Primatenspezifische Gene als Determinanten der Neokortexmorphologie
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W I S S EN S CH AFT
Evolution des Neokortex
Primatenspezifische Gene als Determinanten der Neokortexmorphologie
NESIL ESIYOK, LIDIIA TYNIANSKAIA, MICHAEL HEIDE
DEUTSCHES PRIMATENZENTRUM, LEIBNIZ-INSTITUT FÜR PRIMATENFORSCHUNG,
GÖTTINGEN
The neocortex is the brain structure that is characteristic of all mammals. Primates in particular have a distinct neocortex, which is attributed to their high cognitive performances. However, there are significant differences in the morphology of the neocortex between different
primate species. Here, we present an overview of primate neocortex
development and the functional analysis of genes regulating the activity of cortical progenitor cells, which primarily underlie neocortex morphology.
DOI: 10.1007/s12268-023-1903-1
© Die Autorinnen und Autoren 2023
ó Der Neokortex ist die Gehirnstruktur, die
kennzeichnend für alle Säugetiere ist. Insbesondere Primaten besitzen einen ausgeprägten Neokortex, dem deren hohen kognitiven
Leistungen zugesprochen werden. Jedoch
gibt es gravierende Unterschiede in der Morphologie (Größe und Grad der Faltung) des
Neokortex zwischen verschiedenen Primatenarten. So ist beispielsweise der Neokortex
des Menschen ausgesprochen groß und stark
gefaltet, wohingegen der Neokortex des
Weißbüschelaffen klein und nahezu ungefal-
tet ist. Es stellt sich somit die Frage, was das
unterschiedliche Aussehen des Neokortex
bestimmt. Im Grunde genommen wird dies
durch die Anzahl an Neuronen bestimmt.
Diese Zellen werden hauptsächlich während
der fötalen Entwicklung von kortikalen
Stamm- und Vorläuferzellen (NPCs, neural
progenitor cells) gebildet (Abb. 1). Es sind
also diese NPCs, die in erster Linie das Aussehen des Neokortex beeinflussen. Hierbei
lassen sich verschiedene NPCs unterscheiden, die aufgrund ihrer Position innerhalb
˚ Abb. 1: Stamm- und Vorläuferzellen im sich entwickelnden Neokortex. Schematische Darstellung eines Schnitts durch den fötalen Neokortex. Die unterschiedlichen Stamm- und Vorläuferzellen werden innerhalb der kortikalen Wand von apikal nach basal gezeigt.
des sich entwickelten Neokortex in apikale
Vorläuferzellen (APs, apical progenitors) und
basale Vorläuferzellen (BPs, basal progenitors) unterteilt werden können. Dabei befinden sich die Zellkörper der APs direkt am
Ventrikel (apikal) in der Ventrikularzone
(VZ), wohingegen sich die Zellkörper der BPs
basal zur VZ in der Subventrikularzone
(SVZ) befinden (Abb. 1, [1]). Diese Zellen
teilen sich während der Entwicklung des
Neokortex und produzieren unterschiedliche
Tochterzellen. Diese Tochterzellen können
entweder NPCs vom gleichen (proliferative
Teilung) oder anderen Typ (differenzierende
Teilung) sein, oder aber Neurone (differenzierende, neurogene Teilung). Diese Entscheidung zwischen proliferativer/differenzierender oder neurogener Zellteilung ist
wichtig, um eine bestimmte Neuronenzahl zu
erreichen. Somit ist die Regulation der Aktivität und des Verhaltens der NPCs ausschlaggebend für die Morphologie des Neokortex.
Primatenspezifische, in kortikalen
Vorläuferzellen bevorzugt exprimierte
Gene
Was reguliert nun die Aktivität und das Verhalten dieser Zellen? Ein wichtiger Faktor
sind Gene, die in diesen Zellen exprimiert
sind. Im Fall der NPCs als proliferierende
Zellen würde man erwarten, dass diese Gene
nicht oder nur sehr gering in den nicht proliferierenden Tochterzellen der NPCs, den
Neuronen, exprimiert und somit spezifisch
oder bevorzugt in NPCs zu detektieren sind.
