Wiedergänger der Geistesgeschichte
Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte (2023) 97:87–94
https://doi.org/10.1007/s41245-023-00159-z
BEITRAG
Wiedergänger der Geistesgeschichte
Eva Geulen
Angenommen: 24. Januar 2023 / Online publiziert: 1. März 2023
© Der/die Autor(en) 2023
Zusammenfassung Bei näherer Betrachtung erweist sich die bestens erforschte
Dekade der deutschen Geistesgeschichte als ein sehr heterogenes Gebilde ohne einheitliche Methode und einheitlichen Diskursraum, philosophischer oder anderer Provenienz. Gleichwohl kann man heute eine Wiederkehr lange dämonisierter Aspekte
der Geistesgeschichte beobachten: Aktuelle Epochen- und Großbegriffe (Anthropozän, Diversität, Ökologie) erscheinen als revenants des hochgradig absorptionsfähigen und eben deshalb schwammigen Geistbegriffs. Dagegen plädiert der Beitrag für
eine Rückbesinnung auf das von der Geistesgeschichte aufgeworfene und bis heute
ungelöste Problem der Literaturgeschichte.
Geistesgeschichte’s spectres
Abstract A closer look reveals that the intensely researched decade of German
Geistesgeschichte was a heterogeneous formation, lacking a unified method and
a uniform discursive space, whether of philosophical or any other provenience. By
the same token, today one can observe the spectral return of demonized aspects of
Geistesgeschichte in similarly capacious and hence diffuse concepts (Anthropocene,
diversity, ecology). Against those tendencies, the article suggests a return to the
problem of literary history, first articulated by Geistesgeschichte and unsolved to
this day.
Eva Geulen
Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Schützenstraße 18, 10117 Berlin, Deutschland
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E. Geulen
Nicht erst heute gehört »das Lexem ›Geistesgeschichte‹ [...] einer anachronistischen
Semantik«1 an. Als der vom DVjs-Mitbegründer Paul Kluckhohn im Reallexikon der
deutschen Literaturwissenschaft (1958) auf Diltheys Tod im Jahr 1911 datierte Siegeszug der Geistesgeschichte begann2, hatte der heute als Held der ›ersten‹ Kulturwissenschaften gefeierte Heinrich Rickert den Begriff des Geistes in all seinen philosophischen Spielarten bereits für obsolet und wissenschaftstheoretisch unbrauchbar erklärt3. Sonderlich lange hat ›die Epoche der Geistesgeschichte‹ auch nicht
gewährt, Ende der 20er-Jahre sei sie »mit dem Erscheinen literaturgeschichtlicher
Epochendarstellungen in das Stadium der ›Handbuchwissenschaft‹ eingetreten«4.
Und zu Beginn der 30er-Jahre störte sich nicht nur die erstarkende nationalsozialistische Wissenschaft an der Geistesgeschichte als »Erlebniswissenschaft«5 »philosophische[r] Hochstapler« und »Pseudokünstler«6. 1947 heißt es bei Kurt May:
»Ein neuer Anschluss an die geistes-, ideen-, problemgeschichtliche Linie von den
zwanziger Jahren wäre heute unmöglich und bedenklich.«7
Beerdigt wurde die Geistesgeschichte also mehr als einmal, übrigens auch in
der DVjs8. Im Jubiläumsheft zum 50. Geburtstag merkte Klaus Weimar 1976 in
seinem damals bahnbrechenden Aufsatz zur Geschichte der deutschen Literaturwissenschaft über das Kapitel der Geistesgeschichte an: »Die Geistesgeschichtler
haben es in der Tat bisweilen wunderlich getrieben und so manchen geärgert; als
Strafe müssen sie immer noch als wesenlose Schatten umgehen und ahnungslose
Leute erschrecken.«9 Obwohl der kurze Sonderweg der deutschen Geistesgeschichte
inzwischen zu den am besten erforschten Gebieten der seit Beginn der 90er-Jahre
institutionell enorm gestärkten Fachgeschichte der Germanistik gehört10, ist der notorisch unübersetzbare Begriff ein ziemlich konturloses und wohl auch deshalb nicht
tot zu kriegendes Schreckgespenst geblieben. Dabei hätte man von Kittler lernen
können, dass die »Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften« ein Be1 Vgl. Christian Kiening, Albrecht Koschorke, Susanne Reichlin, Carlos Spoerhase, Juliane Vogel, David
Wellbery, »Exposé: DVjs-Sonderheft. Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte: eine Provokation?«.
