Wenn Gerüche bei Migräne zur Belastung werden
aktuell
Neue Migränestudie und Therapieansätze
Wenn Gerüche bei Migräne zur Belastung
werden
Ein Drittel der Menschen mit schwerer und langjähriger Migräne besitzt offenbar eine permanente
Geruchsüberempfindlichkeit – auch zwischen ihren Migräneattacken. Neue Erkenntnisse könnten zu neuen
Therapieansätzen führen, etwa einem strukturierten Riechtraining zur Desensibilisierung.
FF
Am häufigsten als störend emp-
pieansätzen führen, etwa einem strukturierten Riechtraining zur Desensibilisierung, das bereits in Dresden
entwickelt wird“, so die Vizepräsidentin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft.
Migränepatienten sind bekanntlich
sehr häufig sensorisch empfindlich nicht
nur für Gerüche, sondern auch für Licht
und Geräusche. Bekannt war bisher, dass
Gerüche Migräneattacken auslösen können. Neu ist, dass Patient*innen mit längerer Erkrankungsdauer der Migräne
und höherer migränebedingter Alltagseinschränkung häufiger eine Geruchsüberempfindlichkeit zeigen als weniger
betroffene. Bei Migräneformen mit Aura
tritt die Geruchsempfindlichkeit doppelt so häufig auf wie bei Formen ohne
Aura. Neben süßem Parfüm, Essensgerüchen und Zigarettenrauch wurden von
©©Gokhan Ilgaz/Getty Images/iStock
finden Migränepatient*innen süßes
Parfüm (36 %), Essensgerüche (22 %)
und Zigarettenrauch (12 %). Je länger
und je stärker sie unter ihrer Erkrankung leiden, desto häufiger ist diese
Überempfindlichkeit gegen Gerüche,
genannt Osmophobie, festzustellen.
Etwa 30 % der Patient*innen nennen
Gerüche auch als Auslöser für Migräneattacken, so P D Dr. Gudrun Goßrau, Vizepräsidentin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft.
Die neuen Daten stammen aus einer
gemeinsamen Studie des UniversitätsSchmerzCentrums (USC) und des
Interdisziplinären Riechzentrums des
Universitätsklinikums Dresden, die vor
Kurzem im Journal of Headache and
Pain veröffentlicht wurde [1]. „Diese
Erkenntnisse können zu neuen Thera-
8 Der Geruch von süßem Parfüm wird am häufigsten als störend empfunden
250
psychopraxis. neuropraxis 5 · 2022
den Studienteilnehmer*innen besonders häufig auch Abgase, abgestandene
Raumluft, Blumenduft, Lack- und Gasgeruch erwähnt.
Aktivierung eines ganzen Schmerzsystems
Die Studie legt nahe, dass die unangenehmen Düfte nicht nur den Riechnerv (N. olfactorius) aktivieren, sondern
auch den Trigeminusnerv, der für die
Schmerzwahrnehmung am Kopf verantwortlich ist. Das olfaktorische und
das trigeminale System sind auf neuronaler Ebene miteinander verbunden. So kann man etwa im Versuch
nachweisen, dass eine Reizung des Trigeminusnervs Aktivitäten der olfaktorischen Hirnareale auslöst. Auch die
Riechschleimhaut ist von sensorischen
Fasern des Trigeminus durchzogen.
Diese enge Vernetzung von Duft- und
trigeminalem Schmerzsystem bietet
einen Erklärungsansatz, warum Düfte
Kopfschmerzen auslösen können. Bei
Corona-Infizierten konnte beobachtet
werden, dass sie längere und schwerere Migräneschübe aufwiesen. Man
nimmt an, dass die Verstärkung der
Migräne über die Infektion der Riechschleimhäute und die Entzündung der
Trigeminus-Nervenfasern durch S ARS
Cov-2 verursacht wird.