In einer früheren Studie in der Arbeitsgruppe
von Wieland Huttner konnten wir solche
Gene in menschlichen NPCs identifizieren
[2]. Interessanterweise kommen 50 dieser
Gene nur in Primaten vor und sind somit primatenspezifisch. Dabei sind diese Gene zu
unterschiedlichen Zeitpunkten in der Primatenevolution entstanden und können demzufolge nur in bestimmten Primatenarten
gefunden werden. Beispielsweise sind 15
dieser 50 Gene nur in Menschen auffindbar,
sind nur im Menschen entstanden und damit
menschenspezifisch [2]. Um zu überprüfen,
ob diese 50 primatenspezifischen, in NPCs
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bevorzugt exprimierten Gene tatsächlich
auch eine Rolle in der Regulation der Aktivität und des Verhaltens von NPCs haben, müssen sie in einem geeigneten Modell der kortikalen Entwicklung experimentell überprüft
werden.
Gehirnorganoide unterschiedlicher
Primatenspezies als Modellsystem
Idealerweise würde man diese Gene in den
entsprechenden Primaten auf eine Rolle in
NPCs hin untersuchen. Beispielsweise würde
man die Funktion eines menschenspezifischen Gens im Schimpansen und im Menschen erforschen. Berechtigterweise sind
solche Experimente in Menschenaffen nicht
und in anderen Primaten (wie Rhesus- oder
Weißbüschelaffen) aufgrund technischer und
ethischer Beschränkungen nur eingeschränkt möglich. In den letzten Jahren wurde jedoch eine brauchbare Alternative für
solche Experimente entwickelt, die Gehirnorganoide (Abb. 2, [3, 4]). Dabei handelt es
sich um nur wenige Millimeter große dreidimensionale gewebeähnliche Strukturen, die
aus embryonalen oder induzierten pluripotenten Stammzellen hergestellt werden. Diese Strukturen bilden – zu einem gewissen
Grad und auf einen bestimmten Entwicklungszeitraum beschränkt – viele Eigenschaften des sich entwickelten Gehirns nach.
Insbesondere die unterschiedlichen NPCs
und deren relative Häufigkeit und Position
innerhalb des Gewebes werden gut von
Gehirnorganoiden reproduziert (Abb. 2).
Generell können Gehirnorganoide von allen
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Primatenarten hergestellt werden, für die
pluripotente Stammzellen vorliegen. Eine
weitere wichtige Eigenschaft dieses Modells
ist die Möglichkeit, Organoide genetisch verändern zu können. Zumeist werden dabei
stabile genetische Veränderungen durchgeführt, wobei die pluripotenten Stammzellen,
aus welchen die Organoide hergestellt werden, genetisch verändert werden. Jedoch ist
die stabile genetische Veränderung von pluripotenten Stammzellen recht zeit- und kostenintensiv, insbesondere wenn man die
Funktion mehrerer Gene überprüfen möchte.
Eine Alternative dazu, die besonders passend
für solche Anwendungen ist, ist die Elektroporation von Gehirnorganoiden [4, 5]. Dazu
mikroinjiziert man eine Lösung von Plasmiden, die das Kandidatengen exprimieren
können, in die ventrikelähnlichen Strukturen von Gehirnorganoiden. Anschließend
gibt man kurze Stromimpulse, um die Zellen
(APs, siehe oben), die die ventrikelähnlichen
Strukturen des Gehirnorganoids begrenzen,
zu transfizieren (Abb. 2). Diese elektroporierten Zellen exprimieren anschließend das
Kandidatengen und normalerweise ein fluoreszierendes Protein wie GFP, um elektroporierte Zellen zu identifizieren. Praktischerweise werden diese Plasmide von den elektroporierten Zellen an ihre Tochterzellen
weitergegeben und man kann dadurch die
Funktion des Kandidatengens nicht nur in
APs, sondern auch in BPs und Neuronen studieren (Abb. 2, [5]). Wir haben diese Methode vor kurzem in einer Studie zusammen mit
den Arbeitsgruppen von Wielan (...truncated)