Stammzellforschung an und mit Affen: zwischen Grundlagen und Anwendung
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W I S S EN S CH AFT · S PECIA L : STAMMZE LLT E CH NOLOGIE
Nicht menschliche Primaten
Stammzellforschung an und mit Affen:
zwischen Grundlagen und Anwendung
RÜDIGER BEHR
PLATTFORM DEGENERATIVE ERKRANKUNGEN, DEUTSCHES PRIMATENZENTRUM –
LEIBNIZ-INSTITUT FÜR PRIMATENFORSCHUNG, GÖTTINGEN UND
DEUTSCHES ZENTRUM FÜR HERZ-KREISLAUF -FORSCHUNG (DZHK) – PARTNER SITE
GÖTTINGEN
Pluripotent stem cells (PSC) are important for several areas of biomedicine, including cell replacement therapy and embryonic development. Non-human primates (NHP) are of paramount importance as
human models for translating cell replacement therapies into the
clinic. However, this requires NHP-PSC that meet specific quality criteria. We have generated appropriate NHP-PSC. Our work contributes to
making the NHP even more useful as a preclinical model in biomedical
research.
DOI: 10.1007/s12268-022-1824-4
© Der Autor 2022
1. Neuartige Zellersatztherapien [1]
2. Ursachen, Auswirkungen und Therapie
genetischer Erkrankungen
3. Embryonenforschung
4. Evolutionsforschung
5. Entwicklung von Alternativmethoden
zum Tierversuch
Diese Anwendungsfelder belegen, warum
PSC die biomedizinische Forschung revolutionieren. PSC können als embryonale
Stammzellen (embryonic stem cells, ESC) aus
frühen Embryonen gewonnen werden. Seit
dem Jahr 2006 gibt es alternativ zu den – im
Bild: Anton Säckl
ó Stammzellen sind alle Zellen, die sich
langfristig selbst erneuern und gleichzeitig
mindestens einen terminal differenzierten
(funktionellen) Zelltyp hervorbringen können. Der für viele Anwendungen wichtigste
Stammzelltyp ist die pluripotente Stammzelle (pluripotent stem cell, PSC). Sie ist dadurch
charakterisiert, dass sie sich zu allen Zelltypen eines postnatalen Organismus entwickeln kann. PSC sind besonders im Fokus der
biomedizinischen Forschung, da sie in unterschiedlichen Bereichen sehr wichtig geworden sind:
˚ Abb. 1: Rhesusaffen (Macaca mulatta, links) und Weißbüschelaffen (Callithrix jacchus, rechts)
als Repräsentanten der nicht menschlichen Primaten. Beide Affenarten sind wichtige Modelle
in der biomedizinischen Forschung. © DPZ.
humanen Bereich ethisch kontrovers diskutierten – ESC einen zweiten PSC-Typ: induzierte pluripotente Stammzellen (induced
pluripotent stem cells, iPSC). In Nobelpreisgekrönten Experimenten wurde für menschliche und Mauszellen gezeigt, dass die Überexpression von nur vier Genen hinreichend
ist, um praktisch jeden differenzierten Zelltyp wieder in einen embryonalen Zustand
zurückzuversetzen – dass also in spezialisierten Zellen wie Fibroblasten die Eigenschaft der Pluripotenz wieder induziert werden kann.
Es gibt inzwischen iPSC von zahlreichen
Tierarten. Besonders in den Bereichen der
Entwicklung neuartiger Zellersatztherapien
und in der Embryonenforschung kommt aber
den PSC der nicht menschlichen Primaten
(non-human primates, NHP; Abb. 1) eine
besondere Rolle zu, da die NHP dem Menschen stammesgeschichtlich sehr nahe verwandt sind. Darin begründet ist, dass die
zeitliche und räumliche Genexpressionsaktivität während der Individualentwicklung von
NHP der des Menschen sehr viel ähnlicher
ist als die der Nagetiere [2]. Dies schließt
auch krankheitsrelevante Gene mit ein [3].