Desensibilisierungstherapie in der
Erforschung
Das Vermeiden der Geruchstrigger
könnte ein Ansatz für neue Therapieformen sein. Vielversprechender und nachhaltiger sei aber der aktuell beforschte
Ansatz der Desensibilisierung für unangenehme Düfte, so die Leiterin der
Kopfschmerzambulanz am Universitätsklinikum Dresden. Dort finden auch
therapeutische Studien statt. So trainierten Versuchspersonen ihren Geruchssinn regelmäßig mit z. B. Rosen- und
Zitronendüften. Daraufhin nahm die
Kopfschmerzstärke zwar nicht ab, aber
die Schmerzwahrnehmungsschwelle
stieg. Das heißt: Nach dem Riechtraining waren die Betroffenen weniger
empfindlich für Schmerzreize. Diese
Daten aus einer Studie mit Kindern mit
Migräne wurden aktuell in einer Therapiestudie mit Erwachsenen mit Migräne
bestätigt. Derzeit ist die Untersuchung
der zugrundeliegenden Gehirnmechanismen mittels M
RT Gegenstand wissenschaftlichen Untersuchungen.
Methoden
Die aktuell publizierte Querschnittstudie [1] basiert auf einer Befragung von
113 Personen (99 weiblich, 14 männlich) im Alter von 19 bis 78 mit episodischer oder chronischer Migräne. Die
Krankheit wurde mit der International
Classification of Headache Disorders III
von einem spezialisierten Neurologen
bewertet. Der Schweregrad der Migräne wurde mit dem Migraine disability assesment score (MIDAS) ermittelt.
Literatur
1. Gossrau G, Frost M, Klimova A, Koch T,
Sabatowski R, Mignot C, Haehner A (2022)
Interictal osmophobia is associated with
longer migraine disease duration. J Head
ache Pain. 23(1):81. https://doi.org/10.1186/
s10194-022-01451-7
Hinweis des Verlags. Der Verlag bleibt
in Hinblick auf geografische Zuordnungen
und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen
neutral.
psychopraxis.neuropraxis2022·25:251–253
https://doi.org/10.1007/s00739-022-
00857-x
© The Author(s), under exclusive licence to
Springer-Verlag GmbH Austria, ein Teil von
Springer Nature 2022
Quelle: Pressestelle
der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft
e. V.
2 Jahre Pilotprojekt
Spinale Muskelatrophie im
Neugeborenen-Screening
Die Spinale Muskelatrophie (SMA) ist eine der häufigsten autosomal-rezessiv vererbten Erkrankungen
mit einer Häufigkeit von 1:10.000 weltweit. Das zentrale Symptom der SMA ist die Muskelschwäche, wobei
die Mehrzahl der Kinder mit der schweren Verlaufsform vor 2017 innerhalb der ersten zwei Lebensjahre
um den ersten Geburtstag starb. Durch Früherkennung und rasch einsetzende Behandlung können seit 2017
viele S MA-Patient*innen stabilisiert und in ihrer Prognose verbessert werden.
FF
Im Rahmen eines D
FP-Webinars
von Springer Medizin, das – moderiert von Dr. Barbara Matuschka, MSc.,
Univ.-Klinikum Tulln – im Juni 2022
stattfand, berichtete O
Ä Dr. Vassiliki
Konstantopoulou, medizinische Leiterin des Österreichischen Neugeborenen-Screenings (ÖNGS) und des Labors
für Stoffwechseldiagnostik der Univ.Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde, AKH Wien, über die Geschichte
des Neugeborenen-Screenings (NGS)
sowie die Einführung des Pilotprojekts
SMA in das österreichische Neugeborenen-Screening.
Neugeborenen-Screening:
Wie fing alles an?
1934 wurde die Phenylketonurie
(PKU) entdeckt; 1963 wurde von Prof.
Guthrie eine Testmethode entwickelt,
welche es ermöglichte, die PKU bereits
im Neugeborenenalter nachzuweisen.
Ab 1964 gab es Neugeborenen-Screeningprogramme auf PKU; 1966 startete Univ.-Prof. Dr. Otto Thalhammer in
Pionierarbeit an der Univ.-Kinderklinik
Wien im Auftrag des BM für Gesundheit
und Familie sowie des BM für Wissenschaft und Kunst auch in Österreich das
Neugeborenenscreening. Österreich
spielte in der Einführung und Weiterentwicklung des NGS lange eine Vor-
reiterrolle. – Heute werden europaweit durch 1 Test rund 50 Krankheiten
erkannt. In Österreich werden 85.000
bis 90.000 Neugeborene pro Jahr
untersucht.
Das Ö
NGS unterliegt einer ständigen Überprüfung und E (...truncated)