Sitz der Placenta, Uterusform und die geburtsmechanische Bedeutung von Placenta und Nabelschnur
(Aus der Universit~ts-Frauenklinik zu Kiel. - - Direktor: Professor Schr6der.)
Sitz der Placenta, Uterusform und die geburtsmechanisehe
Bedeutung yon Placenta und Nabelsehnur.
Yon
Dr. Reinhold Demme,
Assistenzarzt der Klinik.
Mit 25 Textabbildungen.
(Eingegangen am 30. 19ezember 1924.)
Eine Reihe klinischer Beobachtungen, auf die ich welter unten im
2. Teil dieser Arbeit eingehen will, veranlaBten mich, eine gewisse Abh~ngigkeit der Einstellung des Foeten in utero und der Art seines Austrittes aus dem Geburtskanal vom Placentarsitz anzunehmen. Da ich
ffir racine Gedankeng~nge nieht genfigend Anhaltspunkte in der bisher
bekannten Literatur fiber den Placentarsitz land, so mul3te ich an
eigenem Material die Verh~ltnisse des Placentarsitzes im genaueren
selbst studieren. Der erste Teil der vorliegenden Arbeit soll uns die
l~esultate dieser Forschung unterbreiten, der zweite Teil die klinischen
Beobaehtungen und die gebur~smeehanisehe Auswertung der anatomisehen Resultate bringen.
I. Teil (anatomisch).
In den neuesten Lehrbiichern (Bumm, Stoeclcel, v. Jaschke-Pankow, Handbuch
der Geburtshilfe yon Doederlein, Artikel yon Sarwey) finden wit durchweg betreffs
des Sitzes d~r Placenta die Angabe, dab die Placenta bei ausgetragener Sehwangerschaft in der Regel an der vorderen bzw. hinteren Wand des Uterus-Corpus, und
zwar so lokalisiert sei, dab ihr unterer Rand oberhalb des Kontraktionsringes
beginne, also ca. 10 cm vom unteren Blasenpol entfernt liege.
Diese Anschauung stimmt im allgemeinen auch mit meinen Ergebnissen iiberein, und doch konnte ich noch eine ganze Reihe interessanter Detailfragen kl~ren. Geschichtlich betraehtet hat der Weg zu
obiger Erkenntnis betreffs des Placentarsitzes fiber viele Irrwege u n d
Fehlannahmen gefiihrt, weft der Sitz der Placenta zun~chst rein theoretiseh ventiliert wurde und die exakteren Untersuchungsmethoden
fehlten oder auf gelegentlichen manuellen LSsungen der Placenta beruhten.
R. Demme: Sitz der Placenta, Uterusform usw.
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In ~ltester Zeit (Deventer-Mauriceau)nahm man an, daI~ der normale Sitz
der Placenta sich im Fundus bef~nde. Dureh genanere Beobachtung des Eihantrisses und der lokalen Mal~verhaltnisse kamen Levret und Beaudelocque dazu, den
normalen Sitz der Placenta mehr in den mittleren Tell des Uterus zu verlegen,
indem sie seinen Sitz nach der Insertion der Nabelschnur und nach der Lokalisation
des Eihautrisses, dessen Mitte zuni~chst stets gegeniiber dem Mittelpunkt der
P]~eenta angenommen wurdel), entschieden. Von Beaudeloque ab finden wird die
widersprechendsten Ansiehten betreffs des P]acentarsitzes ge~u{tert - - bald soll's
wieder die Mitre des Fundus (Stein, Naegele, Busch), bald der Tubenwinkel oder
dessen Nghe, und zwar 6fter rechts (Ossiander, Siebold, Naegele, CredO, R6derer,
Schwarzer), bzw. 6fret links (Velpeau), bald die seitliehen Partien des UterusCorpus (Litzmann, Siebotd) sein. Hohl und nach ibm Scanzoni gaben zum erstenmal
die hintere Wand des Uterus, und zwar m i t Ann~herung an seine rechte Kante,
als Normalsitz der Placenta an. _if~hnlich miteinander in Widersprueh stehende
Ansichten zeigten im allgemeinen auch die weiteren englischen und franz6sischen
Autoren.