Wir haben jedoch, wie viele Kolleg:innen
ebenfalls, die Erfahrung gemacht, dass die
iPSC-Herstellung von NHP weniger effizient
ist als die humaner iPSC. Wenn wir nach dem
in Abbildung 2A gezeigten Schema Fibroblasten von adulten Rhesusaffen und Menschen parallel reprogrammiert haben,
erschienen die primären Stammzellkolonien
bei den menschlichen Zellen früher und zahlreicher (Abb. 2B, C). So haben wir für
menschliche Hautfibroblasten nach 20 Tagen
Reprogrammierungsdauer Reprogrammierungseffizienzen von 0,15–1 Promille festgestellt, während die entsprechenden Effizienzen für Hautfibroblasten den Rhesusaffen
zwischen 0,01–0,05 Promille lagen (Abb. 2C,
[4]). Die Gründe dafür sind bisher nicht
bekannt. Eine Erklärung könnte sein, dass
wir diesen Vergleich mit humanen Reprogrammierungsfaktoren durchgeführt haben
und diese in Rhesusaffenzellen weniger
effektiv funktionieren. Dagegen spricht
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A
B
C
˚ Abb. 2: Herstellung von iPSC der nicht menschlichen Primaten (NHP). A, Als Startzellpopulation nutzen wir hauptsächlich Hautfibroblasten. In Rot
sind die den kommerziellen Medien zugefügten Substanzen angegeben, die die Reprogrammierung der Affenzellen verbesserten. Das UPPS (universial
primate pluripotenc stem cell medium) ist ein kommerzielles Medium für humane PSC, das für die Kultur der NHP mit dem Wnt signaling inhibitor
IWR-1 und dem GSK3 inhibitor CHIR99021 optimiert wurde. Details in [4]. B, Humane Zellen werden schneller und effizienter nach dem in A dargestellten Protokoll reprogrammiert als Rhesusaffenzellen. Aber die relativ wenigen erhaltenen Rhesusaffen-iPSC sind von hoher Qualität. Reprogrammierte
(pluripotente) Zellen exprimieren das Enzym Alkalische Phosphatase, das ein farbloses Substrat in einen wasserunlöslichen roten Farbstoff umwandeln
kann. So kann die Anzahl der Reprogrammierungsereignisse durch Zählen der roten Zellkolonien, die durch Zellproliferation im Laufe der Zeit immer
größer werden, bestimmt werden. C, Die Reprogrammierungseffizienz (primäre reprogrammierte Kolonien/10.000 Zellen) wurde in Fibroblastenkulturen von drei Rhesusaffen und von zwei Menschen nach 20, 30 und 40 Tagen bestimmt. Abb. 1B und 1C entnommen aus [4].
jedoch, dass wir für die Reprogrammierung
von Weißbüschelaffenfibroblasten die Reprogrammierungsgene aus dieser Spezies verwendet haben [5] und auch in diesem Ansatz
die Reprogrammierungseffizienz gering war.
Wichtig ist jedoch, dass wir mit dem episomalen Ansatz [4] eine Methode entwickeln
haben, die die zuverlässige Herstellung von
iPSC von verschiedenen NHP (Rhesusaffe
[4], Javaneraffe [unpubliziert], Pavian [4],
Weißbüschelaffe [unpubliziert]) und des
Menschen [4] ermöglicht.
Zellersatztherapien – Chancen und
Risiken
Bei der Entwicklung neuer Zellersatztherapien steht die Überprüfung ihrer Sicherheit
und Wirksamkeit im Kontext eines Gesamtorganismus im Zentrum. Die Idee der Zellersatztherapie ist dabei einfach: Degeneriertes
Gewebe wird durch neues, aus Stammzellen
gewonnenes Gewebe ersetzt. Es gibt zahlreiche degenerative Erkrankungen, die durch
den Verlust eines Zelltyps oder Gewebes charakterisiert sind. Dazu gehören der Herzinfarkt, die Parkinson-Erkrankung und Typ-IDiabetes. So können aus PSC entweder Vorläuferzellen für das zu ersetzende Gewebe im
Labor hergestellt werden oder sogar im Labor
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vorfabrizierte, fertige Gewebe. Im Fall der
Herzdegeneration werden z. B. vorgefertigte
Herzmuskelpflaster entwickelt [6]. So einfach wie viel versprechend die Idee der Zellersatztherapie ist, so wichtig ist es doch, sie
vor einer breiten Anwendung am Patienten
sehr sorgfältig präklinisch zu testen. Dabei
sind drei Kriterien von besonderer Bedeutung: 1. die Sicherheit der Therapie, 2. ihre
Wirksamkeit, dass die Zelle (...truncated)