2 Vgl. »Geistesgeschichte«, Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, 2. Aufl., Berlin 1958, I,
537–540, hier: 538.
3 Vgl. Heinrich Rickert, »Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft«, in: Athena Panteos, Tim Rojek
(Hrsg.), Texte zur Theorie der Geisteswissenschaften, Stuttgart 2016, 81–104, hier: 94 f.
4 »Geistesgeschichte«, Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte, 3. Aufl., Berlin 2007, I, 678–740, hier: 680.
5 Marcel Janssens, »Die Dämmerungsjahre der geisteswissenschaftlichen Methode. 1925–1935«, Leuvense Bijdragen. Tijdschrift voor moderne filologie 52 (1963), 113–155, hier: 126.
6 Ernst Howald, »Probleme der Literaturwissenschaft«, Neue Jahrbücher für Wissenschaft und Jugendbildung 4 (1928), 652–662, hier: 658.
7 Kurt May, »Über die gegenwärtige Situation einer deutschen Literaturwissenschaft«, Trivium 5 (1947),
293–303, hier: 303.
8 Zum Zusammenhang der Zeitschrift mit der Geistesgeschichte vgl. Holger Dainat, Rainer Kolk, »Das
Forum der Geistesgeschichte«, in: Robert Harsch-Niemeyer (Hrsg.), Beiträge zur Methodengeschichte der
neueren Philologien. Zum 125jährigen Bestehen des Max Niemeyer Verlages, Tübingen 1995, 111–134.
9 Klaus Weimar, »Zur Geschichte der Literaturwissenschaft. Forschungsbericht«, DVjs 50 (1976),
298–364, hier: 352.
10 Vgl. Eberhard Lämmert, »Marbacher Impulse für die Geschichte der Germanistik«, in: Ders., Christoph
König (Hrsg.), Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 1910 bis 1925, Frankfurt a.M. 1993, 9–20.
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wegungs- und Selbsterhaltungsgesetz ihrer Geschichte ist: Keine Austreibung war
bisher von bleibendem Erfolg gekrönt; eine jede produzierte Abfälle, denen man sich
so oder anders widmen konnte.11 Auch Klaus Weimar begann seinen Aufsatz 1976
mit der Warnung, dass die heroischen Neueinsätze häufig so neu nicht waren. Er
hat auch moniert, dass die nach der legendären Intervention Eberhard Lämmerts auf
dem Germanistentag 1966 einsetzende germanistische Fachgeschichte vor allem als
Genealogie der eigenen Position betrieben wurde.12 Als Feindbild sind Gespenster
besonders tauglich. Los wird man sie auf diese Weise jedoch nicht.
Im vorgelegten Exposé wird das Gespenst ›der Geistesgeschichte‹ im Zeichen
von »Philosophie und Philosophiegeschichte« dingfest gemacht. Diesem Primat sei
gedankt oder geschuldet, dass sich ›Geistesgeschichte‹ als ein »einheitlicher Diskursraum« habe entfalten können.13 Während die ersten Nummern der Zeitschrift
diesen Eindruck zu bestätigen scheinen, fehlt eine entsprechende Akzentsetzung in
den Ausführungen zum Lemma Geistesgeschichte in den zwei Ausgaben des Reallexikons der deutschen Literaturwissenschaft (Paul Kluckhohn 1958, Klaus Weimar
2007), obwohl (oder auch weil) dieses Handbuch ein Projekt der Geistesgeschichte
war: In seiner ersten Ausgabe (Merker/Stammler 1925-31) kommt das Lemma nicht
vor, und erst bei der jüngsten Ausgabe von 2007 rückte man vom ursprünglichen
Titel Reallexikon der Li (...truncated)