Diese Ansichten basierten meist auf der Konfiguration des Uterus in der
Naehgeburtsperiode, gelegentlichen Tastbefunden anl~l~lich manueller L6sungen
~and Entfernung der Placenta und schlie~lich auf der Lokal/sa~iou des Uterin=
gerausches~). Fast alle s
Geburtshelfer glaubten, daG die Lokalisation der
l~lacenta sich aueh auf die Uterusform auswirke, nur Beaudeloque verwahrt sich
schon in seinem Lehrbuch dagegen und sagt ausdriieklieh, dal~ die Form des
Uterus unabh~ngig vom P]acentarsitz sei. Als erster beschritt Carmichael einen
obiektiv beweisenden Weg, indem er seine Anschauungen, dal~ die Placenta sieh
in der Norm an der tIinterflaehe des Uterus, und zwar in seinem mittleren und
unteren Tell inseriere, auf 4 Sektionsprotokolle basierte. Doherty weist ~uf dem.selben Wege nach, dab sie auch auf der Vorderflache des Uterus sitzen k6nne. Dann
folgen Hegar, v. Winkel und E. Martin mit umfangreieheren Sektionsprotokollen,
bis schlie~lich Gusserow ein Material yon 188 Sektionsprotokollen zusammenstellt.
Auf diesem Wege folgte aueh Leopold. Aus diesen Zusammenstellungen ist ersichtlich, dal~ der Norm naeh der Sitz der Placenta entweder vorn oder hinten
1) Diese Ansicht ist bereits yon Hotzapfet in seiner Aussprache gegen Ahl/eld,
betreffs Beurteilung des Eihautrisses zwecks Feststellung des Plaeentarsitzes,
widerlegt, so dal~ ieh nicht n~her darauf einzngehen brauche. Aus meinen Beobachtungen heraus kann ich es nur bestatigen, dal~ in der Lokalisation des Eihautxisses weder eine Regelmal~igkeit in dem Sinne festzustellen war, dab sich der
:Eihautri~ in der Norm am unteren Pol des Eisackes befindet, noch in dem
iSinne, dab er der vorderen Flache des Eisackes entspreehend lokalisiert sei. Naeh
meinen Erfahrungen verlauft tier Eihautri• bald mehr an tier vorderen, bald mehr
an der hinteren Flache des Eisaekes, in selteneren Fallen liegt er ganz auf der
Vorderflache und noch seltener ganz an der ttinterflaehe. Die Verlaufsrichtung
des Risses wird, glaube ieh, weniger dadurch bestimmt, daB, wie viel Autoren
glauben, der der vorderen Uterusflaehe. entsprechende Tell der Eiblase in der
Prel~wehe starker belastet wird und daher zum Springen kommt, als vielmehr
dadureh, dal~ die Spaltrichtung der Eihaute das aussehlaggebende Moment ist,
welches die Verlaufsrichtung und Ausdehnung des Risses bestimmt.
2) Das Uteringer~usch steht, wie reich meine Beobaehtungen lehrten, a n .scheinend in keinem Verhaltnis zum Idacentarsitz, wie es die alteren, besonders
englischen Autoren annahmen. Ich konnte es haufig ganz unabh~ngig und weir
entfernt vom Plaeentarsitz feststellen, so dal~ auch auf das Uteringer~usch als diagnostisches Zeichen fiir die Bestimmung des Plaeentarsitzes verziehtet werden mu]~.
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R. Demme: Sitz der Placenta, Uterusform
zu suchen sei, und zwar 6fter a n der Hinterflgehe des Uterus. Liegt die Placenta
an der Seite - - dann h/iufiger rechts als links. Ffir letzteres wird yon Klebs die
h/~ufigere Torsion und Version des Uterus naeh reehts als Erkl~rung herangezogen.
AnschlieBend an die Sektionsprotokolle folgen die Beobaehtungen des Placentarsitzes bei der Sectio caesarea, die ja einen Einblick in die inneren Raumverh~ltnisse
des Uterus einwandfrei gestattet. Gerade dureh weitere Entwicklung der Seetio
caesarea wurde ein neuer Imlouls zur Forsehung nach klinischen Anzeiehen ftir die
Feststellung des Placentarsitzes gegeben, da es sich oft zwecks Vermeidung yon
st/~rkeren Blutungen als auBerordentlich wichtig erwies, den Placentarsitz ante
oloerationem zu kennen, nm dementslorechend den Sehnitt durch den Uterus zu
legen. Dasselbe galt fiir die damals fibliehe Bougiebehandlung zur Unterbrechung
der Gravidit/it. Aus diesem Imlouls heraus entstanden die Arbeiten yon Bayer,
Palm, Leopold und Sippel, die durch /iuBere Untersuehungsmethoden unter Ben (...truncated)