
der Darmmikrobiota. Solche Studien haben
in der Regel eine intra-kingdom-Ausrichtung,
betrachten also häufig rein bakterielle
Gemeinschaften. Wichtig hierbei ist, dass ein
Lyseverfahren angewandt wird, das einerseits harsch genug ist, um nicht nur Gram-
negative, sondern auch Gram-positive Bakterien mit ihrer dickeren Zellwand aufzuschließen. Dies kann mechanisch, enzymatisch,
oder chemisch erfolgen. Andererseits muss
der Aufschluss so schonend sein, dass die
freigesetzte RNA nicht sofort degradiert.
Nach erfolgter Lyse werden ribosomale RNAs
entfernt, die restlichen Transkripte in komplementäre cDNA umgeschrieben und
sequenziert (Abb. 2A). Im Fall der Darmmikrobiota werden somit mehrere Hundert
(zum Teil eng verwandte) Spezies parallel
beprobt. Aufgrund dieser genetischen Verwandtschaft können Genexpressionsstudien
oft nur bis zur taxonomischen Ebene der Gattung aufgelöst werden. Bei vergleichenden
Studien ist es hilfreich, wenn der jeweilige
Metatranskriptom-Datensatz gegen die zugehörigen Metagenomdaten abgeglichen wird,
da so zwischen Genexpressionsänderungen
und Unterschiede in der Konsortien-Zusammensetzung differenziert werden kann.
Welche Einsichten über unsere Darmmikrob (...truncated)